Archiv für 29. Juni 2019

Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu   Leave a comment

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Der KZ-Vergleich ist voll berechtigt wenn man schaut wie mit Tieren umgegangen wird.

Von tierbefreiungsoffensive-saar.de

Kritische Anmerkungen zum „KZ-Vergleich“

Von Susann Witt-Stahl
Ein Foto zeigt abgemagerte Kinder in Häftlingskleidung hinter Stacheldraht, gleich daneben Ferkel eingesperrt auf engstem Raum. Unter dem Titel „Wandelnde Skelette“ sieht man nackte Menschen mit aufgedunsenen Hungerbäuchen neben einem unterernährten Kälbchen, das sich vor Schwäche nur noch mühsam auf den Beinen halten kann. Dann ein Bild von Häftlingen in den Lagerbaracken, aufgestapelt wie Ware, dicht an dicht auf schmutzigen Pritschen, und rechts daneben die nicht enden wollenden Käfigreihen der Legebatterien.


Die Aussage des schockierenden Bildvergleichs, der im Februar letzten Jahres von der Tierrechtsorganisation PETA ins Internet gestellt wurde, ist eindeutig: Das, was täglich in den Tierfabriken und Schlachthäusern stattfindet, ist der Holocaust der Tiere. Wer nach ausgiebiger Betrachtung der Schreckensbilder immer noch vermutet, das Anliegen der Urheber sei, Analogien zwischen der rationalisierten Gefangenhaltung von Menschen in den Todeslagern und von Tieren in den Fleischfabriken aufzuzeigen, wird durch den Begleittext der „Masskilling“-Internetseite (1) endgültig eines anderen belehrt. Es geht um weit mehr, als deutlich zu machen, dass die Abläufe von Massentötungen in der industrialisierten Moderne stets denselben methodischen Charakter haben. Das belegt ein Zitat des österreichischen Tierrechtlers Helmut Kaplan am Ende der Fotoserie: „Unsere Enkel werden uns eines Tages fragen: ‚Wo wart Ihr, während des Holocaust der Tiere? Was habt Ihr gegen diese entsetzlichen Verbrechen getan?‘ Die Entschuldigung, dass wir es nicht gewusst hätten, können wir kein zweites Mal vorbringen.“ (2)


Der „Leichenschmaus“-Autor gilt, zumindest im deutschen Sprachraum, als einer der offensivsten Verfechter des so genannten KZ-Vergleichs. Um zu erkennen, dass die Grausamkeiten, die Tieren angetan würden, so Kaplan in seinem Beitrag „Tiere und Juden oder die Kunst der Verdrängung“, „exakt dem Holocaust der Nazis entsprechen“, bräuchte man „nur Berichte über Menschenversuche in KZs und Berichte über heutige Tierversuche anzuschauen. Dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Die Parallelen sind lückenlos, die Berichte sind austauschbar. Alles, was die Nazis den Juden angetan haben, praktizieren wir heute mit Tieren!“ (3)


Ebenso wie Helmut Kaplan hält auch PETA eine fundierte historische Begründung für die Gleichsetzung des alltäglichen Abschlachtens unzähliger Tiere für den menschlichen Konsum mit dem Völkermord, der während des Zweiten Weltkrieges von deutschen Tätern verübt worden war, offenbar für überflüssig. Das Verstehen tritt zu Gunsten des Sehens in den Hintergrund. Außer Horror-Bildern bietet die PETA-Website nicht viel mehr als einige sloganhaft dargebotene Zitate aus dem umfangreichen Werk des amerikanischen Literatur-Nobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer, Auszügen aus Charles Pattersons „Eternal Treblinka“ und jeder Menge Briefe von jüdischen Unterstützern der Kampagne, unter ihnen viele Holocaust-Überlebende.


Wenn es darum geht, die Gleichsetzung von Auschwitz (4) und Tiermord, wie sie von PETA und Kaplan betrieben wird, kritisch zu reflektieren, dann können Methode und Gegenstand, Form und Inhalt nicht losgelöst voneinander betrachtet werden. Das Problem ist bereits in der reduktionistischen Vorgehensweise angelegt, für den Vergleich ausschließlich die Phänomene des Holocaust und der Massenschlachtung von Tieren zu berücksichtigen, ihr Wesen jedoch außer Acht zu lassen.


Hätten die Befürworter der Gleichsetzung die Frage „Was war Auschwitz?“ als epistemologisches Problem behandelt, den Völkermord, der vorwiegend von Deutschen verübt wurde, nicht aus dem historischen und topographischen Kontext gerissen, nicht entpolitisiert und nicht als rein ethische Misere diagnostiziert, dann wäre ihnen vielleicht die nahezu unmögliche Fassbarkeit und Komplexität des Gegenstands bewusst geworden. Sie hätten sicher festgestellt, dass ihm ohne umfangreiche Exkurse in die Geschichte des Antisemitismus, des Kapitalismus, der Moderne nicht angemessen begegnet werden kann. Die über alle Maße des Erträglichen strapazierten Bildervergleichs-, „Große Geister“- und Kronzeugenzitatpraxis von PETA und Kaplan (5) macht deutlich: Die Problematik des so genannten KZ-Vergleichs ist nicht nur eine des Was, sondern auch eine des Wie.


Da aber die Gleichsetzung nahezu ausschließlich Ergebnis von Vergleichen der Phänomene des Grauens ist, blieb vor allem die Frage nach den Funktionen von Todeslagern und Schlachthäusern unberücksichtigt: Auschwitz war eine Todesfabrik. Sie hatte den Zweck, Tote zu produzieren. In den Lagern, die die Nationalsozialisten in Polen errichtet hatten, sollte die Auslöschung der Juden und ihrer Identität vollzogen werden. Die zentrale Maßnahme zur Erreichung des Ziels – die Juden samt ihrer Kultur im Abgrund der Geschichte verschwinden zu lassen, als hätte es sie nie gegeben – war die physische Vernichtung der „jüdischen Rasse“, die von den Nazis, wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ diagnostizierten, nicht als Minorität, sondern als „Gegenrasse“ und „Kolonisatoren des Fortschritts“ begriffen worden war. (6)


Der Zweck der Schlachthöfe und Tierfabriken dagegen ist nicht die Eliminierung eines erklärten Feindes, sondern aus Leibern von – während der gesamten Kulturgeschichte des Menschen – brutal unterdrückten Tieren Fleisch für den Konsum zu produzieren, vor allem aber Mehrwert für den Profit des Unternehmers zu erwirtschaften. Obwohl sich die Ideologie des Kapitalismus im Fleisch quasi materialisiert – die Schlachthöfe von Chicago, so schrieb der US-amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair 1906 in seinem naturalistischen Roman „The Jungle“, „sind die „Fleischwerdung des Geistes des Kapitalismus“ -, ist das ökonomische Movens der Tierausbeutung in der Industriegesellschaft ein Aspekt, den PETA und Kaplan größtenteils ausblenden.


Das Töten und die Fleischgewinnung wurde bereits im Frühkapitalismus als durchkalkulierter parzellierter Fabrikationsvorgang organisiert. Die Umwandlung der Schlachthäuser in perfekte Tötungs- und Fleischproduktionsfabriken begann Mitte des 19. Jahrhunderts, als sie aus den Innenstädten an die Stadtränder verlegt wurden. Der Schlachthof sollte bald zum Inbegriff, zum Symbol des institutionalisierten Tötens, der Degradierung quälbarer Körper zu Dingen werden. Die Schlachthäuser waren insofern Vorläuferinstitutionen der Todeslager, dass ihre perfektionierte Tötungsmaschinerie als „Prototyp“ fungierte, den nationalsozialistischen Mörderbanden das „Know-How“ für die millionenfache Menschenvernichtung lieferte. Dennoch stehen Tiertötungsfabriken und Auschwitz nicht in kausalem Zusammenhang. Aus der Tatsache, dass die Tiertötung technisch optimiert und institutionalisiert wurde, folgte nicht zwingend, dass rund einhundert Jahre später die Todesfabriken errichtet wurden.

Die „Fließbandschlachtung von Tieren“ führte nicht unweigerlich zur „Fließbandschlachtung von Menschen“, wie Helmut Kaplan behauptet, und Bruno Bruckners Anstellung als Portier in einem Linzer Schlachthaus auch nicht dazu, dass er später im Tötungszentrum Hartheim arbeitete. (7)
Die phänomenale Ähnlichkeit zwischen Vernichtungslagern und Schlachthöfen ist der Tatsache geschuldet, dass beide – das dokumentiert das „Fotoalbum“ der Moderne in der Tat – „Institutionen“ sind, die im Zuge bzw. nach der Industrialisierung entstanden waren, mit der eine Versachlichung und Entemotionalisierung des massenhaften Tötens einhergegangen ist, wie Enzo Traverso in seinem Aufsatz „Auschwitz. Die Moderne und die Barbarei“ eindringlich darlegt.

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Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu

Veröffentlicht 29. Juni 2019 von hubert wenzl in Tierrechte, Tierschutz, Uncategorized

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