Archiv für 15. August 2018

Ein neues Biedermeier-Zeitalter droht   1 comment

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„Das Biedermeier des 19. Jahrhunderts endete in einer Revolution 1848. Es ist kaum zu erwarten, dass die Geschichte hier parallel geht. Im Gegensatz zu damals ist heute die Überwachung mittels einer Technologie möglich, die jeden revolutionären Gedanken im Keim erstickt.

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Nach der erfolgreichen französischen Revolution mit ihrer Forderung nach gleichen Menschenrechten und nach einer Demokratie, war in den absolutistisch regierten Staaten wie Österreich Feuer am Dach. Das Feuer dieser neuen Idee musste erstickt werden. Deshalb wurde Österreich zum ersten echten Polizeistaat der Geschichte. Man erfand die Geheimpolizei und das Spitzelsystem, genauso wie die Zensur und das Unterlaufen des Briefgeheimnisses. Die ersten Opfer waren 1795 die frühen Demokraten, die von einem Spitzel aufgedeckt und dann in den Jakobinerprozessen zu furchtbaren Strafen verurteilt wurden (http://www.martinballuch.com/das-schicksal-der-ersten-osterreichischen-demokraten-der-galgen-am-schottentor-1795/ ).

Die Konsequenz für die Menschen war der Rückzug ins Privatleben. Die kleinbürgerliche Welt entstand, mit ihrem niedlichen Hausinventar, der unverfänglichen Kunst und den völlig unpolitischen Freizeitbeschäftigungen. Biedermeier eben. Mit lauter biederen Bürger_innen.

In meiner Arbeit an meinem neuen Buch habe ich viel über die wilden Jahre der frühen Tierrechtsbewegung gelesen, auch in Österreich. Radikal, frisch, unorganisiert, lebte man so eine Art Revolution. Anfänglich ignoriert und dann belächelt, hatte man einen gewissen Freiraum, die Narrenfreiheit sozusagen. Bis dann das Maß voll war. Bis sich die ersten Erfolge einstellten. Bis den Mächtigen klar wurde, dass das keine Minderheitenmeinung zu bleiben droht, und dass sie daher reagieren müssen.

Und reagiert haben sie, weltweit, aber auch in Österreich. Im Rahmen der Tierschutzcausa wurde ein brutaler Schlag gegen die gesamte Szene geführt. Plötzlich soll jede Tierschutzaktivität Teil einer Kampagne einer kriminellen Organisation gewesen sein. Ähnliche Großprozesse gab es in Spanien, Neuseeland, England und den USA. Aber überall wurden und werden die Zeiten für Aktivist_innen härter, die Gesetze strenger, die Strafen höher, die Überwachung intensiver und die Polizeibefugnisse immer größer. Schluss mit der Narrenfreiheit heißt aber auch Schluss mit dem Freiraum für Aktivismus, Schluss mit dem ehrlichen Ausdruck radikaler Ideen. Ab jetzt muss man jeden Satz dreimal abwägen, bevor man ihn schreibt, weil er könnte dich vor Gericht bringen.

Die Folge scheint zu sein, dass der erfrischende Grassrootsaktivismus im Tierschutz ganz stark zurückgegangen ist, weltweit und auch in Österreich. Fast niemand macht mehr konfrontative Kampagnen. Stattdessen ist streichelweiches „positive campaigning“ angesagt, das persönliche Gespräch, Save Aktionen, bei denen Tiere vor Schlachthöfen gestreichelt werden, nachdem man sich mit den Betreiber_innen arrangiert hat. CEVA geht in seinen Workshops in dieselbe Richtung. Der beste Aktivismus sei einer, bei dem der Außenwelt gar nicht auffällt, dass du sie ändern willst. Die Änderung solle schleichend geschehen. Dann bist du sicher.

Statt von Gerechtigkeit, von sozialer Befreiung, von Unterdrückung und Ausbeutung, ist nur noch von veganem Lifestyle, Konsumentenentscheidung und professionellem Auftreten die Rede. Keine schockierenden Bilder mehr, sondern anständig ausschauen, anständig sprechen und Vorbildwirkung entfalten. So ist keine Revolution zu machen!

Die Situation ist ähnlich wie zum Biedermeier. Da war die radikale Idee, hier Gleichberechtigung der Menschen und da der Tiere, die realisiert zu werden drohte. Als Reaktion darauf gibt’s den zunehmenden Polizeistaat. Allein schon deswegen, weil die großen Konzerne immer mächtiger, finanzstärker und einflussreicher werden. Und die können laute Demonstrant_innen und effektive politische Kampagnen gar nicht brauchen. Das behindert den Kaufrausch und damit die Profite, und erschwert durch neue Tierschutznormen die billigste Produktion. Entsprechend bewirken sie via Regierungen eine zunehmende Einschränkung der Handlungsfreiheit für die Zivilgesellschaft. Die Menschen werden ins Private abgedrängt. Nur noch liebliche Botschaften, keine lauten Demos, keine grausamen Bilder. Lauter freundliche Menschen im Anzug, die lächelnd Flugblätter verteilen. Biedermeier eben. Das neue Biedermeier-Zeitalter droht zu beginnen.

Das Biedermeier des 19. Jahrhunderts endete in einer Revolution 1848. Es ist kaum zu erwarten, dass die Geschichte hier parallel geht. Im Gegensatz zu damals ist heute die Überwachung mittels einer Technologie möglich, die jeden revolutionären Gedanken im Keim erstickt. Auch in George Orwell‘s 1984 hat es keine Revolution gegeben. Die Aussicht ist also düster.

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Ein neues Biedermeier-Zeitalter droht

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Gruß Hubert

Veröffentlicht 15. August 2018 von hubert wenzl in Politik, Uncategorized

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Peter Wohlleben fordert die Abschaffung der Jagd   2 comments

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Peter Wohlleben ist Jäger und Förster und fordert die Abschaffung der Jagd. Anzunehmen ist, dass er selbst die Jagd nicht mehr ausübt. Er hat mehrere Bücher verfasst und bringt interessante Informationen, die ganz sicher nicht jedem bekannt sind. Einige Positionen teile ich allerdings nicht, wie diese:

„In seinem Gemeindewald habe er die Bürgerjagd eingeführt. Jeder Bürger und jede Bürgerin mit Jagdschein aus der Gemeinde dürfe im Wald nach Anmeldung kostenlos jagen. Er selbst als Förster gebe aber die Abschusszahlen vor.“

Das widerspricht ja der Forderung die Jagd abzuschaffen.

Aus Martinballuch.com

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Peter Wohlleben ist Jäger und Förster. In seiner Jugend hat er mit einer gewissen Begeisterung auf Hirsche geschossen. Heute betreut er den Gemeindewald von Hümmel in der Eifel im Westen Deutschlands. Ökologie und Tierschutz sind ihm mittlerweile zweifellos ein großes Anliegen, wie er in seinen vielen Büchern, insbesondere „Der Wald. Ein Nachruf“, beweist. Und für die Jagd kommt er darin zu besonders beeindruckenden Schlussfolgerungen.

Seit 1900, so Wohlleben, gebe es die Trophäenjagd. Seither will man also besonders große männliche Tiere schießen und seither möchte man daher mindestens 100 Tiere der jeweiligen Art pro Revier haben, um daraus abnorm große Trophäen züchten zu können. Mit einer Untergrenze von über 1 km² Grundfläche, bevor ein Gebiet bejagt darf, haben es sich die Oberen 10.000 so gerichtet, dass sie bei der Jagd unter sich sind. Nur Großgrundbesitzer_innen können da mithalten. Und auf ihrem Besitz werden nun hohe Tierpopulationen erhalten, um die Feudaljagd zu ermöglichen.

Pro Wildschwein, so Wohlleben, werden jährlich 130 kg Kraftfutter ausgebracht, im Mittel also 12,5 kg pro kg erlegtem Wildbret. Damit sei die Fleischproduktion in der Jagd um das Dreifache weniger effizient als die Massentierhaltung!

Die natürliche Populationsdichte sei 1 Reh pro km², heute gebe es aufgrund der Fütterungen etwa 50. Dazu würden 10 Hirsche und 10 Wildschweine pro km² kommen. In vielen Revieren habe man auch nichtheimische Tierarten wie Damhirsch und Mufflon für die Jagd zusätzlich ausgesetzt. Ein einzelnes Reh würde 15.000 Triebspitzen von Jungbuchen pro Tag verzehren. Bei 1 Reh/km² ließe sich trotzdem ein Urwald erhalten. Bei der von der Jagd aufgezüchteten Wilddichte blieben aber nur die ortsfremden Fichtenmonokulturen bestehen, alles Andere würde verbissen. Die jährlichen Wildschadensberichte am Wald sollte man daher „Jagdschadensberichte“ nennen, so Wohlleben.

Die heutige Jagdpraxis zerstöre daher nicht nur den Wald, sondern führe auch zu zahlreichen Autounfällen. Die Jagd treibe die Tiere in die Nachtaktivität. Zusätzlich würden durch die Überpopulation Jährlinge bei den Rehen auf Reviersuche weite Strecken zurücklegen müssen. Die Folge seien 240.000 Autounfälle allein mit Rehen in Deutschland pro Jahr. Dabei würden 2600 Menschen verletzt.

Aber auch die Zeckenplage und die meisten der damit einhergehenden Erkrankungen an Borreliose und FSME führt Wohlleben auf die Jagd zurück. An einem Hirsch würden sich im Durchschnitt zu jedem Zeitpunkt 100 Zecken mit Blut voll saugen und dann jeweils 3000 Kinder gebären. Weil die Population an Hirschen aufgrund der Jagd das 50fache der natürlichen Population ausmacht, gibt es 50 x 3000 = 150.000 Mal mehr Zecken als ohne Jagd – die dann exponentiell mehr Kinder bekommen.

Auch die Erhöhung der Fluchtdistanz führt Wohlleben auf die Jagd zurück. In nichtbejagten Gebieten könnte man Tiere aus großer Nähe beobachten. In bejagten Gebieten wird dieses Erlebnis den Erholungssuchenden im Wald aufgrund der Jagd versagt. Die Tiere würden jedenfalls, so Wohlleben, nicht aufgrund von Wanderern, sondern aufgrund der Jäger_innen an erhöhtem Stress leiden. Gäbe es statt den menschlichen Jäger_innen ausreichend Wölfe, Luchse und Bären, dann wäre nicht nur die Populationsdichte von Paarhufern reduziert, sie würden auch vermehrt am Waldrand leben und sich nicht ins Dickicht zurückziehen, wo sie potentielle Freßfeinde nicht erkennen könnten. Sie würden daher weniger Wildverbiss anrichten.

Insbesondere in seinem Buch „Der Wald. Ein Nachruf“ erzählt Wohlleben reihenweise Geschichten von Jäger_innen, die die Politik und die Förster bestechen, um illegalen Jagdpraktiken frönen zu können. So könnten sie sich Wanderern gegenüber als Jagdherren aufspielen, wie der frühere Adel. Darüber hinaus schießen sie pro Jahr 400.000 Katzen und Hunde in Deutschland.

Aus all diesen Gründen, so Wohlleben, sei es an der Zeit über die Abschaffung der Jagd nachzudenken. Die Jägerschaft erlege weniger Tiere als geboren werden, weil es ja zu keiner Reduktion der Populationen kommt, und sei daher ökologisch unnötig. Wäre die Jagd abgeschafft, dann könnten sich Wolf und Luchs ausbreiten, mit allen positiven Folgen. Die Wiederkäuerpopulation würde gesenkt und der Verbiss am Wald drastisch reduziert.

Zumindest, so Wohlleben, sollten wir die Jagd professionalisieren. Mit ausschließlich Berufs- statt Hobbyjäger_innen würden zumindest Wildfütterungen, Bestechungen und die Anpöbeleien verschwinden.

Zuletzt referiert Wohlleben noch über ein interessantes Experiment in seinem Gemeindewald. Dort habe er die Bürgerjagd eingeführt. Jeder Bürger und jede Bürgerin mit Jagdschein aus der Gemeinde dürfe im Wald nach Anmeldung kostenlos jagen. Er selbst als Förster gebe aber die Abschusszahlen vor. Das habe zu hervorragenden Ergebnissen geführt. Doch weil dadurch die in den Nachbarrevieren angefütterten Populationen mit abgeschossen würden, sei man von Seiten der Jägerschaft sehr gegen ihn vorgegangen. Das habe bis zu Morddrohungen gereicht. Trotz politischer Interventionen habe er aber seinen Posten behalten dürfen, weil die Gemeinde hinter ihm stehe.

Ob Wohlleben bei all dem Druck seitens der Jägerschaft es heute noch wagt, solche Positionen zu vertreten, entzieht sich meiner Kenntnis. Sein Nachruf auf den Wald wurde 2013 veröffentlicht.

Peter Wohlleben fordert die Abschaffung der Jagd

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Gruß Hubert

 

Veröffentlicht 15. August 2018 von hubert wenzl in Jagd abschaffen!, Jäger, Tierrechte, Tierschutz, Uncategorized

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