Schläfst du, Gerechtigkeit?… – Sandor Petöfi   Leave a comment

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Auszug.
In die Weltliteratur ging Sandor Petöfi über die Dichtung ein – doch seine Dichtung stellte er nicht in den Dienst der Weltliteratur, sondern der Weltrevolution. In dem Gedicht „Die Dichter des 19. Jahrhunderts“, einer ars poetica, sieht er die wichtigste Aufgabe des Dichters darin, das Volk nach Kana zu führen, so lange bis sich der uralte Menschheitstraum der vollkommenen Gleichheit vollendet hat.

Erst dann, wenn jeder gleichberechtigt
erst dann, wenn jeder gleichermaßen
sein Teil vom Überfluß erhält,
wenn durch die Fenster aller Hütten
das Licht der Bildung Einzug fand,
erst dann ist’s Zeit für uns zu rasten,
erreicht ist das Gelobte Land.

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Was auffällt, ist: der wichtigste Vertreter der kommunistischen Idee in den Augen Petöfis, und darin erkennen wir ihn als würdigen Nachfolger Shelleys, ist nicht der Politiker, nicht der Berufsrevolutionär, sondern der Dichter. Der Dichter, schreibt er, ist eine „Fackel für den Weg“, den Gott der Menschheit vorangestellt hat. „So führt das Volk voran, ihr Dichter, / durch Feuer, Flut und Wüstensand!“, spricht er.

https://www.oppisworld.de/ungarn/ungart05.html

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Schläfst du, Gerechtigkeit?… – Sandor Petöfi

Schläfst du, Gerechtigkeit, bist du gar tot?
War dieser Mann nicht wert, daß um den Hals
ihm eine goldne Ehrenkette hing‘?
Statt dessen hängt er selbst am Henkerstrang!
Und seht, die Kette schmückt des Henkers Hals,
des Henkers, der am Strange hängen müßt‘!
Schläfst du, Gerechtigkeit, bist du gar tot?…

Sandor Petöfi

Ich denke oft darüber nach…

Ich denke oft: Mir tät’s nicht leid,
wenn irgendwann
das Weltsystem zerbricht, und dann
wie Schnee und Hagel fallen heut,
vom Himmel Sterne niederflössen
und Sternenbäche sich ergössen.

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Es fliegen unsere Hoffnungen, die schönen Vögel, hoch –
Jedoch
Wenn sie am höchsten fliegen,
In reinster Himmelsluft sich wiegen,
Wo selbst der Adler Flug bereits ein träger,
Da kommt die Wirklichkeit, der finstre Jäger,
Und schießt sie herab!

Sándor Petöfi
(1823 – 1849 (gefallen)), eigentlich Alexander Petrovics, ungarischer Schauspieler, Soldat, Student und Dichter, übersetzte u.a. Schiller und Shakespeare

Quelle: Petöfi: »Gedichte«
http://www.aphorismen.de/suche?f_autor=2951_S%C3%A1ndor+Pet%C3%B6fi

http://mek.oszk.hu/01000/01008/01008.htm#15

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Todessehnsucht

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Gebt einen Sarg mir und ein Grab

In tiefer, stiller Erde, – gebt!

Wo kein Empfinden, kein Gefühl,

Kein Herz und kein Gedanke lebt!

O du mein Kopf, du meine Brust,

Zwiefacher Fluch, der auf mir ruht!

Wozu mit Flammengeißeln selbst

Sich quälen in ohnmächt’ger Wut?

Warum sehnt dieses stolze Hirn

Gar zu den Sternen sich empor,

Wenn sein Geschick ihm rauh befiehlt:

Kriech’ auf der Erde hin, du Tor!?

Und wenn von aller Freud’ und Lust,

Von allem, was des Daseins Zier,

Nicht das Geringste mir gewährt,

Wozu ward dieses Leben mir?

Und schlägt ein Herz in meiner Brust,

Das hell im Glück zu jubeln weiß,

Was gönnst Du, Gott der Seligkeit,

Ihm nichts als einen Blick aus Eis? …

Gebt einen Sarg mir und ein Grab

In tiefer, stiller Erde, – gebt!

Wo kein Empfinden, kein Gefühl,

Kein Herz und kein Gedanke lebt! …

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(Sándor Petöfi, 1823-1849;
aus dem Ungarischen von Ignaz Schnitzer)

 

 

Veröffentlicht 29. April 2016 von hubert wenzl in Lyrik, Uncategorized

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