Archiv für 23. September 2016

Der Begriff Heimat – Reinhold Messner   7 comments

.

Man muss immer sehen in welchem Kontext jemand das Wort Heimat gebraucht. Das Wort ‚Heimat‘ gehört zu mißbrauchtesten Wörtern der deutschen Sprache. Die Assoziationen, die es heute erweckt, sind so vielfältig, daß es sich kaum mehr eignet, als Instrument der Verständigung verwendet zu werden.

Es gibt auch viele Klischees, wie sie mein Landsmann, der ehemalige Gipfelstürmer Reinhold Messner anführt. Sie sind auf Südtirol bezogen aber einige passen auch anderswo.

Heimat, deine Klischees

Reinhold Messner
.
Die Mitte der Welt ist Südtirol nicht. Und doch kenne ich kein Volk,
dem „Heimat” so wichtig wäre. Die Gespräche, die Lieder, die Politik,
die täglichen Nachrichten – immerzu geht es um „Heimat”. Dabei ist
diese „Heimat”, wo die Dörfer verloren in den Tälern liegen, nicht die
Heimeligkeit der Hinterwelt. Nein, das war einmal. „Heimat” ist in
Südtirol heute ein Schlagwort. Mit dem Begriff „Heimat” lassen sich
Touristen anlocken, Stimmen bei der nächsten Landtagswahl fangen
und Subventionen einheimsen.
„Oh, du mein Heimatland Südtirol!” Mit deinen Heimatliedern, Heimat
filmen, Heimatabenden, Heimatmuseen, Heimatromanen und
Heimatfahnen bist du eine Ferienheimat für halb Mitteleuropa geworden!
Heimatbund und Heimatparteien kämpfen seit Generationen mit
Heimattreuen um Heimatansprüche an allen Heimatfronten. Getragen von
einer Art Heimatliebe, die blind macht. Heimatvereine und Heimatblätter teilen
sich die öffentlichen Gelder der Heimatkasse im Einsatz gegen die Heimatverräter.
.
Heimatdichter ehrt man mit Heimatpreisen, und die Kinder lernen dann ihre Namen
in der Schule in Heimatkunde. In Südtirol gibt es Heimatorganisationen für Heimatferne, eine Neue Heimat für Heimatvertriebene und Spott für Heimatlose, denn heimatlos ist man nicht.
Mich interessiert dieses Klischee von Heimat ebenso wie das Land, in
dem ich aufgewachsen bin. Vielleicht bin ich deshalb ein so „schwieriger Südtiroler”.
.
Aber ich lasse mir meine Heimat und meine Kulturnicht nehmen von jenen, die dieses Land für sich gepachtet haben.
Weder die Landesregierung noch die Schützenkompanien, nicht die
Freiheitshelden und alle Wähler der Südtiroler Volkspartei sind allein
Südtirol. Die „verwurzelten Tiroler” vergessen leider zu oft, wie fast
alle, die ständig von „Heimat” faseln, dass Heimat ein Teil persönlicher
Biographie ist. Ich fühlte mich in Villnöß daheim, wo ich groß geworden bin,
und bin doch mit vierzig Jahren umgezogen nach Juval, woich mir mit meinen Händen
und meinem Kopf selbst ein Nest für meine Gefühle geschaffen habe.
.
Ursprünglich bezeichnete Heimat etwas Praktisches, einen Bauernhof
oder eine Landschaft. In Tibet, wo die Leute das Wort Heimat, das
sich kaum in andere Sprachen übersetzen lässt, nicht kennen, reden
die Nomaden und Bergbauern nicht von diesen Heimatgefühlen. Es
reicht ihnen, eine Heimat zu haben: Dort bauen sie ihre Zelte auf,
weiden ihr Vieh, leben mit ihren Familien und kennen jedes Wasser
und jeden Stein. Zuerst möchte ich eine solche Heimat in mir selbst
haben. Nicht als einen nach vorne gedachten Zustand, der aus Erinnerungen
an die Kindheit genährt wird, auch nicht als „Heimat” aus zweiter Hand. Die
Gefühle und Erinnerungen meiner Vorfahren machen meine Heimat nicht aus.
Heimat hat für mich keine Fahne undkein Maß. Es ist ein Zustand, den ich mir
Tag für Tag neu erarbeiten muss. Es ist nicht Rückkehr zu den Wurzeln und nicht Suche nacheiner verlorenen Zeit, sondern das Schlagen von Wurzeln. Sich als
Individuum zu begreifen und sich Schritt für Schritt weiter zu tasten
macht vielleicht nicht glückselig, aber es schafft Heimat.
.
Ich weiß, dass Schloss Juval, wo ich heute lebe, in Fronarbeit erbaut worden
ist – trotzdem bin ich dort daheim, habe Raum für meine Freunde
und kenne jeden Baum. Und ich toleriere von Juval aus jedes andere
Beheimatetsein.
Viele andere Gefühle, die dem Begriff „Heimat” heute zugeordnet
werden, treffen eine Marktlücke, die Gefühlsarmut und Identifika-
tionsschwierigkeiten signalisiert. Viele Touristen nehmen aus ihrem
Urlaub ihre „Ferienheimat” in Form geknipster Lichtbilder mit, und
viele Einheimische glauben, jemandem zu gefallen, wenn sie „ihre Heimat”
immerzu „lieben”. Wenn Heimat ablichtbar ist und nicht kritisch gesehen
werden darf, bedeutet sie Grenze, und jedes Anderssein wird verpönt.
Heimat wird dann zum Etikett, Vorurteil zum Urteil. Mir ist immer noch unbegreiflich, warum gerade wir Südtiroler sounbefangen umgehen mit dem Begriff „Heimat”.
.
Trotz der traurigen Erfahrungen mit der Option (1939 stimmten 86 Prozent der Südtiroler für das Aufgeben ihrer Heimat) tun wir Südtiroler so, als sei nichts gewesen. Das Wort „Heimat” ist für mich nahezu unaussprechbar geworden. Dieser Begriff ist abgewirtschaftet. Er ist durch den ständigen Missbrauch leer geworden und durch die Geschichte beschädigt.
Ich schäme mich, als Südtiroler heute zu sagen: „Ich liebe meine Heimat.” Dieser Satz ist nicht nur durch unsere jüngere Geschichte widerlegt. Er ist auch durch ungezählte ältere und neuere Heimatlieder unmöglich geworden. Wir müssen das Wort „Heimat” mit neuen
Inhalten füllen, wenn wir es wieder benützen. Wir sollten wissen, wie es verdreht worden ist von Ideologen und Fanatikern, die vorgaben, dieses Land und diese Menschen zu lieben. 1939, als der „Völkische Kampfring Südtirols”, sich der Taktik der NS-Propaganda bedienend,schamlos das „Heim ins Reich” ausrief, hatte er völkisch und für Hitler,
aber gegen Südtirol entschieden. Im Namen von Heimat – Volk und Vaterland als überwertige Heimat begannen Umsiedlung und Heimatvertreibung.
.
Erst jetzt, da nicht jede Bürgerinitiative und jeder Umweltschützer „im Namen der Heimat” handelt, habe ich wieder ein bisschen Vertrauen zu diesem Wort.
Die wachen Menschen sorgen sich um ihre Heimat und tun etwas für
sie. Sie benutzen nicht nur einen Begriff, mit dem es so leicht ist,
Emotionen, Geld und Applaus zu sammeln. Trotzdem will ich es mir
auch morgen mit dem Begriff „Heimat” nicht leicht machen. Er bleibt
gefährlich, weil sich ihm so leicht keiner entziehen kann und weil er
so häufig missbraucht wird. Er kann als Waffe, als Liebeserklärung,
als Ausgrenzung und als Propagandamittel benutzt werden. Dabei ist
das Bedürfnis und die Sehnsucht nach Heimat durchaus etwas Notwendiges.
Nur, in Südtirol ist „Heimat” so sehr idealisiert, dass sichbei mir vieles gegen
sie sträubt.
.
Mich befällt in der Fremde nicht Heimweh, wenn ich einen Südtiroler treffe,
und ich bin nicht Südtiroler, weil Südtirol „das schönste Land der Welt” ist. Ich bin Südtiroler,obwohl ich ein brüchiges Verhältnis zu meiner „Heimat” habe. Ich
habe die Vorzüge anderer Gegenden kennen- und Menschen anderer Kulturen schätzen gelernt. Trotzdem höre ich nicht auf, zum staudigen und felsigen Hügel von Juval zurückzukehren und die verschrobenen Menschen dort zu mögen.
.
.

Der Begriff Heimat – Reinhold Messner

.

Gruß Hubert

 

Veröffentlicht 23. September 2016 von hubert wenzl in Kultur, Politik, Uncategorized

Getaggt mit , , ,