Die leidsichtigen Augen des Karlheinz Deschner   1 comment

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In seiner kleinen Schrift „Für einen Bissen Fleisch“ führt Deschner aus: „Da die Krone der Schöpfung der Mensch, die Krone des Menschen der Pfaffe ist, lässt sich von ihm für das Tier am wenigsten erhoffen.“

Rebloggt von Tierfreund Wolfgang.

Von Karim Akerma

Denken wir an seinem Geburtstag am 23. Mai 1924 an Karlheinz Deschner, so haben wir zunächst seine fulminante Kriminalgeschichte des Christentums vor Augen. In diesem monumentalen Werk demonstriert der Autor seinen ungläubig staunenden Lesern eine vom verkirchlichten Christentum zu verantwortende Leidensgeschichte. Weitaus weniger bekannt ist, dass Deschner als Kirchenkritiker nicht nur auf Seiten unterdrückter Menschen steht, sondern auch an der Seite der Tiere.

Die von Menschen bis auf den heutigen Tag mitleidslos unterhaltene Qualgeschichte der Tiere gilt ihm sogar als das „schwärzeste Verbrechen“. Worin er sich mit Gandhi einig weiß. Deschner kritisiert am Alten Testament, was er eine „furiose Fressanweisung“ nennt: „Alles, was sich regt und lebt, sei eure Speise…“. In seiner Kriminalgeschichte des Christentums wendet Deschner sich gegen den Kirchenvater Augustinus, wo dieser den Vegetarismus „eine gottlose Ketzermeinung“ nennt. In seiner kleinen Schrift „Für einen Bissen Fleisch“ führt Deschner aus: „Da die Krone der Schöpfung der Mensch, die Krone des Menschen der Pfaffe ist, lässt sich von ihm für das Tier am wenigsten erhoffen.“

Noch weniger bekannt ist, und davon soll hier – ausgerechnet zu seinem Geburtstag – die Rede sein, dass wir es bei Deschner mit einem humanistischen Antinatalisten zu tun haben. Als Leidsichtiger weiß Deschner, dass Schmerz und Verzweiflung jedes einzelnen Lebewesens stets ernst zu nehmen ist und nicht dadurch schöngeredet werden darf, dass man auf das Glück anderer Menschen oder Tiere verweist, denen es besser geht oder gehen wird.

Deschner geht davon aus, dass schweres Leid erstens prinzipiell unabschaffbar ist und dass es zweitens unzumutbar ist. Diese Prämissen sind es, die ihn zur moraltheoretischen Position des Antinatalismus führen: Handle nach Möglichkeit so, dass keine neuen Menschen zu existieren beginnen, da sie unweigerlich leiden müssten. Auch mit seinem Antinatalismus steht Deschner der institutionalisierten Kirche diametral gegenüber, die ja mit dem Vermehrungsgebot des Alten Testaments eine ausdrücklich pronatalistische – die menschliche Vermehrung begrüßende – Haltung einnimmt. Ganz zu schweigen davon, dass die mittelalterliche Kirche die antinatalistischen Katharer in einem Ketzer-Kreuzzug auszurotten suchte. Von ihnen handelt Deschner im 7. Band seiner Kriminalgeschichte.

Seinen humanistischen Antinatalismus legt Deschner in dem kleinen Text „Frommer Wunsch. Für ein friedliches Ende der Menschheit“ in aller wünschenswerten Klarheit programmatisch dar. Unter der Überschrift „Frommer Wunsch“ präsentiert Deschner einen Wunsch, den man von einem dreifachen Vater vielleicht nicht so ohne Weiteres erwartet hätte und der manchen Lesern auf den ersten Blick nicht unbedingt von einer humanistischen Gesinnung zeugen mag:

„Zuerst wünsche ich, dass etwas ausbleibe. Sie meinen: der Krieg? Doch gehört der Krieg nicht zur Menschheit? Ist der Mensch nicht immer auch Unmensch? … Nein, nicht das Ausbleiben des Endes wünsche ich, sondern, dies unterliegt buchstäblich unsrem Einfluss: das friedliche Ende der Menschheit. Möge nun keiner mehr – mein erster Wunsch – ein Menschenkind zeugen. Das schmerzt nicht die Ungeborenen; es erspart ihnen viel. Und die Geborenen gewöhnen sich an alles – sogar, hundert Kriege nach dem Zweiten Weltkrieg, schon an den Dritten.“

Man hat richtig gelesen: Deschner wünscht das Ende der Menschheit herbei! Hat man sich also in Deschner getäuscht? Ist er in Wahrheit ein Anti-Humanist von unerhörtem Ausmaß? Keineswegs. In dem Maße, in dem sich der von ihm vertretene Antinatalismus als Humanismus lesen lässt, bleibt Deschner Humanist. Hier schreibt kein missgünstiger Misanthrop, denn er wünscht „allen noch Atmenden hundert oder, warum kleinlich sein, weit mehr glückliche Lebensjahre…“ Den bereits existierenden Menschen also wünscht Deschner alles erdenkliche Gute. Gleichwohl empfiehlt er, nicht so zu handeln, dass neue Menschen zu existieren beginnen, weil unter ihnen zahllose wären, die das Unmenschliche als das Menschliche erleben müssten. Und dem möchte er, der den Krieg kennengelernt hat, keine weiteren Menschen aussetzen.

Aber, dieser Einwand erhebt sich sofort, täte man mit diesem wohlmeinenden Antinatalismus nicht den „Ungeborenen“ – verstanden als: die noch nicht Existierenden – Unrecht? Ließe sich nicht sagen, dass man die „Ungeborenen“ der Chance beraubte, zu leben zu beginnen? Deschner selbst schreibt oben: „Das schmerzt nicht die Ungeborenen; es erspart ihnen viel.“ Tatsächlich ist diese Formulierung etwas missverständlich, legt sie doch nahe, man könne „Ungeborenen“ etwas ersparen. Dem ist mitnichten so. Denn „Ungeborene/Nicht-Existierende“ ist ein Begriff, dem offenkundig nichts in der Realität entspricht. Man kann „ihnen“ nichts Gutes oder Schlechtes tun, indem man so handelt, dass „sie“ nicht zu existieren beginnen.

Und doch gilt: Handelt man so, dass neue Menschen zu existieren beginnen, so wird es nach allem, was wir aus Jahrtausenden Überlieferung wissen – und allen Fortschritten zum Trotz – auch künftig Kriege, Krankheiten und Verzweiflung geben. In Deschners Roman „Die Nacht steht um mein Haus“ lesen wir: „Alle Freuden des Lebens zusammengenommen sind nicht wert, eine einzige große Trauer aufzuwiegen. Nein, sie wiegen sie nicht auf, was man auch dagegen sagen mag, sie wiegen sie nicht auf, wer das sagt, kann nie einen großen, einen wirklich großen Schmerz gehabt haben.“ Neue Menschen dies erleben zu lassen, hält Deschner mit Recht für verfehlt, und es steht zu hoffen, dass sein humanistischer Antinatalismus – der es verdient, als ein wesentlicher Aspekt mitfühlender Weltsicht zur Kenntnis genommen zu werden – weite Verbreitung findet.

Quelle: hpd.de

Die leidsichtigen Augen des Karlheinz Deschner

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Gruß Hubert

Veröffentlicht 23. Mai 2020 von hubert wenzl in Tierrechte, Tierschutz, Tierversuche

Eine Antwort zu “Die leidsichtigen Augen des Karlheinz Deschner

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  1. Gabriele Röwer, die Karlheinz Deschner jahrzehntelang freundschaftlich begleitete hatte einige Richtig- bzw. Klarstellungen zu Herrn Akerma gemacht.

    Gabriele Röwer am 25. Mai 2017

    Einspruch

    Herr Akerma fragt als antinatalistischer Philosoph nach dem „Verebben der Menschheit?“, denkt nach über „Neganthropie und Anthropodizee“ – die Konsequenz seiner Sicht des Lebens. Wenn er indes diese Sicht aufgrund vor allem eines Textes – „Frommer Wunsch. Für ein friedliches Ende der Menschheit“ – auch Karlheinz Deschner unterstellt, dessen Werk ich seit fast 40 Jahren freundschaftlich-kritisch begleitete, so übersieht er, dass Deschner kein Philosoph war und nie einer sein wollte und also, zur Klärung für Herrn Pavlovic sei es gesagt, niemals „Kernthesen“ aufstellte („Was ich lernte? Von der Philosophie, mein Leben nicht mit Philosophie zu verbringen, und vom Leben, immer weniger vom Leben zu begreifen.“); er übersieht, dass Deschner, viel zu lebendig und also auch zuweilen widersprüchlich in seinem Denken, stets skeptisch war gegenüber allen einlinigen Aussagen über „das“ Leben oder „die“ Welt: „Allem Grundsätzlichen fehlt es an Leben.“; dass er vielmehr das Leben liebte und den Tod fürchtete wie kaum einer, den ich kenne – „Atmen beweist mehr als alle Philosophie.“; dass er mit allen Sinnen – und emotionalen Schwankungen – dieses Leben aufnahm, geistig jung noch bis an die Schwelle des Alters, offen nicht nur für seine Schrecken, sondern a u c h für seine Schönheit, zumal in Franken oder am Meer – „Besondere Tage: JEDER.“ – „Ein Leben kann man nur dadurch verlängern, dass man es lebt.“ – „Schönste Lebenskunst, schwerste: altern ohne alt zu sein.“ – „Nie sah ich der Jugend weniger nach als in der Jugend, nie mehr als im Alter.“ Selbst in seiner frühen „radikalen Autobiographie“ (Schmidt-Salomon) von 1956 „Die Nacht steht um mein Haus“, geschrieben, was Herr Akerma übersieht, in äußerster Verzweiflung unmittelbar nach dem Tod der über alles geliebten Mutter, finden sich, im Rückblick auf seine Jugend, neben Verwünschungen zugleich Hymnen auf das Leben, sogar mitten im Krieg (Italien). Kaum verwunderlich, dass so einer sich nicht nach dem Tod sehnt, gar ihn selbst herbeizuführen gedenkt: „Das Alter ist kein Problem: eine Katastrophe.“ – „Zu wissen, das Leben vergeht, ist etwas anderes, als es am eigenen Leib vergehen zu spüren.“, dass er vielmehr am Vergehen leidet: „Mein Standort? Ich gehe vorüber.“ – „Jede Stunde mehr eine weniger. Jedes Wort in den Sand geschrieben, doch man schreibt …“

    Alles in allem: Klaus Bednarz gleich, der ihm einmal schrieb, seine leidenschaftliche zornige Kritik an den horrenden Entwicklungen der Menschheit resultiere letztlich aus seiner Sehnsucht nach etwas Besserem, Schönerem, dem er sich schließlich – kein Widerspruch zu seinem sonstigen kritischen Schaffen („Monitor“ z.B.) – in den letzten Naturparadiesen dieser Welt zuwandte, sah auch Deschner sich – besonders deutlich in seinen naturpoetischen Texten, zumal den Liebeserklärungen an seine fränkische Heimat – wie Tucholsky als einen „enttäuschten Idealisten“. Vor allem deswegen, getragen von einem tiefen Schopenhauerschen Mitgefühl mit den Opfern brutalster Machenschaften von homo insapiens, schrieb er zeitlebens gegen das Grauen an: „Wie könnte ich glauben, es werde, früher oder später, besser, wenn ich bezweifle, dass es je besser wird – und doch mühte ich mich ein Leben lang, dass es besser werde, eher früher als später.“

    Vor diesem Hintergrund erhebe ich Einspruch gegen die offenkundige Absicht von Herrn Akerma, diesen durch und durch lebendigen und damit immer wieder auch in sich widersprüchlichen Menschen Karlheinz Deschner, fern aller blutleeren Kathederphilosophie wie nur einer, auf eine „moraltheoretische Position“ festzulegen, ihn ins Prokrustesbett eines grundsätzlichen „humanistischen Antinatalismus“ zu spannen und ihn so für die eigene Position in Anspruch zu nehmen. Vieles in Karlheinz Deschners Werk und Leben, voran sein Eintreten für das Tier, die „geschundenste Kreatur“, mag Herrn Akermas Lebensgefühl nahe kommen, mitnichten aber in toto dessen „antinatalistische“ Weltsicht, wie er den Lesern des hpd ausgerechnet an Deschners 93. Geburtstag zu suggerieren sucht.

    Quelle der zitierten Deschner-Sentenzen: Sein vierter und letzter, posthum von mir herausgegebene Aphorismenband „Auf hohlen Köpfen ist gut trommeln“, Lenos/Basel 2017.
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    https://hpd.de/artikel/leidsichtigen-augen-des-karlheinz-deschner-14436

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