Archiv für 28. Januar 2017

Euthanasie im Reiche Hitler’s   1 comment

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Rechts steht unter anderem für gesund und stark. Alles andere war für die Nazis unwertes Leben und unnütze Esser. Schwache und Kranke wollte man nicht „durchschleppen“. Der „gesunde Volkskörper“ und der Rassenwahn vertrug keine nicht „richtig Deutschen“ und Menschen mit physischen oder psychischen Defekten. Die wurden als Schädlinge für den gesunden Volkskörper gesehen. Unglaublich für mich auch dieser Zynismus und das Stillehalten der großen Masse. Kennzeichnend für den Nationalsozialismus war auch die höhnische und zynische Sprache – und wie viele Spottlieder es gab… antisemitische Witze sowieso. Und heute jaulen manche Rechtsextreme schon wieder auf, wenn sie nicht in dieser Sprache reden dürfen und reden dann von Einschränkung der Meinungsfreiheit. Und die böse „Lügenpresse“ gibt sie nicht richtig wieder – es war ja doch alles ganz anders gemeint.

Wie menschenverachtend das nationalsozialistische Regime war, kann man auch am Euthanasieprogramm ablesen. Am 27.01.2017, 72 Jahre nach Ende des 12-jährigen Reiches erinnerte Deutschland erstmals öffentlich an diese vielen namenlosen Opfer.

Euthanasie heißt ja schöner oder guter Tod. Aber das war es im Dritten Reich ganz sicher nicht, siehe hier bei Wikipedia:

die systematischen Morde insbesondere an Menschen mit körperlich und/oder geistigen bzw. psychischen Beeinträchtigungen zur Zeit des Nationalsozialismus als Teil der sogenannten nationalsozialistischen „Rassenhygiene“

Kinder-Euthanasie, Ermordung von Kindern in Krankenhäusern in sogenannten „Kinderfachabteilungen“
Aktion T4, Erwachsenen-„Euthanasie“, Ermordung von Psychiatriepatienten und Behinderten 1940/1941 in Tötungsanstalten
Aktion 14f13, Ermordung von KZ-Häftlingen in den Tötungsanstalten der Aktion T4
Aktion Brandt, Ermordung von Psychiatriepatienten und Behinderten in Krankenhäusern ab 1943
Passive bzw. aktive Sterbehilfe, die Unterstützung von Sterbenden in der letzten Lebensphase (Euthanasia medicinalis) oder bei der vom Sterbenskranken gewünschten Herbeiführung des Todes, ein in Folge der NS-Geschichte des Wortes mittlerweile ungebräuchlicher Begriff.

https://de.wikipedia.org/wiki/Euthanasie

Aus dhm.de

Ende der 1930er Jahre gab das Rassenpolitische Amt der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) ein Werbeplakat heraus, das einen sitzenden, offenbar bewegungsunfähigen verkrüppelten Mann und einen hinter ihm stehenden Pfleger zeigt. Die bildliche Aussage wird durch den Satz „60.000 RM kostet dieser Erbkranke die Volksgemeinschaft auf Lebenszeit“ und den Hinweis „Volksgenosse das ist auch Dein Geld“ verdeutlicht: Behinderte und unheilbar Kranke wurden aus der stets propagierten Volksgemeinschaft – ähnlich den Juden, Sinti und Roma und anderen Gruppen – ausgegrenzt. Ihr Tod bedeutete eine Einsparung für jeden gesunden „Volksgenossen“. Mit den anthropologischen, genetischen und eugenischen Forschungen der „Rassenhygieniker“ wurde ab Herbst 1939 der als „Euthanasie“ bezeichnete Mord an den Menschen gerechtfertigt, deren Leben nach NS-Ideologie „nicht lebenswert“ war. Aus der ursprünglichen Bedeutung des Wortes „Euthanasie“ vom „guten“ oder „schönen Tod“ wurde im NS-Regime die Pflicht des Staates abgeleitet, sich der von den Nationalsozialisten als „Defektmenschen“ und „Ballastexistenzen“ titulierten Behinderten zu entledigen.

KAPITELÜBERBLICK
Jahreschroniken

Der Ermordung unheilbar Kranker und Behinderter hatte Adolf Hitler im Oktober 1939 mit einem auf den 1. September zurückdatierten und auf seinem Privatbogen verfassten Schreiben die Ermächtigung gegeben: „unheilbar Kranken … [sollte] der Gnadentod gewährt werden“. Die Rückdatierung des Erlasses verdeutlichte, dass mit Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 auch der innere Krieg gegen Menschen begonnen hatte, die dem Rassenideal der Nationalsozialisten nicht entsprachen und somit als „schädlich“ und „wertlos“ galten. Adressiert war das Schreiben an Philipp Bouhler (1899-1945), Leiter der „Kanzlei des Führers“, und Hitlers Leibarzt Karl Brandt (1904-1948). Unter der Tarnbezeichnung „Aktion T 4“ – benannt nach dem Sitz der Organisationszentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4 – setzten sie mit Unterstützung von Ärzten, Pflegekräften und Verwaltungsbeamten in verschiedenen Tötungsanstalten in Deutschland den Massenmord an geistig Behinderten und anderen „unerwünschten Elementen“ um.

Für die „Aktion T 4“ wurden verschiedene Tarngesellschaften gegründet, über die das „Euthanasie“-Programm abgewickelt wurde: In der „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“ entwarf ein Ärzteteam Meldebögen und ärztliche Gutachten über Behinderungen. Die „Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft“ organisierte die Verlegungstransporte – zumeist in grauen Bussen. Der „Allgemeinen Stiftung für Anstaltswesen“ oblag das Personalwesen. Ende 1939 begann die Versendung der Meldebögen zur „planwirtschaftlichen Erfassung“ der Anstaltspatienten. Es wurde nach Art der Krankheit, Dauer des Anstaltsaufenthalts und Arbeitsfähigkeit gefragt. Nur anhand der ausgefüllten Formulare entschieden dann je drei der etwa 30 Gutachter (Ärzte, Hochschullehrer und Anstaltsleiter) unabhängig voneinander über Leben und Tod der Patienten. Bei abweichenden Beurteilungen sprach ein Obergutachter das endgültige Urteil. „Todeskandidaten“ wurden in die „Euthanasie“-Anstalten Grafeneck, Brandenburg, Hartheim, Pirna, Bernburg und Hadamar gebracht. Dort wurden bis August 1941 insgesamt rund 70.000 Menschen – zumeist durch Vergasungen oder Injektionen – ermordet. Bei den ersten Vergasungen der „Aktion T 4“ in Brandenburg 1940 wurden die Opfer in als Duschräume getarnte Gaskammern geführt.

Die Leichen wurden sofort eingeäschert, um Untersuchungen durch Angehörige zu unterbinden. Diese erhielten Schreiben mit fingierten Todesursachen und Sterbeorten.

Hier weiterlesen
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/voelkermord/euthanasie.html

Aus Tagesschau.de

Für mich hat das Euthanasie-Programm der Nazis ein Gesicht: das Gesicht meiner Oma. Ich habe sie nicht kennenlernen dürfen, weil ein gewissenloser Nazi-Scherge entschieden hatte: Diese Frau ist lebensunwert, die kommt weg. Und warum? Weil sie es nicht aushalten konnte, dass ihr Mann, mein Großvater, auf dem Schlachtfeld in der Ukraine gefallen war und nie wieder zurückkehren würde. Weil ihr Geist das einfach nicht wahrhaben wollte und weil ihre Nerven brachen.
Sie wurden „entsorgt“

An die 300.000 Menschen wurden „entsorgt“, weil sie behindert waren. Oder, wie meine Großmutter, weil sie psychisch krank waren. Kaum einer stand damals für diese Schwächsten der Gesellschaft ein. War es Scham? Scham, weil man eine Mutter, eine Schwester, einen Onkel hatte, die von der Obrigkeit als abnorm, als unnütze Esser abgestempelt wurden? Als Schädlinge gar für den gesunden Volkskörper, wie es eine Angehörige eines Euthanasie-Opfers bei der Gedenkstunde formuliert hat?

Für mich hat das Euthanasie-Programm der Nazis ein Gesicht: das Gesicht meiner Oma. Ich habe sie nicht kennenlernen dürfen, weil ein gewissenloser Nazi-Scherge entschieden hatte: Diese Frau ist lebensunwert, die kommt weg. Und warum? Weil sie es nicht aushalten konnte, dass ihr Mann, mein Großvater, auf dem Schlachtfeld in der Ukraine gefallen war und nie wieder zurückkehren würde. Weil ihr Geist das einfach nicht wahrhaben wollte und weil ihre Nerven brachen.
Sie wurden „entsorgt“

An die 300.000 Menschen wurden „entsorgt“, weil sie behindert waren. Oder, wie meine Großmutter, weil sie psychisch krank waren. Kaum einer stand damals für diese Schwächsten der Gesellschaft ein. War es Scham? Scham, weil man eine Mutter, eine Schwester, einen Onkel hatte, die von der Obrigkeit als abnorm, als unnütze Esser abgestempelt wurden? Als Schädlinge gar für den gesunden Volkskörper, wie es eine Angehörige eines Euthanasie-Opfers bei der Gedenkstunde formuliert hat?
Rund sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, erinnert Deutschland erstmals öffentlich an diese vielen namenlosen Opfer.

https://www.tagesschau.de/kommentar/euthanasie-gedenkstunde-101.html

Einige Diagnosen von Salzburger Kindern.

Diagnosen, die zur Tötung der Salzburger Kinder führten

Das Kind ist nach einer Frühgeburt zart, der Vater in Russland gefallen, die Mutter ist nicht verheiratet und muss arbeiten, daher weist es der Amtsarzt (zuerst) Pflegeeltern zu.
Erbbiologisch erfasst und als erbkrank angezeigt
Lähmungen an den Beinen, geringer Wortschatz
Nach Kinderlähmung verzögerte körperliche und geistige Entwicklung, sowie Lähmungserscheinungen an den Extremitäten
Hydrocephalus, spastische Lähmung der Extremitäten, Schluckbeschwerden
Entwicklungsverzögert, in den Augen des Amtsarztes „schwachsinnig“
Nach Hirnhautentzündung taubstumm, rachitische Knochenerweichung der Extremitäten
Mongolid (Anmerkung: Downsyndrom), ärmliche Familie; Kind kann mit drei Jahren weder sprechen noch gehen
Angstzustände und epileptische Anfälle nach Bombenangriff (nach Beobachtung im Landeskrankenhaus ungeheilt wegen „Aussichtslosigkeit“ entlassen und gemeldet)

http://www.salzburg.com/wiki/index.php/NS-Kindereuthanasie

Das nationalsozialistische Deutschland griff älteres sozialdarwinistisches Gedankengut begierig auf und unterwarf das menschliche Leben einem erbarmungslosen Kosten-Nutzen-Kalkül: Für „Ballastexistenzen“ und „unnütze Esser“ war kein Platz. Die „rassische Höherentwicklung des Volkes“ forderte die Ausmerzung aller „Minderwertigen“ und „Erbkranken“. Das NS-Euthanasieprogramm wurde durch eine perfide Propagandatätigkeit vorbereitet, die die „zwingende Notwendigkeit“ der „Tötung“ lebensunwerten Lebens zum Ziel hatte.

Die „Ausmerzung lebensunwerten Lebens“ war propagandistisch nach sechs Jahren nationalsozialistischer Herrschaft soweit vorbereitet, dass Adolf Hitler Ende Oktober 1939 auf nichtamtlichem Privatpapier einen Geheimbefehl unterschreiben konnte: „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftrag, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann“. Der Erlass ist mit „1. September“, dem Tag des Kriegsausbruches rückdatiert. Damit sollte einerseits dokumentiert werden, dass der Beginn äußeren, „heroischen“ Neuordnung Deutschlands auch das Datum für die fällige innere Reinigung von „minderwertigen Elementen“ sein müsse, andererseits erwähnte Hitler schon 1935, dass er die Euthanasiefrage dann „aufgreifen und durchführen werde, wenn während eines Krieges der Widerstand dagegen geringer“ sein wird.

Durchgeführt wurde das NS-Euthanasieprogramm – die Aktion „T4“ – vom Amt II der „Kanzlei des Führers“, dem Viktor Brack vorstand. Dieser errechnete, dass auf 1.000 Einwohner ein „geistig Toter“ falle, der der Vernichtung zugeführt werden müsse. Nur eine Industrialisierung des Mordes konnte die geforderte Massenvernichtung bewältigen: Am 18. Oktober 1939 wurde erstmals das Vergasen von Menschen am Beispiel von polischen psychisch Kranken in den Befestigungsanlagen von Posen erprobt. Der Rassenhygieniker der Universität Gießen, Prof. Kranz, ein überzeugter Nationalsozialist, forderte darüber hinaus die Vernichtung von einer Million Menschen, die er als Persönlichkeitsgestörte den Schwachsinnigen gleichsetzte und sie als gemeinschaftsunfähig bezeichnete: Neben der „Auslese“ sei die „Ausmerze“ notwendig.

Zur Durchführung der „Ausmerze“ wurden drei Tarngesellschaften errichtet, die in den Heil- und Pflegeanstalten, Altersheimen und Pflegeanstalten Terror und Tod verbreiten. Im gesamten Reichsgebiet wurden sechs Tötungsanstalten eingerichtet: Hadamar bei Koblenz, Hartheim bei Linz, Bernburg in Anhalt, Sonnenstein bei Pirna, Grafeneck  in Württemberg und Brandenburg bei Berlin. Dort wurden Kranke aus allen Teilen des „Großdeutschen Reiches“ und aus den von der Wehrmacht eroberten Teilen Europas systematisch getötet, über 500 davon stammten aus Nord- und Südtirol.

[…]
„ES ist geschehen“, schreibt Primo Levi, „folglich kann ES wieder geschehen“.

http://www.psychiatrie.or.at/index.php/9-geschichte/73-nationalsozialistische-verbrechen-an-psychisch-kranken

Transportliste der Deportierten 1941

http://www.tenhumbergreinhard.de/05aaff9c310b0fe15/05aaff9c360ff9610/index.html

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Typischer nationalsozialistister Zynismus

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oder auch die Aufschrift bei den KZ-Toren: „Arbeit macht frei“

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Gruß Hubert

Niklas Frank und sein Vater   Leave a comment

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Vor kurzem war Niklas Frank, der Sohn von Hans Michael Frank, in einer Fernsehsendung des ZDF eingeladen. Der Vater Hans Michael Frank wurde am 16. Oktober 1946 im Kriegsverbrecher-Prozess in Nürnberg hingerichtet.
Sein Sohn rechnete mit dem Wirken seines Vater in der NS-Zeit radikal und schonungslos ab. Er war schockiert über die Verbrechen, die auf das Konto seines Vaters gingen. Seine drei Geschwister bleiben auch nach dem Tod des Vaters national und faschistisch. Auch die Mutter rückt nicht ab vom alten Herrenmenschendenken. Niklas Frank zeigt auch auf wie unterschiedlich in deutschen Familien mit der Vergangenheit umgegangen wurde. Niklas hat seinem Vater nie verziehen. Niklas Frank arbeitete die Zeit seines Vater auf und schrieb das Buch: „Der Vater – Eine Abrechnung“.

Zu Hans Michael Frank aus Wikipedia:
Hans Michael Frank (* 23. Mai 1900 in Karlsruhe; † 16. Oktober 1946 in Nürnberg) war ein nationalsozialistischer deutscher Politiker. Er schloss sich der DAP, Vorläuferin der NSDAP, bereits 1919 an, fungierte als Adolf Hitlers Rechtsanwalt und war höchster Jurist im „Dritten Reich“.

Während des Zweiten Weltkrieges war er Generalgouverneur des besetzten Polen und wurde von Zeitgenossen der „Schlächter von Polen“ oder der „Judenschlächter von Krakau“[1] genannt. Sein Staatssekretär Josef Bühler  *) bezeichnete ihn in Nürnberg als „König von Polen“

*) (Zu Josef Bühler:

Bühler drängte Reinhard Heydrich auf der Wannseekonferenz, mit der Endlösung im Generalgouvernement zu beginnen, weil er hier keine Transportprobleme sah. Dies geht eindeutig aus dem Protokoll vom 20. Januar 1942 hervor, in dem es heißt: „Staatssekretär Dr. Bühler stelle fest, daß das Generalgouvernement es begrüßen würde, wenn mit der Endlösung dieser Frage im Generalgouvernement begonnen würde“.[4] 1942 beteiligte sich Bühler an der Umsiedlungsaktion für deutsche Siedlungen bei Lublin und an der Verschleppung von Polen zur Zwangsarbeit nach Deutschland.)

https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_B%C3%BChler

[…]

Niklas Frank und das Buch „Der Vater“

Hans Franks Sohn Niklas Frank publizierte 1987 ein Buch mit dem Titel Der Vater, das den Untertitel „Eine Abrechnung“ trägt. Frank rekonstruierte das Leben seines Vaters aufgrund jahrelanger Recherchen, in deren Verlauf er erkennen musste, welch ungeheuren Ausmaßes die Verbrechen des Vaters waren. Das Buch wurde zunächst als Serie mit dem Titel „Mein Vater, der Nazimörder“ in der deutschen Illustrierten Stern veröffentlicht und löste heftige Kontroversen aus. Es ist ein außergewöhnliches Dokument schonungsloser Offenheit eines Sohnes der Person und den Verbrechen seines Vaters gegenüber. Niklas Frank schreibt dazu:

„Es gibt Väter, die zeugen einen täglich neu. So, wie der meine mich. Ich schlug mich mit ihm herum, ein Leben lang. Erst innerlich. Dann exhibitionierte ich, schrieb einen wüsten Text, ungefiltert durch bürgerlichen Geschmack, genau so ekelhaft, wie deutsche und österreichische Bürger während des ‚Dritten Reiches‘ ihren Verbrechen nachgingen, oder Hitler und seine Verbrecher schützten, stützten, verehrten, liebten – und die große Zeit bis heute nicht vergessen haben. (…) Wenn man seinen Vater verfolgt, wie ich, wenn man in sein Hirn hineinkriecht, wie ich, wenn man seine Feigheiten studiert, und sie wieder findet, wie ich bei mir, wenn man bei den Recherchen sieht, welch Gierzapfen meine Mutter war, wie sie das Generalgouvernement Polen als Supermarkt auffasste, in dem sie als ‚Frau Generalgouverneur‘ die Preise selbst bestimmen konnte, wenn man, wie ich mit ihr, durch die Gettos fuhr und Pelze auflud aus den jüdischen Geschäften, deren Inhaber fälschlicherweise glaubten, durch Brigitte Frank ihr Leben retten zu können, dann kann aus all dem Leid und Hass zwischen den Leichenbergen nur eines entstehen: Die Groteske.“
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https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Frank

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Auszug aus swr2.de

Niklas Frank komplettiert seine Auseinandersetzung mit der Familie. Der Vater, Hans Frank, war Hitlers Generalgouverneur im besetzen Polen, und wurde nach dem Krieg verurteilt und hingerichtet.

Niklas Frank: Bruder Norman!

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Bruder Norman erinnert sich nicht an die SS-Kaserne neben seiner Schule in Krakau, nicht an halb nackte Juden, die in bitterer Kälte Kohlensäcke abladen mussten, nicht an die Peitschenhiebe, nicht an Quälereien aus purer Lust und auf offener Straße. Der Bruder will sich nicht erinnern, er kann sich nicht erinnern. Doch ein Schulfreund von Norman erinnert sich sehr wohl und schreibt es sogar auf. Der Schulfreund hat ein Büchlein für seine Enkel gemacht, damit nichts vergessen wird. Frühjahr 1944: Auf einem LKW sieht der Schulfreund von Norman jämmerliche, abgemagerte, heruntergekommene Gestalten, hinten am LKW steht der Zielort in großen Buchstaben: Auschwitz. Das Vernichtungslager ist förmlich plakatiert. In langer Reihe hängen an Telefonmasten die Toten an Galgen. Zur Abschreckung, vor aller Augen. Darüber konnte keiner hinweg sehen. Wie konnte später gesagt werden, man habe nichts gewusst? Und die Spottlieder und antisemitischen Witze? In aller Munde, herzhaft und gehässig gebrüllt und selbstgefällig weitergetragen und hier, bei Niklas Frank, nachzulesen. Der Autor macht all das plastisch, er kennt keine Tabus, reiht eine Ungeheuerlichkeit an die andere. Und macht damit, stellvertretend für die Deutschen, auch seinem geliebten Bruder den Prozess.

„Es hat nichts mit Tapferkeit zu tun! Wir sind in einer wunderbaren Demokratie, die trotz aller Fehler immer noch sensationell gut funktioniert. Da bedarf es keinerlei Mutes, solche Bücher zu schreiben.“

Niklas Frank blickt in die Abgründe einer deutschen Familie. Er enthüllt die Tragik gespaltener Seelen. Drei Geschwister bleiben auch nach dem Tod des Vaters national und faschistisch. Auch die Mutter rückt nicht ab vom alten Herrenmenschendenken. Bruder Norman flüchtet sich in den Alkohol, erinnert sich lieber an das Glück der Kindheit und die Abenteuer der Pubertät und will alles andere vergessen. Ein paar Anekdoten aus großer Zeit sind ihm im Gedächtnis geblieben: mit Roland Freisler, dem brüllenden ‚Blutrichter‘ Hitlers, beim Frühstück: witzig war der, erinnert sich Norman. Als Fünfjähriger saß er auch auf Hitlers Schoß: beißend ironisch denkt Norman daran zurück, mehr nicht. Schön gefärbte Bilder eben. Damit kommen die Brüder der Wahrheit nicht näher. Und doch erkennt Bruder Norman ab und an etwas – aber im nächsten Moment widerruft er das schreckliche Erwachen. Niklas Frank, der Autor, kommt sein Leben lang nicht los von seiner mörderischen Familie und der Scham über die deutschen Verbrechen. Seit Jahrzehnten wühlt er im Urschlamm und möchte verstehen, begreifen, wissen, warum. Eine Frage der Selbstachtung? Eine Frage des Überlebens? Ein Ringen mit dem Trauma, ein Kampf gegen die Verpanzerung. Niklas Frank wirkt heute alles andere als verbittert oder zynisch. Im Gegenteil: Er ist dem Leben zugewandt und freut sich über die Kapriolen und Widersprüche und Rätsel menschlichen Seins.

„Das ist immer die Groteske des Lebens und wofür ich auch die Menschen liebe. Das ist einfach toll: Wir könnens halt nicht! Wir können nicht der Wirklichkeit konform leben. Da müsste ich auch sagen: Bin ein alter Mann und hab Arthrose und jetzt leg dich doch hin und sterbe, es hat ja alles keinen Sinn. Aber ich träume. Und freue mich über dies und jenes. Und denk, die Enkel werden mich schon in drei Jahren für stinklangweilig erachten, weil sie ganz andere Interessen haben. Und so geht das Leben dahin. Aber es ist schön.“

Niklas Frank hat ein tabuloses, ein tragisches und sehr schmerzhaftes Buch geschrieben. Die Wucht der Worte ist überwältigend. Hier kommt keiner ungeschoren davon, auch der Leser nicht. Ein umwerfendes Buch, bitter, trostlos, verzehrend. Eine Entblößung, herausfordernd, selbst zerfleischend, klar und einfach und packend geschrieben. Ein Lehrstück.
Stefan Berkholz – Stand: 25.4.2013

http://www.swr.de/swr2/literatur/buch-der-woche/niklas-frank-bruder-norman/-/id=8316184/did=11333040/nid=8316184/xw43d5/index.htm

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Siehe auch:

Dem Vater nie verziehen
http://www.onetz.de/weiden-in-der-oberpfalz/lokales/sohn-des-judenschlaechters-rechnet-ab-dem-vater-nie-verziehen-d58154.html

https://www.dhm.de/lemo/biografie/hans-frank

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Aus amazon.de

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Gruß Hubert

Veröffentlicht 28. Januar 2017 von hubert wenzl in Politik, Uncategorized

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