Archiv für 28. Juni 2017

Der Heimatbegriff im Wandel   Leave a comment

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Heimat ist für mich da wo ich mich wohl fühle und nicht so sehr an geografische Eigenheiten gebunden, obwohl es mir schon schwer fallen würde mich an ebenes Land zu gewöhnen. Vor allem hängt Heimatgefühl auch von Leuten ab, die mich umgeben. Ich glaube, dass auch die Kindheit viel zu bedeuten hat für ein Heimatgefühl.

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Hier ein Kulturwissenschaftler der Universität Basel zu diesem Thema, Walter Leimgruber.

Wenn Heimat nur als Ort der Geburt oder als Vergangenes empfunden wird, kann sie diskriminierendes Potential freisetzen und zu Ausschließung führen. Genau wie die Heimat, muss auch unsere Definition von ihr sich wandeln.

Zur Zeit ist Heimat ein Hype. Dieser Hype hat mit Globalisierung zu tun, und diese wiederum mit gefühltem Verlust. Nicht, dass es uns schlecht gehen würde, aber ein grosser Teil der Bevölkerung hat in den letzten Jahren keinen Fortschritt verspürt, während eine kleine Minderheit abhebt und zugleich andere Teile der Welt sich schnell entwickeln. Die Menschen der westlichen Welt spüren, dass die Globalisierung nicht für sie läuft, vielleicht sogar eher gegen sie, da es um eine Neuverteilung des globalen Wohlstandes geht. Deshalb wenden sich viele gegen die damit verbundenen Entwicklungen, wollen zurück in eine Welt, in der es für alle aufwärts ging. Dieses Zurück nennen sie Heimat.

„Der Älteste kriegt die Heimat“, sagte man im Schwäbischen und belegte damit die enge Verbindung von Besitz und Heimat: „Die Heimat“ ist nichts anderes als das Haus, das einem gehört und in dem man lebt. Selbstverständlich ist es ein Bauernhaus, denn ein Großteil der Bevölkerung hat früher als Bauern gelebt, samt Land und Tieren. Eine Heimat haben, eine bestimmte Tätigkeit ausüben und über Besitz verfügen, gehören zusammen. Das zeigt sich daran, dass diejenigen Kinder, die den Hof nicht übernehmen konnten, die Heimat verlassen und ihren Lebensunterhalt anderswo verdienen mussten, als Knechte, Mägde, Handwerker, später als Fabrikarbeiter. Sie wurden entwurzelt, weil bei ihnen Heimat, also der elterliche Hof, der Lebensunterhalt, also die bäuerliche Arbeit, und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, also zum Dorf, zusammenfielen und der Verlust des einen auch den Verlust der anderen bedeutete. Und wer gar nie eine „Heimat“ besaß, war ohnehin schlecht dran, denn ohne Hof ließ sich in den Dörfern nicht gut leben. Man war Knecht oder Magd, Taglöhner oder Hintersasse, geduldet zwar, solange man sich ernähren konnte, aber ohne Rechte.

Der Nationalstaat lässt uns glauben, Teil von etwas Größerem zu sein.

Daher waren schon immer viele Menschen mobil und heimatlos, verdienten ihren Lebensunterhalt umherziehend, als Bettler, Wanderhändlerin oder Söldner. Je mehr Menschen im 19. Jahrhundert mit der zunehmenden Industrialisierung aus ihrer Heimat wegzogen, umso intensiver wurde die Heimat, nun verstanden als Ort der Herkunft, der Vertrautheit, der Idylle, sentimental beschrieben und besungen. Der entstehende Nationalstaat machte sich dieses Gefühl zunutze, um die Gemeinschaft der in ihm Lebenden zu stärken, indem er sich als neue Heimat anbot, grösser und abstrakter zwar als die kleine Heimat, aber doch verbunden etwa durch gemeinsame Sprache, vertraute Verhaltensweisen, das Beschwören einer gemeinsamen Geschichte und Kultur. Heimat wurde auf diese Weise zu einer abstrakten Dimension. Benedict Anderson spricht von der imagined community, der «vorgestellten Gemeinschaft», die eine Nation darstelle. Man kennt sich zwar nicht mehr, die Menge ist unüberschaubar geworden, aber dennoch fühlt man sich in ihr daheim, sieht sich als Teil von etwas Größerem.

Die Vertrautheit der Heimat ist aber auch eine zeitliche. Heimat steht oft für die Jahre der Kindheit, der Unbeschwertheit, für eine Zeit, an die Erwachsene sehnsüchtig zurückdenken, weil ihnen das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit häufig abhandenkommt. Auch die raschen Veränderungen der Umgebung durch Modernisierungsprozesse aller Art, durch Abriss, Um- und Neubau sowohl der materiellen Umgebung wie auch der Strukturen und Institutionen führen zu einem Vertrautheitsschwund, wie Hermann Lübbe das genannt hat.

Teil dieses Vertrautheitsschwundes ist weiter die Auseinandersetzung mit dem Fremden und den Fremden. Gemeint sind Menschen und kulturelle Verhaltensweisen, die traditionell nicht dazugehören. Das Merkwürdige daran ist allerdings die Tatsache, dass sich die Grenzen des «Vertrauten» und des «Fremden» ständig verschieben. Was gestern noch fremd war, ist heute vertraut, sogar Lebensstil-Vorbild, etwa die mediterrane Lebensweise, angefangen bei der italienischen Küche über die Ferien im sommerlichen Spanien bis zum Traum vom Haus in der Toskana.

Jede Heimat wandelt sich.

Auch Normen und Werte müssen in diesem Prozess des Vertrautheitsschwundes diskutiert und neu ausgehandelt werden. Vieles ist heute selbstverständlich, was eben noch heftig umstritten war. Man denke etwa an die Gleichstellung der Geschlechter, die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen oder den Schwund der Machtposition der Kirche, welche die Gesellschaft in wenigen Jahrzehnten fundamental verändert haben – auch ohne die vielbeschworenen Einflüsse durch Migrantinnen und Migranten.

Passieren aber zu viele Änderungen zu schnell, verlieren viele Menschen den Boden unter den Füssen, sie werden angeblich «entwurzelt», eine seltsame Metapher bei einem Lebewesen mit zwei Beinen. Insbesondere Migrantinnen und Migranten kennen dieses Gefühl bestens. Aus der Auseinandersetzung zwischen alter Heimat und neuem Lebensmittelpunkt ergibt sich für sie oft eine Konstellation der Zerrissenheit zwischen den Wertvorstellungen und kulturellen Erwartungen von «hier» und von «dort». Häufig sehnen sie sich nach einem Leben in der geliebten alten Heimat. Ziehen sie dann hin, etwa im Rentenalter, stellen sie aber mit Schrecken fest, dass ihnen die Heimat fremd geworden ist. Sie hat sich verändert, denn Gesellschaften verändern sich trotz aller Beschwörung der Tradition unaufhaltsam. Aber auch die Migrantinnen und Migranten selber haben sich verändert, haben vieles aus der neuen Umgebung übernommen, ohne zu realisieren, dass diese ihnen immer vertrauter, dass sie ihre Heimat geworden ist.

Hier weiterlesen:

Der Heimatbegriff im Wandel

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Hier noch einiges aus meiner Heimat Südtirol.

Südtirol, der Nabel der Welt. Dominik Plangger singt in seinem Song „Südtirol“ gegen „die soziale Kälte und die emotionale Verkrüppelung in Südtirol“ an, wie der junge Vinschger Liedermacher selbst sagt.

https://tv.barfuss.it/dominik-plangger/s%C3%BCdtirol

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Und noch einige Gedankensplitter.

Aus: Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke

Der Beschlag vorn am Sattel glänzt durch den Staub. Und dann steigt der Mond. Er sieht es an seinen Händen.

Er träumt.
Aber da schreit es ihn an.
Schreit, schreit,
zerreißt ihm den Traum.
Das ist keine Eule. Barmherzigkeit:
der einzige Baum
schreit ihn an:
Mann!
Und er schaut: es bäumt sich. Es bäumt sich ein Leib
den Baum entlang, und ein junges Weib,
blutig und bloß,
fällt ihn an: Mach mich los!

http://gutenberg.spiegel.de/buch/-823/56

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Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht,
durch den Tag.
Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß.

Auch aus obiger Lyrik.

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Von Norbert C. Kaser – Bruchstücke.
In seinen literarischen Liebeserklärungen schreibt er, was er in Briefen in dieser schutzlosen Deutlichkeit kaum wagt: „eine zahme kraehe moecht ich Dir sein im koernerleeren winterfeld der schnittigen kaelte ausgesetzt auf hartem schnee meinen durst stillen mit kristallen des rauhreifs an den erlen laengs der dampfenden rienz.“

Im April 1978 schreibt er noch an einen Freund: „wenn die suedtiroler nicht so harte unfreundliche knochen waeren. aber bei einigen glaesern wein läßt sich das noch ueberleben.“

nicht zu vergessen die tauben —
kein bauer saet mehr fuer sie kein brot faellt auf die
straße herzlos sind sie all

wieder wird sie junge kriegen & die tauben wollen ihr
recht die alten & stehen sich schlecht wie ich & alt

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Und nun genug „melancholiert“

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Von hubert

Ungefragt in die Welt geworfen

aber alles hat einen Anfang und ein Ende

und das ist gut so

Ohne Segen bin ich gekommen

und ohne Segen werde ich gehen

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Gruß Hubert

Veröffentlicht 28. Juni 2017 von hubert wenzl in Uncategorized

Noch Raum für einen Schöpfer?   Leave a comment

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Stephen Hawking ist zu bewundern, da er trotz seiner misslichen körperlichen Lage diese Energie aufbringt und sehr wichtige Beiträge auf seinen Gebieten bringt. Mich interessiert aber vor allem auch sein Zugang zu einem Schöpfer, Schöpfer ja oder nein?

Rüdiger Vaas beschreibt das hier sehr gut.

„Aufgrund eines Luftröhrenschnitts kann sich Hawking seit 1985 nur noch mit einem Sprachcomputer verständigen. Er bedient ihn buchstäblich mit seinem letzten Zucken, indem er mit Bewegungen der Augen oder rechten Wange mühsam Buchstabe für Buchstabe in das Programm eingibt – bestenfalls zwei bis drei Wörter pro Minute.

Mit diesem tragischen Schicksal passt Hawking perfekt zum Klischee des im regungslosen Körper gefangenen genialen Geistes, der die Grenzen der Erkenntnis zu sprengen trachtet – handeln seine Forschungen doch von den abstraktesten, entlegensten und kompliziertesten Themen: Schwarzen Löchern, Urknall, Zeitreisen, Relativitätstheorie, Quantenphysik und der Suche nach einer Weltformel, die alle Teilchen und Kräfte erklärt. Kein Zufall, dass er zum Medienstar wurde! Hawking selbst sieht es ähnlich: „Ich bin sicher, dass meine Behinderung eine Rolle spielt, warum ich so bekannt bin. Die Menschen sind fasziniert von dem Kontrast zwischen meinen sehr eingeschränkten physischen Kräften und der gewaltigen Natur des Universums, mit der ich mich beschäftige. Ich bin der Archetypus des behinderten Genies. Doch ob ich ein Genie bin, kann bezweifelt werden.“

Aber ich möchte jetzt zum Abschnitt Schöpfer kommen.

 

Noch Raum für einen Schöpfer?

Bereits in seinem Bestseller Eine kurze Geschichte der Zeit fragte Hawking rhetorisch, wo denn noch Platz für Gott wäre, wenn die Welt physikalisch weitgehend verstanden sei. Zwar endete das Buch beinahe mystifizierend: Eine vollständige Erklärung des Universums wäre „der endgültige Triumph der menschlichen Vernunft“, „denn dann würden wir Gottes Plan kennen“. Doch damit wollte Hawking keineswegs eine religiöse Lanze brechen. Tatsächlich hat er immer wieder deutlich gemacht, dass er bei solchen Metaphern mit „Gott“ nur die Gesetzmäßigkeiten der Physik meint. „Ich verwende das Wort ‘Gott’ in einem unpersönlichen Sinn, so wie es Einstein für die Naturgesetze tat. Den Geist Gottes zu kennen heißt also, die Naturgesetze zu kennen“, kommentierte er.

Gleichwohl gilt die scheinbare Ordnung der Welt vielen Gläubigen als Hinweis auf einen universalen Gesetzgeber. Aber die Naturgesetze können ganz natürlich erklärt werden (wofür auch Hawkings Forschungen sprechen). „Wenn ich Recht habe, ist das Universum in sich selbst gegründet und wird von den Naturgesetzen allein regiert“, sagt Hawking. Und schon in Eine kurze Geschichte der Zeit schrieb er im Hinblick auf sein kosmologisches Modell: „Wenn das Universum wirklich völlig in sich selbst abgeschlossen ist, wenn es wirklich keine Grenze und keinen Rand hat, dann hätte es auch weder einen Anfang noch ein Ende: Es würde einfach sein. Wo wäre dann noch Raum für einen Schöpfer?“

Die antiquierte Annahme eines Schöpfers, der das Universum erschaffen und eingerichtet hat, ist in der modernen Kosmologie überflüssig und auch sonst eher schädlich. Doch es bleibt rätselhaft, warum es die Naturgesetze überhaupt gibt und weshalb sie so sind, wie sie sind, wie es zum Urknall kam und warum er genau dieses Universum hervorbrachte. Hawking spekuliert über die Existenz vieler Universen mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften. „Ihre Schöpfung ist nicht auf die Intervention eines übernatürlichen Wesens oder Gottes angewiesen. Vielmehr ist diese Vielfalt von Universen eine natürliche Folge der physikalischen Gesetze, eine naturwissenschaftliche Vorhersage.“ Das heißt nicht, dass es keine Erkenntnisgrenzen gibt. Im Gegenteil: „Auch wenn die Wissenschaft möglicherweise das Problem zu lösen vermag, wie das Universum begonnen hat, nicht beantworten kann sie die Frage: Warum macht sich das Universum die Mühe zu existieren?“

Gott ist im Verständnis der meisten Gläubigen allerdings nicht auf einen „Designer“ reduzierbar, der die Naturgesetze erlässt, die physikalischen Konstanten einstellt oder den Urknall zündet. Gott gilt gemeinhin nicht nur als Erschaffer der Welt, sondern er erhält sie auch und vernichtet sie wieder, diktiert Wertordnungen, erhört Gebete und greift in den Weltlauf ein. Ein solcher Glaube – oder frommer Wunsch – kann mangels Überprüfbarkeit physikalisch nicht widerlegt, aber sehr wohl philosophisch kritisiert werden. Und genau das tut Hawking, indem er argumentiert, dass Gott in der modernen Kosmologie nicht mehr denknotwendig ist. Der Glaube lässt sich allenfalls als eine skurrile Privatsache tolerieren, die Hawking selbst jedoch nicht ernst nimmt: „Ich habe mit der Erwartung eines baldigen Todes gelebt. Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ich habe es nicht eilig zu sterben. Ich möchte noch so vieles vorher tun. Ich halte das Gehirn für eine Art Computer, der aufhört zu arbeiten, wenn seine Bestandteile versagen. Es gibt keinen Himmel oder ein Leben nach dem Tod für defekte Computer; das ist ein Märchen für Leute, die Angst vor dem Dunkeln haben.“

In Sachen Welterklärung ist der Glaube ohnehin längst obsolet geworden. „Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen Religion, die auf Autoritätsgläubigkeit beruht, und Wissenschaft, die auf Beobachtungen und Vernunft basiert“, ist Hawking überzeugt. „Wissenschaft wird gewinnen, weil sie funktioniert.“

Rüdiger Vaas ist Astronomie- und Physik-Redak­teur beim populären Monatsmagazin bild der wissenschaft. Mit Stephen Hawking hat er mehrfach gesprochen und vier Bücher über dessen Leben und Werk publiziert, zuletzt Hawkings Kosmos und Einfach Hawking!.

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Noch Raum für einen Schöpfer?

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Gruß Hubert

 

Veröffentlicht 28. Juni 2017 von hubert wenzl in Religionskritik, Uncategorized, Wissenschaft

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