Archiv für 16. Oktober 2015

Die Tagebücher von Hitlers Chefideologen   1 comment

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Bis heute ist nicht sicher, ob der glühende Antisemit Rosenberg, der Chefideologe unter Hitler, möglicherweise selbst jüdische Vorfahren hatte. Das Interesse an dieser Frage ist erstmals im Monat der Veröffentlichung seiner antisemitischen Schrift Der Mythus des 20. Jahrhunderts und seiner Wahl in den Reichstag im Oktober 1930 entstanden. In der Öffentlichkeit war damals die Rede davon, dass „kein Tropfen deutschen Blutes“ in seinen Adern fließe und sich unter seinen Vorfahren nur „Letten, Juden, Mongolen und Franzosen“ befunden hätten.

Alfred Rosenberg (1893-1946) war Nationalsozialist der ersten Stunde und gilt als einer der Chefideologen der NSDAP, insbesondere durch sein Opus magnum „Der Mythus des 20. Jahrhundert“, das 1930 erschien. Trotz des sperrigen Stils und des „über weite Strecken logisch kaum nachvollziehbaren Eklektizismus“ wurde „Der Mythus des 20. Jahrhundert“ bis zum Kriegsende mit über einer Million verkaufter Exemplare zu einem Kassenschlager und diente als „konformistischer Zitatensteinbruch oder zeitgemäßes Geschenk“. Rosenberg war ein monomanischer Antisemit und ein Vertrauter Hitler. Schon sein erstes Buch „Die Spur des Juden im Wandel der Zeiten“ (1920 erschienen) prägte die antisemitischen Passagen in Hitlers „Mein Kampf“.

Rosenberg war kein großer Redner und Organisator. Trotz ständiger Mitsprache bei allen „jüdisch-bolschewistischen“ Angelegenheiten blieb er in der NS-Führungsriege im Vergleich zu Göring oder Goebbels lange Zeit nur eine Randfigur. Erst nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Jahr 1941 stieg er zum Reichsminister für die besetzten Ostgebiete auf. Er wurde zu einem der Hauptverantwortlichen des „Vernichtungskriegs“ hinter der Front und dem sich daraus entwickelnden Völkermord an den Juden, auch wenn sein politischer Einfluss mit der Verschärfung der militärischen Lage wieder schwand. Vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg wurde er mit anderen NS-Spitzenfunktionären wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt und am 16. Oktober 1946 hingerichtet.

Abbildung: S. Fischer Verlag

Als einer der wenigen NS-Spitzenfunktionäre führte Rosenberg Tagebuch. Der Verbleib dieser Tagebücher war lange Zeit unbekannt. Erst im Jahr 2013 gingen die Original-Tagebücher in den Besitz des United States Holocaust Memorial Museum über und wurden auf der Website des Museums veröffentlicht. Nun haben die beiden Historiker Jürgen Matthäus und Frank Bajohr diese Tagebuchaufzeichnungen in kommentierter Fassung und mit einer etwa hunderseitigen Einleitung herausgebracht („Alfred Rosenberg. Die Tagebücher von 1934 bis 1944“). Nachdem in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten viele Tagebücher von Zeitgenossen aus der NS-Zeit veröffentlicht wurden, am bekanntesten wurden sicherlich die Aufzeichnungen von Victor Klemperer, schließt die Veröffentlichung von Rosenbergs Tagebüchern eine Lücke. Letztlich hat neben Rosenberg nur Goebbels ähnlich umfangreiche Tagebuchaufzeichnungen hinterlassen. Da beide eine Intimfeindschaft verband, haben beide Aufzeichnungen in den Augen der Herausgeber die „Funktion eines wechselseitigen Korrektivs“.

Welches Binnenklima in der Führungsriege herrschte, machen die abwertenden Äußerungen Rosenbergs an zahlreichen Stellen deutlich. Seinem Intimfeind Goebbels unterstellt er in einem Eintrag einen schäbigen Charakter, er sei ein „Eiterproduzent“. In einem anderen Eintrag gibt er eine Unterhaltung mit Göring über Joachim von Ribbentrop wieder und bestätigt Görings Einschätzung, der Außenminister sei „ein richtig dummer Mensch mit der üblichen Arroganz“.

Stilistisch sind die Tagebücher schwere Kost, die Sprache ist holprig, es gibt zahlreiche grammatikalische Fehler und schiefe Satzkonstruktionen: „Es mutet ironisch an, dass ausgerechnet dem Deutschbalten Rosenberg, der sich im ‚Dritten Reich‘ gerne zum Chefinterpreten deutschen Denkens und deutscher Kultur stilisierte, jegliches Einfühlungsvermögen in die deutsche Sprache fehlte“, schreiben die beiden Herausgeber in der Einleitung. Die charakteristische Vagheit seiner Tagebuchnotizen macht es schwer, konkrete Fakten oder Anweisungen abzuleiten. Dieses Ungefähre war auch typisch für Hitlers Führungsstil. Rosenberg gibt zum Beispiel die Besprechung vom 16. Juli 1941 über die „Aufteilung des osteuropäischen Raumes“ im Führerhauptquartier wieder, Hitler habe betont: „alle Erlasse sind eben Theorie. Wenn sie den Notwendigkeiten nicht mehr entsprechen, müssen sie geändert werden“.

Rosenbergs Einträge müssen meistens kontextualisiert werden, um verständlich zu werden. Hilfreich sind hierbei die Fußnoten und die ergänzenden Dokumente. Die ausführliche und sachkundige Einleitung der beiden Herausgeber ist im Grunde eine lohnendere Lektüre als die Tagebücher selbst. Die deutschen Verbrechen im Osten und an der jüdischen Bevölkerung stehen nicht im Vordergrund von Rosenbergs Aufzeichnungen und bleiben meist ungenannt. Rosenberg gibt vor allem Auskunft über sich selbst. „Wirklich neue Erkenntnisse finden sich kaum“, befindet Sebastian Weitkamp in der FAZ, dennoch liefern die Rosenberg-Tagebücher „wichtige neue Mosaiksteine in unserem Wissen über das „Dritte Reich“. Dieses Buch wird in Zukunft zum festen Kanon der Literatur zur NS-Geschichte gehören“, so der Historiker Felix Römer in der ZEIT.

Von Holger Moos

Die Tagebücher von Hitlers Chefideologen

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Bis heute ist nicht sicher, ob der glühende Antisemit Rosenberg möglicherweise selbst jüdische Vorfahren hatte. Das Interesse an dieser Frage ist erstmals im Monat der Veröffentlichung seiner antisemitischen Schrift Der Mythus des 20. Jahrhunderts und seiner Wahl in den Reichstag im Oktober 1930 entstanden. In der Öffentlichkeit war damals die Rede davon, dass „kein Tropfen deutschen Blutes“ in seinen Adern fließe und sich unter seinen Vorfahren nur „Letten, Juden, Mongolen und Franzosen“ befunden hätten.  Verkündet haben soll diese Aussage etwa der Journalist Franz Szell und am 15. September 1937 ebenso die Vatikan-Zeitung L’Osservatore Romano. Nachgewiesen werden konnten jüdische Familienwurzeln allerdings bislang nicht. Allem Anschein nach wurden diesbezügliche Dokumente, die diese Frage mutmaßlich hätten klären können, während der deutschen Besatzungszeit in den Jahren 1941 bis 1945 vernichtet, nach Ansicht mancher Forscher gezielt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Rosenberg

  • „Der Nationalsozialismus war eine europäische Antwort auf die Frage eines Jahrhunderts. Er war die edelste Idee, für die ein Deutscher die ihm gegebenen Kräfte einzusetzen vermochte. Er war eine echte soziale Weltanschauung und ein Ideal blutbedingter kultureller Sauberkeit.“ – aus einer Schrift, vor den Nürnberger Prozessen in der Gefängniszelle verfaßt
  • „Germanische Sittlichkeit, das war jene tiefe Wahrhaftigkeit vor sich selbst, die sich Rechenschaft geben wollte von ihrem Ich, der Natur, dem Kosmos. Aus dieser Einsicht sind die Mystiker, die großen Erforscher der Natur geboren worden bis zur erhabenen Pflichtlehre Immanuel Kants.“ – Weltanschauung und Wissenschaft, Völkischer Beobachter, Norddt. Ausg. vom 23.11.36, S. 42, zitiert nach Reinhold Bethke, Lebendige Wissenschaft. Über den Sinn der weltanschaulichen Begründung. Tübingen (Mohr), o.J., 1937, S. 65
  • „Wir glauben an die Ewigkeit genau so wie die Kirchenchristen. Und wenn wir glauben, daß die Kräfte, die unserem Volk den sittlichen Impuls zur Umkehr auf todbringendem Wege gaben, genau so »religiös« sind, wie jene vielgestuften Vorstellungen, die von mittelalterlichen Dogmen fast verschüttet, den echten Kern der heutigen Kirchenlehre ausmachen, so geschieht dies, weil wir eben in der Diesseitigkeit das Ewige zu sehen und zu erleben vermögen, – eine Eigenschaft, die das Christentum, wo immer es lebendig war und ist, gehegt und gepflegt hat.“ – Das Schwarze Korps, Zeitung der SS, 3. Jg., 1. Folge vom 7. Januar 1937, S. 6, zitiert nach: Reinhold Bethke, Lebendige Wissenschaft. Über den Sinn der weltanschaulichen Begründung. Tübingen (Mohr), o.J., 1937, S. 65

Veröffentlicht 16. Oktober 2015 von hubert wenzl in Politik

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