Norbert C. Kaser   1 comment

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Mein Landsmann Norbert C. Kaser war nie ein Bequemer, zu sehr juckte es ihm auch nach Provokation, um die für ihn zu engen Fesseln der Südtiroler Heimat und bornierter Künstler-„kollegen“ zu sprengen. Im folgenden einige Ausschnitte aus seinem Wirken und kurzen Leben (1947 – 1978).

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Ein streitbarer Tiroler war Norbert C. Kaser allemal, erst nach seinem Tod gewann er einen gewissen Einfluss über die Grenzen seiner Heimat hinaus. Nun erscheint ein großer Teil seines Werkes als Taschenbuch.

Von Matthias Kußmann

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Bruneck, wo Kaser sein Leben lang wohnte. Das Bild ist von 1964, Kaser war damals 16 Jahre alt. (picture alliance / dpa)Bruneck, wo Kaser sein Leben lang wohnte. Das Bild ist von 1964, Kaser war damals 16 Jahre alt. (picture alliance / dpa)

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„waer ich doch ein fisch
laege vergiftet im wasser
zur trauer den weibern
waer ich ein weitentfernter
vietnams
verfault im reis
zur freude den maennern
waer ich ein totgesoffner
am innsbrucker bahnhof

alles waer ich gern
nur nicht bei euch
waer ich nur ein toter taxilenker
waer ich nur ein rentnermoerder
waer ich nur ein kinderschaender
waer ich nur student

alles
nur nicht bei euch“

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Der Anfang eines Gedichts, das Norbert C. Kaser um 1970 schreibt. Er sympathisiert mit der 68er-Bewegung und tritt später in die Kommunistische Partei ein – allerdings in Südtirol, weitab der studentenbewegten Metropolen. Und sein Protest gegen die Väter und den Kapitalismus ist nicht, wie damals häufig, modische Pose, sondern innere Notwendigkeit. Kaser ist Zeit seines kurzen Lebens ein Außenseiter. 1947 in ärmlichen Verhältnissen unehelich geboren, von der Großmutter verteufelt, der Vater machte sich aus dem Staub.

„das gehoeft

brenn vaterhaus brenn
brenn großmutterhaus
das vieh ist heraus
sogar die henn

die verrueckten schweine
blendet das licht
gellend faellt der hof
in sich
brenn zu asche
nordwind
vertreibs

brenn vaterhaus brenn
brenn großmutterhaus
das vieh ist heraus
& auch die henn“

Kaser fällt gleich zweimal durch die Matura-Prüfung. Den dritten Anlauf macht er in einem Kapuziner-Kloster, wo er versucht, Brecht als Lektüre durchzusetzen, und erstmals eigene Texte liest. Wie die Brüder reagierten, ist nicht bekannt, jedenfalls verlässt er den Orden nach einem halben Jahr – mit der Matura. Dennoch ist Kaser, auch das ungewöhnlich bei 68ern, ein gläubiger Christ – allerdings ein kritischer. 1976 tritt er aus der Kirche aus.

„da ich ein religiöser mensch bin, trete ich aus der katholischen kirche aus. (…) versuchen Sie nicht mir nachzulaufen oder mich zu belaestigen wie das verirrte schaf – lassen Sie meinetwegen Ihre ewig opfernde lammfromme herde ja auch nur keinen augenblick lang unbehuetet. – mit keinerlei hochachtung …“

Kaser studiert Kunstgeschichte, bricht es ab und arbeitet als Hilfslehrer in kleinen südtiroler Bergschulen, wo er selbst Texte für die Schüler schreibt, weil er Lehrbüchern misstraut. Er ist Mitte 20 und Alkoholiker, die Weinflasche steht beim Unterricht auf dem Pult. Da hat er bereits erste eigene Gedichte publiziert – in kleinen handgemachten Bändchen, eines heißt „Probegesaenge“, eines „20 Collagen und 20 Fuerze“. In die literarischen Karten schauen lässt er sich weder damals noch später. Durch Zufall ist ein kurzes Radiogespräch mit ihm erhalten geblieben. Kaser ist 30 und als Autor völlig unbekannt, noch ist kein Buch von ihm in einem Verlag erschienen.

„Ich bin grundsätzlich gegen Werkstattgespräche. Warum ich irgendwie was schreibe und dass ich etwas schreibe, das soll man bitte mir selber überlassen. Ich möchte auch keine Erklärungen abgeben über dieses oder jenes. Wer´s versteht – ist gut und recht. Wer´s nicht versteht – tut mir Leid.“

Seine südtiroler Autorenkollegen und ihre süßliche Heimatdichtung verspottet er – Kaser orientiert sich an der Weltliteratur. Er liest und liest, vor allem amerikanische Beatpoeten, dann Charles Olson und Robert Creeley. Wie sie nutzt er eine einfache Sprache, Alltagsjargon, Kraftausdrücke, rhythmische Wiederholungen und ungewöhnliche Metaphern. Er verdichtet seine Texte immer mehr, manchmal nähern sie sich dem Haiku, freilich einem bitteren. Wie hier, wenn im letzten Vers die anfängliche Idylle in existentielle Gefährdung umkippt:

„ueber dem meer
in fuelle der mond
die luft ein
schnitt am hals“

Dieses Gedicht steht in Kasers Handschrift auf der Umschlag-Rückseite des Bandes „herrenlos brennt die sonne“, mit dem der Haymon Verlag an den Autor erinnert. Kasers Handschrift ist klar, fast kindlich einfach.

„des esels tod

mein esel mein esel
warum bist du so tot
zucker bring ich dir
in diesem seltnen fall
& tausend kuesse von mir
im frischgestreuten stall“

 

Und die südtiroler Bauernkinder lernen ohne gereckten Zeigefinger, dass sich Nachdenken lohnt, dass man keine Angst vor sogenannten Autoritäten haben muss und dass sich Tiere freuen, wenn sie einen sauberen Stall haben.

„die ersten kuehe waelzen sich vor freude und bruellen, die schweine laufen quietschend davon. Um halbzehn glaenzt der ganze stall.“

Immer wieder versucht sich Kaser in kurzen Prosastücken über sein eigenes Leben und Schreiben klar zu werden. Auch dafür gibt es ein beeindruckendes Beispiel im vorliegenden Auswahl-Band. „warum gerade brixen?“ heißt der Text, in dem der Autor in gespielt naivem Ton über seinen Geburtsort nachdenkt, der ihm niemals Heimat war, über seine uneheliche Geburt und die Jahre bei den „grauen Schwestern“ in einem Nonnenkloster, wohin ihn seine Mutter als Kind gegeben hatte.

„die zeiten waren nicht die besten, aber alois, zu olang ein metzger ohne rechtschreibkenntnisse geworden, versorgte in allem frieden unsere familie mit fleisch & nahrungsmitteln, die zum großteil die grauen schwestern selber fraßen. Diese nonnen ließen mich tagelang in nassen windeln liegen, bis mein kleiner hintern fleischig war & man mich nach kastelruth in pflege gab. Dort traf mich die englische krankheit, dass mein ueberschwerer kopf nur so baumelte …“

Am Ende des Textes steht eine lakonische und Kaser-typische Volte – plötzlich wendet sich, ob ironisch oder nicht, mag der Leser entscheiden, alles zum Guten.

„meine tanten liebten mich & meine großmutter hatte spaeter keinen lieberen enkel als mich. Das ist vorlaeufig alles.“

Kaser soll häufig Briefe und Postkarten an sich selbst geschickt haben, auf denen manchmal nur ein einziges Wort stand. Einmal war es eine Karte mit Giottos Bild „Auferstehung des Lazarus“. Auf die Rückseite notierte er nur das Wort: „hoffentlich“. — Mit 28 muss er, schwer leberkrank, zum Alkoholentzug in die Psychiatrie.

„es ist ein gutes spital mit vielen freiheiten – so viele freiheiten, dass man die vergitterten fenster erst richtig spuert.“

Nach dem Entzug beginnt er wieder zu trinken. Am 21. August 1978, mit 31 Jahren, stirbt Norbert C. Kaser an einem Lungenödem als Folge von Leberzirrhose, mit grotesk aufgequollenem Leib. Sein letztes Gedicht lautet:

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„ich krieg ein kind
ein kind krieg ich
mit rebenrotem kopf
mit biergelben fueßen
mit traminer goldnen haendchen
& glaesernem leib
wie klarer schnaps

zu allem lust
und auch zu nichts
ein kind krieg ich
es schreiet nie
lallet sanft
ewig sind
die windeln von dem kind
feucht & nass

ich bin ein faß“

Ein Jahr nach Kasers Tod erscheint die erste Auswahl seiner Werke. Mehrere Verlage erinnern im Lauf der Jahrzehnte an ihn, darunter Diogenes, die Friedenauer Presse, dann Haymon mit einer dreibändigen Werkausgabe. Er wird jedes Mal von den Feuilletons wiederentdeckt und bald darauf vergessen. Höchste Zeit also, Kasers widerborstige, zugleich poetische Texte neu zu lesen und im Gedächtnis zu behalten.

„kakteen
(…)
bluehen ist ihre staerke nicht

werft sie vom fenster
und mich dazu
mein fallen mit toenernen toepfen
ist mir musik“

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Norbert C. Kaser

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Gruß Hubert

 

Veröffentlicht 19. Oktober 2016 von hubert wenzl in Literatur, Lyrik, Uncategorized

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Eine Antwort zu “Norbert C. Kaser

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  1. »jetzt mueßte der kirschbaum bluehen«

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    Das kurze Leben von Norbert C. Kaser ist schon so oft ›erzählt‹ worden, dass ich mich hier auf wenige Hinweise beschränken kann. Kaser wurde 1947 in Brixen als uneheliches Kind geboren (»heimlich zur Welt gebracht«, wie es Haider formuliert) und anschließend eine Zeitlang bei Klosterfrauen, den »grauen Nonnen«, in die Pflege gegeben. Seinen Nachnamen erhielt er vom Stiefvater. Die Eltern schickten ihn, obwohl es zu Hause an fast allem mangelte, auf das Gymnasium in Bruneck. Erst im dritten Anlauf bestand er die Matura. Da war er schon als Frater von den Kapuzinern aufgenommen und bald darauf wieder aus dem Kloster komplimentiert worden (oder im Protest gegangen, je nachdem). 1969 verstört er dann in der Brixener Cusanus-Akademie die Südtiroler Zuhörerschaft mit einer heftigen Attacke gegen die konservative, rückwärts gewandte Literatur seiner Heimat. In den Jahren, die ihm noch bleiben, lässt er keine Provokation aus. Er sagt der katholische Kirche Adieu (»da ich ein religiöser Mensch bin«), tritt in die KPI ein, arbeitet als Hilfslehrer, die Zweiliter-Weinflasche auf dem Pult, in abgeschiedenen Bergdörfern hoch über dem Pustertal, kurze Zeit auch als Mauteinnehmer an der Brennerautobahn in Sterzing; dazwischen bricht er immer wieder zu Reisen auf nach Norwegen und Tunesien oder nur nach Wien und vor allem in die italienische Nachbarschaft, die er als zweite Heimat begreift, nach Verona und Triest. 1978, er hatte sich gerade wieder einmal einer Entziehungskur unterzogen, kommt der endgültige Zusammenbruch: Leberzirrhose und Lungenödem, so lauten die finalen Diagnosen.
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    Zurück zu dem Taschenbuch »jetzt muesste der kirschbaum bluehen«, das ich mehr als drei Jahrzehnte, nachdem ich zum ersten Mal auf den Namen von Norbert C. Kaser gestoßen war, immer noch staunend durchblättere. Am Anfang des Gedichtteils stehen elf Kindergedichte, jedes »ein scherzo«, beginnend mit den einfachen Zeilen über einen Birnbaum: »im sommer macht er nichts / im herbst wirft er birnen ab«. Kaser muss, das lässt sich an seinen für Kinder eingerichteten Texten ablesen, ein begabter, einfühlsamer Pädagoge gewesen sein. Als Autor verkehrte er mit den Kindern auf Augenhöhe, weder herablassend noch absichtsvoll und schon gleich gar nicht anbiedernd, im Gegenteil. Was er für seine Schüler schrieb, war poetische Übersetzungsarbeit, die immer von der Erlebniswelt und der Sprache der Kinder ausging: »laß keine fliege in / der milch baden / laß keinen fuchs bei / hennen übernachten«. Von solchen Gedichten führt nur ein kurzer Weg zu den lyrischen Kindheitserinnerungen, die weit mehr sind als nostalgisch eingefärbte Impressionen: nämlich schmerzhaft genaue Vergegenwärtigungen früher Angstzustände, ob es sich um den Anblick eines toten Siebenmonatskindes im Taufkleid (»die kindsleiche von schloss neuhaus«) handelt oder um einen verheerenden Brand (»brenn vaterhaus brenn / brenn großmutterhaus / das vieh ist heraus / & auch die henn«). Die Jahreszeiten sind bei Kaser scharf konturiert, vor allem die Winterbilder: »felder / von stoppeln durchstochen / rinnsal / dampfend toter schweine / im schnee«. Und immer wieder münden die Gedichte in Sentenzen, die mit dem eigenen Land abrechnen: »jeder stammtisch / wird vererbt«.
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    Norbert C. Kaser war gewiss kein »Nestbeschmutzer«, wie es ewiggestrige Kritiker wahrhaben wollten, sondern ein unglücklich Liebender, von seiner Heimat ständig Zurückgewiesener. Das erklärt auch die schroffen Verrisse, mit denen er Südtirol bedenkt, so im
    »lied der einfallslosigkeit«: »geliebtes land / aus kuhglocken gebaut & / gasthausrauferei«.
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    Ähnlich verhält es sich wohl auch mit dem Verhältnis von Kaser zur katholischen Kirche. 1988, rechtzeitig vor dem Katholikentag, hatte ich in die Anthologie »Katholische Kindheit« mit einiger Besorgnis Kasers Skizze »erstkommunion oder die gewaltsame begegnung mit gott« aufgenommen. Damals schrieb ich im Anhang des bei Herder publizierten Buches, der Text überschreite »sicherlich die Grenze zur künstlerisch absichtsvollen Blasphemie«. Kaser, kein Zweifel, wollte provozieren. Aber dem vom Dichter inszenierten Ärgernis steht sehr oft der eigene, nie abgelegte Glaube im Weg, insbesondere die alten, frommen Bilder und die Heiligen, die mit ihren Legenden für den Autor so etwas wie eine spirituelle Heimat gewesen sein mögen. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Gedichte »st. sebastian« (ein Heiliger, der durchaus zum versteckten Selbstporträt des Dichters taugt) und »martin, der soeldner«. Auch hier zieht Kaser Parallelen zum eigenen, desillusionierten Leben: »mein mantel ist groß / wie seiner / & kein bettler da / nicht einmal / Du / zum unterkriechen«. Bei dem Südtiroler Schriftsteller mischt sich die eigene Frömmigkeit mit dem Spott über die geheuchelte Frömmigkeit der Glaubensverwalter. Weder vor selbsterlittenen Klostererfahrungen (der Klosterspruch durch das Beichtgatter »riecht nach stockfischhungertuch«) noch vor den Friedenstauben (»die mausgrauen bazillentraeger / nesthaekchen des lieben / katholischen gottes«) macht dieser Spott Halt, der freilich trotzdem nie von seinem Gegenstand loskommt.
    An vielen, wenn nicht den meisten Gedichten Kasers lässt sich die Dialektik von Liebesentzug und Liebe festmachen…
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    Wer das gesamte literarische Schaffen von Kaser, seine Briefe eingeschlossen, kennenlernen möchte, sollte zu der dreibändigen Ausgabe greifen, die zwischen 1988 und 1991 bei Haymon in Innsbruck herausgekommen ist. Auf meinem Lyrikregal steht auch das Buch »Herrgottswinkel« griffbereit, 2005 im Münchner A1 Verlag erschienen. Die kluge, kenntnisreiche Gedichtauswahl des Bandes hat der Münchner Photograph Volker Derlath besorgt und das Vorwort dazu stammt von dem ehemaligen Künstlerseelsorger der Erzdiözese München und Freising, Georg Maria Roers SJ. Mit Kasers Gedichten treten die Schwarzweiß-Photographien von Derlath in einen spannungsreichen Dialog. Den abgesunkenen Devotionalien auf Antikmärkten, religiösen Graffiti, Kreuzen auf gefliesten Wänden, lieblos-zufällig dekorierten Wirtshausecken und beschädigten Christusfiguren wächst im Kontext der Lyrik von Kaser eine neue Strenge und Wahrhaftigkeit zu. Die Armseligkeit der Zeichen, ihre Abgenutztheit, wird plötzlich zur Herausforderung für unser modernes Bewusstsein – so wie die Texte des Südtiroler Dichters.
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    http://www.dasgedichtblog.de/wiedergelesen-folge-4-jetzt-muesste-der-kirschbaum-bluehen-von-norbert-c-kaser-ausserdem-hergottswinkel-von-volker-derlath-photographien-und-norbert-c-kaser-gedi/2014/12/15/
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    Gruß Hubert

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