Ex-Metzger und Lebensmittelkontrolleur im Interview: „Fleisch-Mafia macht mit Ekel-Tricks Milliarden“   Leave a comment

.

Rebloggt von Tierfreund Wolfgang auf wolodja51.com

Der Lebensmittelkontrolleur und ehemalige Metzger Franz Voll hat 50 Jahre lang in der deutschen Fleisch-Industrie gearbeitet. Im Gespräch mit FOCUS Online erklärt er, mit welchen Tricks heute Billigfleisch produziert wird. Und: Warum die Branche über Lebensmittelkontrollen nur lachen kann – und was sie unter Druck bringen würde.

Fleischskandale wie jüngst bei Tönnies empören die Deutschen. Dabei sind sie gar kein neues Phänomen. “Schon in den 80ern stand ich im Schlachthof knöcheltief in Blut und Schweine-Kot”, sagt Franz Voll. 50 Jahre lang hat der ehemalige Metzger und Lebensmittelkontrolleur in der Fleischindustrie gearbeitet. Weil ihn die Zustände in der Branche angewidert haben, hat Voll den Branchen-Riesen den Kampf erklärt.

Der Ex-Metzger hat mehrere Bücher über die zweifelhaften Praktiken seiner Zunft geschrieben und sich unter anderem als Undercover-Journalist dem Team von Günter Wallraff angeschlossen. Im Gespräch mit FOCUS Online erklärt er, mit welchen Tricks Billigfleisch produziert wird, warum die Branchen-Riesen über Lebensmittelkontrollen nur lachen können – und was die Milliardenbranche unter Druck bringen würde.

Das Interview auf focus.de

Anmerkung: Auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin, was EX-Metzger Franz Voll im nachfolgenden Interview alles sagt und meint, so ist dieses Interview dennoch sehr interessant und auch sehr aufschlussreich .

FOCUS Online: Herr Voll, Sie haben 1969 im Alter von 14 Jahren Ihre Metzgerlehre begonnen. Wie wurde damals geschlachtet – und unter welchen Bedingungen?

Franz Voll: Es war völlig anders. In den 60er Jahren gab es noch kommunale Schlachthöfe, dort hat jeder Metzger noch selbst geschlachtet. Die Tiere wurden nicht wie heute durch die ganze Bundesrepublik in die großen Schlacht-Fabriken gekarrt, sondern in kleinen bis mittleren Betrieben in der Region weiterverarbeitet. Auch der Metzgerberuf war damals noch ein anderer. Ich habe alles gelernt – vom Schlachten über das Wurstmachen bis hin zum Verkauf und Tierhandel. Man hatte einen Bezug zum Tier, konnte zum Beispiel selbst einschätzen, ob es krank und gesund ist.

FOCUS Online: Was hat sich seitdem verändert?

Voll: In den späten 70er und frühen 80er Jahren begann die Branche, die Kunden auf Sonderangebote zu dressieren. Zuvor hatte es so etwas gar nicht gegeben. Auf die Kreidetafel an der Theke schrieb man, ob es heute Rouladen oder Kesselfleisch gibt. Der Preis blieb aber immer der gleiche.

Weil die Konkurrenz immer größer wurde, hat sich der Fleischerberuf immer weiter vom Tier entfernt. In den 80ern wurde es Mode, dass Metzger Fleischteile, die sie benötigten, bei den Zerlegern bestellen. Die bekommt man dann vakuumverpackt in Kartons geliefert. Das ist bequem und aus Verkaufssicht bestimmt sinnvoll. Aber mit dem ehrbaren Handwerk, das ich einst gelernt habe, hat das nur noch wenig zu tun.

Heute gibt es den Fleischer verkaufsbetont oder produktionsbetont. Ich würde sagen, viele von den verkaufsbetont Ausgebildeten wissen heute gar nicht mehr wie ein Rind oder Schwein zerlegt wird. Man muss im Prinzip nur noch grinsen können und wissen, wie eine Salami aussieht. In den Großproduktionen wird Wurst nicht mehr handwerklich hergestellt, da erledigen Pulver und der Häcksler den Großteil der Arbeit.

FOCUS Online: Welches Pulver, welchen Häcksler meinen Sie?

Voll: Der Häcksler, der es ermöglicht, dass Ihre Mortadella aus Fleischresten zusammenbastelt wird. Es ist Usus in der Fleischindustrie mit so genanntem Separatorenfleisch zu arbeiten. Dabei werden billige Fleischreste samt Knochen in einem riesigen Schredder klein gehäckselt, durch einen Druckkolben gepresst und einen Filter getrieben. Das Ergebnis ist ein fast flüssiger Brei, der – verzeihen Sie mir die Formulierung – aussieht wie das Erbrochene von Magenkranken. Die Fleischzellen werden dabei komplett zerstört, die Eiweiß-Muskelzellen liegen offen. Weil das bakteriell höchst bedenklich ist, ist es Pflicht, die Masse sofort nach der Produktion bei minus 18 Grad schockzufrosten.

Der Brei ist in vielen Fällen Hauptbestandteil der Wurst. Dazu kommt Wasser. Der Gesetzgeber erlaubt einen Anteil von 20 Prozent. Doch das reicht vielen nicht. Sie pumpen 30 oder sogar 40 Prozent Wasser rein, um zu sparen. Das fällt nicht auf, weil die Fleischindustrie seit Jahrzehnten eine geheime Allzweckwaffe nutzt: Globust. Dabei handelt es sich um ein hydrolisiertes Eiweiß, ein braunes Pulver aus Schlachtblutplasma, das die Fleischfetzen zusammenkleben lässt und den hohen Wasseranteil verdeckt. Wenn die Mortadella dann in die Analyse geht, wird ein Wasseranteil von gerade einmal 15 Prozent nachgewiesen – obwohl fast die Hälfte der vermeintlichen Wurst nichts mit Fleisch zu tun hat. Das ist nicht nur moralisch verwerflich und reiner Betrug. Es ist auch einfach nur ekelhaft.

FOCUS Online: Warum wird in der Fleischindustrie so gepanscht?

Voll: Rechnen Sie doch mal. Eine gepanschte Wurst wie eben beschrieben kostet mit allem drum und dran 60 bis 70 Cent pro Kilo in der Herstellung. Verkauft wird sie im Supermarkt für 6 bis 7 Euro. Die Margen in der Fleischindustrie sind also riesig. Hinzukommt die Menge. Ein Fleischer ums Eck macht vielleicht 50 Kilo Wurst pro Tag. Für ihn lohnt es sich kaum, sein Produkt mit 40 Prozent Wasser, das ja so gut wie nichts kostet, zu strecken. Die großen Player auf dem Fleischmarkt wie Tönnies aber produzieren 200 Tonnen Wurst – pro Tag wohlgemerkt. Sie können sich ausrechnen, wie viel Geld durch das Strecken der Ware hier gespart wird. In Deutschland gibt es 961 Großproduzenten und alle verdienen gut. Es ist ein Milliardengeschäft.

FOCUS Online: Gleichzeitig wird jetzt von vielen Seiten gefordert, dem Billigfleisch-Trend mit höheren Preisen den Riegel vorzuschieben. Was halten Sie davon?

Voll: Gar nichts. Ich könnte auf den Baum springen vor Wut, wenn Julia Klöckner jetzt sagt, wir müssen 40 Cent mehr pro Kilo bezahlen, damit Tierwohl und Arbeitsbedingungen in den Betrieben besser werden. Das Geld dafür ist in der Branche da; und zwar in Massen. Herr Tönnies könnte jeden einzelnen osteuropäischen Angestellten jeden Tag nach Feierabend mit dem Taxi in seine Heimat kutschieren und am Morgen wieder abholen lassen. Die Politik rudert mit im Boot der Fleisch-Mafia. Sie passt schön auf, dass der Kunde der Doofe bleibt.

FOCUS Online: Was werfen Sie der Politik vor?

Voll: Nach jedem Skandal folgen auf politischer Ebene Absichtserklärungen. Man wolle genauer hinsehen, mehr kontrollieren, Standards besser umsetzen und verschärfen. Fakt ist aber: Die Politik will überhaupt nicht, dass die Fleischindustrie kontrolliert wird. Sie verdient bestens an ihr mit. Das 10.000 Euro Tönnies-Honorar für Sigmar Gabriel ist da nur ein kleines Taschengeld. Es geht um viel größere Summen – und das schon seit Jahrzehnten.

Die Fleisch-Skandale sind ja keine spezifische Erscheinung der letzten Jahre. Ich stand schon in den 80ern in den Betrieben bis zu den Knöcheln in Schlachtabfällen und Schweine-Kot. Und keinen hat’s gekümmert.

FOCUS Online: Weil Sie von den Zuständen in den Großbetrieben angewidert waren, haben Sie vor 30 Jahren die Seiten gewechselt und sind Lebensmittelkontrolleur geworden. Konnten Sie etwas bewirken?

Voll: (lacht) Ich bin damals angetreten, um die Welt zu verändern. Schnell habe ich festgestellt, dass ich das alleine nicht bewerkstelligen konnte. Ich erinnere mich an einen Kontrollbesuch im Jahr 1986, als ich noch als Schlachter in einem Großbetrieb gearbeitet habe. Da kam der Meister an einem Montagmorgen ins Schlachthaus und meinte: „Heute schlachten wir nur 800 Schweine, damit die Kontrolleure nicht im Blut und auf den Innereien ausrutschen.“ Die Hälfte der Arbeiter wurde abbestellt, um den Schimmel an den Wänden zu übermalen. Die Delegation kam, gab ihren Stempel und am nächsten Tag ging es wieder weiter wie davor. So ist es bis heute.

FOCUS Online: Was müsste sich in Ihren Augen hier verändern?

Voll: Die Lebensmittelüberwachung in ihrer jetzigen Form ist ein Anachronismus. Sie ist kommunal geregelt, das heißt ein Kontrolleur sitzt zum Beispiel in Greifswald und seine Befugnisse reichen nicht über die Stadtgrenze hinaus. Die Fleisch-Bosse haben hier leichtes Spiel. Ich habe es selbst erlebt: Man bekommt als Kontrolleur einen Anruf vom Schlachthof-Chef, der sagt: „Wenn Sie kommen, hat das Konsequenzen für Sie.“ Die Macht dieser Leute ist riesig – und sie nutzen sie gnadenlos aus. Die Fleisch-Bosse sind vielerorts in Deutschland so etwas wie Provinzfürsten.

Richtig unter Druck bringen kann man sie nur, wenn das Kontrollsystem endlich dem Umstand Rechnung trägt, dass wir auch bei Fleisch und Wurst inzwischen auf einem globalen Markt leben. Ich schlage deshalb vor, die Kontrollorgane von der Kommunalebene auf die europäische oder mindestens Bundesebene zu verlagern und besser auszustatten. Kontrolleure müssen wie unabhängige Richter in der Lage sein, „Stopp“ zu sagen und einen Betrieb dicht zu machen.

FOCUS Online: Solange das nicht der Fall ist, bleiben den Verbrauchern als Orientierung nur Gütesiegel. Doch auch diese sind oft nicht vertrauenswürdig. Das haben Sie vor zwei Jahren mit einem ziemlich erschütternden Experiment bewiesen. Erzählen Sie!

Voll: Ich habe vor zwei Jahren in einem Beitrag für frontal 21 gezeigt, wie sich der Fleisch-Betrug auch auf vermeintlich unabhängiger Ebene fortsetzt. Viele Hersteller in Deutschland schicken ihre Produkte an die DLG. Für 180 Euro kann man sie „unabhängig testen“ lassen und bekommt bei besonders guter Qualität ein Gütesiegel verliehen, mit dem man sich dann schmücken kann.

Ich habe eine Wurst an die DLG geschickt. Darin waren enthalten: 9 % Fleisch, 27% Wasser und 46% Separatorenfleisch, der Rest war Hühnerhaut. Sie hat grauenvoll geschmeckt. Von der DLG habe ich für dieses Stück Gammel die Silbermedaille erhalten. Es war unglaublich – und hat gezeigt, dass auf den Siegel-Dschungel kaum Verlass ist.

FOCUS Online: Haben Sie überhaupt noch Appetit auf Fleisch? Wo bekommt man überhaupt noch gute Qualität?

Voll: Ich esse immer noch gerne und mit Genuss Fleisch. Ich kenne mehrere Bauern, bei denen ich seit Jahren mein Fleisch beziehe und denen ich vertraue. Natürlich kann sich das nicht jeder leisten und der Aufwand ist groß. Wer weiterhin im Supermarkt kaufen will, dem empfehle ich, auf das Bio-Siegel zu achten. Es ist meiner Erfahrung nach eines der ganz wenigen, bei dem wirklich streng kontrolliert wird.

Ansonsten sollte man in Kleinbetriebe gehen. Seit es keine kommunalen Schlachthöfe mehr gibt, müssen zwar auch lokale Metzger ihre Tiere zum Großschlachter bringen, aber wenigstens weiß man dann als Kunde, woher das Tier stammt. Ich finde, es lohnt sich, den Weg zum Metzger ums Eck in Kauf zu nehmen, auch wenn das vielleicht unbequemer und etwas teurer ist, als alles in einem Aufwasch in den Supermarkt-Wagen zu legen. Denn auch wenn es die roten Mühlen und grasenden Rinder auf den Verpackungen der Produkte Qualität suggerieren, wirklich gutes Fleisch zu finden, ist inzwischen zum Spießrutenlaufen geworden. Leider.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: