Vom Behandlungs-Opfer zum Ehrendoktor (Peter Lehmann)   Leave a comment

Vom Behandlungs-Opfer zum Ehrendoktor (Peter Lehmann)

Ich möchte hier einen Artikel der Stuttgarter Nachrichten über Peter Lehmann bringen, dem Psychiatrie-Betroffene bzw. potenziell künftige psychisch Kranke, die eine Lebenskrise durchmachen, viel zu verdanken haben (sofern sie Schriften, Bücher von Peter Lehmann – aber auch anderen, zum Beispiel Kerstin Kempker, in die Hand bekommen. Sie werden auf die ungeheuren Gefahren von Neuroleptika (meiner Ansicht nach unverantworliche Medikamente – oft mit Spätfolgen, tardive Dyskinesie) hingewiesen. Es bleibt jedem psychisch Kranken dann selbst überlassen sich diesem Risiko auszuliefern. Ich würde es jedenfalls nie und nimmer eingehen. Peter Lehmann prangert auch die Behandlungsmethoden von Psychiatern an, vor allem auch die Zwangspsychiatrisierung und die leider noch immer von manchen Psychiater angewandten Elektroschocks (oft mit beschönigenden Namen, Elektrokonvulsion usw.). Peter Lehmann weist aber auch darauf hin, dass man mit dem eventuellen Absetzen von Pschychopharmaka sehr vorsichtig umgehen muss.

Hier der Bericht der Stuttgarter Nachrichten

Vom Behandlungs-Opfer zum Ehrendoktor
„Fellbach und Rems-Murr-Kreis“

Fellbach. Peter Lehmann wird von der Uni Thessaloniki für Pionierleistungen in der „Antipsychiatrie“ ausgezeichnet. Von Eva Herschmann

Jeder kann verrückt werden. Peter Lehmann rutschte 1977 aus der Norm heraus. Der Fellbacher studierte in Berlin und steckte in einer Lebenskrise. Das Studium der Sozialpädagogik stand kurz vor dem Abschluss, er hatte eine Sehnenscheidenentzündung, die ihm zu schaffen machte und Stress mit Frauen. Peter Lehmann brach unter den Belastungen zusammen. Seine Eltern, in deren Fellbacher Wohnung er Zuflucht suchte, wussten sich irgendwann keinen Rat mehr und riefen ihren Hausarzt. „Und der hat mich in Winnenden eingewiesen.“ Vom 6. April bis 1. Juni 1977 saß Peter Lehmann in der Psychiatrie. Was er in dieser Zeit und danach erlebte, hat ihn zu einem Kämpfer gegen Psychopharmaka und für die Rechte von Psychiatriebetroffenen gemacht.

Für seine Pionierleistung auf dem Gebiet der „humanistischen Antipsychiatrie“ hat ihm die Psychologische Fakultät der Aristoteles-Universität in Thessaloniki jetzt die Ehrendoktorwürde verliehen.

Anfangs habe er sich mit allen Kräften dagegen gewehrt, in der Anstalt gefangen gehalten, entkleidet, festgeschnallt und zwangsbehandelt zu werden, sagt Peter Lehmann, Mitgründer des Europäischen Netzwerks und des Weltverbands von Psychiatriebetroffenen. Unter der Wirkung von Antipsychotischen Medikamenten sei sein Widerstand geschwunden. Der 27-Jährige zeigte Parkinsonsche Krankheitssymptome, wurde willenlos, apathisch. Lähmungsartige Muskelstörungen und Zwangsbewegungen der Mundmuskulatur setzten ein, während seine Sprache immer verwaschener, er selbst immer dicker wurde und seine Haare ausfielen. „Ich glaubte irgendwann einmal selbst, ich sei psychisch krank und brauche meine Medikamente“, sagt Peter Lehmann.

Nach Winnenden folgten etwa vier Monate stationärer Aufenthalt in der Universitätsanstalt in Berlin-Charlottenburg. Danach vegetierte Peter Lehmann zunächst allein in seiner Berliner Wohnung vor sich hin, bis er sich entschied, vorerst wieder zurück in seine schwäbische Heimat zu gehen. Auch in Fellbach stand er unter ständiger ärztlicher Überwachung und Medikamenten. Als der Nervenarzt einige Wochen in Urlaub fuhr, vergaß Peter Lehmann in seiner Teilnahmslosigkeit eines Tages die Tabletten rechtzeitig zu nehmen. Erst habe er einen Schreck bekommen und ängstlich auf den von den Ärzten angedrohten Rückfall gewartet, erzählt er. Der Rückfall blieb aus, dafür spürte Peter Lehmann etwas anderes. „Ich fühlte mich zum ersten Mal wieder lebendiger.“ Er beschloss, die Tabletten ganz abzusetzen.

Peter Lehmann hat die Chance auf eine Rückkehr ins Leben genutzt. Er beendete sein Sozialpädagogikstudium und machte sich als Autor, Buchverleger und Versandbuchhändler selbstständig. Und weil er vom Charakter sehr nachtragend sei, wie er sagt,
bekämpft er die landläufige Psychiatrie, die ihre Patienten still legt anstatt ihnen zu helfen. „Meine Geschichte ist keine subjektive Einzelerfahrung, es ist die allgemeine Erfahrung von Psychiatriebetroffenen.“ Die Mittel, die in der psychiatrischen Behandlung verwendet werden, seien „extrem toxisch“, sagt Peter Lehmann. „Deshalb liegt die Lebenserwartung von Psychiatriepatienten um zwei, drei Jahrzehnte unter dem Durchschnitt.“

Betroffenen einen Weg aus dem Teufelskreis der Psychopharmaka zu zeigen, „die das Elementare eines Menschen zerstören, seine Lebenskraft“ ist ein Anliegen von Peter Lehmann. Den Kampf um Einsicht in seine Winnender Krankenakte hat er bereits vor Jahren vor dem Verwaltungsgericht in Mannheim verloren. „Darauf hat man in diesem Land kein Recht.“

Quelle:
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.vom-behandlungs-opfer-zum-ehrendoktor.b6572085-312c-46e7-b01f-b06ffaea2b09.html

———

Hier auch noch von Peter Lehmann:
Machtpoker der Psychiater um das Recht auf Akteneinsicht (die ihm vom Verwaltungsgericht Mannheim abgesprochen wurde).

http://www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/recht/machtpoker.htm
1. Meine eigenen Erfahrungen mit der Psychiatrie

[…]
„Aus der Verweigerung der Akteneinsicht kann ich nun schliessen, dass es den Psychiatern offenbar nicht um mein Wohlergehen geht, sondern um die Aufrechterhaltung ihrer Macht, um die Vertuschung möglicherweise krimineller Menschenversuche (worüber in der liberale Presse kräftig spekuliert wurde (6) und um die Vertuschung der Tatsache, dass Psychiatrie mit Hilfe, Therapie und Bemühen um Verständnis nicht das geringste zu tun hat.“

(6) Götz Aly, »Herr Professor Hanfried Helmchen und das Menschenexperiment. Forschungsalltag und Patientenrechte in der Psychiatrie«, in: Tageszeitung vom 1. Juli 1982, S. 9

[…]
„Das Wesen der Psychiatrie tritt in völliger Nacktheit zutage: Es besteht aus Stigmatisieren,
›Diagnostizieren‹, Abwerten, Be- und Verurteilen, und zwar auf billigste Weise, anstelle eine inhaltliche Auseinandersetzung zu führen. Letzteres setzt freilich moralische Substanz, intellektuelle Anstrengung, emotionales Einfühlungsvermögen und humane Zielsetzung voraus – von psychiatrisch Tätigen offenbar zuviel verlangt.“

Veröffentlicht 17. Juli 2012 von hubert wenzl in Uncategorized

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