Psychiater Heinrich Gross – Am Spiegelgrund   3 comments

.

Wieder so ein prominenter Psychiater, der trotz zahlreicher Morde an Kindern in der NS-Zeit, ungeschoren davon kam.

Am Spiegelgrund

Grabstelle der Kindereuthanasie-Opfer am Zentralfriedhof
.
.

Der Name Am Spiegelgrund bezeichnete von 1940 bis 1945 eine Jugendfürsorgeanstalt auf dem Anstaltsgelände der Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ (dem heutigen Otto-Wagner-Spital) auf der Baumgartner Höhe in Wien. Diese teilte sich in ein Erziehungsheim und eine „Nervenheilanstalt für Kinder“, zu der auch eine sogenannte Kinderfachabteilung gehörte, in der kranke, behinderte und „nicht erziehbare“ Kinder und Jugendliche medizinischen Versuchen ausgesetzt und gequält wurden. Mindestens 789 von ihnen wurden ermordet.[1] Heute gilt der Name Am Spiegelgrund als Synonym für Verbrechen der NS-Medizin und „eine bedrohliche, demütigende, in vielen Fällen auch tödliche „Heil“-Pädagogik“.

[…]

Aktion T4

Die Einrichtung der Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund wurde erst möglich, nachdem etwa 3200 bzw. zwei Drittel der Patienten der psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt im Zuge der Aktion T4 abtransportiert und die Pavillons dadurch geleert wurden. Die Patienten wurden, teilweise nach einem Zwischenstopp in den Anstalten Niedernhart bei Linz oder Ybbs an der Donau, in die Tötungsanstalt Hartheim überstellt und dort vergast.

https://de.wikipedia.org/wiki/Am_Spiegelgrund

.

Nun zu Heinrich Gross

Heinrich Gross (* 14. November 1915 in Wien; † 15. Dezember 2005 in Hollabrunn) war ein österreichischer Arzt, der als Stationsleiter der „Reichsausschuß-Abteilung“ an der Wiener „Euthanasie“-Klinik Am Spiegelgrund behinderte Kinder für Forschungszwecke missbrauchte und an ihrer Ermordung beteiligt war. Seine Nachkriegskarriere konnte er auf der während der NS-Zeit entstandenen Gehirnsammlung aufbauen, die er für 34 wissenschaftliche Arbeiten heranzog. Er wurde Leiter des eigens für ihn geschaffenen Ludwig Boltzmann-Instituts zur Erforschung der Mißbildungen des Nervensystems und meistbeauftragter Gerichtspsychiater Österreichs. In dieser Funktion traf er 1975 auf den Spiegelgrund-Überlebenden Friedrich Zawrel, der den Anstoß dazu gab, dass die Öffentlichkeit von Gross’ Vorleben erfuhr. Als Werner Vogt ihn 1979 der Ermordung hunderter Kinder bezichtigte, strengte Gross ein Verfahren gegen Vogt wegen übler Nachrede an. Vor dem Oberlandesgericht Wien konnte ihm die Mitbeteiligung an den „Euthanasie“-Morden nachgewiesen werden. Strafrechtlich konnte er dafür jedoch nicht belangt werden, weil die Staatsanwaltschaft sich jahrelang weigerte (Anmerkung: warum wohl?), ihn des Mordes anzuklagen, und Totschlag verjährt war. Erst 1997 kam es zur Mordanklage. Die Verhandlung sollte am 21. März 2000 stattfinden, jedoch wurde Gross für nicht vernehmungsfähig erklärt und die Verhandlung für unbestimmte Zeit aufgeschoben. Im August 2005 tauchten Verhörprotokolle Erwin Jekelius aus Archiven der russischen Militärstaatsanwaltschaft aus den Jahren 1945 bis 1948 auf, die Gross schwer belasteten, doch die Staatsanwaltschaft wurde nicht mehr aktiv, Gross verstarb noch im selben Jahr.

[…]

Am Spiegelgrund

Hauptartikel: Am Spiegelgrund

Am 18. November 1940 begann Gross unter dem ärztlichen Leiter Erwin Jekelius und dessen Stellvertreterin Margarethe Hübsch (Jekelius wurde ab Juli 1942 durch Ernst Illing abgelöst) als Aushilfsanstaltsarzt am Spiegelgrund, wurde aber bald Anstaltsarzt; zunächst in der „Schulkinderabteilung“ für schwer erziehbare Kinder der am 24. Juli 1940 in neun Pavillons des Spitalskomplexes eingerichteten Jugend-Fürsorgeanstalt. Deren Aufgabe war die „Beobachtung psychopathischer oder erbkranker Kinder, die nach zwei- bis dreimonatigem Aufenthalt an die einzelnen Anstalten zur weiteren Behandlung und Erziehung abgegeben werden sollten“. Dort versuchte Gross, Kinder mit sadistischen, für sie qualvollen Maßnahmen wie „Speibinjektionen“ zu disziplinieren. Mit der Gründung der „Säuglingsabteilung“ im April 1941, die intern alsReichsausschußabteilungbekannt und die zweite ihrer Art im Großdeutschen Reich war, übernahm Gross deren Leitung. In dieser „Reichsausschußabteilung“, die sich im Pavillon 15 befand, fanden bis 1945 „Euthanasie“-Morde statt. Häufig verfasste Gross die Meldungen an den Reichsausschuss. Stellte er eine negative Prognose, führte das dazu, dass der Reichsausschuss deren Tötung genehmigte. Lag die Genehmigung vor, wurde meist das Pflegepersonal angewiesen, dem Kind Gift ins Essen zu mischen oder es wurde injiziert, wobei es so dosiert war, dass die Kinder nicht sofort, sondern mehrere Tage lang, häufig an Lungenentzündung und anderen Folgekrankheiten, qualvoll starben – „da man den Eltern dieser Kinder Gelegenheit bieten wollte, ihre Kinder noch lebend zu sehen“, wie Illing am 22. Oktober 1945 aussagte.[4] Gross erledigte auch die Korrespondenz mit den Eltern der Kinder, die über eine plötzliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes informiert wurden, ehe die Kinder starben.

Gross besuchte im Juni/Juli 1941 und im Jänner 1942 Weiterbildungskurse in Brandenburg an der Havel, wo sich eine T4-Tötungsanstalt befand und in der Landesanstalt Görden bei Brandenburg unter dem Leiter Hans Heinze seit 1939 die erste Kinderfachabteilung eingerichtet war. Was genau Gross dort gelernt hat, ist nicht bekannt, jedoch stieg die Sterblichkeitsrate der „Kinderfachabteilung“ nach seiner Rückkehr drastisch an: Während im ersten Halbjahr 1941 22 Kinder den Tod fanden, waren es im zweiten Halbjahr bereits 72.[3][2] Von den getöteten Kindern wurden Gehirne und Rückenmarksstränge entnommen und für Forschungszwecke aufbewahrt.[5] Gross bekam im Oktober 1941 eine Dienstwohnung für sich und seine Familie am Gelände der Klinik. Per 11. November 1941 wurde er rückwirkend ab 1. Februar 1940 in den Dienst der Gemeindeverwaltung des Reichsgaues Wien übernommen, was eine Nachzahlung an Bezügen bedeutete. Zudem bekam er eine „einmalige Sonderzuwendung“ für das Jahr 1941, die der SS-Hauptsturmführer Hermann (Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, SD-Leitabschnitt Wien) für ihn erwirkte.[1]

Am 26. März 1942 wurde Gross zur Wehrmacht nach Hollabrunn einberufen, befand sich aber am 5. Mai 1942 schon wieder am Spiegelgrund, da er per 27. April als unabkömmlich für die (mit der „Euthanasie“ befasste) Kanzlei des Führers gestellt wurde. Gross führte seine Tätigkeit als Gutachter auch in Ybbs aus und befand sich im Mai 1942 mehrere Tage im Kinderheim Frischau bei Znaim, um die dort untergebrachten Kinder zu sichten und zu selektieren.

Unter Illing als neuem ärztlichen Leiter des Spiegelgrunds ab 1. Juli 1942 teilte Gross die Leitung der „Säuglingsabteilung“ mit Marianne Türk. Bis zu diesem Zeitpunkt kamen auf der Abteilung unter Gross’ Leitung 336 Kinder ums Leben, wobei er in 238 Fällen auch den Totenschein unterschrieb.[5] Mit Illings Eintreffen begann Gross auch an medizinischen Experimenten mitzuwirken. So wurden an fast allen Kindern des Spiegelgrunds Pneumoencephalographien vorgenommen – in vielen Fällen durch Gross. Das Forschungsinteresse Illings galt nämlich dem Nachweis, dass Tuberöse Sklerose durch die Pneumoencephalographie bereits beim lebenden Patienten diagnostiziert werden könne. Oft überlebten die Kinder die extrem schmerzhafte Untersuchung nicht, bei der für eine Röntgenaufnahme über das Rückgrat Luft in die Gehirnkammern gepresst wurde. Gross und Illing nahmen dabei weder Rücksicht auf den Gesundheitszustand der kleinen Patienten noch war medizinische Notwendigkeit gegeben. Ihr Interesse galt einzig der Forschung. Um die Diagnosen klinisch zu belegen, war es notwendig, von den verstorbenen Patienten Hirnschnitte anzufertigen.[1][2]

[…]

Kriegsende und Nachkriegszeit

Auch war es ein Glück für Gross, dass er nur in einem Fall angeklagt wurde. Der Justizminister Josef Gerö drängte bereits bei Illings Verfahren darauf, umgehend Anklage zu erheben und das weitere Studium der Patientenakten bleiben zu lassen, und so gab sich die Staatsanwaltschaft bei Gross mit einem Fall zufrieden, ohne weitere Untersuchungen oder Zeugenvernehmungen durchzuführen. Auch über Widersprüche in Gross’ Aussagen darüber, wie weit er vom Reichsausschuß wusste, sah man hinweg, und offensichtlich falsche Entlastungsaussagen wurden nicht hinterfragt (Anmerkung: Ich staune wieder). In Erster Instanz wurde er nur für seine Mithilfe durch das Verfassen von Gutachten zu zwei Jahren Haft verurteilt. Da die Strafe jedoch genau der Dauer der Untersuchungshaft entsprach, ging er bereits am 1. April 1950 wieder frei.

[…]

Karriere im Nachkriegsösterreich

Gross rehabilitierte sich wie viele andere ehemalige Nationalsozialisten über den Bund Sozialistischer Akademiker (BSA) und konnte durch die dort geknüpften Verbindungen erneut in den Dienst der Stadt Wien treten. Er absolvierte eine Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Neurologie an der Nervenheilanstalt Rosenhügel, die zu der Zeit unter der Leitung von Erwin Stransky stand. 1953 trat er der SPÖ bei.[6] Nach Abschluss seiner Ausbildung kehrte er 1955 auf den Steinhof (heute Otto-Wagner-Spital) zurück.

Gross setzte seine Forschungen an den Kinderhirnen fort und publizierte zwischen 1954 und 1978 34 Arbeiten, deren Schwerpunkt weiterhin „angeborene und frühzeitig erworbene hochgradige Schwachsinnszustände“ waren. Teilweise entstanden diese Veröffentlichungen gemeinsam mit Franz Seitelberger, Barbara Uiberrak, Elfriede Kaltenbäck (einer Mitarbeiterin Gross’ im Neurohistologischen Laboratorium, später im Ludwig-Boltzmann-Institut), Hans Hoff und anderen. Auf die NS-Zeit hinweisende Lebens- und Sterbedaten wurden im Allgemeinen vermieden, als Herkunft des „Materials“ wurde die Prosektur des Steinhof angegeben.

[…]

Wiedersehen mit Friedrich Zawrel

In seiner Funktion als Gerichtspsychiater saß Gross am 27. Dezember 1975 dem ehemaligen Spiegelgrund-Insassen Friedrich Zawrel gegenüber. Zawrel hatte über all die Jahre Gross’ Tätigkeit als Gerichtspsychiater in den Zeitungen verfolgt und konnte nicht verstehen, „wie es möglich war, dass ein Mann mit so einer Vergangenheit eine so wichtige Stellung im Justizapparat haben konnte, zumal seine Vergangenheit durch den Prozess vor dem Volksgericht bekannt war“.[1] Gross gegenübersitzend sagte Zawrel:[3]

„Glauben Sie mir, ich kenne Menschen, die haben hunderttausende Mal mehr verbrochen wie ich, aber die sind heute wieder angesehene Leute, sind in hohen Funktionen und so.“

Gross verstand nicht und erkannte Zawrel nicht. Auf die Frage, ob er schon einmal psychiatriert worden sei, antwortete Zawrel:[3]

„Herr Doktor, für einen Akademiker haben Sie aber ein sehr schlechtes Gedächtnis. […] Herr Doktor, können Sie überhaupt noch gut schlafen? Haben Sie schon vergessen die vielen toten Kinder vom Pavillon 15, haben Sie schon die gemarterten und misshandelten Kinder vom Pavillon 17 vergessen?“

Mit dem Gutachten, das Gross anfertigte, sprach er sich dafür aus, Zawrel im Anschluss an die Haft in einer Anstalt für gefährliche Rückfallstäter für immer hinter Gitter zu behalten und untermauerte dies u. a. mit einem Gutachten Illings aus dem Jahr 1943. Zawrel wehrte sich, indem er mittels eines Kassibers Kontakt zum Kurier aufnahm. Wolfgang Höllrigl, der Zawrel interviewte, veröffentlichte am 17. Dezember 1978 den ganzseitigen Artikel „Ein Häftling erkannte in Österreichs meistbeschäftigtem Gerichtspsychiater Dr. Gross einen NS-Arzt wieder. Ein Arzt aus der NS-Mörderklinik“ erschien. Nicht nur die Vergangenheit von Gross wurde darin beleuchtet, auch einige auf Basis seiner Gutachten gefasste Urteile aus großen Prozessen wurden kritisch unter die Lupe genommen.[8]

Gross’ Klage gegen Werner Vogt

„Nun also macht sich Gross, der selbst an der Tötung Hunderter Kinder mitbeteiligt war, über die Tötungsdelikte Geisteskranker her.“

Vogt, sein Verteidiger Johannes Patzak und der Medizinhistoriker Michael Hubenstorf recherchierten den Werdegang von Gross und analysierten seine wissenschaftliche Publikationen ebenso wie die Verfahrensakten gegen Illing 1946 und Gross 1950. Als Zeugin wurde die Krankenschwester Anna Katschenka geladen, doch sie erlebte den Verhandlungstermin nicht mehr. Als der Kronzeuge Friedrich Zawrel zu erzählen begann, schnitt Richter Bruno Weis ihm das Wort mit „das gehört nicht hierher“ ab. Das Verfahren führte in Erster Instanz am 22. Februar 1980 zu einem Schuldspruch für Vogt, der zu einer Geldstrafe von 32.000 Schilling sowie zu einer Geldbuße an Gross von 10.000 Schilling verurteilt wurde. Die Strafe sollte generalpräventiv wirken, also mögliche Folgetäter abschrecken. Vogt legte Berufung ein.[2][1]

In der Folge klagten sich 3.600 Menschen selbst an, weil sie auf einer Unterschriftenliste das Zitat jener Formulierung, wegen der Vogt angeklagt wurde, unterschrieben hatten, darunter etwa Christine Nöstlinger, Peter Turrini, Dieter Seefranz, Anton Pelinka, Alfred Hrdlicka und Sigi Maron. Gross strengte kein Verfahren gegen sie an. Jedoch verklagte er im Jänner 1981 die Kabarettisten Erwin Steinhauer und Götz Kauffmann, die Gross in einer im November 1980 im ORF ausgestrahlten Kabarett-Sendung parodierten. Sie wurden ein Jahr später freigesprochen.[1]

[…]

Mordanklage

[…]

Erwin Rasinger:[7]

„Ich kann es nicht akzeptieren, daß man im medizinischen Bereich Naziverbrechen bagatellisiert. Die Ärzte waren auch in Österreich Teil einer grauenhaften Tötungsmaschinerie, die nicht nur Andersdenkende, andere Rassen, sondern auch Kranke und Behinderte brutal ermorden ließ. … Ich stehe nicht an, mich als Arzt bei den vielen Opfern und Hinterbliebenen des Dritten Reiches zu entschuldigen, da wir Ärzte sehr viel Mithilfe geleistet haben, daß im Rassenwahn und in falscher Pflichterfüllung Hunderttausende, Millionen von Menschen zu Tode kamen. Ich persönlich schäme mich.“

[…]

Das Justizministerium lehnte die Einstellung des Verfahrens gegen Gross ab. Ende 1997 wurde das Strafverfahren wegen Mordes eingeleitet. Sepp Rieder, damals Gesundheitsstadtrat und Vizebürgermeister Wiens, bezeichnete Gross im Jänner 1998 während einer Pressekonferenz zum Symposium „Zur Geschichte der NS-Euthanasie in Wien“ als Mörder.[

Am 21. März 2000 saß Gross auf der Anklagebank, die Verhandlung wurde jedoch nach 30 Minuten aufgrund eines neuerlichen Gutachtens des Psychiaters Haller vertagt und nicht wieder aufgenommen. Haller attestierte Gross fortgeschrittene vaskuläre Demenz und eine ausgeprägte Depression.[12] Der New Yorker Psychiater und Gerichtssachverständige Peter Stastny stellte zum Gutachten fest:

„Unerklärlich sind mir die Umstände, unter denen das psychiatrische Gutachten gemacht wurde und – vor allem – warum es vom Gericht als schlüssig akzeptiert wurde. […] Aus den Befunden – sowohl Computertomografie (CT) wie Tests wie Beobachtung – werden Schlüsse gezogen, die daraus nicht ableitbar sind. So wird die Diagnose der Demenz und einer ausgeprägten Depression auch auf die CTs gestützt. […] Der zweite von Dr. Haller angewandte Test der zerebralen Insuffizienz ist überhaupt nicht mehr gängig. Das Konzept der zerebralen Insuffizienz wird heute weder klinisch noch wissenschaftlich verwendet.“[13]

 

Psychiater Heinrich Gross – Am Spiegelgrund

.

Ein ganz normaler Arzt. I


.

Gruß Hubert

 

3 Antworten zu “Psychiater Heinrich Gross – Am Spiegelgrund

Abonniere die Kommentare per RSS.

  1. Von lebensunwert.at

    Dr. Heinrich Gross

    .

    Dr. Heinrich Gross; Quelle: DÖW.
    .
    Einer der Ärzte der „Kinderfachabteilung“ war der aus Wien stammende Dr. Heinrich Gross, Jahrgang 1915. Er arbeitete ab 1940 in der Anstalt und war auch nach seiner Einberufung zur Wehrmacht 1943 zeitweise „Am Spiegelgrund“ tätig.
    .
    Nachdem er nach zweijähriger Kriegsgefangenschaft für einige Zeit untertauchen konnte, wurde er 1950 verhaftet und zu zwei Jahren Kerker verurteilt, aber nicht wegen Mord, sondern wegen Totschlags. Die Rechtssprechung ging davon aus, dass an „Geisteskranken oder Geistesschwachen“ kein heimtückischer Mord begangen werden könne, da den Betroffenen „die Einsicht fehlte“ (Quelle: Wolfgang Neugebauer, „Zum Umgang mit der NS- Euthanasie in Wien nach 1945“, DÖW). Der Oberste Gerichtshof (OGH) hob das Urteil wegen Widersprüchlichkeiten auf und verwies es an die Erstinstanz zurück. Die Staatsanwaltschaft Wien zog den Strafantrag zurück, worauf das Verfahren im Frühjahr 1951 eingestellt wurde.
    .
    Noch im selben Jahr konnte Dr. Gross seine medizinische Laufbahn an der Wiener Nervenheilanstalt auf dem Rosenhügel fortsetzen. Zwei Jahre danach trat er der SPÖ bei und stieß insbesondere im Bund sozialistischer Akademiker (BSA) auf viele ehemalige Gesinnungsfreunde. 1955 schloss er seine Ausbildung zum Facharzt für Nerven- und Geisteskrankheiten ab und kehrte als Anstaltsarzt bzw. -oberarzt in die damalige Heil- und Pflegeanstalt „Am Steinhof“ zurück, wo sich von 1940-1945 die „Kinderfachabteilung“ befunden hatte. 1957 stieg Dr. Gross Am Steinhof zum Primarius der Männer-Heilanstalt auf. Von seinem Vorgänger übernahm er auch das Neurohistologische Laboratorium des Hauses, in dem die Gehirne von den „Kindern vom Spiegelgrund“ zur späteren Bearbeitung aufbewahrt worden waren.
    .
    Schon in den Jahren davor hatte er mit der neuropathologische Auswertung der Gehirne begonnen und in der Folge veröffentlichte er dazu zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten. Schließlich bekam er 1968 die Leitung des eigens für ihn geschaffenen „Ludwig Boltzmann-Instituts zur Erforschung der Missbildungen des Nervensystems“ übertragen. Darüber hinaus war Dr. Heinrich Gross auch als Gutachter tätig und galt über Jahre als der meistbeschäftigte Gerichtsgutachter Österreichs. 1975 zeichnete ihn die Republik Österreich mit dem Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse aus.
    .
    Im Jänner 1979 wurde Dr. Heinrich Gross als Referent zu einer Tagung über „Tötungsdelikte von Geisteskranken“ an die Universiät Salzburg eingeladen. Die „Arbeitsgemeinschaft Kritische Medizin“ um den Wiener Unfallchirurgen Dr. Werner Vogt nahm den Vortrag zum Anlass, um Heinrich Gross mit seiner NS-Vergangenheit zu konfrontieren. In einem Flugblatt wurde ihm die Mitwirkung „an der Tötung hunderter angeblich geisteskranker Kinder“ vorgeworfen.
    .
    Daraufhin klagte Dr. Heinrich Gross den „Kritischen Mediziner“ wegen Ehrenbeleidigung. Nach einem Schuldspruch in erster Instanz konnte Dr. Werner Vogt in einem umfangreichen Beweisverfahren den Wahrheitsbeweis für seine Behauptung erbringen und wurde 1981 freigesprochen. Strafrechtliche Konsequenzen für Dr. Heinrich Gross waren mit diesem Urteil nicht verbunden. Obwohl das Oberlandesgericht Wien 1981 in seinem Berufungsurteil eindeutig seine persönliche Involvierung in die Kindermorde „Am Spielgrund“ als erwiesen annahm, wurde damals kein Strafverfahren eingeleitet. Die Zuständigen stimmten überein, „unter Verneinung der Niedrigkeit der Beweggründe“ die Euthanasiehandlungen nicht als Mord, sondern als Totschlag zu bewerten, wodurch Verjährung gegeben war. Dr. Gross ging aber noch im selben Jahr aus Altersgründen in Pension und wurde wenig später aus der SPÖ ausgeschlossen. 1988 folgte der Ausschluss aus dem BSA, im Jahr darauf musste er seine Leitungsfunktion im Ludwig-Boltzmann-Institut zurücklegen. Seine Sachverständigentätigkeit bei Gericht hat er allerdings noch viele Jahre fortgesetzt.
    .
    Erst Ende 1997 änderte die österreichische Justiz ihren Rechtsstandpunkt und begann Vorerhebungen wegen Mordes einzuleiten. Zu einem Urteil kam es jedoch nicht. Der über 80-jährige Psychiater wurde wegen fortschreitender Demenz für verhandlungsunfähig erklärt. 2005 belasteten ihn in russischen Archiven aufgetauchte Dokumente noch schwerer. Dr. Heinrich Gross starb im selben Jahr ohne je rechtskräftig verurteilt worden zu sein.
    .
    http://www.lebensunwert.at/ns-euthanasie/menuepunkt/dr-heinrich-gross.html
    .
    Gruß Hubert

    Liken

  2. Rezension aus dem Buch „Die Ärzte der Nazis“
    .

    Der Fall des NS- Psychiaters Heinrich Gross hat das Interesse der Öffentlichkeit 55 Jahre nach Kriegsende auf ein Thema gelenkt, das vielfach noch als Tabu gilt: Die „Götter in Weiß“ als Hitlers willige Vollstrecker.

    Hans- Henning Scharsach geht in seinem Buch „Die Ärzte der Nazis“ jedoch nicht nur näher auf den Fall Gross ein, sondern legt überhaupt eine gründliche Untersuchung der Ärzte im Dritten Reich vor. Er beleuchtet interessanter Weise dabei sowohl die Zeit vor 1933, die Zeit während des Krieges, als auch die Nachkriegszeit (=Nürnberger Ärzteprozeß). Äußerst leserfreundlich aufgebaut in 14 Kapiteln (mit Unterkapiteln) schildert der Autor die Tätigkeiten der Ärzte. Diese gehen von Zwangssterilisationen über Euthanasie bzw. Kindereuthanasie bis hin zu medizinischen Experimenten an Menschen und zu Massenvernichtung in den Konzentrationslager (für Selektion und Überwachung der Vergasung war der medizinische Doktorgrad vorgeschrieben).
    .
    Scharsachs Analyse des akademischen Berufsstandes fällt teilweise vernichtend aus: Ärzte (45 % waren NSDAP Mitglieder) – als Vorreiter der Rassenpolitik- entwickelten eine Art medizinisches Töten in den Euthanasie- Zentren. Das wurde später zum Vorbild für den industriell organisierten Massenmord in den Konzentrationslagern. D.h. auch zur Endlösung der Judenfrage leisteten die Ärzte den entscheidenden Beitrag. Doch ebenso von ihnen vernichtet wurden „Asoziale“, „Unangepaßte“, „Andersrassige“ und vor allem sogenannte „Ballastexistenzen“. Nach dem Motto: Überleben darf nur, wer nützlich ist.
    .
    Wie bereits erwähnt, geht Hans- Henning Scharsach näher auf den (aktuellen) Fall Heinrich Gross ein. In diesem Kapitel wird klar, Heinrich Gross ist kein Einzelfall, ganz im Gegenteil.
    .

    Denn wer sich der Verfolgung entziehen kann, oder wie Heinrich Gross durch die „Gnade der späten Strafverfolgung“ verschont bleibt, macht ungehindert Karriere.

    .
    In Bezug auf den Fall Gross wird der sonst so sachlich und nüchtern (be-) schreibende Autor etwas zynisch und in meinen Augen auch wertend, wenn er (ver-)urteilend schreibt:
    „Nach dem Urteil, das ihn der Beteiligung an der Euthanasie überführt, schließt die SPÖ Gross aus der Partei aus (Anmerkung: Die nehmen auch wirklich jeden). Österreichs unabhängige Richter aber scheint die NS- Vergangenheit des meistbeschäftigten Gerichtspsychiaters, der an die 30.000 Gutachten erstellt hat, nicht zu stören. Sie beschäftigen ihn selbst dann noch, als 1999 das Verfahren gegen ihn eingeleitet ist. Ein geschmackloses Kuriosum österreichischer Justizgeschichte: Dasselbe Gericht, das gegen den ehemaligen Euthanasie- Arzt vom Spiegelgrund Ermittlungen wegen Mordes führt, läßt ihn als Gerichtsgutachter weiter arbeiten.“
    Sarkastisch erscheinen mir auch die Bemerkungen des Autors über den ehemaligen NS- Arzt Georg Renno (von der Vergasungsanstalt Hartheim bei Linz):
    „Mit ärztlicher Hilfe wird der Prozeß verschleppt, 1970 unterbrochen, 1975 eingestellt. Danach ist der seit Jahren Schwerkranke plötzlich gesund genug, sich von einem Fernsehteam bei der Gartenarbeit filmen zu lassen.“
    .
    http://www.amazon.de/Die-%C3%84rzte-Nazis-Hans-Henning-Scharsach/dp/3701504296
    .
    Gruß Hubert

    Liken

  3. Gross und Vogt
    .
    Dr. Werner Vogt war einer der wenigen, die Gross öffentlich an seine Geschichte erinnerten und mit Nachdruck seine Verurteilung forderten; sei dies rechtlich (siehe „Gross und die Strafprozesse“) oder journalistisch. So ist es nicht verwunderlich, dass Vogt im Nachrichtenmagazin 1/2006 nochmals auf Gross einging und erinnerte, dass schon „seit 1981 die Mitarbeit von Dr. Gross im Kinder-KZ am Spiegelgrund erwiesen“ ist.
    .
    Er kritisiert, dass Gross beim Prozess „verkleidet als ein Häuflein Elend“ erschienen war und verhandlungsunfähig erklärt wurde. Auch seine Kollegen schont er im Rückblick nicht: „Jawohl, die Psychiatrie. Ringel, Strotzka, Sluga, Hacker, Spiel, Frankl, Gabriel, Rudasch, alle diese Welterklärer haben Gross mit kollegialem Schweigen beschützt“.
    .
    Auf die Anfrage von ausländischen Journalisten, warum hierzulande derart gemauert, geschwiegen, vertuscht und gelogen wurde, antwortete er: „Unser unschuldiges Land will keine schuldigen Täter.“
    .
    Und nun ist Gross tot und Vogt meint – und es klingt verbittert: „Nun aber, welch späte Gnade, das lang erhoffte Ableben des Heinrich Gross. Ihn und seine Geschichte einsargen, eingraben. Grabesruhe. Befreites Aufatmen bei allen, die, so wie bisher, geschichtslos weiterfuhrwerken wollen.“
    .
    Gross verstorben
    .
    Dr. Heinrich Gross ist am 15. Dezember 2005 im 91. Lebensjahr in Hollabrunn/NÖ verstorben.
    .
    https://www.bizeps.or.at/heinrich-gross-ist-gestorben-das-erwartete-ende-eines-nachkriegsskandals/

    .
    Gruß Hubert

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: