Archiv für 9. Januar 2022

In Memory of Karlheinz Deschner (Teil7/1)   Leave a comment

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Rebloggt von Tierfreund und Religionskritiker Wolfgang – wolodja51.wordpress.com

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Karlheinz Deschner: «Unsere tägliche Illusion gib uns heute!»

Am 13. Juni 1993 fand in Darmstadt die Verleihung des von Walter Steinmetz gestifteten Alternativen Büchnerpreises an Karlheinz Deschner statt. Dabei wurde von einem Rezitator auch dieser grandiose Text von Karlheinz Deschner verlesen:

Es war einmal ein alter Herr. Der lebte, mit vielen, vielen Jahren auf dem Buckel, lange ganz allein. Er lebt, schwer vorstellbar, doch finden wir uns damit ab, schon ewig, ohne Anfang, ohne Ende, im Vollgefühl der Allmacht, seines Wissens, seiner Güte. Doch plötzlich hat er, gottweißwarum, das dauernde Alleinsein satt, die wenn auch noch so souveräne Solitüde, das Dolcefarniente tagaus, tagein, das ja auch unsereinem nicht bekommt. Ja, nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen. Oder wie Georg Büchner den Leonce sagen läßt: «Müßiggang ist aller Laster Anfang.» Offenbar mußte sich die Omnipotenz endlich betätigen, bestätigen. Brauchen doch auch wir immer wieder ein kleines Erfolgserlebnis. Und er hatte es nie!

Und seine grenzenlose Güte? Wohin damit? Und wollte er nicht auch verehrt, ein wenig angebetet sein, verherrlicht? War nicht, wer weiß, ein bißchen Eitelkeit im Spiel? Ein wenig Rachsucht gar, ein Zorn, hochheilig, sicher, der freilich einmal raus, der einfach sich entfalten, entladen mußte? Wie seine grenzenlose Güte? Beides zusammen, liebevoller Vater und Folterknecht in perpetueller Kooperation?

Aber Hölle und Himmel beweisen es. Beide gleich vis-à-vis, damit man von diesem – Herrgott, wofür ist man Engel!, wofür singt man Halleluja! – ganz bequem in jene gukken und sich an all dem Teufelselend gehörig auch ergötzen kann, durch alle Ewigkeit, wie höchste Kirchenleuchten lehren. Alles schwer vorstellbar für unsern schwachen menschlichen Verstand. Aber es ist so. Die nackte Realität. Kurz und gut, so haut er eines Tages auf die Pauke, – haut – warum erst jetzt? Warum nicht früher schon? Nicht später? Warum, warum! In seiner Weisheit wußte er warum, ja, jetzt, jetzt wollte er, nach langer Lethargie ein ungeheurer Tatendrang, und haut, in schöpferischer Schaffenslust, das Universum kühn heraus; ob gleich komplett, ob erst im Ei, ob mit großem Knall, ob ohne, das alles, gott, ist eitles Klügeln, Spintisieren, vage Wissenschaft von Menschenköpfen, heute so und morgen so. Was zählt, sind Fakten. Und Faktum ist: alles war bestens geraten. Authentisch bezeugt. Und bloß Fieslinge, Mieslinge, zehnmal scheiterhaufenreife Kerle, denen nichts wunderbar, nichts heilig ist, selbst das Heiligste nicht, können da leugnen. Denn war der alte Herr allmächtig, konnte er alles. War er allgütig, wurde auch alles gut – ein sonnenklarer Fall.

Doch der Mensch denkt, und Gott lenkt. Die ganze Sache, wie bekannt, ging restlos in die Binsen. Ja, obwohl alles von dem Allerbesten, Allermächtigsten, Alleswissenden, obgleich es ganz und gar aus ihm und nur aus ihm, aus wem auch sonst, direkt emanierte, kam einfach Furchtbares, Erschreckendes heraus. Kaum zu glauben, wahrhaftig! Die Sterne zwar leuchteten edel, die Sonne schien ohn’ Fehl und Arg – aber darunter: Hurerei und Greuel, Ungehorsam, Apfelbiß, Schlangengift, Erbschuld etc. etc. Und der alte Herr, der all dies ja seit Ewigkeit vorausgewußt, der es, spielend, hätte verhindern können, doch nicht verhindern wollte in seiner Weisheit, der ersäufte, der Allerbarmende, die ganze Chose, die mißratene, Mensch und Tier (das ja unschuldig war: oder biß auch das Tier, ein weibliches vielleicht, ins Obst?!), ja, ersäufte alles kurzerhand, ein göttliches Spektakel ohnegleichen, die erste und bis heute radikalste Endlösung der Welt.

Doch schließlich, er hatte sich genug gelangweilt. Auch Geduld gezeigt genug, fürwahr, einmalige Geduld. Überhaupt: Einmalige Umstände. Denn sonst, ich meine – die braunen Bestien wurden in Nürnberg gehängt. Und Stalin marschiert als Bluthund durch die Geschichte. Und sie alle, samt und sonders, hatten doch nur einen, ich meine bloß, vergleichsweise kleinen Teil unserer Rasse liquidiert – der gute alte Herr aber alles, die ganze Menschheit, mit Stumpf und Stiel, alles hinab in den Orkus … er, der Beste, der alles so gut macht.

Der zweite Teil dieses hervorragenden Textes von K. Deschner folgt am kommenden Sonntag …….

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In Memory of Karlheinz Deschner (Teil7/1)