Gottes unwerte Geschöpfe? – Religionen und Tierschutz – Teil 1   Leave a comment

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Eine Moral die Tiere davon ausschließt ist keine Moral.

Mit den Religionen ist es beinahe so wie in folgendem Missgeschick beschrieben: Geistesabwesend wirft der Zausel seinen Haustürschlüssel in die Buchsbaumhecke neben der Eingangstür, rennt daraufhin aufgeregt zur nächsten Straßenlaterne, um unter deren Lichtkegel fieberhaft die Asphaltstraße nach dem verlorenen Schlüssel abzusuchen. „Der liegt doch im Gebüsch“ ruft ihm der Nachbar zu. „Aber da ist es zu dunkel“ antwortet der Zausel, „hier könnte ich ihn wenigstens sehen.“
Warum es mit den Religionen nicht viel anders ist? Wir verlieren das Unersetzbare an irgendwelchen okkulten Örtlichkeiten und sind heilfroh, es wenigstens noch im Schein einer Laterne suchen zu dürfen.

Der organisierte Gottesglaube stattet uns mit der Hoffnung aus, selbst an den finstersten Orten irgendwann einmal das wiederzufinden, was uns verloren gegangen ist. Religionen sorgen für Strohhalme, an denen man sich festhalten kann, um ihre kantianischen Aufkleber zu studieren: Hier harrt die Bedingung der Möglichkeit, den Schlüssel wiederzufinden. Und noch das finsterste Loch ist in strahlendes Licht getaucht.

Einer der dunkelsten Orte, die sich die Zivilisationsgeschichte ausgedacht hat, ist der Ort, an dem Tiere verloren gegangen sind. Es ist das schwarze Loch in unserem Sein. Der Ort, der nichts, mit anderen Worten, das Nichts erzeugt. Der Ort, an dem nicht nur das Tier, sondern unsere Menschlichkeit selbst und zwar ihr wichtigster Teil, zum Verschwinden gebracht worden ist.

 

Von der ersten großen Kränkung der Menschheit

 

Wie kommt es, dass Tiere als Mitgeschöpfe so gnadenlos eliminiert worden sind aus unserer Wirklichkeit (unverbindlich kurzlebige Freizeitwelten mit ihren dekorativen Schmuseeinheiten ausgenommen)? Immerhin berichten doch fast alle Religionen der Welt von Schöpfungsmythen, bei denen der Mensch erst nach dem Tier, erst durch das Tier, aus dessen Schoß er hervorkriecht, auf die Welt kommt. In der Bibel heißt es beispielsweise, dass Tiere, anders als Menschen, vollendet erschaffen worden sind, um Seite an Seite mit dem tonangebenden Ebenbild Gottes, dem Menschen, die Erde zu bevölkern.

Diese Gleichwertigkeit, die die hebräische Bibel und deren Talmud-Kommentare in nicht ermüden wollender Beharrlichkeit vorträgt, war vermutlich – von Sigmund Freud erahnt – die erste große Kränkung der Menschheit. Zugleich war dies die Geburtsstunde des Reflexes, sich als Mensch fortwährend selbst zum Übermenschen, zum Herrscher über Leben jund Tod einsetzen zu müssen.

Der Mensch verbannte die Tiere, denen er eben noch – im Auftrag seines Schöpfers – Namen gegeben hatte; er stufte sie zurück, ließ sie zu Schattenexistenzen werden, zu Arbeitssklaven, zu beliebig manipulierbaren genetischen Clustern, die s zu entziffern und neu zusammenzusetzen gilt. Aus Tieren mit Namen wurde schließlich Biomaterial, für dem Schicksal ausgeliefert, als Neugeborenes an seinem Ende in die Fleischfabrik hineingeschoben zu werden, um ein Leben später auf der anderen Seite als Rindsbratwurst wieder herauszukommen.

Kann und sollte man Tierschutz und Religion gemeinsam behandeln?

Wenn Tierschutz und Religion in einem Atemzug genannt werden, erinnern sich die meisten Tierärzte wahrscheinlich an die unlängst gescheiterte Bundesratsinitiative des Landes Hessen zur Änderung von § 4 a Abs. 2Nr 2 TierSchG, wobei es um strengere Maßstäbe bei Ausnahmegenehmigungen für religiös motivierte betäubungslose Schlachtung ging, und den Einwand der verfassungsmäßig garantierten Religionsfreiheit, der dann letztlich über die Tierschutzanliegen obsiegte.

Es ist anzunehmen, dass gerade Akademiker und Naturwissenschaftler das Ansinnen, Tierschutz gemeinsam und im Zusammenhang mit Religion zu diskutieren, nicht selten von sich weisen – dies mit dem Hinweis, man selbst stehe als Anhänger des naturwissenschaftlichen Glaubens an die „Götter Rationalität und Aufklärung“ über diesen Dingen und habe keine Veranlassung, sich mit Fragen wie der Stellung der Tiere in den Religionen zu beschäftigen.
Ist es also richtig, das Thema „Tierschutz und Religion“ als abseitig abzutun? Man bedenke: Immerhin sind Milliarden Menschen Anhänger religiöser Gemeinschaften, und auch in Europa wächst deren Zahl, besonders der Muslime. Dass die christlichen Gemeinschaften so hohe Einbußen, vulgo Kirchenaustritte zu verzeichnen haben, liegt wohl nicht am Fehlen von Gottessuchern, sondern eher an der Tatsache, dass die Kirchen zu lange auf den Ruhepolstern des Staates gerastet haben und dass sie, oft in vorauseilendem Gehorsam, als Ausführungsorgane staatlicher Machtinteressen auftraten, Anpassung und Ruhe forderten, wo Ruhestörung angebracht gewesen wäre, und somit ihren eigentlichen Auftrag, Fürsprecher der Armen und Schwachen zu sein – warum also nicht auch der Tiere? – aus den Augen verloren haben.
Kleinmut hat auch dasjenige Judentum im Griff, welches, anstatt sich seiner Tierschutztraditionen zu besinnen, sich in den Dienst der Politik gestellt hat und schon lange nicht mehr religiöse Inhalte sondern Machtpositionen verteidigt.
An dieser Stelle – dem Schnittpunkt von politischer Macht, Religion und dem Bedürfnis deds Menschen nach spirituellem Wachstum – wird die Frage der Stellung der Tiere in den Religionen für den Tierarzt von immenser Bedeutung.

Warum die Frage nach der Stellung der Tiere in den Religionen wichtig ist

Hier geht es keineswegs nur um die Frage des betäubungslosen Schlachtens, die ohnehin nicht konsequent genug gestellt worden ist. Auch in der öffentlichen Diskussion wurde, haarscharf an den Missständen bei konventionellen Schlachtungen vorbeischlitternd, vor der grundsätzlichen Frage der ethischen Vertretbarkeit von massenhaften Tiertötungen die Bremse gezogen. Hier geht es vielmehr um Folgendes:

Die Religionen mit ihrem universalen Anspruch, ethische und moralische Standards zu definieren, müssen sich Fragen nach den Tieren gefallen lassen. Dazu gehört etwa die Frage der Vereinbarkeit religiöser Werte mit

– der Praxis der Nutztierhaltung,
– der Fleischproduktion,
– der Ausmerzung von Tierindividuen und Tierarten,
– der Nutzung von Tieren bei Sport- und Wettgeschäften,
– der Selektion von Tieren bei der Jagd.

 

Es geht um die Mitverantwortung der betroffenen Berufsgruppen und um die Ökonomisierung tierärztlichen Handelns (wer heute einen Tierarzt für sein krankes Huhn sucht, begreift, welche Folgen die Einführung – und stillschweigende Duldung – der Keulung als neuer „Behandlungsmethode“ für das tierärztliche Know-how hatte). Es geht darum, einmal kritisch nachzufragen, wie es denn bei jenen steht, die von der Heiligkeit des Lebens reden. Sind sie bereit, das Lebensrecht des individuellen Tieres zu verteidigen, egal ob es sich um einen „wertvollen“ Papageien oder um ein „wertloses“ Stück Geflügel handelt?
Das kulturelle Erbe der Religionen an den ethischen Herausforderungen der heutigen Zeit messen zu wollen, ist somit keineswegs ein Akt der Frömmelei. Gerade Tierärzte als „berufene Schützer der Tiere“ und Berufsgruppe von einigem gesellschaftlichen Ansehen, sollten dieses Erbe als ethisches Basiswissen mit hoher gesellschaftspolitischer Relevanz betrachten und vertreten. Nicht der moralisch erhobene Zeigefinger, sondern die von ethischer Kompetenz getragene Faust ist das Ziel.

Was die Religionen uns zu sagen haben

Wenn es um Tiere geht, zeigen in unserer Gesellschaft oft genug gerade die Hüter der Moral und Sittlichkeit einen eklatanten Mangel an Glaubwürdigkeit.

Dies betrifft ebenso die Anhänger der „Tierschützerszene“. Gerade in diesem Umfeld geht der Vorwurf der Empathiestörung, also die Unfähigkeit oder mangelnde Bereitschaft, sich in das Leiden und Empfinden anderer Lebewesen hineinzuversetzen, leicht über die Lippen. Doch oft haben jene, die diesen Begriff im Munde führen, nur eine sehr begrenzte und von wenig Sachverstand geprägte Sicht auf das Leid der Tiere.
Was bedeutet das im wirklichen Leben? Gilt es nicht, endlich dieser kollektiven Schwindsucht, diesem Mangel an Ehrlichkeit ins Gesicht zu sehen?

Wir alle dulden stillschweigend, dass hinter der tierfreundlichen Fassade unserer Gesellschaft die Parallelwelten der Fleischfabriken, der industriell organisierten Schlacht- und Produktionskombinate liegen. Hier sind wir. Dort ist die Hölle. Um unseres Seelenfriedens willen wenden wir den Blick ab, verschließen die Augen.
Dabei haben die Religionen und allen noch viel zu sagen, sobald sie sich der Radikalität ihrer Erkenntnisse, dem Mut und der Voraussicht ihrer Propheten und Gelehrten stellen. Zu den aus tierärztlicher Sicht besonders relevanten Positionen der drei abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) gehören:

Die Schutzwürdigkeit von Tieren

Hier hat das Judentum eindeutig Stellung bezogen. Bereits in den Fünf Büchern Mose ist ein Verbot der Tierquälerei (Tza`ar baalei chayim) ausgesprochen. Unzählige Tiernarrative demonstrieren den gerechten und mitfühlenden Umgang mit dem Tier. Die Auslegung des Verbots der Tierquälerei geht überraschend weit und zeigt, dass der jüdische Tierrechtsgedanke auf der Grundlage von Visionen eines gerechten Zusammenlebens beruht, die für den moderaten Menschen in ihrer tierrechtsbezogenen Radikalität kaum mehr nachvollziehbar ist.
„So du siehest den Esel deines Hassers erliegend unter seiner Last, und du wolltest unterlassen, es ihm leichter zu machen…mach es ihm leichter“ (Exodus23:5)
Diese Stelle ist bemerkenswert, weil sie die Interessen des Menschen – anders als dies bei der anthropozentrischen Interpretation des Christentums der Fall ist – außer Kraft setzt und das Tier als eigenständiges Rechtssubjekt anerkennt, dessen Wohlbefinden in diesem Gebot höher bewertet wird als das Interesse des Menschen, seinem Feind zu helfen.

Dies übersteigt bei weitem das Gebot, die Heiligkeit des Lebens aller geborenen Geschöpfe zu achten. Das Beispiel fordert Altruismus und verlangt vom Menschen, die eigenen Interessen zugunsten des Tieres hintanzustellen. Überdies beruht das Gebot auf der Annahme der Schicksalsverbundenheit und Gleichwertigkeit von Mensch und Tier.

Größer könnte der Unterschied zur hierarchischen Beziehung zwischen Mensch und Tier, die das Christentum vertritt, nicht sein. Die christlichen Kirchen haben sich immer wieder mit Nachdruck auf die eigene Vormachtstellung den Tieren gegenüber berufen. Sie verweigern damit überraschenderweise genau jene Haltung von demütiger Zuwendung (devekut), die mit dem Begriff der Barmherzigkeit in Verbindung gebracht wird.

Im Judentum wird diese sogar für Tiere gefordert, und dies bedeutet im Umkehrschluss, wenn Barmherzigkeit (rachamin) nicht auch für ein Tier gezeigt werden muss, wie kann sie dann einem Menschen gegenüber je glaubwürdig sein?
Ein weiterer Aspekt des jüdischen Tierschutzes ist die Anerkennung der seelischen Dimension der Beziehung, die Rücksichtnahme verlangt, ohne Mitleid einzufordern. Wenn ein Tier in Not gerät, ist seine Existenz bedroht und es empfindet Leid und Schmerz. Der Mensch ist aufgefordert im Sinne der Seelenrettung (pikuach nefesch) ein bedrängtes Tier zu retten, sogar wenn das Risiko besteht, dass der Helfer zu Schaden kommt. Eine Güterabwägung ist hier nicht vorgesehen, d.h. der Mensch darf sich gar nicht anders entscheiden, als dem Tier zu Hilfe zu kommen. Unabhängig von den Besitzverhältnissen und selbst, wenn das in Not geratene Tier dem Feind gehört, ist der Mensch zur Hilfe verpflichtet.

Schabbat für Tiere

Das Gebot, dem Tier einen Ruhetag zu gewähren, selbst wenn dies den Ruhetag des Menschen stört, zeigt eine Konsequenz, die – würde man sie auf heutige Verhältnisse projizieren – Rücksichtnahme und Selbstlosigkeit einforderten, die von den Kirchen als unvereinbar mit der Menschenwürde bezeichnet und somit verhindert werden würden. Anders als der oft zaghafte, stets um Selbstrechtfertigung bemühte christliche Tierschutz, zeigt die Radikalität der Jüdischen Tierrechtslehre, wie hoch die Stellung des Tieres im Alten Judentum war.

Umgang mit Nutztieren

Ein weiteres Beispiel für die hohe Stellung des Tieres im Alten Judentum ist der Umgang mit den Nutztieren, der auf dem Verbot der Tierquälerei beruht. Gerade weil die jüdische Tierschutztradition einen so hohen Standard der tiergerechten Nutztierhaltung vertritt, fällt die Kluft zwischen dem eigenen Anspruch und der Wirklichkeit besonders ins Gewicht. Einige der Gebote sollen hier aufgelistet werden:

– „Keine Person darf ein Tier kaufen, Tier oder Vogel, wenn diese Person nicht für das Futter sorgen kann.“ (Jerusalem Talmud Yemavot 15:3)
– „Jüdische Menschen müssen es vermeiden, Federn von lebenden Gänsen zu zupfen, denn es ist grausam dies zu tun.“ (Code of Jewish Law, Even HaEzer 5:14)
– „Wenn Tiere ihre Jungen verlieren, leiden sie großen Schmerz. ES gibt keinen Unterschied zwischen dem Schmerz des Menschen und dem Schmerz anderer Lebewesen.“ (Maimonides, Führer der Unschlüssigen, 3:48)
– „In der kommenden Welt wird Gott jene Reiter strafen, die ihre Pferde mit Sporen verletzen.“ (Sefer Chassidim, para. 44)

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Gottes unwerte Geschöpfe? – Religionen und Tierschutz – Teil 1

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Gruß Hubert

 

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