Archiv für 28. September 2017

Neoliberalismus – Kapitalismus ohne menschliches Antlitz – Teil 2   Leave a comment

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Hier der zweite Teil über den neoliberalen Kapitalismus aus der ZEIT.

 

Kapitalismus ohne menschliches Antlitz

 

Die für den Laien kaum zu entwirrende Verflechtung von Politik und Wirtschaft macht Chomsky vor allem an Lateinamerika deutlich, dem klassischen „Hinterhof“ US-amerikanischer Wirtschaftspolitik, die – egal, unter welchem Präsidenten – vor rigidesten Maßnahmen bis hin zu Mord nicht zurückscheut. Wenn es um Rohstoffe, Absatzmärkte und Binnenzölle geht, ist Washington wenig heikel: „In Kolumbien, das in den letzten Jahren zu den führenden Empfängern US-amerikanischer Militärhilfe gehörte, wurden die Menschenrechte mit Füßen getreten wie nirgendwo sonst auf der Welt. Angeblich geht es den Vereinigten Staaten um den ,Drogenkrieg‘, aber das ist ein reiner Mythos.“

Das Brisante dieses Essays liegt tatsächlich nicht so sehr im benutzten, vorgeführten und interpretierten Tatsachenmaterial; obwohl es in unserer schlecht informierten Informationsgesellschaft immer wieder frappant ist, mit allerlei Zahlen konfrontiert zu werden: dass die USA seit den sechziger Jahren der Staat sind, der am häufigsten sein Veto in der Uno eingelegt hat, wenn es um internationales Recht, Menschenrechte, Umweltschutz ging – Anfang 1997 zum 71. Mal seit 1967.

Das Brisante liegt vielmehr im Denkangebot. Es gilt ja für jeden von uns, sich versuchsweise zurechtzufinden in einer Welt, in der zwar die Begriffe Kommunikation und Information angebetet werden wie der sprichwörtliche Splitter vom Kreuze Christi – in der aber kaum eine Nachricht überprüfbar ist oder der Überprüfung standhält: ob aus dem Irak- oder dem Balkankrieg, ob über Politikerbestechungen oder präsidentiale Lüge. Die Undurchschaubarkeit unserer gesellschaftlichen Systeme jedoch produziert etwas Verhängnisvolles: Verdruss und Passivität. Da etwa die Angabe: 1971 noch bezogen sich 90 Prozent der internationalen Finanzgeschäfte auf reales Kapital und 10 Prozent auf spekulatives Kapital, 1995 bereits sind umgekehrt 95 Prozent spekulativ, und die täglich hin- und zurückfließende Kapitalmenge beträgt mehr als eine Billion Dollar: Da eine solche Angabe zwar unser Leben bestimmt, aber nicht mehr begreifbar ist – sind wir vom Beteiligten zum Zuschauer geworden. Wir sind nicht mehr Teil, sondern Ersatzteil. Das gute alte Marx-Wort Entfremdung ist aktueller denn je, und eine eigens dazu geschaffene Industrie potenziert sie. Den Umstand, dass für Marketing in Amerika jährlich eine Billiarde Dollar ausgegeben wird, ein Sechstel des US-Bruttosozialprodukts, kommentiert Noam Chomsky: „Diese Kosten sind vielfach steuerabzugsfähig, so daß die Leute für das Privileg, manipuliert zu werden, auch noch bezahlen.“

Der manipulierte Mensch. Man könnte auch sagen: der amputierte; denn Partizipation ist durch Konsumation ersetzt, also Aktivität durch Passivität. 80 Prozent der Amerikaner glauben nicht, dass die Regierung die Interessen des Volkes (vielmehr die der wenigen) vertritt, 80 Prozent halten das Wirtschaftssystem für ungerecht, 70 Prozent meinen, die Wirtschaft übe zu viel Macht über zu viele Bereiche des amerikanischen Lebens aus, und fast 100 Prozent vermissen, dass die Konzerne ihre Gewinne „auch für die Verbesserung der Lebensbedingungen ihrer Beschäftigten“ verwenden.

Wir haben es also nicht zu tun mit einem Pamphlet, sondern mit einer – fervent vorgetragenen – Warnung: Wenn das Hauptprodukt des zeitgenössischen Kapitalismus Vereinsamung und Verzagen ist, dann halten wir an einem geschichtlichen Wendepunkt – denn Demokratieverdruss ist der tödlichste Feind der Demokratie. Eigentlich sind wir alle aufgefordert zu fragen, wie wohl eine „postkapitalistische“ Gesellschaftsordnung aussehen könnte. Gewiss, im Augenblick scheint derlei „nicht denkbar“. Aber die Abschaffung der Sklaverei schien auch einmal undenkbar wie die Beendigung der Kolonialherrschaft oder die Gleichberechtigung der Frau. Das Positive an diesem so negativen Buch ist der – von Noam Chomsky so nicht formulierte – Appell: Die Aufgabe des neuen Jahrhunderts ist es, das Undenkbare zu denken.

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Neoliberalismus – Kapitalismus ohne menschliches Antlitz – Teil 2

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Hier erklärt Sahra Wagenknecht auch was Neoliberalismus ist, weil das manche nicht verstehen oder nicht verstehen wollen.

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Wütende Sahra Wagenknecht über Trump , AFD, Krieg und Neoliberalismus: Genial

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Gruß Hubert