Archiv für 15. Dezember 2017

Philosoph Sommer: „Christliche Werte sind eine besondere Absurdität“   8 comments

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Werte sind wichtig aber sie sind auch dynamisch, sie ändern sich auch mit den Zeiten. Werte sind nicht fest umschrieben wie Gegenstände, sie sind nichts fest Umrissenes.

Der Schweizer Philosoph Sommer gab dem „Standard“ das folgende Interview, das ist sehr interessant finde.

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foto: privat

Nietzsche und Nietzsche-Experte: Andreas Urs Sommer vor einer Skulptur in Röcken, wo der deutsche Philosoph geboren und begraben wurde.

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Der Schweizer Andreas Urs Sommer erklärt, warum wir Werte brauchen, obwohl es sie nicht gibt, und wie die Linken dem konservativen Milieu die „Wertewaffe“ aus der Hand genommen haben

STANDARD: Alle reden über Werte, vor allem Politiker, zumal jene, die sich „Integration“ auf ihre Fahnen heften. Sie dagegen sagen: Es gibt sie gar nicht. Werte seien „Fiktionen.“ Was heißt das denn?

Sommer: Ich sage, es gibt sie nicht, wie es Bücher, Bäume oder Buntstifte gibt. Werte sind auch keine fest umschriebenen, mentalen Gegenstände. Sie verändern sich ständig in unserem kommunikativen Prozess, und in diesem Sinne behaupte ich, dass es Werte nicht als etwas fest Umrissenes, Festgeschriebenes gibt, das wir nur vom Ideenhimmel pflücken müssten, und dann hätten wir es.

STANDARD: Ihr Buch heißt ja auch: „Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt“. Wozu brauchen wir also Werte?

Sommer: Werte sind etwas, das wir für uns erfinden, um uns in der Welt zurechtzufinden, um uns über uns selbst als Individuen zu verständigen, aber auch über unser Zusammensein mit anderen Menschen. Werte haben wesentlich eine soziale Dimension.

STANDARD: Es sieht so aus, als ob wir lange ganz gut ohne Wertedebatten ausgekommen sind. Was bedeutet diese verbale Hochkonjunktur der Werte für eine Gesellschaft?

Sommer: Ich gebe zu, dass meine Beschäftigung mit dem Wertethema zunächst mit Verärgerung über dieses allgegenwärtige Wertegeschwätz zu tun hatte. Ich wurde dann aber sehr viel milder gestimmt, weil ich den Eindruck gewonnen habe, dass es der immer vorläufigen Selbstvergewisserung einer Gesellschaft dient. Ich bin nicht derjenige, der die große Krise ausruft und das Abendland untergehen sieht, im Gegenteil. Ich denke, solche Selbstvergewisserungsprozesse, wo wir als Gesellschaft, als Individuen versuchen, uns klar zu werden, was uns eigentlich etwas bedeutet, sind sehr sinnvoll und hilfreich. Die Wertedebatte jetzt hängt damit zusammen, dass wir den Eindruck haben, die Dinge seien nicht mehr selbstverständlich. Wir sind damit konfrontiert, dass Menschen bei uns sind, die scheinbar andere Wertvorstellungen haben, was uns Anlass gibt, uns über unsere gemeinsamen Werte zu verständigen.

STANDARD: Was tun mit Wertekonflikten? Hierarchien betonen? Der deutsche Innenminister hat einen Katalog für die deutsche Leitkultur formuliert und zum Beispiel gesagt: „Wir sind nicht Burka.“ Der Wert oder das Lebensmodell „Burka“ wird also klar zurückgewiesen.

Sommer: Dass man die eigenen Wertepositionen klar markiert, scheint mir wichtig zu sein. Auch ist klar, dass ein offener Diskurs nicht bedeutet, dass wir unsere Werte einfach so preisgeben sollen. Da herrscht eine gewisse Angst in breiten Schichten der Öffentlichkeit, dass wir uns quasi unter Wert verkaufen. Ich sehe die Gefahr nicht wirklich. Es gibt klare gesetzliche Rahmenbedingungen in einem bestimmten Wertekontext, und alles jenseits dessen, etwa politische Agitation, die auf radikale Ungleichheit von Menschen setzt und rassische Ungleichheit behauptet, wird mit der Härte des Gesetzes verfolgt. Oder wenn jemand die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht anerkennt und das politisch zu einer Waffe machen will.

STANDARD: Die Wertedebatte setzt in der Regel früher an, quasi im „vorgesetzlichen“ Alltagsbereich.

Sommer: Ja, das betrifft oft Dinge, die nicht kodifiziert werden können und für viele von uns selbstverständlich scheinen. Auch da sind wir gut beraten, der gesellschaftlichen Entwicklung Raum zu lassen. Nehmen wir ein Beispiel, das der deutsche Innenminister auch gebracht hat: dass man sich in Deutschland die Hand gibt bei der Begrüßung. Mir fällt auf, dass das in weiten Teilen der Bevölkerung nicht mehr so ist, sondern dass man sich mit Küsschen links, Küsschen rechts begrüßt. Eine Begrüßungsform, die in meiner eigenen Jugend wenigstens unter Jungs noch undenkbar gewesen wäre. Jetzt quasi per Leitkultur vorzuschreiben, wir müssten uns alle die Hand geben, weil das vor 50 Jahren flächendeckend alle so gemacht haben, scheint mir kein sinnvolles Verlangen zu sein. Dass das jeder so halten kann, wie er will, und dass der Innenminister von mir nicht mit Küsschen, sondern Handschlag begrüßt werden will, ist auch okay. (Lacht)

STANDARD: Das heißt, das Beispiel mit dem Handgeben, das ja ganz oft in integrationspolitischen Debatten genannt wird, halten Sie quasi für einen Placebowert?

Sommer: Ich halte es für merkwürdig, das quasi verschreiben zu wollen. Dass Menschen unterschiedliche Distanz und Nähe zulassen wollen, scheint mir vollkommen klar und berechtigt zu sein. Ich habe ein Recht darauf, jemandem die Hand zu geben oder es auch nicht zu tun, ob ich jetzt Muslim bin oder nicht. Früher wäre es undenkbar gewesen, einem Herrn Bischof die Hand zu geben. Man hat selbstverständlich seinen Ring geküsst. Auch dass man bei Frauen Handküsse anbringt, ist nicht mehr so üblich … Vielleicht in Österreich noch etwas mehr. Das zum Unterscheidungsmerkmal zu machen scheint mir äußerst problematisch. Ich würde generell unterscheiden zwischen Werten, die eher integrativ oder einschließend wirken sollen, und solchen, die eher ausschließend wirken.

STANDARD: Zum Beispiel?

Sommer: Wenn etwa die deutsche Kanzlerin davon redet, dass wir ein Europa der Werte seien, ist das der politische Versuch, alle mitzunehmen. Eher exklusorisch wirkt es hingegen, wenn wir sagen, wir sind die, die die Hand geben, wir machen’s richtig, und die anderen machen es falsch. Dabei weiß jeder, der ein bisschen über den eigenen Gartenzaun hinausgeschaut hat, dass es ganz unterschiedliche Formen von Begrüßung gibt. Dass man jetzt sagt, hier ist nur der Handschlag gültig, halte ich für eine Abschließung, die ich eher als hysterisch empfinde.

STANDARD: Sie plädieren für einen „selbstbewussten Werterelativismus“. Heißt das, jeder Wert ist gleich gültig? Das ist nur ein Leerzeichen von „gleichgültig“ entfernt.

Sommer: Nein, das heißt es nicht, weil wir selbst immer wertsetzend sind. Wir haben nicht einen Gott oder eine letzte Weisheit, die uns die ewig gültigen Werte offenbart hat, sondern wir entscheiden uns für Werte. Wir legen als Individuen, aber auch als gesellschaftliche Gruppen Werte fest im Bewusstsein, dass sie jetzt für uns das Richtige sind, dass es aber sein kann, dass man diese Werte aus einer anderen Perspektive oder künftig anders beurteilt. Wir versuchen, sie zu verteidigen, brauchen aber nicht daran zu glauben, dass diese Werte die letzte metaphysische Sicherheit sind. Wir brauchen dergleichen nicht und sollten auch nicht nach derlei metaphysischen Letztsicherheiten gieren.

STANDARD: Hohe Beliebtheit, und das auch bei ansonsten eher wenig religiös, zum Teil historisch eigentlich antiklerikal ausgerichteten rechtspopulistischen Parteien, haben aktuell die „christlichen Werte“. Wie ist das zu interpretieren?

Sommer: Christliche Werte sind eine besondere Absurdität, weil es dem Christentum fast 2000 Jahre lang nicht eingefallen ist, über christliche Werte zu reden. Dieser Terminus stammt ausgerechnet von Friedrich Nietzsche, und er hat das nicht als Kompliment gemeint, sondern darunter bestimmte Formen der christlichen Welthaltung – die Selbstherabsetzung, die Selbsterniedrigung, das Ressentiment – gefasst. Die christlichen Theologen haben angefangen, von christlichen Werten zu reden, als die christliche Glaubenssicherheit, nämlich zu wissen, was die Offenbarung ist und was wir unbedingt zu glauben haben, um des Heils teilhaftig zu werden, zerbrochen ist. Dementsprechend bildet sich auch jeder christliche Werte mehr oder weniger nach Belieben.

STANDARD: Wo zeigt sich das? Sommer: Etwa wenn man sich ansieht, wie sich die deutsche Bischofskonferenz immer sehr integrativ und humanitär gebärdet und versucht, den Flüchtlingskurs von Kanzlerin Angela Merkel nachhaltig zu unterstützen, und dann ins Nachbarland Polen schaut – und denkt, katholische Weltkirche, die müssten ja ähnlich gepolt sein – und feststellt, wie die dortige Bischofskonferenz einen äußerst nationalkonservativen Abschottungskurs fährt … Das alles firmiert unter christlichen, abendländischen Werten. Die Absurdität steigert sich noch dort, wo Leute, die eigentlich nichts mit Religion am Hut haben, plötzlich mit diesem Feigenblatt daherkommen und christliche Werte hochhalten. Was würde das heißen? Wenn man es ernst nimmt, dann sind die christlichen Werte im Neuen Testament äußerst radikal. Man soll keinen Ort haben, um sein Haupt niederzulegen, eher kommt ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel. Von dieser Radikalität ist im heute institutionalisierten Christentum nicht viel übrig. Was sind also christliche Werte? Die, die eine saturierte Kirche heute predigt? Oder die radikalen Losungen aus der Zeit des Urchristentums?

STANDARD: Der Wertediskurs wird vor allem von rechts geführt. Steht er schon deshalb besonders unter Verdacht, während der Vorwurf des „Kulturrelativismus“ vor allem gegen Linke vorgebracht wird?

Sommer: Früher waren Werte das Kampfmittel eines konservativen Milieus gegen alles, was nach Neuerung roch, Werte waren das, was man gegen den vermeintlich drohenden Untergang in die Waagschale warf. Mittlerweile hat sich die Werterede doch sehr stark verbreitert, und es scheint auch in linken und linksliberalen Milieus nicht mehr anrüchig zu sein, darüber zu reden. Dass man dann von Linken hört, dass es um den Wert der Solidarität der Arbeiterklasse gehe, hätte man vor 30 oder 50 Jahren noch nicht unter dem Label der Werte verhandelt. Man hat sozusagen dem konservativen Milieu die Wertewaffe aus der Hand genommen.

(Lisa Nimmervoll, 10.6.2017) Andreas Urs SOMMER, geb. 1972 in Zofingen (Kanton Aargau), ist Professor für Philosophie an der Uni Freiburg und leitet die Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

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Philosoph Sommer: „Christliche Werte sind eine besondere Absurdität“

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Gruß Hubert

 

Gelähmt vor Angst – Schafscherer in Ausstralien   Leave a comment

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PETA beschreibt entsetzliche Zustände bei Schafscherern in Ausstralien. Unglaublich wie roh Menschen Tiere behandeln und sie oft auch noch absichtlich quälen. Solche Menschen sind für mich Monster. Traurig und zu verurteilen ist es, dass da von keiner behördlichen Seite eingeschritten wird um diesen Horror für die Schafe zu unterbinden. Man sollte wohl auf Wolle verzichten.

Von PETA

Dieses aufwühlende Video zeigt, wie Schafscherer die sanftmütigen Tiere gewaltsam ins Gesicht schlugen und sie mit scharfen Schurmaschinen auf den Kopf stießen und prügelten. Nach diesen Übergriffen waren die Schafe starr vor Angst und bluteten aus ihren Augen, Nasen und Mündern.

Ein Scherer verdrehte und überdehnte den Hals eines Schafes, bis er ihm das Genick brach. Nachdem der Scherer das Schaf zunächst kopfüber durch einen Schacht getreten hatte, fand der PETA USA-Ermittler es tot auf. Der Scherer stellte sein Körpergewicht auf Hälse und Vorderbeine von dutzenden Schafen, während er sie bei der Schur verbog und verdrehte und seine Finger in die Augen der hilflosen Tiere stach.

Die PETA USA-Videoenthüllung in Australien zeigt nur einige der beobachteten Tierquälereien aus 19 verschieden Schurställen, die von den Ermittlern besucht wurden. Dabei beobachteten sie 70 Arbeiter, die für neun verschiedene Schur-Dienstleister Schafe in Victoria und New South Wales – Australiens top-wollproduzierenden Staaten – und South Australia quälten. Pro Jahr können die Arbeiter der Schur-Dienstleister bis zu 4 Millionen Schafe scheren.

In den USA dokumentierte ein PETA USA-Ermittler die Misshandlungen und Quälereien auf 14 Farmen in Wyoming – dem zweitgrößten wollproduzierenden Bundesstaat im Land – sowie in Colorado und Nebraska. 2013 wurden in den USA 3,7 Millionen Schafe geschoren.

Die Schafe bekamen vor der Schur weder Wasser noch Nahrung. Zum Teil damit sie geschwächt wurden und sich nur wenig wehren konnten. Ein Scherer erklärte: „Stell Dir vor, jemand attackiert Dich nachdem Du 24 Stunden lang gehungert hast. Du könntest Dich dann nicht gut verteidigen.”

Doch wenn diese Fluchttiere in Panik gerieten – aus Angst, weil sie festgehalten wurden – stampften und stellten sich die Scherer auf ihre Köpfe und Hälse. Arbeiter warfen verängstigte Schafe herum und schlugen ihre Köpfe und Körper gegen den harten Holzboden.

Nichts als eine Ware

Die Scherer werden oft nach Menge und nicht nach Stunden bezahlt. Dies führt zu schneller, gewalttätiger Arbeit und kann zu schlimmen Schnittverletzungen an den Körpern der Schafe führen – auch am Penis, den Ohren oder im Gesicht. Große Teile der Schafhaut werden durch die Scherapparate geschnitten oder herausgetrennt.

Wenn sie das erste Mal geschoren werden – eine sehr stressige Erfahrung – schreien die Lämmer laut, weil sie, wie ein Arbeiter sagt, „von ihren Müttern getrennt wurden und nach ihnen rufen. … Sie rufen: Mama! Mama!“

Als ein Lamm während des Scherens schrie, rief ein Arbeiter: „Lass es sein! … [Du] tust ihm weh.“ Er machte damit einen grausamen Witz darüber, dass der Arbeiter das Lamm misshandelte. Arbeiter beschimpften Schafe als „verf****“ und „Verdammte Fotze[n]“ und ein Rancher tönte, er hat „den ‚Freibrief‘ die Scheiße aus ihnen heraus zu prügeln“. Ein anderer Farmer sagte über ein Schaf: „Ich möchte dieses Schaf ersticken. Ihm die Luft abwürgen“.

Ein Scherer benutzte sogar den Körper eines Schafes, um damit dessen Urin vom harten Holzboden aufzuwischen.

Systematisches Leiden

Arbeiter gaben den Schafen keine Schmerzmittel, bevor sie ihr Fleisch mit Nadeln durchbohrten, um die durch das Scheren verursachten klaffenden, blutigen Wunden zu schließen. Die PETA USA-Ermittler hatten nirgendwo eine tierärztliche Untersuchung oder Behandlung verletzter Schafe gesehen.

Ein Scherer schnitt ein Stück vom Ohr eines Schafes ab – ohne jegliche Schmerzmittel. Auf einer anderen Ranch, zogen die Arbeiter einen sterbenden, lahmendenden Schafbock in einen Anhänger, während er nach Luft schnappte. Der Bock wurde über Nacht in dem Wagen zurückgelassen, anscheinend ohne Versorgung, und wurde am nächsten Morgen tot aufgefunden.

Farmer befestigten enge Ringe um die Hodensäcke von Lämmern, um sie zu kastrieren – ohne Narkose. Wenn die Hoden nicht wie erwartet abfielen, schnitten die Scherer die Hodensäcke und Hoden der Lämmer einfach mit ihren Schergeräten ab.

Verletzte und unprofitable Schafe wurden vor den Augen der anderen Schafe erschossen und sogar geschlachtet.

Beim Lebendexport werden jedes Jahr Millionen Schafe – inklusive derjenigen, die nicht mehr für ihre Wolle benötigt werden – auf stark überfüllten, mehrstöckigen Schiffen in den Nahen Osten und nach Nordafrika verschifft. Dort werden sie geschlachtet, indem man ihnen die Kehle bei vollem Bewusstsein durchschneidet.

Beim sogenannten Mulesing schneiden australische Schafzüchter jungen Merinolämmern große Haut- und Fleischstücke vom Hinterteil, um einen Fliegenbefall zu verhindern.

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Schafe für Wolle geschlagen, getreten und geschnitten / PETA

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Gelähmt vor Angst – Schafscherer in Ausstralien

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Gruß Hubert