Archiv für 22. August 2016

Heute eine katholische Heilige, die keine war… alles andere als das – Mutter Teresa – der Todesengel   2 comments

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Mutter Teresa, alias Agnes Gonxha Bojaxhiu, wird ja allgemein angesehen als eine Nonne, die ihr Leben den Kranken und Armen gewidmet hatte. Dem war nicht so. Die Leute in Indien hatten Angst in ihr Krankenhaus gebracht zu werden, denn sie hatte auch den Namen „der Todesengel von Kalkutta“. Sie befürwortete das Leid und gab aus diesem Grund auch keine Schmerzmittel. Von Nächstenliebe war da nichts zu sehen.

Mutter Teresa hat dem Journalisten Christopher Hitchens einmal gesagt, „im Leiden der Armen liege auch „eine Schönheit“, die an das Leiden Christi erinnere“ (sueddeutsche.de, 8.3.2013)

Ganz allgemein muss man sagen, dass die katholische Kirche auch Inquisitoren, Gewaltherrscher, Frauenhasser, und Kriegsverbrecher selig bzw. heilig gesprochen hat, wie zum Beispiel den Kardinal Stepinac aus Kroatien, der mit der faschistischen Ustascha zuammengearbeitet hatte, und ein eifriger Unterstützer des genozidalen Regimes des Unabhängigen Staates Kroatien gewesen war.

Hier ein Auszug aus theologe.de zu Mutter Tersa, deren Umgang mit Schmerzen man nur zynisch und krank nennen kann.

Alle „heilig“ im katholischen Sinne! Entscheidend ist also nicht die Lebensführung. Entscheidend ist etwas anderes: All die sogenannten Heiligen haben dazu beigetragen, die Macht und den Einfluss der Vatikankirche zu vergrößern und dieser Kultorganisation weitere Gläubige zuzuführen. Das ist ausschlaggebend. Und die Frage ist: Wie sieht das bei Mutter Teresa (manchmal fälschlicherweise „Mutter Theresa“ geschrieben) aus Kalkutta aus? Passt auch sie zum Kader der angeblich Heiligen der römischen Kultreligion?

Den Todgeweihten wurden Schmerzmittel und Medikamente verweigert

Sie passt da ohne Zweifel voll mit hinein. Sie sagte von sich und ihren Helferinnen, sie seien weder Sozialarbeiter noch Ärzte noch Krankenschwestern, sondern „Missionarinnen“ – in Anlehnung an den von Agnes Gonxha Bojaxhiu im Jahr 1950 in Kalkutta in Indien gegründeten so genannten Orden „Missionarinnen der Nächstenliebe“. Es ging ihr also darum, als Missionarin möglichst viele Menschen zur Vatikankirche zu bringen – und letztlich nicht darum, sie medizinisch ausreichend zu behandeln. Das ist eine wesentliche Kritik an ihrer Person, die vielen Außenstehenden nicht bekannt ist.
Doch allmählich wird bekannt: In den Sterbehäusern Teresas wurden eklatante Missstände beobachtet. Drei renommierte kanadische Wissenschaftler der Universitäten Montreal und Ottawa untersuchten 2012 ihre Arbeit und veröffentlichten ihre Ergebnisse im Jahr 2013 in Studies in Religion/Sciences religieuses. Sie kamen zu dem Schluss
, dass ein Drittel der Patienten „im Sterben lag, ohne angemessen versorgt zu werden“. Wie es in der Studie weiter heißt, wurden den Schwerkranken und Todgeweihten in den Häusern von Mutter Teresa sogar Schmerzmittel und andere wichtige Medikamente verweigert. Und das, obwohl es in den meisten Unterkünften keine Engpässe gegeben habe. Sie selbst aber habe sich am Ende ihres Lebens in den USA behandeln lassen und ihr eigenes Leiden mit palliativen Methoden gelindert.
Die kanadischen Wissenschaftler wiesen auch darauf hin, dass das angebliche „Wunder“ Teresas, das für eine vatikanische Seligsprechung vorher notwendig ist, auf höchst umstrittenen Daten beruht. Indische Mediziner gaben an, die angeblich durch ein „Wunder“ von einem Tumor genesene 30-jährige Inderin sei in Wirklichkeit mit durchaus weltlichen Medikamenten „geheilt“ worden. „Der Vatikan habe den Prozess zur Seligsprechung Mutter Teresas mit Hilfe einer PR-Kampagne auf den Weg gebracht. Das dafür erforderliche Wunder, das sie an einer Frau vollbracht habe, sei später von Ärzten widerlegt worden.“ (sueddeutsche.de, 8.3.2013)
Das Konstruieren von „Wundern“ mag man noch als katholischen „Spleen“ belächeln, der ansonsten niemandem schadet. Doch wie gesagt: Wenn der Papst katholische „Selige“ und „Heilige“ ernennt, so hat das mit Jesus, dem Christus, nichts zu tun und ist ein übler Missbrauch Seines Namens, wie so vieles andere auch, was in der Kirche geschieht.

Katholische „Nächstenliebe“: Nadeln nicht desinfiziert, Teppichböden heraus gerissen, Möbel zerschlagen, ein Fahrstuhl verhindert

Aus christlicher Sicht gibt es also gar keine heiligen Menschen. Betrachten wir jedoch weiter, wem die vatikanischen Theologen 2016 das Attribut „heilig“ umhängen wollen, dann zeigt sich. Teresa passt gut zu den vielen, die für die Kirche über die Leichen ihrer Nächsten gingen, wie Gewaltherrscher, Inquisitoren und Kreuzzugsprediger.
Die hygienischen Zustände in den Ordenshäuser von Teresas Nonnen werden laut „Kritikern“ als „katastrophal“ bezeichnet, wie die Süddeutsche Zeitung 2003 zumindest erwähnte. Konkreteres findet sich in der Frankfurter Rundschau, wo die Historikerin Marianne Sammer zitiert wird. Die Professorin für Kirchengeschichte schreibt in ihrem Buch Mutter Teresa – Leben, Werk, Spiritualität:
„Die Zustände in Mutter Teresas Vorzeigeeinrichtungen … sind häufig und übereinstimmend beschrieben worden. So ist allgemein bekannt, dass Mutter Teresa den Einsatz professioneller (gespendeter) medizinischer Geräte verbot, Schmerz- und Betäubungsmittel aus ihren Einrichtungen weitgehend verbannte, dass Medikamente unsachgemäß verabreicht und grundlegende Hygienevorschriften nicht beachtet wurden
[so durften die Schwestern beim Waschen von Leprakranken beispielsweise keine Handschuhe tragen], dass die Schwestern Spritznadeln nicht desinfizierten und so oft wieder verwendeten bis sie stumpf waren, dass sie Teppichböden herausrissen und Möbel zerschlugen, weil sie ihnen als Luxus erschienen, oder dass Mutter Teresa in einem ihr als Krankenhaus überlassenen Gebäude den Einbau eines Fahrstuhl verhinderte.“ (S. 98f.)

„Organisierte Form der unterlassenen Hilfeleistung“ durch den „Todesengel“ Teresa

 

Als die englische Zeitung The Guardian bereits 1994 (flankierend zu dem Film The Missionary Position von Christopher Hitchens) die Zustände in Teresas Häusern als „organisierte Form der unterlassenen Hilfeleistung“ bezeichnete, erntete sie Entrüstung von offizieller katholischer Seite. Doch Zeugen berichten tatsächlich, dass Patienten mit ansteckenden Krankheiten nicht isoliert wurden, oder dass man z. B. einen 15-jährigen Jungen lieber sterben ließ als ihn an ein anderes Krankenhaus zu überweisen, wo es bessere Medikamente gegeben hätte. Und die Frankfurter Rundschau berichtete über Mutter Teresa: „Ihre Kritiker nennen sie ´Todesengel`, weil in ihrem Hospiz in Kalkutta wegen mangelhafter Hygiene und schlechter Ausbildung der Schwestern Menschen gestorben seien, die hätten gerettet werden können. Mutter Teresa sei es aber wichtiger gewesen, sie zu missionieren.“ (fr-online.de, 18.12.2015)

Die „Selige“ fabulierte von der „Schönheit“ des Leidens

Das eigentlich Schlimme daran ist jedoch: Es scheint sich nicht um einzelne „Ausrutscher“ zu handeln – sondern es scheint Methode zu haben. Der albanischen Nonne aus Skopje im heutigen Mazedonien ging es darum, die Sterbenden von den Straßen Kalkuttas aufzulesen, sie zu waschen und sie beim Sterben zu begleiten – eine im Prinzip löbliche Tat. Doch professionelle Hilfe für die Armen, die gesund werden, die weiterleben wollen, die Obdach und Bildung erhalten wollen, das war nicht ihr Ziel. Und es ist mehr als fraglich, ob es inzwischen das Ziel ihres Ordens ist. Mutter Teresa hat dem Journalisten Christopher Hitchens einmal gesagt, „im Leiden der Armen liege auch ´eine Schönheit`, die an das Leiden Christi erinnere“ (sueddeutsche.de, 8.3.2013), wobei einem Angst und Bange werden könnte. Denn das „Leiden Christi“ war ein grausamster Foltertod.

Professionell erzeugte „Armut“ und die dunklen Konten des Vatikan – Wie viel kostet die Heiligsprechung?

Passend zu diesem Gottesbild ist auch der Umgang mit Geld. Teresa hat ihren Nonnen eine fanatische Maxime der Armut auferlegt, damit auch sie entsprechend leiden. Sie dürfen nicht nur nichts Persönliches besitzen, sie dürfen sich auch bei ihrer Arbeit für den Nächsten so gut wie keiner Hilfsmittel bedienen. Sie dürfen nach Aussage von Marianne Sammer kein privates Telefon besitzen und – auch gemeinsam – weder Waschmaschine noch Tageszeitung noch Computer noch Fernseher. Eine Privatsphäre ist für sie ebenso wenig vorgesehen wie für die Patienten in den Einrichtungen. Doch das ist im katholischen Sinne nur konsequent. Die Nonnen können auf diese Weise ihrem Fanatismus frönen und sich als besonders „katholisch“ fühlen.
Und diese Lebenshaltung wird dann auch auf Patienten projiziert: Patienten mit Schmerzen erhalten oft keine Schmerzmittel, auch bei kleineren Operationen nicht, und auch sie werden dann mit dem Hinweis abgespeist, durch das Leid kämen sie Gott näher. (Stern, 17.9.1998)
Dabei verfügt der Orden aufgrund seines Bekanntheitsgrades inzwischen über Unsummen von Spenden-Geldern – von denen aber niemand weiß, in welche Kanäle sie geflossen sind und wie viel davon bei den Armen wirklich ankommt. Ein guter Teil des Geldes scheint in die Ausschmückung von Kirchen oder in weltweite Kampagnen gegen die Abtreibung und gegen jede Art von Verhütungsmitteln geflossen zu sein – die Lieblingsthemen der albanischen Ordensgründerin. Oder ist es gleich auf geheimen Konten der Vatikanbank gelandet? Es gibt keinerlei Transparenz. Die einzelnen Filialen des Ordens sind jedenfalls nach einer kurzen Phase der Anschub-Finanzierung strikt gehalten, sich die für ihren Betrieb nötigen Geldmittel und Sachspenden unabhängig von der Zentrale selbst zu erbetteln. Was diese mit Erfolg auch tun – die „Missionarinnen der Nächstenliebe“ sind bekannt dafür, dass sie grundsätzlich nichts bezahlen: weder in der Straßenbahn noch im Supermarkt. Es sei ja alles für einen guten Zweck.
Trotz gut gefüllter Konten wurde also überall gespart – eben nicht nur bei den Patienten, sondern auch bei den Nonnen, die sich allerdings freiwillig dafür entschieden, während Patienten vielfach zu Opfern wurden. Und gleichzeitig landete umso mehr Geld auf verborgenen Konten im Rahmen der Vatikankirche, in der Kardinäle und Bischöfe vielfach den genau entgegen gesetzten luxuriösen Lebensstil pflegen.

Hier weiterlesen:

Heute eine katholische Heilige, die keine war… alles andere als das – Mutter Teresa

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Christopher Hitchens – Mother Teresa: Hell’s Angel

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„Mutter“ Teresa – Papst spricht „Todesengel“ „heilig“
Die dunkle Macht hinter „Mutter“ Teresa

Auf dem Petersplatz fielen Nonnen in Ohnmacht, der Vatikan brachte eine Sondermarke heraus, fast alle Medien der Welt stimmten im Jahr 2003 in den Jubelchor ein – über die dunklen Seiten der in diesem Jahr „selig“ gesprochenen albanischen Nonne und Ordensgründerin „Mutter Teresa“, mit bürgerlichen Namen Agnes Gonxha Bojaxhiu (1910-1997), berichteten nur sehr wenige, es war kaum Kritik zu lesen. Am 4. September 2016 soll sie nun auch noch „heilig“ gesprochen werden. Doch für einen Christen gibt es keine heiligen Menschen. Nur Gott allein ist für ihn „heilig“. Die katholische Kirche betrachtet jedoch viele sündige Katholiken als „heilig“. Dabei geht es nicht um Ethik und Moral, wie viele „heilig“ gesprochene Verbrecher beweisen. Sondern „Heilige“ wurden Menschen, die der Kirche zu Lebzeiten genützt haben, z. B. durch Mitgliederrekrutierung. Außenstehende betrachten aber genau solches mit Recht als negativ. Mutter Teresa „wurde etwa vorgeworfen, versucht zu haben, verletzlichen Menschen den Katholizismus aufzuzwingen“ (ntv,de, 15.3.2016). Und auch die Diskrepanz zwischen dem Image, das der Vatikan Teresa gibt und vielen bekannten Fakten ist erheblich.

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Siehe auch:
https://hubwen.wordpress.com/2016/02/26/mutter-teresa-war-alles-andere-nur-keine-heilge/

https://hubwen.wordpress.com/2016/02/26/zur-seligsprechung-von-agnes-gonxha-bojaxhiu-alias-mutter-teresa/

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Gruß Hubert

 

Anmerkungen zur Religionsfreiheit   Leave a comment

Dr. Bleibohm analysiert Religionen ganz treffend. Es ist so wie er sagt: Der Mensch wählt seine Religion nicht frei; er wird hineingeboren. Auch das mit der Frühprägung kann ich nur unterstreichen. Auch der kanadische Psychiater Wendell W. Watters, schreibt in seinem Buch „Tödliche Lehre“ (Vorsicht – christlicher Glaube könnte ihre Gesundheit gefährden!) über die frühkindliche Indoktrination, aus der sich Menschen dann nur mit großen Schwierigkeiten wieder befreien können.

Wenn die Menschen etwas ignoranter wären, würde die Astrologie gedeihen – wenn sie etwas aufgeklärter wären, würde die Religion aussterben.
Robert G. Ingersoll

Für die Freiheit und das Leben aller Tiere!

Der Mensch wählt seine Religion nicht frei; er wird hineingeboren. Normalerweise.

Mit seiner Geburt wird er – zumindest durch die monotheistischen Religionen – in ein System der Unfreiheit hineingezogen, denn monotheistische Religionen sind  in ihrer Grundsubstanz totalitär und erheben den Anspruch, im Besitz einer absoluten, nicht diskussionsfähigen Wahrheit zu sein. Religionsunterricht in Schulen und in Tempeln dient der frühkindlichen Prägung im Sinne des jeweiligen übergeordneten Systems; Diktatoren aller Länder und Zeiten kannten und kennen das Prinzip. Die frühe Prägung lässt erwarten, dass die Zahl der späteren Abweichler, Menschen also, die sich auf einen selbständigen Erkenntnisweg machen, nachhaltig und deutlich minimiert wird. Sie bleiben ihrer Religion dank Frühprägung lebenslang verbunden, laufen ihr hinterher wie die Gänseküken ihrem Experimentator.

Um den jeweiligen der zahllosen Gottesgedanken rankt sich ein System dogmatischer und ritueller Vorschriften, die freies Denken radikal beschneiden, denn sie schreiben vor, was zu glauben, was nicht zu glauben ist, was zu…

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Veröffentlicht 22. August 2016 von hubert wenzl in Uncategorized

Die dunkle Seite des Hinduismus und von Gandhi   2 comments

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Wenn man ein paar Einzelheiten von Gandhi weiß, dann rasselt der Respekt vor ihm ganz schnell in den Keller. Wenn man zum Beispiel weiß, dass er das Kastensystem unterstüzt hat, rassistisch und auf der Seite der Reichen war.

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy klärt in der ZEIT über Mahatma Gandhi auf.

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Gandhis vergiftetes Erbe

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Unser Land ruht auf einem Fundament der Gewalt, sagt die indische Schriftstellerin Arundhati Roy – ein Gespräch.

DIE ZEIT: Mahatma Gandhi ist eine der meistbewunderten Figuren des 20. Jahrhunderts – Anführer des friedlichen indischen Unabhängigkeitskampfes gegen die britische Kolonialherrschaft, Vorbild für Martin Luther King und Nelson Mandela, ein Idol von Millionen in aller Welt. Sie, Frau Roy, haben kürzlich einen Essay publiziert, der Gandhi scharf angreift. Warum?

Arundhati Roy: Gandhis Erbe ist enorm. Aber unglücklicherweise hat man es zurechtgebogen und sogar verfälscht. Es hat nur noch wenig mit dem wirklichen Menschen zu tun. Meine Absicht war es zunächst gar nicht, über Gandhi zu schreiben; mein Text ist als Einleitung zur Neuausgabe eines Buches entstanden: Annihilation of Caste („Die Vernichtung des Kastensystems“) von Bhimrao Ramji Ambedkar, einem der bedeutendsten Intellektuellen des modernen Indien. Ambedkar war Gandhis größter Kritiker. Er hat ihn intellektuell, politisch und moralisch herausgefordert. Er wurde in eine Familie von Dalits hineingeboren …

ZEIT: … von „Unberührbaren“, den Menschen ganz unten in der Hierarchie der Kastenordnung, die von den Höhergestellten wie Aussätzige behandelt werden.

Roy: Annihilation of Caste ist der Text einer Rede, die Ambedkar nie gehalten hat. Er wurde 1936 veröffentlicht. Ambedkar verwirft darin den Hinduismus und attackiert das hinduistische Kastensystem, die brutalste, vulgärste, hierarchischste gesellschaftliche Organisationsform der Welt. Es ist ein aufrührerischer Text; kurz bevor er ihn schrieb, hatte Ambedkar öffentlich erklärt, dass er zwar als Hindu geboren sei, aber nicht als Hindu sterben werde. Annihilation of Caste ist eine Erklärung, warum man sich vom Hinduismus abwenden solle. Gandhi hat darauf geantwortet.

ZEIT: Und hat das Kastensystem verteidigt – ein System, in dem der Beruf und der soziale Rang jedes Menschen von Geburt an feststehen, als Schicksal, dem man nicht entkommen kann.

Roy: Ja, das hat er getan. Ich habe Gandhis Meinungen zur Kastenfrage zurückverfolgt zu seinen Meinungen zur Rassenfrage, die er in Südafrika vertreten hat, wo er von 1893 an zwei Jahrzehnte lang gelebt hat. Wir alle hier in Indien sind mit der Geschichte aufgewachsen, wie Gandhi zuerst politisiert wurde, weil man ihn in Pietermaritzburg aus einem Zugabteil geworfen hat, das für Weiße reserviert war. Aber das ist bloß die Hälfte der Geschichte.

ZEIT: Und die andere?

Roy: Gandhi war nicht über die Rassentrennung an sich empört. Die wirkliche Geschichte ist, dass er deshalb in diesem Abteil für Weiße saß, weil er glaubte, wohlhabende Inder aus den höheren Kasten sollten nicht mit „Kaffern“, wie er die Schwarzen nannte, im selben Abteil reisen. Sich das klarzumachen war ein bisschen schockierend. In meinem Text habe ich mich darauf beschränkt, Gandhis eigene Schriften aus der Zeit von 1893 bis 1946 zu zitieren. Er schrieb mit einem schockierenden Ausmaß von Verachtung über schwarze Afrikaner, indische Leibeigene, Unberührbare, Arbeiter und Frauen. Die längste Zeit seiner 20 Jahre in Südafrika hat er damit verbracht, um die Freundschaft des weißen Regimes zu werben, bis hin zur Erklärung, er wünsche sich eine „imperiale Brüderschaft“ mit den Briten.

ZEIT: Und dann, als er wieder nach Indien zurückkam, hat er diese Denkweise auf die indischen Verhältnisse übertragen und ist zum Anwalt des Kastensystems geworden?

Roy: Natürlich kann man schwer sagen, ob seine Auffassungen zum Rassenthema tatsächlich die zum Kastenthema vorgezeichnet haben; er ist ja schon in einer vom Kastenprinzip beherrschten Gesellschaft groß geworden. Aber seine Meinungen zu Rasse und Kaste sind auffallend konservativ. Man kann nicht einmal sagen, dass er eben „ein Mann seiner Zeit“ gewesen sei, denn unter seinen Zeitgenossen, sowohl in Indien als auch anderswo auf der Welt, gab es Leute wie Ambedkar oder Jyotiba Phule, die viel fortschrittlicher waren. Gandhi ist ohnehin niemand, zu dem ich mich automatisch hingezogen gefühlt habe; ich habe keine besondere Liebe zu Frömmigkeit und Reinheit – Dingen, von denen er besessen war. Es fällt sogar schwer, ihn als gutartigen Spinner abzutun. Es ist da etwas viel Bösartigeres am Werk. Es geht nicht bloß um gewaltfreien Widerstand, Ejakulationsverzicht, Ziegenmilch und selbst gesponnene Baumwolle.

ZEIT: Aber war Gandhi nicht ein scharfer Gegner der „Unberührbarkeit“, der Ausgrenzung und Entrechtung der niedrigsten Klasse?

Roy: Er hat die politische und soziale Kastenproblematik auf das symbolische, totemhafte Thema Unberührbarkeit reduziert. Die Kastenfrage ist in erster Linie eine Frage von Rechten – auf Land, Bildung, öffentliche Dienstleistungen. Unberührbarkeit ist eines von mehreren gewaltsamen Mitteln, mit denen Dalits terrorisiert werden; man wäscht ihnen das Gehirn, damit sie bleiben, was sie sind: ein Reservoir an billigen Arbeitskräften, die ein System nicht herauszufordern wagen, das angeblich von den Göttern gewollt ist. Gandhi hat darauf bestanden, alle Kasten sollten bei ihrer erblichen Arbeit bleiben, aber keine Kaste solle für nobler gelten als eine andere – damit wollte er die Menschen dazu bringen, sich über ihre Erniedrigung sogar noch zu freuen.

1936, als Ambedkar seine Polemik gegen das Kastensystem veröffentlichte, schrieb Gandhi einen Essay, in dem er die idealen Qualitäten beschrieb, die die Kaste der Latrinen-Arbeiter haben solle. Er glaubte, dass es ihre göttliche Pflicht sei, anderer Leute Exkremente wegzuschaffen, dass sie das für den Rest ihres Lebens tun und nie daran denken sollten, mit ihrer Arbeit „Profit anzuhäufen“.

 

ZEIT: Und doch ist er auch ein epochemachender Anwalt der Gewaltlosigkeit gewesen.

Roy: Der springende Punkt ist: Gandhis Doktrin der Gewaltlosigkeit ruht auf einem Fundament von dauernder, brutaler, extremer Gewalt – denn das ist das Kastensystem. Es kann ohne die Androhung und Anwendung von Gewalt nicht aufrechterhalten werden. Selbst heute noch laufen Dalits, die den Status quo infrage zu stellen wagen, Gefahr, einem regelrechten Ritualmord zum Opfer zu fallen. Es gab Massenproteste gegen die grauenhafte Gruppenvergewaltigung und Ermordung einer jungen Frau in einem Bus in Delhi im Dezember 2012. Im selben Jahr wurden 1500 Dalit-Frauen von Männern aus höheren Kasten vergewaltigt, und 650 Dalits wurden ermordet. Das gelangt kaum in die Nachrichten.

Die dunkle Seite des Hinduismus und von Gandhi

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Wer weiterlesen will:

http://www.zeit.de/2014/40/arundhati-roy-indien-gandhi-kastensystem/seite-2

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Gruß Hubert

 

Veröffentlicht 22. August 2016 von hubert wenzl in Politik, Uncategorized

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