Archiv für 30. September 2018

Marx-Deutung von rechts   12 comments

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Welchen Nutzen sich die Neuen Rechten versprechen, wenn sie Marx für sich nutzbar machen wollen, ist für mich völlig schleierhaft.

Aus bnr.de

Angehörige der Neuen Rechten wollen jetzt auch Karl Marx irgendwie für ihre politischen Positionen rezipieren.

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Was Marx der politischen „Rechten“ bringen soll, bleibt inhaltlich völlig unklar; (Screenshot)

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„Von Linken lernen“, das war bereits Ende der 1960er Jahre eine strategische Empfehlung damaliger rechtsextremistischer Intellektueller. Gegenwärtig geschieht dies erneut, wenn insbesondere die Kapitalismuskritik der Linken entwunden werden soll. Dafür werben bereits seit Jahren ältere und jüngere Repräsentanten der Neuen Rechten, wofür die Auffassungen von Thor von Waldstein oder Benedikt Kaiser exemplarisch stehen. Meist enthält die artikulierte Kapitalismuskritik wie das gelegentliche Sozialismusverständnis eine dezidiert antimarxistische Orientierung.

Doch ausgerechnet im Marx-Jahr 2018 plädiert ein kleiner Sammelband dafür, die Ideen des Ökonomen und Philosophen aus Trier für die „Rechte“ aufzugreifen. Passenderweise ist er „Marx von rechts“ betitelt und erschien im kleinen Jungeuropa-Verlag in Dresden, wo bislang Bücher von französischen Euro-Faschisten oder Vordenkern der Neuen Rechten publiziert wurden. Mit einem Vorwort versehen wurde der Band von Verlagsinhaber Philip Stein, der sich darin offen zur Zielsetzung äußert.

 „Ganz rechts“ erfolgreich mit „Ideen von links“

Die alte Rechte solle ebenso wie die gegenwärtige Linke provoziert werden. Der Band untersuche „das Werk Marxens mit wachen, unvoreingenommenen Augen und klopft gleichzeitig ab, welche Ansätze dieses großen Philosophen von rechts genutzt werden können“ (S. 10). Damit wird offen eingeräumt, dass man mitnehmen will, was strategisch passend erscheint. Der ganz andere Kontext des Marx’schen Werkes wird hier wie in anderen Fällen ignoriert. Es geht also um eine instrumentalisierende und nicht um eine seriöse Deutung. An Dimensionen des „Klassensystems“ solle nicht gedacht werden, dies führe zur „Teilung“ (S. 12). Dabei wird bezeichnenderweise mit José Antonio Primo de Rivera der bedeutendste faschistische Politiker Spaniens in den 1930er Jahren zustimmend zitiert. Es geht demnach keineswegs um eine Abkehr oder eine Neuorientierung des gemeinten politischen Spektrums. Man will eben lediglich Ideen „von links“ nutzen, um mit ihnen „ganz rechts“ strategisch erfolgreich sein zu können.

Diffuse Bezüge auf Marx

Der erste Beitrag stammt dann von Benedikt Kaiser, Mitarbeiter des Antaios-Verlags und Stammautor der „Sezession“. Er geht auf die ideen- und realgeschichtliche Dimension „rechter Kapitalismuskritik in Deutschland“ ein, wobei die antisemitische Komponente häufig außen vor gelassen wird. Doch was es seinem eigenen politischen Lager nutzen soll, mit Marx neu in Richtung einer eigenen Theorie zu beginnen, bleibt auch bei ihm unklar. Da heißt es allenfalls: „Marx sah das Entstehen der Reservearmee Mitte des 19. Jahrhunderts wesentlich durch das Überflüssigwerden von Arbeitern begründet, während just dieser Topos auch durch die Masseneinwanderung gering qualifizierter ‚Überflüssiger‘ eine neue Bedeutung erlangt“ (S. 55). Darüber hinaus sind die Bezüge auf Marx aber ebenso diffus wie in den beiden Beiträgen, die Alain de Benoist als früher Kopf der Neuen Rechten verfasste. Hierin geht es um den „Warenfetischismus“ und die „Wertkritik“. Doch was dies ausgerechnet der politischen „Rechten“ bringen soll, bleibt inhaltlich unklar.

Der Denker aus Trier als Feindbild der Rechten

Noch mehr gilt dies für den Beitrag von Diego Fusaro, der als Schüler eines marxistischen Forschers vorgestellt wird. Er entlarve Kapitalismus und Liberalismus als Konstanten unserer Zeit. Doch was erfolgt daraus für das gemeinte politische Lager? Es würde ja durchaus formale Anknüpfungspunkte geben wie etwa die Anmaßung zum „wahren Wesen“ des Menschen, die Beschwörung der Identität gegen Entfremdung, die Homogenisierungsabsicht für die Gesellschaft oder die Historisierung und damit Relativierung von Menschenrechten. Aber all dies wird interessanterweise gar nicht wahrgenommen. Stattdessen verzetteln sich die Autoren in einer Kapitalismuskritik-Rezeption, wobei nicht selten eine Fehlwahrnehmung von Marx konstatiert werden kann. Wohlmöglich sollte der Band nur eine provozierende Wirkung entfalten. Selbst ein willkürliches Umbiegen von Marx dürfte im eigenen politischen Lager nicht ankommen. Dafür ist der Denker aus Trier immer noch zu sehr ein Feindbild der Rechten und wird dort auch mit seinen Inhalten nicht richtig verstanden.

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Marx-Deutung von rechts

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Gruß Hubert

 

Veröffentlicht 30. September 2018 von hubert wenzl in Politik, Uncategorized

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