Archiv für 13. Oktober 2014

Internetpionier Jaron Lanier warnt vor dem Internet   Leave a comment

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Der Internetpionier Jaron Lanier erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er hat sich von einem Befürworter zu einem der größten Kritiker des Internet gewandelt. Vor allem wendet er sich gegen „Big Data“, gegen Konzerne wie Google, Yahoo und Facebook. Natürlich hat jeder Benutzer des Internet es selbst in der Hand was er über sich preisgibt. Man kann sich nur wunder über die Naivität und Gutgläubigkeit mancher Zeitgenossen.

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»Auch wir Technik-Freaks verstehen das Internet nicht.« Das sagt nicht etwa ein sich im abgedunkelten Zimmer bei Cola und Chips hinter Computer-Bildschirmen verschanzender Klischee-Nerd, sondern ein Mann, den man als Künstler, Unternehmer und Autor kennt, der vorrangig jedoch weithin als Internetpionier anerkannt ist. Und wie dieser das World Wide Web charakterisiert, klingt ausnehmend ernüchternd: »Es ist, als hätte sich unsere Gesellschaft ein Spielzeug als Diktator erkoren.« Ist Jaron Lanier also ein Abtrünniger, ein Ketzer, ein vom Saulus zum Paulus transformierter Meckerpott?
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Seine Thesen zumindest muten äußerst steil an – und offenbar so aufrüttelnd, dass der Stiftungsrat des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ihm in diesem Jahr seinen Friedenspreis zuerkannt hat. Auf Deutsch liegen bislang zwei Bücher von Lanier vor. 2010 erschien »Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht«, in diesem Jahr kam »Wem gehört die Zukunft?« auf den Markt. 730 Seiten geballte Internet-Kritik. Die Grundthese des kritischen US-Amerikaners findet sich in beiden Werken: Die digitale Revolution habe sich in eine völlig andere Richtung entwickelt, als Lanier und seine Mitstreiter es sich vor drei Jahrzehnten erhofft hatten.
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Jaron Lanier warnt vor der fatalen Kehrseite des Internet. Sie kulminiere dieser Tage in Big Data; womit die enormen Datenmengen gemeint sind, die heutzutage über alles und jeden gesammelt werden, damit die künstliche Intelligenz der Algorithmen scheinbar von allein funktionieren kann. Und dabei gehe es nur um Geld, Macht und Kontrolle.
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Zuvorderst sind es die großen Konzerne, denen Laniers Kritik gilt. All jene Gebilde, die schon in der eigenen Namensgebung (Google, Yahoo) eine oberflächliche Infantilisierung des Digitalen betreiben und hinter dieser putzigen Fassade eine Maschinerie aufgebaut haben, die uns alle zwar als umsorgte Kunden erscheinen lässt. Faktisch kultiviert diese aber eine maßlose Datensammelwut und kapitalisiert sie hemmungslos, wie Lanier feststellt: »Wer genug Daten hat, kann alle Transaktionen, Hypotheken, Kredite auf eine Weise berechnen, dass anderen die Risiken aufgeladen werden und man selbst die Profite einstreicht.«

Solch monströse Konstrukte nennt der 54-Jährige in Anlehnung an die griechische Mythologie »Sirenenserver«.
Waren es der Sage nach einstmals die Sirenen genannten weiblichen Fabelwesen, die mit ihrem betörenden Gesang allerlei Seefahrer anlockten, um sie zu töten, so locke heute Facebook seine Nutzer mittels belohnender Netzwerkeffekte in die Big-Data-Falle. Immer mehr User ziehen immer mehr User nach sich; wer seine persönlichen Daten preisgebe, werde belohnt, indem er den Kontakt zu seinem virtuellen Freundeskreis unkompliziert aufrecht erhalten könne. Diese Daten wiederum krallt sich Facebook kostenfrei und macht satt Schotter mit ihnen, denn sie ermöglichen der Werbebranche die perfekte zielgruppenorientierte Reklame.
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Für die Unternehmen entwickle sich dieses Spiel nun in jenem Moment endgültig zu einem nicht enden wollenden Geldregen, in dem sie zusätzlich bestrafende Netzwerkeffekte lancieren. Wer nicht über einen Account bei Facebook verfüge, sei zunehmend von gesellschaftlichen Aktivitäten ausgeschlossen, weil private Verabredungen ebenso wie öffentliche Veranstaltungshinweise mit immer größerer Selbstverständlichkeit ausschließlich über diese Plattform verbreitet werden. Von diesem Punkt ist es für Lanier dann auch nicht mehr weit bis zur politischen Dimension dieser Entwicklung.
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Ein anderer »Sirenenserver« ließe sich hier als Beispiel anführen. Gefallen Apple bestimmte Inhalte jener Zeitungen nicht, die sich die Nutzer auf ihr I-Pad laden, betätigt sich der Konzern gern auch mal als Zensor. So sperrt der hippe Anbieter systematisch Apps, die explizit Sex oder politische Satire thematisieren. Warum sollte Amazon nicht genauso bei den E-Books vorgehen? Wer elektronische Lesegeräte dem gedruckten Buch vorziehe, so Lanier, besitze das Werk ja nicht, sondern erwerbe lediglich ein Nutzungsrecht, das sofort erlöschen würde, wenn der Vertrag mit dem Anbieter ende. Was sollte irgendwann Unternehmen, Regierungen oder Geheimdienste davon abhalten, politisch unliebsame Inhalte von den Geräten zu entfernen?
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Es mag zunächst kurios anmuten, wie sich hier jemand über die digitale Macht von Politikern und Großkonzernen echauffiert, der im Hauptberuf als Entwickler neuer Internet-Technologien ausgerechnet bei Microsoft arbeitet. Woran er dort konkret tüftelt, obliegt strenger Geheimhaltung. Kein Wunder, hat sich der Software-Riese mit Lanier doch einen echten Star ins Boot geholt. In den 80er Jahren galt der Informatiker als Wunderkind in der Welt der »virtuellen Realität«. Dereinst, prophezeite er, können Krebspatienten in entsprechende Datenhelme schlüpfen und mit dem von ihm selbst erfundenen Datenhandschuh ganze Tumore zerschlagen. Es war eine Zeit der breitesten Zuversicht, die Vordenker des Internet-Zeitalters formulierten ganze Heilslehren auf der Grundlage neuer Technologien.
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So hart Jaron Lanier mit den nicht eingelösten Versprechen der digitalen Ära ins Gericht geht, so wenig hat er also seinen gutgläubigen Idealismus überwunden, der bestehende politische und ökonomische Macht- und Interessenstrukturen stark unterschätzt.
Wie anders wäre zu urteilen, wenn er am Ende seines zweiten Buches schreibt: »Meiner Meinung nach könnte die Mehrheit der Bevölkerung in zehn oder zwanzig Jahren oberhalb der Armutsgrenze leben, weil sie mit ihren persönlichen Daten genügend verdient.«
Welch naive, die bestehende Marktwirtschaft als potenziell friedfertig einschätzende Idee. Selbst die Stifter des Friedenspreises dürften aber wissen: Ohne handfeste Konflikte und die Überwindung des Kapitalismus wird es eine armutsfreie Welt niemals geben.
Vielleicht erhält er gerade deswegen diesen Preis.

Dass er sich als digitalen Sozialdemokraten sieht, gefällt mir weniger und auch nicht, dass er den Kapitalismus unterschätzt bzw. nicht versteht.
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Hier weiterlesen:
http://www.neues-deutschland.de/artikel/948792.der-digitale-sozialdemokrat.html

 

Gruß Hubert

 

Veröffentlicht 13. Oktober 2014 von hubert wenzl in Politik

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Der Hund und sein Philosoph   Leave a comment

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DDr. Martin Balluch schildert seine Beziehung mit seinem Hund Kuksi und dem Schimpansen Hiasl. Er ist überzeugt, dass sie beide ein Bewusstsein haben und natürlich auch Freude und Schmerz empfinden. Es ist wunderbar wie man zu Tieren ein inniges Verhältnis aufbauen können und wie treue Freunde sie sind.
Martin Balluch hat ein Buch dazu geschrieben.

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Ausgangspunkt ist die enge Beziehung zu meinen Freunden Kuksi und Hiasl, einem Hund und einem Schimpansen. Kuksi nahm ich aus dem Tierparadies Schabenreith bei mir auf, nachdem ich aus der U-Haft entlassen worden war. Für uns beide begann ein neues Leben. Trotz aller Hindernisse, die uns eine Gesellschaft in den Weg legt, die Tiere als Sachen betrachtet, haben wir eine egalitäre Beziehung. Wir haben uns gemeinsam Regeln des Zusammenlebens erarbeitet, an die wir uns beide halten. Dabei beherrscht Kuksi bewusst manchmal seine Affekte, weil ihm andere Dinge, wie die Qualität unserer Beziehung, wichtiger ist. Und das ganz ohne Dominanz, Druck oder Angst, und ohne Leckerli und andressierte Befehle.

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Kuksi beherrscht die Regeln des Straßenverkehrs, er hat sie verstanden. Ich kann mit dem Fahrrad auf dem Radweg die gesamte Stadt durchqueren und er läuft am Gehsteig ohne Leine neben mir her, ohne jedes Problem. Das Zusammensein ist ihm wichtig, sodass er die besten Leckerlis ausschlägt und selbst Spaziergänge mit anderen Menschen verweigert, wenn wir uns dadurch trennen müssten. Dennoch geht er manchmal bis zu 4 Stunden alleine spazieren, insbesondere in der Wildnis.
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Bevor er zu mir ins Bett kommt, fragt Kuksi, ob mir das passt. Ich betrete sein Bettchen auch nicht, ohne dass er das will. Diese Regel respektiert Kuksi konsequent – außer wir streiten. Dann kann es durchaus sein, dass er bewusst die Regel bricht, um seinen Protest zu deponieren. Doch als sozial kompetentes Wesen ist ihm danach eine baldige Versöhnung wichtig.
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Der Schimpanse Hiasl hätte in ein Tierversuchslabor kommen müssen, doch konnte das von TierschutzaktivistInnen verhindert werden. So wuchs er in einer Menschenfamilie auf. Wir haben zusammen gespielt, musiziert, TV-Dokumentationen geschaut und gemalt. Mit einer Videokamera, die auf einem Monitor live Bilder zeigte, bewies Hiasl sein Selbstbewusstsein, indem er die Kamera auf seine Zähne richtete und diese am Monitor begutachtete. Als plötzlich ein finanzielles Problem seines Tierheims drohte, beantragte ich die Bestellung eines Sachwalters für ihn vor Gericht. Der Prozess schlug international große Wellen und wurde letztlich vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte entschieden.
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Durch die persönlichen Erlebnisse mit Kuksi und Hiasl bin ich völlig überzeugt, dass beide nicht nur ein Bewusstsein haben und Freude und Schmerz empfinden können. Darüber hinaus sind sie in der Lage, sich selbst bewusst Ziele zu setzen, die sie verfolgen und dafür ihre Affekte bezähmen. Sie gestalten sich die Welt um sich nach eigenem Gutdünken. Eine gerechte Gesellschaft muss ihnen diesen Freiraum bieten und darf sie nicht als Objekte für die menschlichen Nutzungsinteressen missbrauchen. Und das gilt für alle Tiere, die Kuksi und Hiasl in diesen Aspekten gleichen.
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Meine Vision ist daher eine Multi-Spezies Gesellschaft, in der alle Tiere respektiert werden. Weder Hunde, noch sogenannte Versuchs- oder Nutztiere, dürfen zu Mitteln für menschliche Zwecke reduziert werden. Ich wünsche mir ein Zusammenleben, das die Autonomie aller Mitglieder unserer Gesellschaft respektiert, ob Mensch oder Tier, und ihnen den Freiraum und die Sicherheit bietet, die sie zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit brauchen.

http://www.martinballuch.com/der-hund-und-sein-philosoph-mein-neues-buch-ist-im-buchhandel

 

Gruß Hubert

Veröffentlicht 13. Oktober 2014 von hubert wenzl in Tierschutz

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