Archiv für 26. Dezember 2015

Nacht lag auf meinen Augen   Leave a comment

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Ein schaurig-schönes Gedicht von Heinrich Heine… für mich jedenfalls. Mir gefällt der Witz, der Humor und die Ironie von Heine.

 

Nacht lag auf meinen Augen

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            Nacht lag auf meinen Augen,

            Blei lag auf meinem Mund,

            Mit starrem Hirn und Herzen

            Lag ich im Grabesgrund.

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            Wie lang, kann ich nicht sagen,

            Daß ich geschlafen hab;

            Ich wachte auf und hörte,

            Wie’s pochte an mein Grab.

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            “Willst du nicht aufstehn, Heinrich?

            Der ew’ge Tag bricht an,

            Die Toten sind erstanden,

            Die ew’ge Lus’ begann.”

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            Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn,

            Bin ja noch immer blind;

            Durch Weinen meine Augen

            Gänzlich erloschen sind.

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            “Ich will dir küssen, Heinrich,

            Vom Auge fort die Nacht;

            Die Engel sollst du schauen,

            Und auch des Himmels Pracht.”

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            Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn,

            Noch blutet’s immerfort,

            Wo du ins Herz mich stachest

            Mit einem spitz’gen Wort.

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            “Ganz leise leg ich, Heinrich,

            Dir meine Hand aufs Herz;

            Dann wird es nicht mehr bluten,

            Geheilt ist all sein Schmerz.”

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            Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn,

            Es blutet auch mein Haupt;

            Hab ja hineingeschossen,

            Als du mir wurdest geraubt.

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            “Mit meinen Locken, Heinrich,

            Stopf ich des Hauptes Wund’,

            Und dräng zurück den Blutstrom

            Und mache dein Haupt gesund.”

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            Es bat so sanft, so lieblich,

            Ich konnt nicht widerstehn;

            Ich wollte mich erheben

            Und zu der Liebsten gehn.

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            Da brachen auf die Wunden,

            Da stürzt’ mit wilder Macht

            Aus Kopf und Brust der Blutstrom,

            Und sieh! – ich bin erwacht.

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Heinrich Heine

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http://www.textlog.de/23193.html

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Gruß Hubert

 

Veröffentlicht 26. Dezember 2015 von hubwen in Uncategorized

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