Archiv für 19. Mai 2019

Abschied von einer Illusion   Leave a comment

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Da hat Helmut F. Kaplan leider wohl recht. Information beendet nicht Grausamkeit gegenüber Tieren.

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Es besteht die weitverbreitete Auffassung, daß man die Menschen nur hinreichend über den grausamen Umgang mit Tieren zu informieren bräuchte, um diesem auch ein Ende bereiten zu können. In diesem Zusammenhang wird oft die Forderung nach „gläsernen Schlachthausmauern“ erhoben. Gewiß würden solche „durchsichtigen Schlachthäuser“ einige, vielleicht sogar viele Menschen zu Vegetariern machen. Aber mit Sicherheit bei weitem nicht alle.

Deshalb ist es an der Zeit, sich von der Illusion zu verabschieden, allein die hinreichende Berichterstattung über das Grauen könnte dieses auch schon beenden. Denn die Erfahrung spricht eine ganz andere Sprache, und ich werde gleich drei Beispiele dafür bringen. Zuvor aber noch eine grundsätzliche Bemerkung:

Mit der Aussage „Vielen Menschen ist es schlicht egal, wie Tiere behandelt werden, Hauptsache, sie bekommen weiter ihr geliebtes Fleisch“ macht man sich als Tierrechtler bestimmt nicht besonders beliebt. Gleich ist man mit stereotypen Vorwürfen konfrontiert wie: Das sind halt extremistische Außenseiter mit total negativem Menschenbild. Denen sind die Tiere wichtiger als die Menschen. Die sollten sich lieber um Kinder kümmern. Und so weiter.

Aber: DASS es vielen Menschen letztlich gleichgültig ist, wie Tiere behandelt werden, ist schlicht die einzig rationale Schlußfolgerung, die sich aus der Realität ergibt. Und wer die Welt verändern will, muß zuerst einmal die Wirklichkeit, wie sie ist, wahrnehmen und akzeptieren.

Traurige Wahrheit

Nun zu Belegen dafür, daß Wissen alleine noch zu keinen substantiellen Verbesserungen für die Tiere führt:

1) Im Sommer 2004 ging folgende Meldung durch die Medien: Gestreßte Schafe werden durch Bilder mit Schafsgesichtern beruhigt. „Für das Experiment“, erfahren wir aus dem „Spiegel“ (Nr. 36, 2004), „sperrten die Wissenschaftler einzelne Schafe in kleine Ställe. Dabei wurden Pulsfrequenz und Hirnaktivität gemessen. Die eingepferchten Schafe wurden unruhig, blökten protestierend, ihre Pulsfrequenz stieg an, und sie bildeten deutlich mehr Stresshormone als normalerweise. ( … ) Sobald die Wissenschaftler aber Fotos von Schafsgsichtern aufhängten, beruhigten sich die Tiere.“

Nun ist dies im Vergleich zu dem, was man Tieren ansonsten antut, extrem harmlos (wenngleich es nichts anderes als Isolationsfolter ist), aber dennoch zeigt sich auch hier, Wissen alleine bewirkt wenig im Hinblick auf eine Verbesserung der Lebenssituation der Tiere: Korrekt und ungerührt berichten die „Salzburger Nachrichten“ (vom 27.8.2004), daß durch das Aufhängen eines Schaf-Fotos im Stall Schafe über die Trennung von ihrer Herde hinwegtröstet würden und alleingelassene Tiere weniger getreßt seien. Auf die Idee, die Tiere jetzt, wo man genau weiß, wie sehr sie darunter leiden, nicht von ihrer Herde zu trennen und nicht alleine zu lassen, kommt also niemand!

2) In Salzburg wird für „Tauern Lamm Spezialitäten“ mit einem Lamm-Bild geworben, das den jugendlich-kindlichen Gesichtsausdruck dieser Tiere nicht nur nicht verleugnet, sondern sogar noch besonders betont. Das Bild könnte genausogut zur Werbung für Ostersachen in einem Spielwarengeschäft verwendet werden. Es stört also offensichtlich weder die Produzenten noch die Konsumenten, dauernd daran erinnert zu werden, daß hier unschuldige Tierkinder am laufenden Band allein für Profit- und Genußzwecke ermordet werden. Deutlicher und anschaulicher könnten die grausamen Fakten also kaum präsentiert werden – und dennoch ändert dies nichts am Verhalten der Menschen!

3) Die folgende Meldung (aus den „Salzburger Nachrichten“ vom 1.7.2004) ist so ungeheuerlich, daß einem ihre schauerliche und maßlose Unmoral erst nach wiederholtem Lesen bewußt wird:

„’Die Bauern könnten Teil eines Therapienetzwerkes werden‘: Oberösterreichs Agrarlandesrat Josef Stockinger (VP) sieht eine neue Einnahmequelle für Landwirte. In Zukunft sollen verstärkt Nutztiere wie Rinder, Schweine und Ziegen in der tiergestützten Pädagogik und Therapie eingesetzt werden. ( … ) Seit April 2004 werden acht Kinder mit sozialen Schwierigkeiten nach schweren Schicksalsschlägen mit Hilfe von Kälbern, Kühen, Ferkeln und Schweinen therapiert.“

Eine weitere Steigerung abgründiger Gemeinheit und Unmoral im Umgang mit Tieren ist schwer vorstellbar: Da werden die Tiere zuerst von spezialisierten Psychologen zu einfühlsamem Kuschelverhalten konditioniert, um anschließend von brutalen Hilfsarbeitern ins Schlachthaus geprügelt und dort von entmenschlichten Schlächtern bei lebendigem Leibe zerstückelt zu werden!

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Abschied von einer Illusion

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Gruß Hubert

Tierrechtsbewegung und Radikalität   Leave a comment

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Daniela Böhm erklärt Radikalität in Bezug auf Tiere gut, finde ich.

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Der Begriff der Radikalität hat heutzutage gerade in der Tierrechtsbewegung einen negativen Beigeschmack. Bei näherer Betrachtung seiner eigentlichen Bedeutung ist dies allerdings unbegründet. Es war damals vor allem die bürgerliche Linke, die im neunzehnten Jahrhundert in der Freiheits- und Demokratiebewegung einen grundlegenden gesellschaftlichen und politischen Wandel anstrebte und sich radikal für ihn einsetzte; aus dieser Zeit stammt das Wort in seiner heutigen Bedeutung. Sieben Buchstaben, deren eigentliche Aussage eine richtige und wichtige Forderung beinhaltet. Radikal leitet sich vom lateinischen Wort radix ab, die Wurzel. Es bezeichnet das Bestreben nach einer durchgreifenden Veränderung, etwas an der Wurzel anzupacken. Sichtbare Probleme müssen in ihrer Tiefe erforscht und verändert werden, denn nur dort kann der wirkliche Wandel eines verbesserungswürdigen Zustandes herbeigeführt werden.
Die negative Interpretation der Radikalität hat in bestimmten Fällen mit dem jeweilig herrschenden System zu tun, welches keinen grundlegenden Wandel wünscht, weil es seine Macht um jeden Preis behalten will. Auf die Tierrechtsbewegung bezogen ist es eine mächtige kapitalistische Lobby, die hinter dem politischen System steht und sich nichts weniger wünscht als ein Ende der Tierausbeutung. Was könnte da näherliegen, als die Negativität eines Begriffes zu schüren, auch wenn es dieser per se überhaupt nicht ist? 1975 wurde das Wort Radikalismus von den Staatsschutzbehörden in Deutschland offiziell durch das Wort Extremismus ersetzt, doch ein düsterer Schatten haftet diesem Wort immer noch an.

In die Augen eines kleinen Wesens zu blicken und in diesem Moment sein Leid zu fühlen und das zukünftige Schicksal wie einen Film vor dem inneren Auge zu sehen, kann nur einen Zustand der Trauer hervorrufen. Trauer gibt es nicht halb, sie ist immer ganz, ein geschlossener Kreis, sie ist total. Dieser Trauer kann nur der Wunsch nach einer radikalen Veränderung folgen. Sie treibt die Tierrechtsbewegung in ihrer Tiefe voran. Diese Trauer kommt vor dem verzweifelten Bemühen, etwas grundlegend zu verändern und die Wurzeln für das immense und vielfältige Leid der Tiere aus dem verkrusteten Boden versteinerter Ideologien und menschgemachter Rechtfertigungen herauszureißen. Trauer und Radikalität gehen hier Hand in Hand. Beide gibt es nur zu hundert Prozent.

Waren Martin Luther King und Gandhi in ihrem Kampf für Gleichheit und Freiheit radikal? Wie hätten sie es nicht sein können? Beide haben sich bedingungslos für etwas eingesetzt und beide mussten dafür ihr Leben lassen. Doch diese zwei Menschen haben tatsächlich das Fundament für einen grundlegenden Wandel gelegt. Und sie konnten nur radikal in ihren Bestrebungen für eine bessere Welt sein, auch wenn sie es auf eine friedliche Art und Weise taten. Nicht halb oder dreiviertel. Nicht nur ein bisschen Freiheit von der englischen Herrschaft in Indien, nicht nur ein klein wenig Gleichheit für Menschen mit einer dunklen Hautfarbe. Ihre Bemühungen waren ausschließlich, ein geschlossener Kreis, von dem man nichts wegnehmen konnte. Auch die Tierrechtsbewegung kann vom Grundsatz her nur radikal sein. Ihr Bestreben ist die Anerkennung des Rechts auf Leben durch den Menschen. Für alle Wesen. Nicht nur ein bisschen Leben in ein bisschen besseren Verhältnissen, bevor es zum Schlachthaus geht. Nicht nur ein bisschen weniger Tiere, die verzehrt werden. Nicht nur ein paar gerettete Strassenhunde und kein gerettetes Kälbchen. Nicht nur weniger Tierversuche, sondern gar keine Tierversuche mehr.
Es gibt kein
bisschen Recht auf Leben, es gibt nur ein Recht auf Leben.

© Daniela Böhm

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Tierrechtsbewegung und Radikalität

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Gruß Hubert

 

Veröffentlicht 19. Mai 2019 von hubwen in Tierrechte, Tierschutz, Uncategorized

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