Deschner – Kriminalgeschichte des Christentums – Interview   Leave a comment

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Ich möchte hier ein Interview mit Karlheinz Deschner wiedergeben, das er am 1. Oktober 2008 der „Mainpost“ gegeben hat. Ich finde seine Aussagen brillant.

Bei Deschner treffen die besten Elemente von Wissenschaft, Philosophie und Kunst aufeinander, ver einigen sich kritische Rationalität, humanistisches Ethos, künstlerische Sensitivität und ästhetische Gestaltungskraft zu einer einzigartigen Synthese.
Da ist kein Wort zu viel, keines zu wenig, ein fulminanter Spannungsbogen zieht sich durch das gesamte Werk, vom furiosen Auftakt des ersten Bandes bis zum Schlusswort des letzten.»
Michael Schmidt-Salomon

«Es gibt Sätze in diesem Buch, die möchte man auswendig lernen, um niemals zu vergessen, welches die Grundlagen der Welt sind, in der wir leben. (…)
Karlheinz Deschners Kriminalgeschichte des Christentums zeigt uns, wie wir sind.»
Arno Widmann,
Frankfurter Rundschau

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Interview mit Karlheinz Deschner
Ralph Heringlehner (Kulturredakteur)

Das Interview über die Kriminalgeschichte des Christentums, über Religionen als Problem und die noch immer sehr große Macht der Kirche wurde am 1. Oktober 2008 in der Mainpost veröffentlicht.

Auszug.

Deschner:  Aber  entlastet  es  denn  das  Christentum,  dass auch andere Religionen kriminell sind?
Voran die monotheistischen, die kraft des Auserwähltheitsanspruchs ihrer  «Offenbarungen»  etwas besonders  Chauvinistisches haben, die extrem gewalttätig sind? Entlastet es denn einen Verbrecher, dass auch andere Leute Verbrecher sind? Und wenn der Mensch von vornherein böse war, ich weiß es nicht, entbürdet dies das Christentum, das gerade seine größten Scheußlichkeiten stets im Namen Gottes und der Religion begangen hat? Sklaverei, Inquisition, Indianerausrottung, Kreuzzüge, Kreuzzüge in alle Himmelsrichtungen, überhaupt ungezählte Gemetzel (im 17. Jahrhundert führten christliche Staaten nur in einem einzigen Jahr keinen Krieg!) bis hin zu den von allen Kirchen fanatisch geförderten Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. Was den «11. September»  betrifft,  bleibt  erst  noch  abzuwarten, ob ein islamisches Monsterdelikt dahintersteckt oder ein christlicher  Staatsakt  sozusagen,  der  übrigens  sehr  an Pearl  Harbor denken lässt  auf der  Hawaii-Insel  Oahu, wo  am  7.  Dezember  1941  Franklin  Delano  Roosevelt, der  Präsident  der Vereinigten  Staaten,  einen  Großteil der US-Pazifikflotte kühl kalkuliert in den Meeresgrund bomben ließ und fast zweieinhalbtausend amerikanische Soldaten dazu, um einen Kriegsgrund gegen Japan zu bekommen.

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Frage:  Ob  die  Welt  wohl  friedlicher  wäre,  wenn  man  die  Religion  aus  den  Köpfen herausbringen  könnte?

Ich fürchte, dann würden die Machtgierigen andere Vorwände finden, um ihre Macht gewaltsam auszuweiten oder zu zementieren. Deschner:  Ohne  Religion,  ohne  institutionalisierte  Religion,  wäre  ein  gewaltiger  Faktor  des  Unfriedens  beseitigt, aber gewiss nicht der Unfrieden an sich. Die Mächtigen, Sie haben recht, fänden andere Vorwände für die Ausübung ihrer Macht. Denn Macht ist da alles. Ohne Macht sind Machthaber nichts und vermögen sie nichts. Das ganze große Welttheater hat sich immer zuerst und zuletzt um Macht gedreht. Macht aber führt früher oder später zu Gewalt. Und Gewalt führt zu Verbrechen.

Jede Weltmacht  wurde  Weltmacht durch  Verbrechen,  neben denen alle Werke der Unterwelt verblassen.

Frage:  Sehen  Sie  über  die  Jahrhunderte  hinweg  eine  Entwicklung  zum  Besseren?  Zu  mehr Toleranz,  zu  mehr Friedfertigkeit  bei  den  christlichen  Kirchen?  Schließlich führt der Papst keine Kriege mehr gegen Heiden …

Deschner: Nein, Kriege, Kriege in eigener Regie, führt der Papst inzwischen keine mehr, nicht mehr gegen Heiden und nicht mehr gegen Christen, weil man ihm alles, womit  er  jahrhundertelang  Kriege geführt,  weggenommen hat – Truppen, Generäle, Schlachtschiffe, Kanonen, Festungen,  Waffenfabriken. Doch  gibt  es  Möglichkeiten, die Menschheit auf andere Weise, gleichsam friedlicher, zu bekämpfen. Ideologisch, durch dogmatischen Wahnsinn, der sich ja nie mit dem bloßen Glauben begnügt, der «missionieren», ausgreifen will; durch Unterstützung einer desaströsen Gesellschaftsmoral, die die Armen zugunsten  der  Reichen  betrügt;  durch  eine  desaströse  Sexualmoral, die im Mutterschoß schützt, was sie preisgibt im  Krieg;  durch  das  Verbot  der  Empfängnisverhütung, das noch Opfer fordern könnte, wenn es gar kein Papsttum mehr gibt, aber Opfer solange Menschen leben werden und sterben. Im Übrigen ist das Papsttum, seine ganze Geschichte beweist es, intolerant durch und durch, ist tolerant nur, wenn es die Opportunität erheischt, wenn es zweckdienlich ist, wenn es einfach nicht mehr anders geht, aber nur dann!

Frage: Dass Bücher wie die Ihren erscheinen können – ist das nicht Zeichen einer Verbesserung?

Deschner:  Ach  ja,  so  fragt  man  häufiger.  Auch  ich  selbst soll  der  leibhaftige  Gegenbeweis meiner  kirchenfeindlichen Haltung sein. Denn wären, sagt man, meine Gegner wirklich  so  schlecht, wie  sie  bei  mir  erscheinen,  würde ich dann noch leben? Aber könnte ich nicht, frage ich zurück, vielleicht gerade diesem Gedankengang mein Leben verdanken?

Frage: Die Verbesserung ist also nur eine vermeintliche – ist sie einfach nur der Tatsache geschuldet, dass die Kirche an Macht eingebüßt hat?

Deschner: Natürlich ist die «Verbesserung» bloß scheinbar, ist sie erzwungen. Seit Paulus, das heißt von Anbeginn, und gerade von Anbeginn an, lebt das Christentum von der Anpassung. Und gar keine Frage:
Man hat nicht erst heute weniger Macht. Aber man hat noch Macht, teilweise enorme Macht. Doch man operiert subtiler, ja. Man täte  wenig  lieber,  als  unsereinen  zu  foltern  und  zu  verbrennen, «schön von unten herauf», hätte man die Macht dazu. Kein Geringerer aber als der englische Schriftsteller und Konvertit Gilbert Keith Chesterton konnte sich gut eine Zukunft denken mit dem ganzen Apparat der Inquisition, mit Tortur und Scheiterhaufen.

Frage: Wer Ihre «Kriminalgeschichte» liest, kommt zu der Erkenntnis, dass das Christentum nicht mehr
viel mit der Lehre Jesu zu tun hat. Wie konnten die Ursprünge in Vergessenheit geraten?

Deschner: Mit der überlieferten Lehre Jesu hatte das Christentum nie viel zu tun. Wir wissen ja nicht einmal annähernd, was Jesus gelehrt hat. Die Evangelisten, das betont  die  gesamte  kritische Bibelwissenschaft,  hatten  an historischer Realität überhaupt kein Interesse. Ihre von Ungereimt heiten und Widersprüchen nur so strotzenden Schriften sind mythologische Literaturprodukte, Erzeugnisse der gläubigen Gemeindefantasie, sind nur, wörtlich, mit äußerster Vorsicht zu benutzende «Anekdotensammlungen».

Einmütig ferner erklärt die moderne historisch kritische christliche Theologie, dass sich auch von Jesu Leben so gut wie nichts mehr erkennen lasse. Zwar hält sie an seiner Existenz als solcher fest. Doch sicher ist auch dies nicht. Es spricht ebenso viel dafür wie dagegen – die Profangeschichte jener Zeit ist unergiebig. Ob aber historisch oder nicht, fest steht:

Der Gründer des Christentums ist nicht Jesus, sondern Paulus. Und weit wichtiger noch: Nichts im Christentum ist originell. Vom zentralsten Dogma bis zum periphersten Brauch ist alles, restlos alles schon vorher da gewesen, im Judentum, im Hellenismus, in der indischen Geisteswelt.

Frage: Können Sie Beispiele nennen?

Deschner: Trinitäten, die Messias-Idee, die Naherwartung des  Endes,  vom  Himmel  kommende Gottessöhne, vom «Vater»  gesandte  Erlöser,  Jungfrauensöhne,  die  Geburt in der Krippe, die Geschichte vom leeren Grab, Himmelfahrten lebendigen Leibes. Natürlich gab es Wunder massenweise. Man lebte, schreibt der Theologe Trede, denkend und glaubend in einer Wunderwelt wie der Fisch im Wasser. So gibt es auch kein Wunder in den Evangelien, das nicht schon vorher gewirkt worden wäre, ob Geisteraustreibungen,  wunderbare  Speisevermehrungen,  ob Wandel auf dem Wasser oder Totenerweckungen. Es gab Wallfahrtsstätten wie heute Lourdes, gab eine sakramentale Taufe, ein sakramentales  Mahl,  überhaupt  die  Siebenzahl der Sakramente, die Zwölfzahl der Apostel, den Verräter. Es gab leidende, sterbende und wieder auferstehende Gottessöhne, auch nach drei Tagen oder am dritten Tag wieder auferstehende, es gab gekreuzigte Götter.
Die Dionysos-Gemeinden haben ihren Gott über einem Altartisch mit Weingefäßen am Kreuz verehrt. Genug – man könnte, ich übertreibe nicht, stundenlang oft bis in die kleinsten Gemeinsamkeiten gehende Details aufzählen, und gläubige Zweifler finden all dies und mehr auch und  gerade  in  den  Forschungen kritischer  christlicher Theologen belegt –

denn nichts im Christentum ist neu, auch nicht sein sogenanntes «Proprium», die Nächsten-, die Feindesliebe, worum man sich ohnehin am wenigsten gekümmert, kurz, vom Weihnachtsfest zur Himmelfahrt:

lauter Plagiate!

Quelle:
http://www.rowohlt.de/fm/634/Deschner_zu_Band_10.pdf

Gruß Hubert

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