Archiv für 24. März 2017

Die Fiktion vom christlichen Abendland   1 comment

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Das Gerede vom Christlichen Abendland ist ein ideologischer Kampfbegriff. Er lässt sich auf vielfache Weise umdeuten und missbrauchen. Er wird von rechtspopulistischen Kreisen gekapert und auf rechte Ideologien umgedeutet. Er soll wie einst als Bollwerk gegen den Kommunismus nun als Bollwerk gegen den Islam dienen. Diese Strategie ist ungeeignet sich mit dem Islam auseinander zu setzen.

„Christliches Abendland“ kann man offenbar dermaßen verzerren, ideologisch passend machen, politisch ausschlachten oder sich als historisches Ornament zurechtbasteln, dass man sich ernstlich fragen muss, ob es überhaupt so etwas wie ein „christliches Abendland“ gibt beziehungsweise jemals gegeben hat.

Ja, es gab dieses „christliche Abendland“, nur war es etwas ganz anderes, als was Kirche, Geisteswissenschaften, herrschende Kultur und Sonntagsredner seit Jahrhunderten jeweils daraus gemacht haben.“ (Aus Johanniter.de)

Es ist schon eine Ironie, dass man auf katholisch.de erfahren muss, wie sehr der Begriff Christliches Abendland verzerrt und umgedeutet wurde und wird.

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Das christliche Abendland ist Fiktion

Nur wenige Begriffe sind derartig frömmelnd, unpräzise und emotionsbeladen wie der des christlichen Abendlandes. Und dennoch ist er heute wieder populär, schreibt der Theologe Manfred Becker-Huberti.

Wohl nur wenige Begriffe sind derartig frömmelnd, unpräzise und emotionsbeladen wie der des christlichen Abendlandes. Er hat weder klare geografische noch ideologische Grenzen, zudem wandelte sich die Bedeutung in seiner langen Geschichte mehrfach. Dennoch ist der Begriff gerade in der derzeitigen Debatte um Flüchtlinge und Zuwanderung wieder populär – und war für die Bezeichnung von Deutschland und seiner Kultur nie unzutreffender als heute.

„Christlich“ und „Abendland“ scheinen klare Begriffe zu sein, sind aber ganz und gar nicht eindeutig. Was bedeutet denn „christlich“? Das Christentum in sich ist nämlich ausgesprochen differenziert. Das zeigt die Geschichte: Im Orient spielte die Orthodoxie ab 1054 eine eigene Rolle. Dagegen grenzte man sich als „christliches Abendland“ ab – und war dennoch gemeinsam Christ. Dann, im 30-jährigen Krieg im 17. Jahrhundert, waren sich Protestanten und Katholiken untereinander so spinnefeind, dass sie sich gegenseitig totschlugen. Die mit dem Jahr 1517 angesetzte Reformation war vorausgegangen, ein Schisma innerhalb der Westkirche. Und das, was heute die deutsch-französische Freundschaft ist, war vor ihrem Beginn in den sechziger Jahren eine Jahrhunderte lang gepflegte Erbfeindschaft – unter Christen.

Überdies ist nicht alles, was sich auf das Christentum beruft, auch vom Christentum geprägt. Das macht ein Blick in die jüngere Vergangenheit Deutschlands deutlich: Unter den Nationalsozialisten gab es solche, die sich überzeugt, aber nicht überzeugend, Christen nannten und nur wenige Mitmenschen überzeugten. Auch in unserem Brauchtum, das wir als christlich bezeichnen, kommt vieles zusammen. Da vermischten sich im Laufe der Zeit Dinge aus dem kirchlich-liturgischen Bereich mit anderen aus weltlich-heidnischen Bräuchen. Im Nachhinein kann man das nur noch schwer trennen.

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Manfred Becker-Huberti
 KNA
Manfred Becker-Huberti ist katholischer Theologe, Experte für religiöse Volkskunde und Honorar-Professor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar in Rheinland-Pfalz. 

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„Christliches Abendland“ wird ab dem 5. Jahrhundert ursprünglich als Bezeichnung für die ehemaligen römischen Provinzen des westlichen Europas verwendet, also das Gebiet, in dem heute Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und Portugal liegen. Er wurde gewählt als Gegenbegriff zum griechischen Patriarchat und war deckungsgleich mit dem römischen Patriarchat, dem Einflussgebiet des Vatikans gegenüber dem von Byzanz. Das christliche Abendland wurde damals als Kampfbegriff gebraucht. Dabei war er keine genau definierte Bezeichnung.

Wieder verändert sich der Ausdruck zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Es ist die Zeit, in der große Angst vor dem Untergang und dem Zerfall der westlichen Kultur herrscht. Oswald Spengler schreibt damals in seinem Buch „Der Untergang des Abendlandes“, dass diese Epoche durch die der russischen Kultur abgelöst werde. Hier entstand der Gedanke eines friedvoll zusammenlebenden abendländischen Reiches. Das ist reine Fiktion und wie die folgenden Jahrzehnte zeigen sollten, war die Realität das genaue Gegenteil. Doch dieses Bild wird von der nationalsozialistischen Propaganda aufgegriffen. Sie interpretiert diese Vorstellung als Rettung und Fortsetzung einer abendländischen Kultur und sieht das abendländische Reich als eine historische Kontinuität – die es nie gewesen ist. Die Gegner dieses Abendlandes, waren die anderen, das sind in dieser Zeit die Slawen, die Russen, die Asiaten und vor allem die Juden – mit den bekannten grauenhaften Folgen.

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Pegida-Demo in Dresden
dpa
Heute berufen sich etwa PEGIDA-Demonstranten in Dresden auf den Begriff „christliches Abendland“.
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Unter Konrad Adenauer wird als „christliches Abendland“ der Geist der christlich-abendländischen Kultur verstanden. Dabei tritt die Religion zurück: Der Begriff soll nun ein konservativ-bürgerlich geprägtes Wertesystem einführen. Es steht als Gegenmodell zum Kollektivismus in der Sowjetunion und die als seelenlos und zu individualistisch empfundene amerikanische Gesellschaftsordnung. Diese Vorstellung aus den 1950er Jahren geht bereits in den 1960er Jahren unter. Bis zur Auflösung des Warschauer Paktes 1991 wurde das Abendland dann geografisch als Westeuropa, aber auch als christlich-jüdische Tradition dem Islam entgegengesetzt. Diese Tradition, bemerken Juden zu Recht, hat es in dieser Form nicht gegeben.

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Ein Kampfbegriff gegen die drohende Islamisierung

 

Heute wird der Begriff des christlichen Abendlandes von National-Konservativen und Rechtsextremen benutzt, die behaupten, dieses Abendland müsse sich gegen eine drohende Islamisierung verteidigen. Diese Leute wollen nicht nur etwas verteidigen, was es so in der Form nie gegeben hat, sondern sie haben auch mit der Christlichkeit dieses Abendlandes garnichts zu tun.

Für etwas anderes als Abgrenzung taugt der Begriff „christliches Abendland“ nicht, er ist ein Kampf- und Ausgrenzungsbegriff, eine völlig unfundierte Fiktion. Er wird zu Manipulationen benutzt, jetzt auch von der Pegida-Bewegung, die ihre politischen Ziele mit Leidenschaftlichkeit vernebeln. Damit will sich ein fiktives „Wir“ von einem als gefahrvoll dargestellten „Nicht-Wir“ abgrenzen. Die Folgen solcher Prozesse sind in der Geschichte immer mit unsäglichem Leid und Grauen verbunden gewesen. Und wenn man es zulässt, droht es jetzt nicht anders zu werden.

Von Manfred Becker-Huberti

Die Fiktion vom christlichen Abendland

 

Die Werte des christlichen Abendlandes waren durchaus nicht so positiv.

Aus einen Kommentar auf freitag.de
„Lethe“
Die allgemeinen Menschenrechte haben sich gegen den entschiedenen Widerstand der diversen europäischen Großkirchen entwickelt, und erst als die erkannten, dass sie nichts mehr daran ändern konnten, sind sie auf den fahrenden Zug gesprungen und haben so getan, als wäre das bei ihnen schon immer so gewesen (ganz ähnlich, wie heute in der Christenheit Frauen „schon immer“ gleichberechtigt waren).

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Auszug aus pressenza.com

Unser christliches Abendland: Von den Nazis über die CDU bis zu Pegida

1949, also vier Jahre nach dem umfassenden Kollaps des nationalsozialistischen Dritten Reichs beschwor der erste Bundeskanzler Adenauer in seiner ersten Regierungserklärung den Geist christlich-abendländischer Kultur.

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Wahlplakat der CDU von 1946. (Wikipedia/CC BY-SA 3.0 DE)

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Schon drei Jahre vorher, 1946, forderten die inzwischen in der CDU organisierten gewendeten Altnazis: „Rettet die abendländische Kultur … wählt Christlich-Demokratische Union“ (Wahlplakat). Retten vor wem?

Bis 1945 hielt noch der deutsche Mainstream Millionen Europäer für slawische, bolschewistische, jüdisch-marxistische und westlich-liberalistisch-mittelmeerische Minder- bis Untermenschen.

Kurz vor seiner berüchtigten Sportpalastrede im Februar 1943 peitschte Goebbels2 ein, dass der Krieg entweder von Deutschland und Europa gewonnen werde oder aber der „älteste Kulturkontinent“ von der „innerasiatisch-bolschewistischen Welle“ zerstört und vernichtet werde. Also gegen Asiaten und Bolschewisten.

Eine ähnliche Gesinnung offenbarte dann Adenauer 1, wenn er später wiederholt vor dem „russischen Koloss“ warnte. Und die „gelbe Gefahr“ stand ja auch weiterhin im Raum.

 

Der Feind steht immer woanders und bedroht „uns“ und „unsere“ Werte!

 

Der Kern Europas, des „ältesten Kulturkontinents“, war für die Nazis Großdeutschland, das „Germanische Reich“, das das Abendland in Form einer „europäische Großraumwirtschaft“ beherrschen sollte.

Hinter dem Kampfbegriff des „christlichen Abendlandes“ beziehungsweise „ältesten Kulturkontinents“ verbarg sich historisch immer ein Kerneuropa, dass sich in alle Richtungen gegen seine Nachbarn abgrenzte: Nach Süden gegen den islamisch gesehenen Orient, das Morgenland; nach Südosten gegen Byzanz und die griechisch-orthodoxe Christenwelt; nach Osten gegen Slawen, Russen und Asiaten und durchgehend nach innen gegen die Juden. Was jeweils Vorrang hatte, ergab sich aus der geschichtlichen Lage.

Im Übergang vom Dritten Reich zum Nachkriegsdeutschland wurde das „christliche Abendland“ angepasst. Die Juden- und Islamfeindschaft wurde zurückgestellt und dafür der Kampf gegen die Sowjetunion, bzw. die „asiatischen Horden“ und den „bolschewistischen Koloss“ als Hauptaufgabe eines nun rein westlichen „EU- und NATO-Abendlandes“ propagiert, denn inzwischen hatten die USA die Ehre, auch zum christlichen Abendland gezählt zu werden.

Nach Ende des Kalten Krieges rückte wieder die Islamfeindschaft beziehungsweise die „Gefahr der Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA) in den Mittelpunkt.

Schon regelrecht kurios mutet das Grundsatzprogramm der SPD von 2007 an, nach dem unsere „geistigen Wurzeln“, also die des christliche Abendlandes, „in jüdisch-christlicher Tradition“ zu suchen sind – und das angesichts der zweitausendjährigen Geschichte der Judenverfolgung, die ja schließlich unseren Heiland und Gott gefoltert und umgebracht haben: Millionen Kruzifixe auf dieser Welt können da nicht irren!

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https://www.pressenza.com/de/2017/02/das-christliche-abendland-nicht-verteidigungswert/

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Gruß Hubert