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Pressefreiheit – Lügenpresse – Rückblick   Leave a comment

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Heute wird ja vor allem von der AfD, aber auch von PEGIDA viel über die Lügenpresse gesprochen und dass ihren Meinungen zu kurz kämen, falsch wieder gegeben oder unter dem Tisch gekehrt würden. Sie verwenden Begriffe aus einer dunklen Zeit und wundern sich wenn dann entsprechende Assoziationen kommen. Und da verwahren sie sich dann dagegen. Aber es gibt nichts so Verräterisches als die Sprache.

 

Aus buggisch.wordpress.com

Europäische Patrioten und die unpatriotische „Lügenpresse“

Bei einer derart diffusen Gemengelage lohnt es vielleicht, den Blick auf Details zu richten. Dass die Angst vor Überfremdung, vor einer Islamisierung Deutschlands und vor zu viel politischer Toleranz gegenüber Asylbewerbern und Migranten weitgehend irrational ist, haben diverse Faktenchecks bereits gezeigt.

Doch nicht nur die Kernthesen von Pegida sollten überprüft werden, auch die Sprache, derer sich die Bewegung bzw. ihre Anhänger und Mitläufer bedienen, ist interessant. So wird der diffuse, schwer begründbare (und damit natürlich auch schwer zu entkräftende) Vorwurf, der Journalismus in Deutschland sei tendenziös, linksliberal, mögliche Gefahren relativierend  und damit im Kern – anders als Pegida – unpatriotisch, gerne mit dem Begriff der „Lügenpresse“ auf den Punkt gebracht.

Diesen Begriff hat Pegida natürlich nicht erfunden. Die Suche nach den Ursprüngen und der Hochzeit des Begriffs führt zurück zum Beginn des 20. Jahrhunderts – in die Zeit völkischer und nationalsozialistischer Ideologie.

 

Die Google Book Search zeigt, wann der Begriff "Lügenpresse" Hochkonjunktur hatte
Die Google Book Search zeigt, wann der Begriff „Lügenpresse“ Hochkonjunktur hatte

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NS-Rhetorik: Apodiktik und primitive Parolen

Die Ideologisierung der Sprache und die Radikalisierung der Rhetorik im Dritten Reich sind hervorragend untersucht. Es gibt zahlreiche Monographien und Dissertationen zum Thema, ein kleiner Blogbeitrag wie dieser wäre sicher der falsche Ort, um das Thema ausführlich darzustellen. Um es kurz zu machen: Ein zentrales Merkmal dieser Rhetorik ist argumentationsfreie und -verweigernde apodiktische Behauptung, das Verkünden (nicht Begründen!) von Wahrheiten, die stumpfe, permanent wiederholte Aufladung von Begriffen jenseits aller Differenzierung, die Umdeutung von Begriffen zu Kampfbegriffen.

„Diesem Grundsatz“, so der Historiker Joachim Fest, „entsprachen die Forderungen nach größter Primitivität, nach einfachen, schlagwortartigen Parolen, ständigen Wiederholungen, die Wendung gegen jeweils nur einen Gegner sowie der apodiktische Ton der Reden, die sich ‚Gründen‘ oder ‚Widerlegungen anderer Meinungen‘ bewusst versagte.“

Und Victor Klemperer schon 1947 über die Lingua Tertii Imperii: „Der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang, und die mechanisch und unbewusst übernommen wurden. (…) Das ‚Dritte Reich‘ hat die wenigsten Worte seiner Sprache selbstschöpferisch geprägt, vielleicht, wahrscheinlich sogar, überhaupt keines. Die nazistische Sprache weist in vielem auf das Ausland zurück, übernimmt das meiste andere von vorhitlerischen Deutschen. Aber sie ändert Wortwerte und Worthäufigkeiten, sie macht zum Allgemeingut, was früher einem Einzelnen oder einer winzigen Gruppe gehörte, sie beschlagnahmt für die Partei, was früher Allgemeingut war, und in alledem durchtränkt sie Worte und Wortgruppen und Satzformen mit ihrem Gift, macht sie die Sprache ihrem fürchterlichen System dienstbar, gewinnt sie an der Sprache ihr stärkstes, ihr öffentlichstes und geheimstes Werbemittel.“

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Die „Lügenpresse“ in der völkischen und nationalsozialistischen Propaganda

So erschien schon 1914 das Buch „Der Lügenfeldzug unserer Feinde: Die Lügenpresse“ mit einer „Gegenüberstellung deutscher, englischer, französischer und russischer Nachrichten“. Es war offenbar erfolgreich, denn 1916 legte der Autor einen zweiten Band vor: „Die Lügenpresse: Der Lügenfeldzug unserer Feinde: Noch eine Gegenüberstellung deutscher und feindlicher Nachrichten“.

Später verwendet kein Geringerer als Joseph Goebbels den Begriff in seinen Reden und Schriften: „Ungehemmter denn je führt die rote Lügenpresse ihren Verleumdungsfeldzug durch …“ Richtet sich die Propaganda hier gegen den Gegner links im Parteienspektrum, wird andernorts gerne die „jüdisch marxistische Lügenpresse“ attackiert. Und auch Adolf Hitler distanzierte sich schon 1922 von der Monarchie mit dem Hinweis: „Für die Marxisten gelten wir dank ihrer Lügenpresse als reaktionäre Monarchisten“.

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Alfred Rosenberg und die LügenpresseNur ein weiteres Beispiel, um die Sache abzukürzen: Alfred Rosenberg, Chef-Ideologe der NSDAP, verfasste 1923 das Programm der „Bewegung“ mit dem Titel Wesen, Grundlagen und Ziele der national-sozialistischen deutschen Arbeiterpartei. In Kapitel 10 propagiert er „die alte deutsche Auffassung vom Wesen und Wert der Arbeit“ und kommt zu dem Schluss: „Das Volk wird seine großen Künstler, Feldherren und Staatsmänner nicht mehr als ein ihm Entgegengesetztes empfinden – als welches eine Lügenpresse sie uns darstellen möchte -, sondern, umgekehrt, als den höchsten Ausdruck seines oft dunklen, noch unbestimmten Wollens.“

[…]

 

Ein patriotischer Kampfbegriff mit Tradition

Nach 1945 geht der Begriff nicht mit der NS-Diktatur unter, er taucht aber nur noch gelegentlich auf – bezeichnenderweise gerne in antidemokratischem Kontext, etwa im Rahmen der DDR-Propaganda gegen den Westen.

Mit anderen Worten: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde mit „Lügenpresse“ insbesondere die ausländische, als marxistisch und jüdisch geltende Presse diffamiert. Mit dem Kampfbegriff wurden die Publikationen der linken und ausländischen Zeitungen pauschal als „undeutsch“ und „vaterlandslos“ verurteilt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts bedient sich Pegida desselben Kampfbegriffs, richtet ihn gegen die Zeitungen im eigenen Land, verknüpft damit aber die gleiche Kritik wie ein Jahrhundert zuvor: Lügenpresse ist unpatriotische Presse. Wäre der Begriff noch salonfähig, hätte Pegida die Journalisten auch als „Vaterlandsverräter“ bezeichnen können.

Update: Inzwischen wurde der Begriff „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres 2014 gekürt. Aus diesem Anlass habe ich dem NDR ein Interview zur Geschichte des Begriffs gegeben.

Update 2: Hier gibt es einen Beitrag von mir zu der Frage, wie wir mit Pegida umgehen sollten.

Hier noch ein Kommentar dazu.

Selbstverständlich ist Pegida mit Schuld an den Brandanschlägen. Wenn man aktiv daran mitwirkt, ein fremdenfeindliches Klima im Land zu schaffen, in dem man absurde Vorurteile jenseits von Fakten schürt und behauptet, man repräsentiere die schweigende Mehrheit aus der Mitte, obwohl man offensichtlich eine laute Minderheit vom rechten Rand ist, dann muss man sich nicht wundern, wenn manche Hohlbirnen sich dazu angespornt fühlen, den nächsten Schritt zu gehen.

 

Pressefreiheit – Lügenpresse – Rückblick

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Und wie sah es mit der „Freien Presse“ im Nationalsozialismus aus?

Auszug aus dem Spiegel.

Sie waren ausgezogen, die Nation von der bürgerlich-marxistischen Journaille“ zu säubern. Das Führerprinzip sollte auch in der Presse Einzug halten, jeder Zeitung und jeder Spalte war die Aufgabe zugedacht, das Genie Adolf Hitlers zu feiern und die nationalsozialistische Volksgemeinschaft zu festigen.

Schlag um Schlag zerstörten sie die freie Presse. Die sozialdemokratischen und kommunistischen Zeitungen wurden verboten, die Journalisten in das Joch eines diktatorischen Schriftleitergesetzes genommen, jede Opposition aus den Redaktionsstuben vertrieben.

Später fielen auch die unpolitischen Zeitungen in die Hände des Regimes. Bis 1942 hatte der NS-Pressetrust des Reichsleiters Max Amann 80 Prozent der bürgerlichen Presse aufgesogen. Amann triumphierte: „Die Partei beherrscht die Presse.“ Selbst Hitler staunte: „Das macht uns kein Land nach.“

An die Stelle einer vielstimmigen Presse aber rückte eine graue Einöde, in der sich nicht einmal Nationalsozialisten wohl fühlten. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels, der selber täglich detaillierte „Sprachregelungen“ an die Presse herausgab, notierte sich am 14. April 1943: „Der Journalismus wird hier geschurigelt, als wenn er sich noch in der Volksschule befände. Ein Mann, der noch ein bißchen Ehrgefühl besitzt, wird sich in Zukunft schwer hüten, Journalist zu werden.“

Am ärgsten irritierte die totalitäre Gedankenkontrolle den Mann, der von Berufs wegen dazu ausersehen war, die Pressepolitik des Regimes exemplarisch vorzuleben: den Hauptmann außer Dienst Wilhelm Weiß, SA-Gruppenführer, Leiter des Reichsverbandes der Deutschen Presse und Hauptschriftleiter des „Völkischen Beobachter“. Mit dem „Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung Großdeutschlands“, wie sich der „VB“ im Untertitel nannte, sollte Weiß den Typ einer neuen, nur auf die Bedürfnisse des Regimes zugeschnittenen Presse schaffen.

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Das Elend nationalsozialistischer Pressepraxis hat jetzt die Münchner Historikerin Dr. Sonja Noller am Beispiel des „Völkischen Beobachter“ dargestellt. In einem Essay, der in der Reihe der vom Scherz Verlag herausgegebenen Faksimile-Ausgaben bedeutender Zeitungen erschienen ist, erzählt sie Aufstieg und Bankrott der ersten deutschen Tageszeitung, deren Auflage die Millionengrenze überschritt*.

Der VB nannte sich nicht „Zeitung“, sondern „Kampfblatt“, und das war kein Zufall. Sein Stil verriet die Herkunft des NS-Organs: Er war, formuliert Sonja Noller, „aus der Flugschrift und dem Plakat entwickelt. Er war mehr gesprochen als geschrieben und trug alle Zeichen des Plakathaften: Zusammenballung von Schlagworten, auf das Gefühl abgestellte Phrasen und Meinungen, überredende, verführende Wortkraft, Radau und Aggressivität“.

[…]

Nach Ehers Tod im Jahre 1918 verkaufte seine Witwe die Zeitung an den Freiherrn Rudolf von Sebottendorff, und mit ihm begann die politische Karriere der Zeitung. Ab 1919 nannte sich das Blatt „Völkischer Beobachter“, die Vorstadt-Zeitung wurde zum Sprachrohr nationalistisch-völkischer Rechtsextremisten.

Der Freiherr von Sebottendorff gehörte zu den Führern der Thule-Gesellschaft, einer jener völkischen Vorläuferinnen des Nationalsozialismus, die auf den verlorenen Krieg und den Zusammenbruch der Thron- und-Altar-Ordnung mit Haß gegen Republik, „Rote“ und Juden reagierten.

„Macht ganze Arbeit mit den Juden!“ krakeelte der VB am 10. März 1920 und putschte seine Leser dazu auf, „das ostjüdische und jüdische Ungeziefer überhaupt mit eisernen Besen auszufegen“. Pausenlos propagierte das Thule-Blatt „völkische Politik, d. i. innere Einstellung und Verfahren völkischer Geister zu den Dingen des Staates, des Volkes und der Welt“ — so der VB am 29. Juli 1920.

Aber auch der unermüdliche Appell an die nationalistischen Instinkte vermochte das Blatt nicht von seiner wachsenden Schuldenlast zu befreien. Der „Völkische Beobachter“ verkaufte knapp 7000 Exemplare, Ende 1920 beliefen sich die VB-Schulden auf 250 000 Mark. Das Blatt der „völkischen Erneuerung“ stand vor dem Bankrott.

Da bot sich ein Retter an: Anton Drexler, Vorsitzender der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, hinter dem damals schon sprungbereit Adolf Hitler stand, erwarb den VB für 120 000 Mark. Am 17. Dezember 1920 ließ er sich neben Käthe Bierbaumer und Dora Kunze, der Geliebten und der Schwester Sebottendorffs, als Hauptteilhaber ins Handelsregister eintragen, einen Tag später erfuhren die Leser, daß die Zeitung in den Besitz der NSDAP übergegangen sei.

* Sonja Noller und Hildegard von Kotze: Facsimile-Querschnitt durch den Völkischen Beobachter“. Scherz Verlag, München – Bern – Wien; 208 Seiten; 24.80 Mark.

[…]

Am 30. April 1945 druckte Wilhelm Weiß in München die letzte Nummer des „Völkischen Beobachter“ mit der sechsspaltigen Schlagzeile: „Großschlacht um Bayern“. Sie erreichte die Deutschen nicht mehr — Amerikas Panzer rollten schon durch die Straßen und signalisierten das Ende.

Hier weiterlesen:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46437602.html

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Gruß Hubert