Deutschlands erfolgreichster Tierschützer: „40 Prozent der Tiere wachen beim Zerlegen auf“   Leave a comment

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Aus Focus.de

Friedrich Mülln im Interview

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Friedrich Mülln setzt sich seit langem für Tiere ein.
Foto: SOKO Tierschutz
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Tiere in Schlachthöfen werden oft bei lebendigem Leibe zerlegt, weil die Betäubung nicht funktioniert, sagt Tierschützer Friedrich Mülln. Zwischen Bio und herkömmlicher Produktion gibt es seiner Ansicht nach keine Unterschiede – und oftmals seien kleine Hofläden schlimmer als große Schlachtfabriken.

Friedrich Mülln hat schon früh sein Herz für Tiere erkannt. Seit seiner Kindheit ist er strenger Veganer und schon als Jugendlicher begann er, Missstände in bei der Tierhaltung aufzudecken. Nachdem er zunächst bei einer anderen Tierschutzorganisation arbeitete, gründete er 2012 die „Soko Tierschutz“, die seitdem in vielen Undercover-Missionen eine Reihe großer Skandale aufgedeckt hat. Zu den größten Erfolgen des 40-Jährigen gehört die Schließung des Tierversuchslabors LPT bei Hamburg im vergangenen Winter. Demnächst erscheint ein Buch, in dem er seine weltweite Arbeit und seine Erfahrungen schildert.

FOCUS Online: Sie kämpfen seit vielen Jahren gegen die brutalen Zustände in der Massentierhaltung. Im Zuge der Corona-Krise wird jetzt wieder einmal über die Lebensbedingungen der osteuropäischen Arbeiter diskutiert. Glauben Sie, dass sich diesmal etwas ändert?

Friedrich Mülln: Die reinen Zahlen der Fleischindustrie sehen nicht so aus, dass die Verbraucher sich umorientieren und weniger Fleisch essen. Das einzige Problem, dass die Unternehmen haben, ist, dass sie zurzeit wegen der Pandemie kaum noch Orte haben, wo sie die Tiere töten können. Es bleibt daher nur zu hoffen, dass die Menschen sich umorientieren. Wenn sie das nicht freiwillig tun, ist in meinen Augen der Staat gefordert. Das ist wie mit dem schnellen Fahren. Ohne Zwang und Verbot würden viele Autofahrer auch rasen, wie es ihnen gefällt. Leider aber buckelt der deutsche Staat regelmäßig vor der Fleischindustrie. Und das Versprechen, Werksverträge für die osteuropäischen Arbeiter abzuschließen, ist zwar schön und ich werde es mir irgendwo an die Wand hängen – mit dem Vermerk „Umsetzung unbekannt“. Denn die Industrie hat längst mit der üblichen Einlullungsstrategie begonnen und am Ende weiß sie, dass sie sich auf die Politik verlassen kann.

FOCUS Online: Zurzeit wird ja mehr über die schlimme Situation der Arbeiter aus Osteuropa diskutiert als über das Leid der Tiere. Ärgert Sie das als Tierschützer?

Mülln: Nein, gar nicht. Denn das Leid der Menschen ist vom Leid der Tiere gar nicht zu trennen. Ich bin allerdings immer wieder erstaunt, wenn ich in einer Diskussion versuche zu erklären, wie so ein Schlachthof eigentlich funktioniert und was das für die Tiere bedeutet – und dann kommt die Aufforderung, ich solle doch bitteschön endlich über die Menschen reden, die dort arbeiten. Man kann beide Themen nicht entkoppeln. Wer nicht weiß, was mit den Schweinen in der Gaskammer passiert, versteht auch nicht wirklich die Lage der Arbeiter. Es geht dabei nicht nur um die schlechte Bezahlung und die katastrophale Unterbringung, sondern auch um die Verrohung der Menschen, die diese brutale und grausame Arbeit jeden Tag machen müssen. Wenn man den ganzen Tag Tiere unter solchen Bedingungen tötet, hat das natürlich psychische Auswirkungen.

FOCUS Online: Wo sehen Sie die schlimmsten Missstände in den Schlachthöfen wie dem von Tönnies in Gütersloh?

Da geht es einmal schlicht um die Masse, vor allem in den Großschlachthöfen wie Tönnies, Danish Crown und all den anderen. Ein ganz großes Problem ist in allen Schlachthöfen die Betäubung der Tiere, bevor sie getötet werden. Sie ist so katastrophal, dass nach unseren Erfahrungen bis zu 40 Prozent aller Tiere während des Zerlegungsprozesses wieder aufwachen.

FOCUS Online: Sie erleben also bewusst mit, wenn sie zerlegt werden?

Mülln: Es passiert häufig, dass Kühe, denen einen Bein oder das Horn abgesägt wird, während dieses Prozesses aus ihrer Betäubung wieder aufwachen und dann natürlich den vollen, kaum vorstellbaren Schmerz spüren. Dass sich Länder wie Deutschland so etwas leisten, ist ein unfassbarer Skandal.

FOCUS Online: Warum funktioniert denn die Betäubung nicht?

Mülln: Die Tiere kommen mit einem riesigen Adrenalinschub an. Dann bekommen sie vom Kopfschlächter einen Bolzenschuss ins Gehirn, der aber genau sitzen muss. Das Problem: Die Stelle, an der der Bolzen eindringen muss, ist so groß wie ein Zwei-Euro-Stück. Da passiert es eben oft, dass danebengeschossen wird, zumal die Tiere sich ja wehren und nicht stillstehen. Manche Tiere bekommen mehrere Schüsse ins Gehirn, bis sie betäubt sind. Aber durch das Adrenalin und die Todesangst wachen sie oft viel schneller wieder auf, als geplant. Sie werden lediglich betäubt und nicht getötet, damit das Blut nicht ausläuft. Dadurch wird das Fleisch schmackhafter.

Schweine wiederum werden nach einem Stromschlag oder Gas ins Brühbad gekippt. Das geschieht, weil auf diese Weise die Borsten und die obere Hautschicht gelöst werden, weil man die beim Schlachten nicht gebrauchen kann. Wenn die Betäubung nicht funktioniert, werden sie eben lebendig in dieses kochende Wasser geworfen. Die Schmerzschreie dieser Tiere vergisst man nicht mehr, wenn man das einmal gehört hat.

FOCUS Online: Was noch?

Mülln: Sehr schlimme und brutale Szenen gibt es immer wieder, wenn die Tiere sich auf dem Weg zur Schlachtung wehren. Sie sind nicht blöd und begreifen, dass gleich etwas Schreckliches passieren wird. Dann wird gnadenlose Gewalt angewendet, mit Elektroschockern zum Beispiel. Als skandalös empfinde ich auch die Zwischenlagerung der lebenden Tiere in sogenannten Ruheräumen. Dieser Begriff suggeriert, dass es hier alles ganz ruhig zugeht und die Tiere sich entspannen können, bevor sie umgebracht werden. Das Gegenteil ist aber der Fall. Sie bekommen hier kein Futter und kaum Wasser und sie kommen mit fremden Artgenossen zusammen, mit denen sie sich oft stundenlang unter dem Stress, unter dem sie stehen, bekämpfen und sich gegenseitig schwere Verletzungen zufügen.

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Schweine beim Transport. – Foto SOKO Tierschutz
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FOCUS Online: Die Schlachthöfe stehen aber am Ende der Leidenskette, oder?

Mülln: Das System der Massentötung geht Hand in Hand mit dem System der Massentierhaltung. Das eine geht gar nicht ohne das andere. In einem großen Schlachthof werden bis zu 30.000 Schweine oder 700 Rinder an einem Tag getötet. Um auf diese Zahlen zu kommen, braucht es eine große Menge an riesigen Stallbetrieben, in denen die Tiere auf engstem Raum und unter katastrophalen Bedingungen gehalten werden. Und bevor sie geschlachtet werden, werden sie auf langen, quälenden Transporten zu den Schlachtfabriken gebracht. Das ganze System basiert auf Leid und institutionalisiertem Rechtsbruch, denn vieles ist illegal. Vieles wird auch einfach geduldet, wie die Kastenstände, in denen sich die Sauen wochenlang nicht bewegen können – denn ohne diese Duldung würde das ganze System nicht funktionieren.

Zum Beispiel werden millionenfach Puten die Schnäbel abgebrannt, weil die Tiere sich sonst gegenseitig umbringen würden. Das ist eine Verstümmelung und die ist gesetzlich verboten. Aber dann wird einfach eine millionenfache Ausnahme ausgesprochen.

FOCUS Online: Es geht aber in der Massentierhaltung gar nicht nur um das Wohl der Tiere, sondern auch um die Gesundheit der Menschen. Machen sich die Verbraucher eigentlich klar, welche Gefahren es für die eigene Gesundheit gibt?

Mülln: Massentierhaltungen und die angeschlossenen Schlachthöfe sind eigentlich gigantische Petrischalen. Wenn man einen gefährlichen Erreger züchten möchte, schafft man ein heißes Klima mit vielen geschwächten Kreaturen und impft diese möglichst oft mit Antibiotika, so dass sich der Erreger gut an diese Abwehrmaßnahme gewöhnen kann. Genau so läuft das bei uns ab. Damit züchten wir uns eine Gefahr, gegen die Corona wirklich wie eine harmlose Grippe wirkt – nämlich die Gefahr der multiresistenten Keime. Diese werden der große Killer des 21. Jahrhunderts sein, sie kosten jetzt schon zehntausenden Menschen das Leben. Denn bald werden Infektionskrankheiten wie eine Lungenentzündung, Tuberkulose oder Syphilis plötzlich wieder tödlich. Sie sind dann wieder das, was sie vor der Erfindung des Antibiotikums waren: ein grausames Todesurteil. Bei TBC gibt es heute schon Stämme, die mit Antibiotikum nicht bekämpft werden können.

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Gruß Hubert

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