Archiv für 12. August 2018

Epikur: Theodizee in 90 Sekunden   1 comment

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Die Frage nach der Theodizee ist ja die Frage die Theologen an unliebsten hören. Denn sie können sie nicht beantworten, da kommt dann nur Gestammel und nebulöses Geschwafel. Den Widerspruch können sie nicht auflösen. Es ist auch erschreckend und enttäuschend wie viele Leute mit dem Begriff Theodizee nichts anfangen können, nicht wissen was das ist.

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Epikur: Theodizee in 90 Sekunden

Dem griechischen Philosophen Epikur ( * um 341 v. u. Z. auf Samos; Δ 271 oder 270 v. u. Z. in Athen, Quelle: Wikipedia) wird die Formulierung der Theodizee-Frage zugeschrieben.

Dieses Schaubild verdeutlicht, warum ein allmächtiger, allwissender und allgütiger Gott an der irdischen Wirklichkeit scheitert:

 

Epikur - Theodizee

 

Gläubige geben gerne vor, Dinge, die sie nicht wissen können, sehr genau zu wissen. Zum Beispiel die Existenz ihrer Götter. Und deren spezifische Eigenschaften und Absichten.

Spricht man sie auf die Theodizee-Frage an, bringen sie nicht selten zur Bewältigung das Argument vor, dass es sich der Mensch in seiner Beschränktheit natürlich keinesfalls anmaßen dürfe, über die Wege seines Gottes Überlegungen anstellen zu dürfen. Denn die seien ja schließlich unergründlich.

Unergründlich sind sie immer dann, wenn etwas nicht in das Wunschbild vom lieben Gott passt. Andernfalls sind sie nämlich natürlich sehr wohl ergründlich. Das steht doch dann auch in der Bibel. Und sie spüren es ja schließlich auch selbst, die Gläubigen.

Die einfache Antwort auf die Frage von Epikur

Die einfachste, logischste und bis zum Beweis des Gegenteils gültige Antwort auf die Frage von Epikur, warum Gott keine Welt ohne Leid und “Böses” erschaffen hat, ist denkbar einfach: Einen solchen Gott gibts außerhalb menschlicher Phantasie nicht.

Diese Konsequenz wäre freilich kontraproduktiv, wenn man an seinem Götterglauben festhalten möchte.  Und was den biblisch-christlichen Monogott angeht: Der hat nun mal diese Eigenschaften, die nicht mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen sind.

Sehr zur Freude der Theologen. Die damit ihr Geld verdienen, das Unmögliche irgendwie möglich aussehen zu lassen.

Trotz mannigfaltiger irdischer Schönheit und Freuden wirkt das Universum keinesfalls so, als sei es von einem allgnädigen höheren Wesen extra für eine bestimmte Trockennasenaffenart erschaffen worden.

Das müssten gläubige Christen aber eigentlich (unter anderem) glauben, wenn sie ihre Glaubenslehre ernst nehmen möchten. Wie praktisch, dass man sich erfundene, auf Mythen und Legenden basierende Ideologien beliebig zurechtbiegen kann, ohne dass sich dadurch in der irdischen Wirklichkeit irgendetwas ändert.

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Epikur: Theodizee in 90 Sekunden

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Gruß Hubert

Veröffentlicht 12. August 2018 von hubert wenzl in Religionskritik, Uncategorized

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Ein Mann, den ich sehr sympathisch finde   Leave a comment

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„Jetzt reicht es“: Krebspatient will lieber sterben, als eine Chemotherapie zu machen

 

Der elegant gekleidet Mann stand am Wohnzimmerfenster und sah auf die Straße hinunter. „Wenn ich jetzt hier runterspringen würde, dann wäre das wahrscheinlich nicht sehr zweckdienlich. Schließlich sind wir nur im zweiten Stock.“ Dann drehte er sich um und kam auf mich zu. „Sie müssen die Palliativärztin sein.“ Er streckte mir seine Hand entgegen. Ich nickte. „Hannah Haberland. Und Sie sind Herr Müller*?“

Über die Gastautorin

Hannah Haberland wurde 1984 in Norddeutschland geboren. Nach ihrem Medizinstudium machte sie eine Facharztausbildung in der Anästhesie und anschließend die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin. Seit einigen Jahren arbeitet sie in einem Team der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung und betreut in einem multidisziplinären Team Menschen mit unheilbaren Erkrankungen bis zu ihrem Lebensende.

Ich wusste natürlich, wer er war. Sein Lebensgefährte hatte mich schon an der Wohnungstür vorgewarnt, dass Herr Müller mit Suizid kokettierte. Herr Müller lächelte und zeigte in Richtung der Sitzecke.

Ich betrachtete ihn eingehend. Er war etwas kurzatmig und hustete immer wieder, ansonsten merkte man ihm seine Erkrankung nicht an. Er sah deutlich jünger aus als 70 Jahre und man sah, dass er sehr auf sein Äußeres achtete.

 

Eine möglicherweise lebensrettende Operation hatte er abgelehnt

„Ich weiß, dass Sie einen Lungentumor haben. Man wollte Sie operieren, aber Sie haben das abgelehnt, obwohl Ihre Erkrankung noch heilbar wäre.“
 Er nickte. „Man hat mir eine Operation und anschließend eine Chemotherapie vorgeschlagen. Vielleicht bin ich dann geheilt, vielleicht aber auch nicht. Ich habe mich dagegen entschieden. Ist das für Sie ein Problem?“ Sein Tonfall war spöttisch, er sah mich lauernd an.

„Nein. Sollte es?“, fragte ich neutral.

„Nun, Sie Ärzte wollen doch immer an einem herumdoktern.“

„Das mag sein, aber ich bin Palliativmedizinerin. Wenn Sie mir sagen, dass Sie keine tumorspezifischen Therapien möchten, kann ich damit leben.“

Herr Müller lehnte sich in die Sitzgruppe zurück und sah mich prüfend an. Dann zeigte er den Ansatz eines Lächelns. „Gut, so kommen wir ins Geschäft.“

„Aber ich muss Sie natürlich auch fragen, wieso Sie sich nicht operieren lassen wollen?“

Diese Frage musste sein. Denn natürlich begab ich mich auf einigermaßen dünnes Eis, wenn ich einer palliativen Therapie zustimmte, wenn eine Heilung noch möglich wäre. Ich musste sicher sein, dass Herr Müller die Tragweite dieser Entscheidung begriff.
 Herr Müller machte eine abwehrende Handbewegung. „Wissen Sie, ich habe 50 Jahre lang geraucht, gesoffen und gehurt – jetzt reicht’s.“

Das war nicht ganz die Erklärung, die ich erwartet hatte. Wie um seine Worte zu unterstreichen, griff Herr Müller nach einer Schachtel Zigaretten.
 „Stört es Sie?“

Ich schüttelte den den Kopf. „Ist ja ihre Wohnung.“

„Vielleicht sagen Sie ja, ich sollte nicht rauchen, wegen Lungenkrebs und so.“

„Ist jetzt auch schon egal, oder?“ Ich konnte sehr trocken sein. Herr Müller grinste und nahm einen tiefen Zug, woraufhin er kräftig husten musste.

„Ich wollte nicht zum Arzt gehen“

„Sehen Sie…“, japste er. „Ich habe diesen Husten und die Luftnot schon länger. Mir war klar, dass da was nicht stimmt. Ich wollte auch nicht zum Arzt gehen. Ich habe das nur meinem Partner zuliebe gemacht, weil der mich jeden Tag aufs Neue gedrängt hat. Jetzt habe ich die Diagnose, aber an meiner Einstellung hat sich nichts geändert. Ich möchte mich nicht aufschneiden lassen, in der Klinik liegen, fett werden, dann Chemo, dann gehen mir auch noch die Haare aus… nein, das entspricht nicht dem Bild, das ich von mir habe.“

Jetzt verstand ich. Herr Müller hatte augenscheinlich keine Angst vor dem Tod, aber er hatte Angst, die Kontrolle über seinen makellosen Körper zu verlieren. Das kann man nun übertrieben eitel finden, aber für Herrn Müller war es nun mal wichtig und er war sich offensichtlich seiner Situation vollkommen bewusst und hatte eine bewusste Entscheidung getroffen. Auch wenn ich diese Entscheidung selbst so nicht treffen würde, ich musste seine Haltung akzeptieren.

Ich hielt ihm Morphintropfen hin. „Probieren Sie das mal. Nehmen Sie gleich mal fünf Tropfen, dann sehen wir, ob sich Ihre Luftnot bessert.“
 Herr Müller studierte eingehend die Packung, nahm dann aber brav das Medikament ein. „Und wenn ich jetzt die ganze Packung auf einmal leer trinke, ist es dann vorbei?“, fragte er so beiläufig, als hätte er nach der Uhrzeit gefragt.

„Nun, vielleicht. Vielleicht wird aber auch nur Ihr Gehirn eine zeitlang nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt und Sie liegen dann noch ein halbes Jahr an Schläuchen hängend auf einer Intensivstation herum.“ Mir war jetzt klar, dass Herr Müller eine sehr bildliche und direkte Sprache brauchte.

Herr Müller sah mich entsetzt an. „Nein!“

„Gut, dann belassen Sie es bitte bei der Dosierung, die ich Ihnen aufgeschrieben habe.“

Er hörte auf, von Suizid zu sprechen

Herr Müller lebte nach diesem ersten Besuch noch genau ein Jahr, und er lebte gut. Seine Symptome ließen sich gut in den Griff bekommen und als er merkte, dass wir als ambulantes Palliativteam ihm helfen würden, seine Luftnot zu kontrollieren und ihn ansonsten machen ließen, wie er es wollte, hörte er auch auf, von Suizid zu sprechen.

Nur einmal noch fragte er mich provokativ, welche Schusswaffe ich für einen Suizid für am geeignetsten hielte, was ich mit einem Hinweis auf seine helle Auslegware und die Sauerei, die das darauf hinterlassen würde, so paradox intervenieren konnte, dass er laut lachen musste.

Kurz vor seinem Tod wurde er zunehmend verwirrter und konnte sich schlechter konzentrieren. Ich vermutete, dass er Hirnmetastasen entwickelt hatte und fragte ihn, ob wir einen Versuch mit Kortison machen sollten, was diese Symptome zumindest für kurze Zeit zurückdrängen würde. Er lächelte. „Wissen Sie, jetzt habe ich schon 50… nein, 51 Jahre geraucht, gesoffen und gehurt. Jetzt reicht es wirklich.“

Er verstarb zwei Tage später ganz friedlich in seiner Wohnung. Genau so, wie er es sich gewünscht hatte.

*Name von der Autorin geändert. Hannah Haberland hat alle Fälle in ihrem Buch anonymisiert, um die Identität von Patienten und Angehörigen zu wahren.

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Ein Mann, den ich sehr sympathisch finde

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Gruß Hubert

Veröffentlicht 12. August 2018 von hubert wenzl in Medizin, Uncategorized

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