Archiv für 5. Dezember 2021

„Wo warst du Gott?“   2 comments

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Die Theodizee-Frage

Bild von br.de
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Gewalt, Krieg, Krankheit, Schmerzen, Leid und Not. Warum lässt Gott das zu? Will oder kann er nicht anders? Die quälende Frage nach der Güte und Gerechtigkeit des Schöpfers ist eine Operation am offenen Herzen des Christentums.

Gesehen hat ihn noch niemand. Trotzdem wissen wir haargenau, wie Gott ist: Allmächtig, vollkommen, der Inbegriff des Guten schlechthin. Und damit sitzen wir in der Falle: Wie kann ein unendlich guter, liebender Gott eine Welt voller Elend, Leid und Not verantworten? Warum lässt er Seuchen, Brände, Bergstürze, Überschwemmungen und Dürrekatastrophen zu? Warum dürfen Menschen so grausam gegen Menschen wüten, warum macht er dem Morden kein Ende? Ist IHM dort oben egal, was hier unten so schrecklich schief läuft? Kann oder will ER nicht helfen?

Oder ist Gott gar nicht so gut, so allmächtig, so allwissend, wie wir gerne glauben? Hat er gepfuscht und womöglich die Kontrolle über sein Experiment verloren? Ist er seiner widerspenstigen, nutzlosen Laborratten inzwischen überdrüssig geworden? Oder ist alles noch einmal ganz anders: Kann es sein, dass Gott nur ein sadistischer Spieler, ein kosmischer Spaßvogel ist, der sich scheckig lacht über die Schreie, Klagen und Seufzer, die unerhörten Gebete, Bitten, Beschwörungen und Hilferufe von unten?

Vom Rechten und Hadern mit Gott

An der Gerechtigkeit und Güte Gottes, an seinem Wesen und Wollen scheuern sich Christen seit jeher wund. Sie reiben sich am schreienden Widerspruch zwischen dem Leid der Welt und jenen Eigenschaften, die untrennbar zum Wesen Gottes gehören: Machtfülle, Weisheit, Güte, Vollkommenheit. Aber diese Attribute passen nicht zum Wesen und Zustand seiner Schöpfung. Zumindest werfen sie die Frage auf, warum das Leid ein Teil der Schöpfung ist und sein darf.

Unter den Tisch kehren, vertuschen oder einfach leugnen lässt sich der Widerspruch nicht. Daher versenken sich Theologen und Philosophen aller Zeiten in die Rätselhaftigkeit Gottes, um das scheinbar Krumme wieder grade zu rücken. Mit naiver Frömmigkeit und filigraner Betrachtung, mit raffinierten Spitzfindigkeiten, kühnen Spekulationen und rhetorischen Klimmzügen versuchen sie, das Leid der Welt als Preis der menschlichen Freiheit, als Prüfung, Erziehungsmaßnahme, Strafaktion oder Tugendansporn zu erklären.

Ijob und die Schrecknisse Gottes

Das meistverschriebene Mittel gegen Zweifel jedweder Art ist über Jahrhunderte hin die Geschichte von Ijob: Der treue Gottesknecht des Alten Testaments lädt keine Schuld auf sich, wird aber dennoch vom Herrn geprüft und geschlagen. Schließlich bricht er unter dem Übermaß der Leiden zusammen. Ijob hadert und klagt, verzagt und verzweifelt. Zuletzt aber sieht er, was jeder Mensch einsehen muss: Ijob erkennt die schreckliche Majestät eines unüberbietbar großen Gottes, dessen Herrlichkeit jedes Maß und Verstehen übersteigt. Dieser gewaltige Gott ist so erhaben, dass er seinen Geschöpfen keine Rechenschaft schuldet. Angesichts seiner unermesslichen Heiligkeit sind Demut, Gehorsam und unbedingte Treue auch im Leid die einzig angemessene Haltung des Menschen.

Sichtbare Not, unsichtbarer Plan

Das „Modell Ijob“ lehrt die Antwort des Glaubens: Gott fürchten bedeutet, seine unantastbare Heiligkeit anzuerkennen, seinen unbedingten Willen gut zu heißen und die Unergründlichkeit seiner Wege fraglos hinzunehmen. Damit ist es an der Schwelle zur Aufklärung nicht länger getan. Das Zeitalter der Vernunft will den Zweifel nicht übertünchen, sondern rational bewältigen. Weil der Glaube fortan den Anforderungen des kritischen Verstandes genügen muss, darf die christliche Offenbarung kein widervernünftiges Element enthalten.

Leibniz und die beste aller Welten

Doch wie lässt sich die Annahme einer guten, zweckmäßigen Schöpfung rational mit dem Bösen und dem Leid in der Welt versöhnen? Als gegen Ende des 17. Jahrhunderts immer mehr gärende Köpfe behaupten, die Vorstellung eines gütigen Weltenbauers sei nur durch die Preisgabe der Vernunft und die Aufopferung des Verstandes zu retten, tritt Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) an, das Gegenteil zu beweisen. Gott, so argumentiert der Universalgelehrte, hätte selbstverständlich auch eine unendliche Zahl anderer Welten erschaffen können. Da er jedoch die höchste Weisheit, Vernunft, Gerechtigkeit, Güte und Heiligkeit in sich vereinigt, kann logischer Weise auch die tatsächlich geschaffene Welt nichts anderes als die beste aller möglichen Welten sein. Dass diese Welt nicht vollkommen ist, widerspricht der Vollkommenheit ihres Urhebers jedoch in keiner Weise. Denn vollkommen ist einzig Gott alleine. Die Welt kann es gar nicht sein, da sie nicht mit dem personalen Schöpfer identisch ist. Das Leid in dieser notwendig unvollkommenen Welt wiederum ist kein Teil des Schöpfungsaktes, sondern eine unvermeidliche Folge der menschlichen Wahlfreiheit zwischen dem Guten und dem Bösen. Um dieser gewollten Freiheit willen, lässt Gott das ungewollte Leiden lediglich zu. Alle Übel, die nicht durch die sündhafte Abkehr von Gott, sondern durch das Walten der Natur verursacht sind, sind einer unabdingbaren Notwendigkeit geschuldet, die der Mensch in seiner beschränkten Sichtweise nicht hinreichend erfassen kann.

Vom Richterstuhl auf die Anklagebank

Fürs Erste ist Gott damit aus dem Schneider. Aber nicht für lange. Der einmal angezettelte Prozess gegen einen Schöpfer, der seine Welt dem Leiden aussetzt, ist nicht mehr zu stoppen. Er wird zunehmend härter, erbitterter geführt. Und je länger er läuft, desto unversöhnlicher plädieren die Ankläger, desto unwahrscheinlicher wird ein Freispruch à la Leibniz. Denker und Dichter der folgenden Generationen, wortgewaltige und leidenschaftlich diesseitige Geister wie Feuerbach, Büchner, Marx, Nietzsche und Freud schleifen ein Jahrtausende altes Tabu: Sie zerren den einst unfehlbaren, unberührbar großen Gott vom Richterstuhl der Ewigkeit auf die irdische Anklagebank. Und das Fragen wird immer bohrender, immer dringlicher: Wo bist du, Gott, angesichts der Leiden deiner Welt? Warum greifst du nicht ein, wenn das Böse triumphiert?

Leidend, hilflos, mitgefangen – Gottesdeutungen

Die namenlosen Schrecken des 20. Jahrhunderts zerstören das traditionelle Bild des allgütigen, allmächtigen, allweisen Gottes ein für alle Mal. Es verbrennt in den Feueröfen von Auschwitz, krepiert auf den Schlachtfeldern zweier Weltkriege, verdampft im atomaren Inferno von Hiroshima und Nagasaki. Für viele Gläubige, für fromme Juden und nicht minder fromme Christen gibt es angesichts dieser Katastrophen nur noch einen Schluss: Ein Gott, der solche Gräuel zulässt, ist entweder sadistisch, launisch, bösartig, heimtückisch oder schlicht und einfach eine Illusion. Wer diesen Weg der radikalen Abkehr nicht gehen möchte und nicht gehen kann, hat letztlich nur eine Chance: Den Glauben an einen leidenden, mitleidenden, trauernden Gott. Den Glauben an einen Gott, der in seiner Menschwerdung das Leid nicht aufhebt, sondern mit uns trägt, der die gefallene Schöpfung nicht einfach ein zweites Mal auslöscht und stattdessen den für beide Seiten mühevollen, langsamen Weg der Heilung wählt.

Erfahrungswirklichkeit und Gedankengymnastik

Ob man nun das Nichthandeln Gottes als erbarmendes Mitleiden, als Solidarität mit den Geschundenen und Ohnmächtigen interpretiert oder als freiwilligen Verzicht auf seine Allmacht versteht, ein Problem bleibt immer: Gott ist keine sichtbare, greifbare, objektiv feststellbare Tatsache. Gott ist ein Wunsch, ein Gedanke, ein Konstrukt, eine Überzeugung, eine subjektive Glaubenswahrheit. Was wir über Gott wissen, ist das Resultat Jahrtausende alter Spekulationen, Gedanken, Meinungen und Vorstellungen. Das Leid in der Welt hingegen ist sehr konkret. Es ist mit Händen zu greifen, mit allen Sinnen erfahrbar. Es ist zu hören, zu sehen, zu riechen, zu spüren. Und es ist allgegenwärtig. Mit theologischer und philosophischer Gedankengymnastik kommt man gegen die Realität dieses Leidens nicht an. Dazu braucht es eine andere Gewissheit: Die gläubige Erfahrung der lebendigen Gegenwart Gottes. Eines Gottes, der es trotz allem, was scheinbar gegen ihn spricht, unendlich gut mit uns meint.

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„Wo warst du Gott?“

Veröffentlicht 5. Dezember 2021 von hubert wenzl in Religionskritik

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In Memory of Karlheinz Deschner (Teil2)   Leave a comment

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Es ist nur zu gut, dass der Einfluss der Kirche immer mehr zurück geht, die Kirchen leerer werden (fast nur mehr alte Weibchen) und dass sie kaum noch Nachwuchs haben.

Rebloggt von Tierfreund und Religionskritiker Wolfgang

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Bild von wolodja51.wordpress.com

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Nachruf auf Karlheinz Deschner

1924 in Bamberg geboren, verstorben am 8.April 2014 im Alter von 89 Jahren in einer Klinik seines Wohnortes Haßfurt

Wenn ich auch viele seiner geschriebenen Bücher noch nicht gelesen habe, so steht dennoch über jeden Zweifel fest, dass ich Karlheinz Deschner angesichts seiner religionskritischen Haltung und Überzeugung stets mit Hochachtung begegnet bin und ihn als Tierfreund und Religionskritiker sehr geschätzt und bewundert habe.

Anlässlich seines Todes am 8.April 2014 hier ein sehr guter Nachruf von Ralph Heringlehner auf Karlheinz Deschner:

Bissig, bisweilen gnadenlos sprang er mit Kirche und Klerus um. Doch im Gespräch entpuppte sich Karlheinz Deschner als stiller, nachdenklicher Mensch. Am Morgen des 8. April ist der „warmherzige Melancholiker“, wie ihn sein Lektor genannt hatte, der Autor der “Kriminalgeschichte des Christentums”, im Alter von 89 Jahren in einer Klinik seines Wohnortes Haßfurt gestorben.

Regale an allen Wänden, Tausende Bücher bis unter die Decke: Das Zimmer, in das Karlheinz Deschner den Besucher bat, verriet den Intellektuellen. Reden, erklärte er beinahe entschuldigend, liege ihm nicht. Ganz präzise, wie das eben nur schriftlich geht, wollte er seine Gedanken immer fassen. Konsequent (manche sagten: stur) dachte er sie zu Ende und zog seine Schlüsse. So einer – gleich gar, wenn er gegen die Kirche wettert – ruft Widerstand hervor. Man schrieb gegen Deschner an, gab ein dickes Buch heraus. 1971 stand er wegen “Kirchenbeschimpfung” in Nürnberg vor Gericht. Der Fall wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Der letzte Band seiner “Kriminalgeschichte des Christentums” erschien 2013, wurde von den Feuilletons wahrgenommen, doch der Sturm der Entrüstung, den die ersten Bände hervorgerufen hatten, blieb aus. Kirchenkritisch war der gebürtige Bamberger schon in jungen Jahren. Auch seine Dissertation bei den Germanisten an der Würzburger Uni über Lenaus Lyrik war ihm in diese Richtung geraten.

Jahrzehntelang bewältigte der Frühaufsteher ein Zwölf-Stunden-Arbeitspensum, tippte eisern auf der Olympia-Schreibmaschine, werktags, sonntags, feiertags. Jahrelang balancierte er an der Armutsgrenze. Mit 43 wehrte sich der Körper mit einem Herzinfarkt.

1970 hatte er mit dem Rowohlt-Verlag einen einzigen Band “Kriminalgeschichte” vereinbart. Des Autors Perfektionismus bei der Recherche ließ daraus zehn Bände werden, aus geplanten 350 Seiten wurden 5820, auf denen er, vielleicht ein bisschen wie Don Quichotte gegen Windmühlen, gegen die Kirche anrannte. Deschner war sich dessen durchaus bewusst: “Ich kann die Welt nicht ändern.” Missionarischer Eifer sei ihm fremd, aber: “Manche Dinge müssen einfach gesagt werden.”

Karlheinz Deschner wirkte eher traurig als bösartig, wenn er über Religion und ihre Folgen sprach. Wie auch anders, wo doch – so meinte er – über Jahrhunderte hinweg unter dem Deckmantel des Christentums Gräueltaten verübt worden seien: Der Glaube hat die Menschen auf die Schlachtfelder getrieben. Deschner war indes nicht so kurzsichtig, Derartiges nur dem Christentum anzulasten, wenn er sich in seiner Kritik auch darauf konzentrierte. Alle großen monotheistischen Religionen und auch manche politische Ideologie hätten die gleiche Wirkung: Sie gaukeln ein geschlossenes Weltbild vor. Mit der fatalen Folge, dass sich ihre Anhänger im Besitz der Wahrheit wähnen und sie anderen aufdrängen wollen. Wenn nötig mit Gewalt. Verzicht auf Religion hielt er folgerichtig für eine Voraussetzung zum toleranten Miteinander.

Die Publicity um die “Kriminalgeschichte” hat eines immer verdeckt: Deschner war auch ein wortmächtiger Autor von Kurzgeschichten. Seine plastischen Schilderungen, etwa von Spaziergängen in der fränkischen Heimat, sind ein Lese-Erlebnis. Auch für jene, die mit seiner Religionskritik nichts anfangen können.

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In Memory of Karlheinz Deschner (Teil2)