Archiv für 30. Januar 2018

Horst Herrmann und seine Erfahrungen mit der katholischen Kirche   Leave a comment

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„Würden mehr Kinder und Jugend­liche zum Lesen, Wissen, Neugierig­bleiben angeleitet, statt reihum abgetauft und abkonfirmiert zu werden, brauchte sich das Land weniger um sie zu sorgen. Wer denken lernte, hasste nicht mehr.“

Wer diese Worte von Prof. Dr. Horst Herrmann liest, wird kaum ahnen, dass für den in Österreich geborenen (Schruns) und in Tuttlingen an der Donau aufgewachsenen Herrmann schon früh feststand, ein Mann der Kirche zu werden.

Er besuchte ein altsprachliches Gymnasium, das an ein Priesterkonvikt angeschlossen war. Nach dem Abitur studierte Horst Herrmann Katholische Theologie und Jura in Tübingen, Bonn, München und Rom. Er absolvierte das Priesterseminar und wurde in Stuttgart zum Priester geweiht, wo er zuerst Gefängniskaplan in Ravensburg und später dann Kaplan in einer Gemeinde in Stuttgart war. Sein eigentliches Ziel aber war die Uni. Bald nach seiner Promotion 1967 wurde er so auf bischöfliche Weisung in den Vatikan geschickt, um dort an seiner Habilitation zu arbeiten. 1970 schließlich, mit nur 30 Jahren, erhielt Horst Herrmann den Ruf als Professor an die Theo­logische Fakultät der Uni Münster.

Doch bald schon darauf geriet er mit seinen kritischen Büchern in Konflikt mit der Kirchenleitung. In der Mitte der sieb­ziger Jahre engagierte er sich in einem katholischen Arbeitskreis der „Sozial­demokratischen Wählerinitiative“. In einer Fernsehsendung verteidigte er das „Kirchenpapier“ der FDP, in dem die Trennung von Staat und Kirche gefordert wurde. Zum Eklat kam es schließlich 1974 durch sein Buch „Ein unmora­lisches Verhältnis. Anmerkungen zur Lage von Staat und Kirche in der Bundesrepublik Deutschland“. Er wurde vom Bischof zum Widerruf seiner Thesen aufgefordert, die u.a. lauteten, das Bünd­nis von CDU und Amtskirche sei eine „Kameraderie, die nicht mit der bib­lischen Botschaft zu vereinbaren“ sei.

Im Jahre 1975 wurde ihm die kirch­liche Lehrerlaubnis entzogen, das erste Berufsverbot für einen Theologen. Der Fall wurde dokumentiert: Rath, Peter (Hg.): Die Bannbulle aus Münster oder Erhielte Jesus heute Lehrverbot? Der Fall Herrmann-Tenhumberg (München-Hamburg 1976), mit einem Vorwort von Heinrich Böll. Herrmann lehrte an der staatlichen Uni Münster weiter, zunächst noch als Theologe, dann, auf dem umge­widmeten Lehrstuhl, als Soziologe. Dort lernte er auch seine zukünftige Frau kennen. Sie traten 1981 aus der Kirche aus und heirateten.

Das IBKA-Beiratsmitglied Prof. Dr. Horst Herrmann ist Autor zahlreicher Bücher, u.a. „Die Kirche und unser Geld“, in dem er anhand von Fakten den Irrglauben widerlegt, dass die Kirche ihre Gelder hauptsächlich für soziale und karitative Zwecke ausgibt. Als ehe­maliger Insider kennt er die katholische Kirche bestens von innen. Ein weiteres Buch lautet „Die Caritas-Legende – Wie die Kirchen die Nächstenliebe vermark­ten“. Zum Inhalt heißt es: „Horst Herrmann, einer der kenntnis­reichsten Kritiker der beiden Großkirchen, zerstört in diesem Buch die Legende von der Caritas des amtskirchlichen Christen­tums. Er beschreibt, wie Kirchenführer zwei Jahrtausende hindurch den Begriff der Liebe umgemünzt haben in etwas, das Verfolgung und Vernichtung von Ab­weichlern nicht nur ermöglichte, sondern geboten erscheinen ließ.“

Eine Übersicht über die Hauptwerke Horst Herrmanns bietet die Webseite: https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Herrmann_(Theologe)

Werdegang. Er wurde 1970 zum Professor für katholisches Kirchenrecht an die Westfälische Wilhelms-Universität in Münster berufen. Nach schweren Auseinandersetzungen um seine Forschung und Lehre wurde ihm 1975 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen. Dies war der erste Fall dieser Art in der Bundesrepublik Deutschland. Nach jahrelangen neuen Streitigkeiten (erstes und einziges so genanntes Lehrbeanstandungsverfahren der Deutschen Bischofskonferenz) und der kirchenoffiziellen Verurteilung (auch durch den Vatikan) wegen Häresie (vor allem in Sachen „Stiftung der katholischen Kirche durch Jesus von Nazareth“) trat er 1981 aus der Kirche aus, wechselte in den Fachbereich Sozialwissenschaften und hatte in Münster bis zu seiner Emeritierung 2005 einen Lehrstuhl für Soziologie inne. Dort forschte er in von ihm geprägten Richtungen wie der feministisch-infantistischen Väterforschung („Paternologie“) sowie der Soziologie der Partnerschaft („Synontologie“) und der Foltermentalitäten und –methoden („Trochologie“).

Horst Herrmann war seit 1977 Mitglied des P.E.N. Außerdem war er Herausgeber der bei Goldmann erschienenen „Bibliothek des Querdenkens“ (München). Von ihm liegen zahlreiche Bücher und Beiträge zu religions- und patriarchatskritischen Themen vor, die auch in mehrere Sprachen übersetzt wurden.

1981 trat er aus der Katholischen Kirche aus.

Horst Herrmann (* 1. August 1940 in Schruns; † 19. September 2017 in Tuttlingen)

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Noch eine Geschichte von einem Kanarienvogel.

AUS EINER WÖCHENTLICHE KOLUMNE von Horst Herrmann

Den Kanarienvogel werde ich nicht vergessen.

Vor Jahren besuchte ich einen Bekannten. Ich traf ihn voll Trauer an, sein Gesicht war von Tränen überströmt, er konnte sich nicht fassen. Ich fragte, wollte ihn trösten. Er sagte, er weine nicht aus Trauer, sondern aus einer seltsamen, fast unerklärlichen Wut heraus. Als ich nachhakte, versuchte er, mir zu sagen, was ihn so stark bewegte. Immer wieder mußte er Tränen aus seinem Gesicht wischen, so sehr nahm ihn sein Problem mit.

„Heute ist mein Kanarienvogel gestorben“, sagte er. „Und meine Tränen kommen nicht aus der Trauer um den toten Vogel, den ich so gemocht habe. Ich weine, weil dieses kleine Lebewesen vermutlich erfahren hat, was keiner von uns Lebenden weiß. Dieser Vogel ist uns unendlich weit voraus. Was keiner von uns wissen kann, hat er schon erfahren. Er weiß die Antwort auf die wichtigste Frage unseres Lebens: Gibt es unendlichen Frieden für alle, die auf der Erde gelebt haben, für Menschen, für Tiere? Oder ist jetzt alles aus? Eines Tages auch für uns?

Wir haben keine endgültige Antwort auf diese Frage. Und wir sollten nicht einfach den „Glauben“ bemühen. Wie es viele machen, die sich ein Leben lang einen Dreck um den Tod geschert haben – und plötzlich ausgesprochen genau wissen, was nach dem irdischen Leben mit uns passiert.

Nein, so nicht. Ich schlage vor, es mit mir zu halten. Da niemand etwas weiß, lasse auch ich mich überraschen! Dieser Satz beweist Mut statt Verzweiflung im Angesicht des Todes. Zum einen läßt er offen, ob „nachher“ alles aus ist. Wer weiß das schon? Überraschungen sind möglich. Und zum anderen können auch diejenigen, die an Gott und seinen Himmel glauben, mit diesem Satz etwas anfangen. Jeder Pfarrer dürfte mir zustimmen, wenn ich sage: Niemand von uns Menschen, nicht einmal der Papst, kann genau sagen, wer Gott ist und wie er ist. Aber der Glaube sagt vielen Gläubigen wenigstens das Eine: Gott wird, wenn überhaupt, unsagbar gnädig sein und alles, was wir in unserem Leben falsch gemacht haben, übersehen, verzeihen, wegwischen.

Sollten wir unter diesen Umständen noch kalkulieren, wer oder was auf uns zukommt? Oder uns einfach loslassen und auf die letzte Überraschung warten?

Siehe auch: http://www.horstherrmann.com/

 

„Ich denke selbst, um nicht von anderen gedacht zu werden.“

Horst Herrmann

Seine so unermüdliche wie umfangreiche, in der Tradition großer Aufklärer geleistete religionskritische Forschungsarbeit hat ihn selbst zwar lebenslanger Anfeindung ausgesetzt, zugleich aber ungezählten Menschen ein freieres Denken und Leben ermöglicht.“

(Robert-Mächler-Preis Zürich 2005)

 

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Gruß Hubert