Archiv für 2. September 2019

Meint denn, wer vom «Kadaver» eines Tieres spricht, er hinterlasse mehr?   Leave a comment

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Aphorismen von Karlheinz Deschner.

Meint denn, wer vom «Kadaver» eines Tieres spricht,
er hinterlasse mehr?

Hat nicht alles seine Biographie? Jeder Vogel, jedes Insekt,
vielleicht jedes Sandkorn? Und doch wurde ich alt, bis ich
bei jedem Schritt an die zu denken begann, die ich zertrat.

«Der Mensch ist ein wildes Tier, das sich selbst gezähmt
hat», sagt Pierre Reverdy, der französische Dichter – nach
zwei Weltkriegen und dem Abwurf der Atombombe.

Auch Tiere sind grausam? Doch Menschen, so las ich, fres-
sen 600 000 mal häufiger Haie als Haie Menschen.

Alle Tiere kann man nicht retten, aber ein Tier zu retten, ist
für dieses Tier alles.

◆◆◆

Warum fürchtet Aufklärung nie die Religion, Religion aber
stets die Aufklärung?

Auch Religion ist nur eine Frage der Geographie. Und des
Datums.

All die Millionen, die auf ihren Glauben schwören! Doch
schwört auch nur einer, eins und eins ist zwei?

Auf Lügen wächst nichts, meint Gabriele Marcel – und
gedeihen doch ganze Weltreiche darauf. Und ganze Welt-
religionen.

Päpstlicher Segen: die edle Kunst, mit leerer Hand zu spen-
den.

Hirtenmoral. Im August 1978 nannte der Augsburger
Bischof Stimpfle die Zeugung eines Retortenbabys «schlim-
mer als die Atombombe».

Als die Aidswelle nicht ganz so schlimm kam, wie zu-
nächst befürchtet, schwappte die Sexwelle zurück. Rom
warnte ernstlich und sprach von einer ungesunden Entwick-
lung.

Das Christentum, glaubt Karl Kraus, war zu schwach, um
den Weltkrieg zu verhindern. In Wirklichkeit hat es ihn mit
heraufgeführt. Und auf allen Seiten unterstützt. Und den
Zweiten Weltkrieg wieder.

◆◆◆

Wie viele Menschen der Staat wohl schon getötet hat, ohne
ihnen auch nur ein Haar zu krümmen?

Nichts erschüttert weniger die Welt als ein lebenslang
gebückter Rücken – und nichts erhält sie mehr.

Warum dringt aus den Büchern über die Geschichte so
selten der Schrei derer, die darin zugrunde gehn?

Was Schopenhauer von der Philosophie sagt – «Eine Phi-
losophie, in der man zwischen den Seiten nicht die Tränen,
das Heulen und Zähneklappern und das furchtbare Getöse
des gegenseitigen allgemeinen Mordens hört, ist keine Philo-
sophie» –, gilt es nicht hundertmal mehr von der
Geschichtsschreibung?

Es ist die Geschichtsschreibung, die die großen Verbrechen
salonfähig macht. Und die großen Verbrecher berühmt.

Die sogenannte Ehre: Das meiste, was dafür geschah und
geschieht, gehört zum Unehrenhaftesten auf Erden.

Wer wirklich lebt, lebt stets zur rechten Zeit. Doch gibt es
Zeiten, die es fast unmöglich machen, wirklich zu leben.

Alle Revolutionen kosten Blut, am meisten aber die ver-
säumten.

◆◆◆

Meine Skepsis bewahrt mich davor, Fanatiker zu werden –
wovor noch kein Glaube geschützt hat.

Ich kann die ‹ großen Wahrheiten › nicht sehen, schon wegen
des Blutes daran.

Kein Bibelwort hat mich so überzeugt, keines durch zwei
Jahrtausende noch so an Gewicht gewonnen wie Lukas
13,3: Wenn ihr euren Sinn nicht ändert, werdet ihr alle
ebenso umkommen.

Der Tag, an dem ein Mensch einsieht, nie und nimmer alles
zu wissen, ist ein Trauertag, notiert Julian Green. Ich dage-
gen finde selbst das wenige, das ich weiß, eigentlich schon
zu viel, um damit leben zu können.

Ich bin ungebildet – das Ergebnis lebenslanger Studien.
Wenig lernte ich im Lauf des Lebens so begreifen wie die
Unbegreiflichkeit des Ganzen.

«Die Realität ist eine Illusion», sagt Einstein. Und die Illu-
sion? Eine Realität.

Jede Ungewißheit, auf die ich stoße, flößt mir mehr Vertrau –
en ein als alle Gewißheit ringsum.
Die Geheimnisse der Welt ertrage ich gut; nicht die
Erklärungen dafür.

◆◆◆

Schreiben um zu sein.

Mein Beruf hat mir nichts erübrigt, doch einiges erspart.

 

Das Alter nimmt dir nichts, behauptet Rückert, was es dir
nicht erstattet. Tatsächlich nimmt es fast alles und erstattet
nichts.

(Anmerkung: wahre Worte – gerichtet an die, die das Alter immer schönreden wollen, und dabei nichts anderes tun als sich selbst in den Sack zu lügen).

 

Das Leben wird immer schöner, sagte Stifter, je länger man
lebt – und brachte sich um.

(Anmerkung: die Pietät gebiert mir, nicht  in ein ha ha ha zu verfallen).

 

Alles tiefe Denken entspringt dem Zweifel und endet darin.*

Lieber möchte ich in tausend Zweifeln sterben als um den
Preis der Lüge in der Euphorie.**

 

* Siehe den so betitelten Essay von Gabriele Röwer über die geistigen
Hintergründe von Deschners Lebenswerk in «Aufklärung und Kritik»
3/2012, dem ein Essay über seine Ethik vorausging (A&K 3/2011); Ver-
öffentlichung auch auf deschner.info.

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Gruß Hubert

Veröffentlicht 2. September 2019 von hubert wenzl in Kultur, Uncategorized