Archiv für 19. Oktober 2017

Was glaubt jemand, der nicht glaubt?   Leave a comment

.

In den Medien kommen Nicht-Gläubige, Konfessionslose, in erschreckendem Maße nicht vor. Obwohl die Zahl der Konfessionslosen eine sehr hohe Zahl erreicht hat. Aber es kommt wohl nicht gut an, wenn man über Konfessionslose schreibt. Hingegen bekommen christliche, kirchliche Institutionen breitesten Raum und sehr viel Zeit in den Medien zugewiesen. Das spiegelt die Realität nicht mehr wider.

In Deutschland machen konfessionsfreie Menschen mehr als ein Drittel der Bevölkerung aus, in Berlin stellen sie die übergroße Mehrheit dar.

Hier aus hpd.de – von Uwe Lehnert

.

lehnert_l

Uwe Lehnert

.

Was Christen oder Muslime glauben, das ist in groben Zügen so ziemlich jedem geläufig. Dagegen ist in der Öffentlichkeit so gut wie nichts darüber bekannt, was konfessionsfreie Menschen denken und für „glaubwürdig“ halten. Das ist eigentlich erstaunlich, bilden sie doch in Deutschland mehr als ein Drittel der Bevölkerung, in Berlin zum Beispiel stellen sie die übergroße Mehrheit dar.

Eine repräsentative Befragung des Meinungsforschungsinstitut Emnid im Frühjahr 2016 ergab für Berlin, dass sich 61 Prozent der Berliner als konfessionsfrei, 21 Prozent als evangelisch und 9 Prozent als Mitglied der katholischen Kirche bezeichneten. In den restlichen 9 Prozent sind Muslime, Juden und ca. 50 weitere Religionsgemeinschaften enthalten.

Konfessionsfreie vertreten mehrheitlich eine Weltanschauung, die sich bewusst von Religion und einem über Allem stehenden Gott abgrenzt. Eine Minderheit unter ihnen ist zwar aus der Kirche ausgetreten, betrachtet sich aber oft noch in irgendeiner Weise als religiös.

Nichtreligiöse Menschen gibt es offiziell faktisch nicht

Rundfunk und Fernsehen halten sich vornehm zurück, wenn es um die Darstellung des Denkens und Handelns nichtreligiöser Menschen in Deutschland geht. Dabei ist in allen Staatsverträgen, die zwischen jedem Bundesland und den jeweiligen Rundfunk- und Fernsehanstalten geschlossen wurden, ausdrücklich festgeschrieben, dass diese über alle relevanten gesellschaftlichen Gruppierungen und über alle relevanten gesellschaftlichen Ansichten und Meinungen angemessen zu berichten hätten. Aber lediglich die „staatstragenden“ Religionen haben Vertreter in den Medienräten. Und von denen verfügen fast nur die christlichen Kirchen über eigene Redaktionen und feste Sendezeiten. Diese besitzen somit trotz aller behaupteten Trennung von Staat und Religion ein staatlich gewährtes Privileg.

Bei den Tages- und Wochenzeitungen sieht es ähnlich aus. Weltanschauliche Fragen, die um die Themen weltlicher Humanismus, Religionskritik, gar Atheismus kreisen, scheinen geradezu tabu zu sein. Angesichts der Vielzahl von religions- und kirchenkritischen Büchern – siehe bei den Internet-Buchversendern, nicht in den Buchhandlungen! – ist es auffällig, dass solche Literatur praktisch nie in den Kultur- und Literaturteilen der Druckmedien erwähnt wird. Ausnahmen bilden allenfalls mal ein Buch eines hochrenommierte Autors wie Richard Dawkins („Der Gotteswahn“) oder ein Interview mit dem säkularen Humanisten Michael Schmidt-Salomon.

Religiöse und die Kirchen betreffende Fragen werden täglich, ausführlich und wie selbstverständlich in Funk und Presse thematisiert. Konfessionsfreie Menschen erheben den Anspruch, mit eben solcher Selbstverständlichkeit weltanschauliche Alternativen zur Religion und Themen, die sich kritisch bis ablehnend mit Religion befassen, öffentlich zu diskutieren. Immerhin betreffen solche Themen mehr als ein Drittel der deutschen Bürger, in den Großstädten mit ihren vielfältigen Bildungsangeboten sogar die Mehrheit. Haben nicht Rundfunk und Fernsehen, aber natürlich auch die Druckmedien, geradezu den – selbst auferlegten – Auftrag, über alles, was von gesellschaftlicher Bedeutung ist, zu berichten? Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil vom 25. März 2014 zum ZDF-Staatsvertrag ausgeführt: „Neben großen, das öffentliche Leben bestimmenden Verbänden müssen untereinander wechselnd auch kleinere Gruppierungen, die nicht ohne weiteres Medienzugang haben, und auch nicht kohärent organisierte Perspektiven (in den Aufsichtsgremien; U.L.) abgebildet werden.“ Die Ausführungen bezogen sich zwar auf die Ausgestaltung des ZDF-Staatsvertrags, bilden aber erkennbar eine Aussage von allgemeinerer Bedeutung.

Als entschuldigendes Argument wird regelmäßig vorgetragen, dass die Konfessionsfreien nicht repräsentativ organisiert seien, keinen Ansprechpartner hätten und von daher als quasi nicht vorhanden erscheinen. Abgesehen davon, dass Unorganisiertheit kein Argument sein kann für die Missachtung des Rechts auf mediale Berücksichtigung relevanter Bevölkerungsgruppen. In dieser Pauschalität trifft das Argument der nicht existierenden Ansprechpartner ohnehin nicht zu. KORSO ist ein Verbund von acht bundesweiten und einigen weiteren regionalen säkularen Organisationen, in denen konfessionsfreie Menschen sich zusammengeschlossen haben. Eine dieser bundesweit agierenden Organisationen, in der sich nichtreligiöse Menschen zusammengefunden haben, ist zum Beispiel der Humanistische Verband Deutschland (HVD). Der HVD ist in Berlin Träger von über 60 sozialen, kulturellen und pädagogischen Projekten und Einrichtungen. Er hat in Berlin etwa 12000 Mitglieder und rund 1.000 hauptamtliche und über 750 ehrenamtliche Mitarbeiter. Er unterstützt – vergleichbar den Kirchen – Menschen in allen Lebensphasen: von der Schwangerschaft, feierlichen Namensgebung, über die Kindererziehung, Jugendweihe, Jugend- und Bildungsarbeit, bis hin zur Sozialarbeit, Altenpflege und Sterbebegleitung. Derzeit erhalten ca. 60 000 Schüler und Schülerinnen durch Lehrer des Humanistischen Verbandes humanistischen Lebenskundeunterricht, ein fakultativer Weltanschauungsunterricht statt der bisher üblichen religiösen Unterweisung.

Humanistische Vorstellungen sind überraschend weit verbreitet

Über solche umfangreichen Aktivitäten eines betont nichtreligiösen Verbands wenigstens gelegentlich zu berichten, sollte für die Rundfunkhörer, Fernsehzuschauer oder Zeitungsleser nicht interessant sein? Wo doch selbst nebensächliches kirchliches Geschehen oder nur mäßig interessante Äußerungen ihrer Repräsentanten stets Eingang in unsere Medien finden. Bei rund 3 Mill. Berliner Bürgern über 14 Jahre wären das bei etwa 60 Prozent Konfessionsfreien etwa 1,8 Mill. potentielle Interessenten. Das einzige Presseorgan Deutschlands, das regelmäßig und umfassend Nachrichten und Kommentare zu aktuellen Ereignissen bringt, die die deutsche und internationale humanistische Szene betreffen, ist der Humanistische Pressedienst (hpd.de). Mit mehr als 5.000 Klicks pro Tag und mehr als 2 Millionen Seitenaufrufen im Jahr ist dieses Internetportal das wichtigste Online-Medium zu freigeistig-humanistischen Themen im deutschsprachigen Raum.

„Themen wie säkularer Humanismus, Leben ohne Gott, der problematische politische Einfluss der Kirchen, Trennung von Kirche und Staat, Sterbehilfe aus humanistischer Sicht u.v.a.m. werden in der deutschen Medienlandschaft weitgehend gemieden.“

Leider zeigt sich auch hier, dass Presse, Rundfunk und Fernsehen Nachrichten aus der säkularen Welt dort offenbar auch nur sehr zurückhaltend, wenn überhaupt abrufen. Themen wie säkularer Humanismus, Leben ohne Gott, der problematische politische Einfluss der Kirchen, Trennung von Kirche und Staat, Sterbehilfe aus humanistischer Sicht u.v.a.m. werden in der deutschen Medienlandschaft weitgehend gemieden. Die Behandlung solcher Themen würde deutlich machen, dass es eine lebendige und aktive humanistische Szene in Deutschland gibt. Das ist politisch augenscheinlich unerwünscht. Daher ist es verständlich, dass in oben erwähnter Emnid-Befragung 54 Prozent der interviewten Berliner sich durch die Medien und die Politik nicht ausreichend über die große Gruppe der Konfessionsfreien informiert fühlen.

Seit 2016 haben in Berlin Schüler mit humanistischer Lebensauffassung am 21. Juni, dem Welthumanistentag, Anspruch auf einen schulfreien Tag. Bischof Markus Dröge war pikiert und empfand diese Gleichbehandlung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, die übrigens im Grundgesetz festgeschrieben ist, als „Entwertung des christlichen Glaubens“. Welcher anmaßende Anspruch seitens einer religiösen Lehre, die in dieser Stadt nur scheinbar noch 30 Prozent ihrer Bürger vertritt, steckt in dieser Aussage!

Dass die Mitgliedschaft in der Kirche in sehr vielen Fällen nur noch ein formale ist, geht ebenfalls aus obiger Umfrage hervor. Diese repräsentative Studie erbrachte hinsichtlich der Einstellung auch der kirchlich organisierten Bürger höchst bemerkenswerte Einsichten und ließ erkennen, wie wenig lebensbestimmend christliche Auffassungen selbst bei Kirchenmitgliedern noch sind. Eine der zu beantwortenden Aussagen lautete: „Ich führe ein selbstbestimmtes Leben, das auf ethischen und moralischen Grundüberzeugungen beruht und frei ist von Religion und Glauben an einen Gott.“ Überwältigende 74 Prozent der befragten Berliner stimmten mit einer solchen humanistischen Lebensauffassung überein.

[…]

Eine ähnliche Problematik zeigt die sog. Sterbehilfe für Menschen mit unheilbarer Krankheit und unerträglichen Schmerzen, die selbst den festen Wunsch nach Erlösung von ihrem Leiden äußern. Die bisher erlaubte Hilfe eines Arztes beim selbst gewünschten Freitod ist inzwischen durch den Gesetzgeber faktisch unter Strafe gestellt worden. Dahinter steht ebenfalls die christlich-religiöse Auffassung, dass „das eigene Leben unverfügbar sei“, „allein Gott entscheide, wann das Leben endet“ und „als Geschenk Gottes unter keinen Umständen angetastet werden dürfe“.

In beiden genannten Fällen wird das grundgesetzlich garantierte Recht auf Selbstbestimmung über das eigene Leben und den eigenen Körper massiv missachtet. Als erklärter Nichtchrist akzeptiere ich nicht, dass der Staat mir das grundgesetzlich garantierte Selbstbestimmungsrecht so weitgehend beschneidet. In einem demokratischen Staat, der vorgibt, weltanschaulich neutral zu sein, muss es möglich sein, unabhängig von religiöser Bevormundung zu leben und auch zu sterben. Immerhin haben inzwischen Gerichte bis hinauf zum Bundesgerichtshof das Selbstbestimmungsrecht am Lebensende immer wieder bestätigt.

Bei allem Protest von kirchlicher Seite an den Initiativen nichtreligiöser Kreise ist festzuhalten, dass kein Christ gezwungen ist, sich der liberaleren Auffassung eines Nichtchristen zur Sterbehilfe anzuschließen. Für einen wahren und überzeugten Christen müssten staatliche Gesetze zur Sterbehilfe, zum Schwangerschaftsabbruch oder etwa zur Präimplantationsdiagnostik überflüssig sein, denn es müsste ihm ja ein gern erfülltes Anliegen sein, Gottes Gebote, wie sie die Kirche für ihn festlegt, zu befolgen. Dass es dafür staatliche Gesetze gibt, die auch für den Nichtchristen gelten, der in diesen Fragen eventuell eine andere, ebenso zu achtende Auffassung hat, ist dem immer noch vorhandenen kirchlichen Streben nach Herrschaft „über die Seelen“ geschuldet.

Dieses Streben nach Macht und Einfluss manifestiert sich in gesellschaftlichen Strukturen (z.B. im Erziehungswesen), wirkt unbewusst als tradiertes Wertesystem noch in den Köpfen selbst Glaubensferner und zeigt sich zum Beispiel in einem kirchlich-staatlichen Machtdenken, das stets mehr durch Verbieten als durch Vorleben und Überzeugen gekennzeichnet war. Diese aus dem Glauben folgenden strafbewehrten Verbote lassen einerseits erkennen, dass die Kirche ihrer eigenen Klientel nicht traut, andererseits sich anmaßt, auch allen Nichtgläubigen auf dem Umweg über staatliche Gesetze ihre Glaubensauffassung aufzuzwingen.

Wer sich bei medizinisch-ethischen Fragen auf ein Menschenbild beruft, das seine Wurzeln in den Jahrtausende alten Legenden eines einst in der Wüste lebenden Hirtenvolkes hat, wird in immer größere Abwehrkämpfe geraten und sein Heil letztlich immer nur in Verboten und mehr oder weniger willkürlichen Einschränkungen sehen. Ausschlaggebende und hilfreiche Argumente in solchen Entscheidungssituationen sind für mich die Antworten auf die Leitfragen: Wem nützt es? Wem schadet es? Wie kann Wohlbefinden, Gesundheit, Glück vermehrt, wie kann Leid verhindert werden? Warum einem schwerbehinderten, zukünftig lebenslang leidenden Menschen nicht schon vor seiner Geburt die Gnade der Nichtexistenz gewähren? Ist es mit christlicher Barmherzigkeit zu vereinbaren, einen schwerstleidenden Menschen der Folter unsäglicher, nicht zu stillender Schmerzen bis zum natürlichen Tod auszuliefern?

Ich sehe das Leben mit gedanklich erzeugten religiösen Konstrukten, die das Verhalten der Menschen lenken, als eine – einst vermutlich vorteilhafte – evolutionäre Phase der Menschheit an, die langsam abgelöst wird durch eine evolutionär sich weiter entwickelnde Wissenschaft und Philosophie vom Menschen. Am Horizont zeichnen sich Lebenskonzepte ab, die ohne einen imaginierten Übervater auskommen und die sich auf die im Menschen schlummernden Kräfte besinnen. Trotz des augenblicklich zu beobachtenden Rückfalls in die alten Illusionssysteme – was als ein letztes Aufbäumen eines alten Denkens zu interpretieren ist – dürfte feststehen, dass die Zeit dieser alten Glaubenssysteme sich dem Ende zuneigt. Dennoch muss wohl mit einem noch viele Jahrzehnte dauernden Kampf zwischen Vernunft und Glauben, zwischen realitätsbezogenem und illusionsgesteuertem Denken gerechnet werden.

Denn weltlicher Humanismus sieht sich umstellt von religiösen – christlichen, jüdischen und verstärkt in letzter Zeit islamischen – Kräften, die versuchen, mit politischen, juristischen, pädagogischen und medialen Mitteln die Entfaltung einer alternativen Weltanschauung zu behindern, wenn nicht zu verhindern. Diese weltanschaulichen Konflikte gefährden in einer zunehmend multiweltanschaulichen Gesellschaft den sozialen Frieden. Die Lösung kann vorerst nur in einer laizistischen Gesellschaftsordnung bestehen, das heißt, in einer konsequenten Trennung von Staat und Religion und in einer an der Erfahrung orientierten und konkreter definierten Religionsfreiheit.

.

Hier weiterlesen:

Was glaubt jemand, der nicht glaubt?

.

Zu den Ergebnissen der erwähnten EMNID-Umfrage siehe auch: „Drei Viertel der BerlinerInnen mit humanistischer Lebensauffassung“
https://hpd.de/artikel/drei-viertel-berlinerinnen-humanistischer-lebensauffassung-13171

.

Gruß Hubert