Archiv für 26. Oktober 2021

Der grausame Gott der Bibel   Leave a comment

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Einige Lesehilfen für Nichttheologen

I. Problemstellung
1992 hat Franz Buggle, Professor für klinische Psychologie an der
Universität Freiburg i.Br. ein Buch (andere sagen: eine Streitschrift)
herausgegeben, in der er nachweisen will, daß der jüdisch-christliche Gott auf weiten Strecken ein blutrünstiger, grausamer Gott sei.1
Buggle «beweist» seine These mit einer Anhäufung von Zitaten aus dem Alten und Neuen Testament. So findet Buggle im Pentateuch, in den Psalmen, bei den Propheten und auch im Neuen Testament zahlreiche Texte, die im Namen Gottes die Gewalt verherrlichen. So werde im Pentateuch den Eroberungskriegen und dem Völkermord das Wort geredet: Israel solle sich über die Nomadenstämme hermachen und sie vernichten. Mehr noch:
Der biblische Gott habe nicht nur Freude an Vernichtungskriegen seiner Auserwählten, sondern er selbst schlage brutal zu, indem er die Erstgeburt der Ägypter vernichte und das ägyptische Fleer im Meer ertränke.
Jahwe liebe es sogar, mit den seelischen Qualen seiner Getreuen zu spielen, indem er seinem auserwählten Abraham befehle, seinen einzigen Sohn Isaak zu töten.

Auch in den prophetischen Büchern sei dieser grausame Gott am Werk. So rufe etwa im Buch Jesaia der Gott seine «heiligen Krieger», seine «hochgemuten, jauchzenden Helden» (Jes 13,3) auf, vor den Augender Feinde deren Kinder hinzuschlachten, ihre Frauen zu schänden, ihre Häuser zu plündern (vgl. Jes 13,16). Auch das vielgerühmte Psalmenbuch (das Gebetbuch Israels und zahlreicher Kirchen) sei von Gewalt infiziert. So heiße es z. B. im Psalm 137,9: «Wohl dem, der deine Kinder packt und sie am Felsen zerschmettert.» Ungeheuerlich auch die Verfluchungen in den sogenannten Fluchpsalmen, in denen Gott angefleht werde, die Feinde Israels zu zerschmettern.
«Oh Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Mund Wenn der Gerechte die Vergeltung sieht, freut er sich und badet seine Füße im Blut des Frevlers» (Ps 58,7a und 11).

Auch das Neue Testament – so Buggle — sei voll von Gewaltverherrlichung, und zwar nicht am Rande, sondern in der Mitte: So brauche der barmherzige Vater im Himmel das Blut seines geliebten Sohnes, um sich durch dieses grausame Kreuzesopfer mit den Menschen zu versöhnen, die ihn durch ihre Sünden beleidigt hätten.
Die Logik der Grausamkeit gehe im Neuen Testament weiter: Der kommende Weltenrichter, der sogenannte menschenfreundliche Jesus, der in seinen irdischen Tagen nur menschenbefreiend gewirkt habe, werde nun die Menschheit in zwei Gruppen teilen: die zur Linken werden in die Hölle verdammt, an diesen «Ort» absoluten Terrors.

 

Der grausame Gott der Bibel

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Die Hölle.

Die Freude der Seligen an den Qualen der Verdammten und das sich Ergötzen an ihren unbeschreiblichen Schmerzen.

Man kann Nietzsche, diesem subtilen Analytiker, nur zustimmen,
wenn er schreibt: «Der Mensch ist das grausamste Tier. Bei Trauerspielen, Stierkämpfen und Kreuzigungen ist es ihm bisher am wohlsten geworden auf Erden; und als er sich die Hölle erfand, siehe, da war das sein Himmel auf Erden» (F. Nietzsche: Also sprach Zarathustra. WW II, hrsg. von K. Schlechta, S. 464).

Die Kirchenväter entdeckten noch eine andere Dimension der Hölle: die Freude der Seligen an den Qualen der Verdammten.
H.U. von Balthasar ist nicht zu widersprechen, wenn er die «heiligen Freuden» der Himmelsbewohner an den Qualen der Verdammten als «peinliches und schändliches» Kapitel der Kirchengeschichte betrachtet. (H.U. von Balthasar. Kleiner Diskurs über die Hölle. Ostfildern 1987, S. 36). —

An dieser voyeuristischen Freude hat sich besonders der große Kirchenvater Tertullian (ca 160—220) ergötzt. Er wolle — wie er schreibt — lachen, wenn er einst seine Feinde vom Himmel aus wird «braten» sehen. Beim Anblick dieses «Schauspiels» göttlicher Vergeltung wird Tertullian sich ergötzen (vgl. Tertullian-. Über die Schauspiele. Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 7, S. 135f.).
Auch Augustinus (354—430) macht sich lustig über die «weichherzigen und mitleidigen christlichen Seelen», die nicht glauben wollen, daß ein barmherziger Gott irgend jemanden ewig verdammen würde (vgl. Aurelius Augustinus-. Der Gottesstaat, Buch 21, Abschnitt 17. Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 28, S. 393f.).
So kann dann Gregor der Große (540-604) ohne jedes Mitleid dozieren: Gott, der Allmächtige, sättigt sich nicht an den Qualen der Verdammten, denn Gott ist gut. Weil er aber auch gerecht ist, kann er in Ewigkeit nicht aufhören, an den Sündern Rache zu nehmen. Die Verdammten werden deshalb in erster Linie wegen ihrer Sünden gequält.

https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=fzp-003:2003:50::674