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Massenexodus von NS-Kriegsverbechern nach Argentinien   Leave a comment

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In Lateinamerika gab es genug Länder, die NS-Kriegsverbechern Schutz gewährten, darunter auch Argentinien. Argentinien hatte auch das Ziel unter den NS-Kriegsverbrechern „Techniker“ und „Experten“ aufzunehmen. Die Peron-Regierung in Argentinien hieß NS-Verbrecher herzlich willkommen.

Aus ila-web.de

Im zweiten Teil seiner Artikelserie über die Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher nach Argentinien beschreibt Theo Bruns die verschiedenen Beteiligten, die wichtigsten Fluchtrouten und die Schlüsselrolle der Regierung Perón bei der Evakuierung der Massenmörder.

Argentinien war aus dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich gestärkt hervorgegangen. Der im Februar 1946 zum Präsidenten gewählte Juan Domingo Perón erträumte für das Land am Rio de la Plata bereits die Rolle einer „Dritten Weltmacht“, und die argentinischen Militärs verfolgten ehrgeizige Pläne, die den Aufbau von Waffenfabriken, die Konstruktion von Kampfflugzeugen und die Entwicklung von Nukleartechnologie einschlossen. Sie konkurrierten mit den Alliierten im Wettlauf um die Rekrutierung von NS-Wissenschaftlern und Rüstungsexperten, die sie in den Dienst der eigenen Machtentfaltung stellen wollten. Dennoch war Peróns Einwanderungspolitik nicht rein pragmatisch orientiert, sondern zielte darüber hinaus auf eine Personengruppe, deren Einschleusung ausschließlich politisch-ideologisch motiviert war und sich seiner weltanschaulichen Nähe zum europäischen Faschismus verdankte. In den Nürnberger Prozessen sah Perón nicht die gerechte Strafe für beispiellose Verbrechen, sondern kritisierte sie im Stil deutscher Nazis als Siegerjustiz: „In Nürnberg geschah damals etwas, was ich persönlich als eine Schande und als eine finstere Lektion für die Zukunft der Menschheit ansah … Es ist die größte Ungeheuerlichkeit, welche die Geschichte niemals vergessen wird.“

Er entschied sich – in flagranter Verletzung internationaler Verträge – eine illegale Einwanderung in Gang zu setzen, die nicht nur Jagd auf „Techniker“ und „Experten“ machte, sondern so viele NS-Täter und Kollaborateure wie möglich vor der Nachkriegsjustiz bewahren sollte. Uki Goñis Standardwerk „Odessa – Die wahre Geschichte“ kommt das außerordentliche Verdienst zu, Konturen, Akteure und Funktionsmechanismen dieser umfassenden Operation im Detail nachgezeichnet zu haben. Seine minuziöse Rekonstruktion des komplizierten Fluchthilfenetzwerks verweist die These, die NS-Kriegsverbrecher hätten nach dem Krieg ihre Flucht vornehmlich individuell und ohne organisierte Hilfe in die Wege geleitet, ein für alle mal ins Reich der Legenden. Die Schaltzentrale der Operation war in der Nachrichtenabteilung des Präsidenten (División Informaciones) angesiedelt, einem neu geschaffenen Geheimdienst, den Perón mit der Planung und Durchführung der Fluchthilfe beauftragt hatte. Sie wurde geleitet von Rodolfo Freude, einem engen Freund Evitas und ihres Bruders Juan Duarte. Rodolfo war der Sohn des deutsch-argentinischen Unternehmers Ludwig Freude, der als oberster Nazi Argentiniens galt. Gerüchten zufolge verwaltete er einen Nazi-Spionagefonds und war bereits vor Kriegsende in Finanztransaktionen verwickelt, die Nazivermögen vor dem Zugriff der Alliierten retten sollten. Freudes Topagent war eine außerordentlich schillernde Gestalt: Carlos Horst Fuldner, der Sohn einer deutschen Einwandererfamilie, die Anfang der 1920er Jahre nach Deutschland zurückgekehrt war. Fuldner trat bereits 1931 der SS bei, machte sich später der Unterschlagung schuldig und wurde nach einem misslungenen Fluchtversuch verhaftet und degradiert. Später diente er als Übersetzer bei der Blauen Division, einer spanischen Militäreinheit, die Franco für den Einsatz an der Ostfront zur Verfügung gestellt hatte. Ende 1944 tauchte er in Madrid auf, nun als Agent des Auslandsgeheimdienstes der SS. Im Auftrag Schellenbergs sollte er Fluchtmöglichkeiten für SS-Größen sondieren, eine Mission, die er später als Agent der Nachrichtenabteilung Peróns umsetzen wird.

Die erste Fluchtwelle erreichte Argentinien über Spanien. Bei der Mehrzahl der Fliehenden handelte es sich um Mitglieder der europäischen Kollaborationsregime der Nazis, die sich nach dem Einmarsch der Alliierten nach Madrid gerettet hatten: Vertreter des französischen Vichy-Regimes und belgische Kollaborateure, kroatische Ustascha-Vertreter, Mitglieder der slowakischen Hlinka-Garde und der rumänischen Eisernen Garde. Ein wahres Horrorkabinett und getreues Abbild des nazistischen Europas. Aus ihm wird Freude das Team rekrutieren, welches die „Odessa“ Peróns bilden und den Massenexodus von Kriegsverbechern aus Europa einleiten wird. Zum harten Kern dieses Netzwerkes gehörten u.a. Pierre Daye, der ehemalige Fraktionsvorsitzende der pronazistischen Rexisten-Partei in Belgien; dessen Landsmann René Lagrou, Gründer der flämischen SS; Charles Lesca, Herausgeber des französischen Kollaborationsorgans Je suis partout, das einen rabiaten Antisemitismus vertrat; Georges Guilbaud, Organisator der Vichy-Milizen in Nordfrankreich und späterer Finanzberater Peróns; Jacques de Mahieu, Veteran der französischen SS-Division Charlemagne (sein Buch „Grundlagen der Biopolitik“ wurde vom NPD-Verlag Deutsche Stimme in deutscher Sprache veröffentlicht); Branko Benzón, Botschafter des kroatischen Ustascha-Regimes in Berlin; Radu Ghenea, Botschafter des NS-Satelliten Rumänien in Madrid. Zu ihnen gesellten sich aus Italien kommend die Brüder Ferdinand und Jan Durcansky, Vertreter des slowakischen NS-Marionettenstaates. Fast alle von ihnen waren in ihren Heimatländern wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt worden oder hatten lange Haftstrafen zu erwarten. Auslieferungsersuchen an die Adresse der argentinischen Regierung wurden jedoch in geradezu provozierender Weise ignoriert.

Diese makabre Runde traf sich auf Vermittlung Freudes in der Casa Rosada mit Perón, um die Evakuierung ihrer in Europa zurückgebliebenen Mittäter und Gesinnungsgenossen zu planen. Gemeinsam debattierten sie die peronistische „Dritte Position“ (Tercera Posición) jenseits von „plutokratischem“ Kapitalismus und sowjetischem Kommunismus, die in ihren Grundzügen dem europäischen Faschismus nur zu ähnlich war. Sie waren in der festen Überzeugung vereint, dass ein Dritter Weltkrieg und die Wiedereinsetzung in ihre alten Positionen unmittelbar bevorstehe. Pierre Daye, der sich in pathetischer Pose in einer Zeit ähnlich der Renaissance, einer „Epoche der Abenteurer“ wähnte, schrieb: „Die Märtyrer, die man für jede höhere Sache braucht, werden ihre Namen im Triumph rehabilitiert sehen.“ Aus Madrid sekundierte der in Belgien ebenfalls zum Tode verurteilte Rexistenführer Léon Degrelle: „In zwei, drei, fünf Jahren wird die große Stunde kommen. … Alles Bisherige war ja nichts als Patrouillengang, Erkundung, aufmerksame Beobachtung. Das wirkliche Leben fängt erst noch an.“ Sie geben sich im Präsidentenpalast die Klinke in die Hand und unterstützen sich wechselseitig. Sie danken Perón für die „bewegende Gastfreundschaft“, verwenden sich für eine „Einwanderung der Eliten“ und versprechen, ihre „gesammelte Erfahrung“ im antikommunistischen Kampf in den Dienst der „Argentinischen Nationalen Revolution“ zu stellen. Binnen kurzem werden sie in wechselnder personeller Zusammensetzung für Peróns Geheimdienst oder als Berater (asesores confidenciales) der zunächst von dem erklärten Antisemiten Peralta, ab Mitte 1947 dann von Pablo Diana geleiteten Einwanderungsbehörde arbeiten oder als „Vertrauensmänner“ (allegados) an Konferenzen teilnehmen, welche die strategischen Eckpunkte der Einwanderung festlegten. Freudes Team ist mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet und befugt, Einreisegenehmigungen (libre desembarco) für die nach Nationalitätengruppen betreuten Schützlinge zu erteilen, auf deren Basis die argentinischen Konsulate in Europa angehalten sind, Visa zu erteilen.

Diese verschworene Gemeinschaft von Schreibtischtätern, Mördern und NS-Kollaborateuren gründet 1948 eine harmlos klingende Organisation namens SARE, die „Argentinische Gesellschaft zum Empfang von Europäern“. Diese hat sich dem Ziel verschrieben, „unseren gefährdeten Freunden auf dem Alten Kontinent Visa und Mittel für die Einwanderung nach Argentinien zu besorgen“. Sie wird von der peronistischen Regierung offiziell anerkannt und genießt weitreichende Befugnisse. Logo der Organisation ist sinnigerweise ein Rettungsring, der die Landkarte Europas umrahmt. Sie tagt in einem im Kolonialstil erbauten Gebäude in Buenos Aires, welches im Besitz des Erzbistums von Buenos Aires ist. Dessen Oberhaupt, Kardinalprimas Santiago Luis Copello, ein Sympathisant des Vichyregimes, wird von Perón zu seinem „päpstlichen Gesandten“ beim Heiligen Stuhl ernannt.

Noch fünfzig Jahre nach den Ereignissen ist Uki Goñi fassungslos, „dass Perón in so dreister Weise und in direkter Komplizenschaft mit den Kriegsverbrechern die größte Fluchtoperation in den Annalen der Verbrechensgeschichte aushecken konnte“. Während Freude sein Team in Buenos Aires zusammenstellte, wurde in Europa bereits die Fluchtroute Nord installiert. Sie wurde von dem Deutsch-Argentinier Carlos Schulz sowie den argentinischen Konsuln Piñeyro und Mouret in Kopenhagen betreut und diente u.a. der Ausschleusung von NS-Wissenschaftlern und -technikern via Skandinavien. Die prominentesten Anwerbungen waren zweifelsohne der ehemalige Chefkonstrukteur der Focke-Wulf-Werke in Bremen, Prof. Kurt Tank, und dessen Mitarbeiter Jürgen Naumann, die die Blaupause für einen neuen Kampfflieger mit nach Argentinien brachten. Tank wurde in Córdoba leitender Berater des Luftfahrttechnischen Instituts in Argentinien und war mit seinem Team maßgeblich an der Produktion des argentinischen Düsenjägers Pulqui II beteiligt. Ein „Experte“ anderer Art war Dr. Carl Vaernet, der „dänische Mengele“, der als SS-Arzt an homosexuellen Häftlingen des KZ Buchenwald grausame Experimente durchgeführt hatte, um ein „Heilmittel gegen Homosexualität“ zu entwickeln. Im März 1947 flüchtete er über Schweden nach Argentinien, wo er für Peróns Gesundheitsministerium arbeitete. 

Die spektakulärste Flucht gelang dem SS-Mann Ludwig Lienhardt mit einer Gruppe aus Angehörigen von acht Nationen, der auf einem ehemaligen Segelschulschiff, der Falken, in Stockholm in See stach und ein halbes Jahr später in Buenos Aires eintraf. Die Falken wurde später zu einem beliebten Treffpunkt der deutschen Nazi-Szene um Hans-Ulrich Rudel, dem Flieger-As der Luftwaffe Hitlers. Rudel war ein enger Freund Peróns und gründete ein deutsches NS-Hilfswerk in Buenos Aires, das so genannte Kameradenwerk. Zu dessen Gründungsmitgliedern gehörten neben Lienhardt Kriegsverbrecher und Massenmörder wie das Mitglied der Einsatzgruppe D, Kurt Christmann, der für Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung im Kaukasus verantwortlich war.

[…]

Obwohl die fraglichen Hauptkriegsverbrecher über einen Zeitraum von zwei Jahren verteilt einreisten (Priebke: November 1948; Mengele: Juni 1949; Eichmann: Juli 1950), wurden ihre Anträge innerhalb von zwei Monaten eingereicht, die von Mengele und Priebke sogar mit fortlaufenden Aktenzeichen. Mengele und Eichmann wurden zwischen April und Juni 1948 Ausweise der italienischen Stadt Temeno (Tramin) in Südtirol auf die Namen Helmut Gregor (Nr. 114) bzw. Riccardo Klement (Nr. 131) ausgestellt. Und auch die Rote-Kreuz-Pässe diverser Kriegsverbrecher weisen häufig eine verdächtig dicht aufeinander folgende Nummerierung auf. Klare Hinweise auf eine koordinierte Aktion. Ein Großteil der Akten, die genaueren Aufschluss hätten geben können und nach den Worten eines Juristen der argentinischen Einwanderungsbehörde „extrem kompromittierend“ waren, wurden während der Präsidentschaft Carlos Menems – pikanterweise kurz vor der Bildung einer staatlichen Historikerkommission zur Aufklärung der argentinischen Nazi-Connection – 1996 auf Anweisung der Regierung aus den Archiven geholt und an der Hafenmole verbrannt. Uki Goñi vermutet, dass die erwähnten Einreiseanträge von Fuldner über die DAIE in Genua an Freudes Nachrichtenabteilung übermittelt wurden.

Das Räderwerk dieser „größten Fluchthilfeoperation der Kriminalgeschichte“ funktionierte im Dreieck von Nachrichtenabteilung im Präsidentenpalast, der Einwanderungsbehörde in Buenos Aires und den Schlepperbasen in Europa reibungslos. Mit der Schifffahrtsline des argentinischen Reeders Dodero und der staatlichen Fluglinie FAMA standen sichere Transportwege über den Atlantik zur Verfügung. Zum Internationalen Roten Kreuz, das Ersatzpässe auf falsche Namen ausstellte, bestand ein routinemäßiger Kontakt, und in Argentinien brachten Fuldner und Co. ihre angekommenen „Schützlinge“ in eigenen Firmen unter. Zur Perfektion gebracht wurde dieses System durch die enge Zusammenarbeit mit einem weiteren mächtigen Bündnispartner, dem Vatikan. Davon wird der dritte und letzte Teil dieser Artikelserie berichten.

Von Theo Bruns

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Massenexodus von NS-Kriegsverbechern nach Argentinien

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Gruß Hubert

 

 

Franziskus – „Papst der Armen“?   Leave a comment

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Wenn man den Papst Franziskus genauer durchleuchtet, bekommt er gewaltige Kratzer ab. Auch seine Haltung während der Militär-Junta in Argentinien war sehr umstritten, wie des gesamten höheren Klerus. Einen Papst der Armen wird es in der katholischen Kirche nie geben. Keiner wird den immensen Reichtum der Kirche verteilen.

Die Reichen milde tadelnd, den Armen fromme Hoffnungen machend

Hier ein Artikel aus der „miz“.

Auszug.

Überlegungen zu kirchlichen und außerkirchlichen Hintergründen einer Papstwahl

von Gabriele Röwer

Am 13. März 2013 wurde Jorge Mario Bergoglio (geb. 1936) zum Papst gewählt – gewiss nicht zufällig, wie zu zeigen ist, der erste „Franziskus“ in diesem Amt, der erste Lateinamerikaner italienischer Abstammung), der erste Jesuit auch.

Eingetreten bereits 1958 in diesen größten Männerorden der Welt mit den Idealen eines Bettelordens, der über ein Milliardenimperium mit etlichen Aktienpaketen multinationaler Konzerne verfügt und in dem ein Gelübde zudem das Anstreben hoher Ämter verbietet, wirkte er von 1973 bis 1979 als Provinzial der argentinischen Provinz. Priester seit 1969, Rektor an der Theologischen Fakultät San Miguel von 1980-1986, wurde Bergoglio von Johannes Paul II. (dem Polen Wojtyla) 1992 zum Weihbischof in Buenos Aires, 2001 zum Kardinalpriester ernannt, stets, auch nach der überraschenden Wahl des zuvor weithin Unbekannten zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche, eine arme Kirche für die Armen propagierend. Doch war diese Wahl, genau besehen, wirklich „überraschend“? War sie, ob mit, ob ohne Wissen des Gewählten, vielleicht von langer Hand vorbereitet, weil sie ins Konzept gewisser weltlicher und geistlicher Potentaten passte, ihren Interessen nützlich war, wie einst, cum grano salis, jenen des Innozenz III. gegenüber Franz von Assisi? Dem soll hier in der gebotenen Kürze nachgegangen werden.

Eine Charmeoffensive ohnegleichen

Bei den meisten Kommentatoren wie auch in Büchern über ihn dominieren die bekannten Schilderungen seiner Bescheidenheit, Unkonventionalität, der Hilfe des „papa argentino“ für die Ärmsten der Armen schon in den Slums von Buenos Aires, getreu dem Vorbild seines Namensgebers – von aller Welt bestaunt und begeistert begrüßt.

[…]
Längst rühmt man Franziskus als „Papst der Herzen“. Seiner „egozentrischen“ Kirche die Leviten lesend, fordert er sie auf, wie jüngst am Weltjugendtag in Rio de Janeiro, in naiver und demütiger Frömmigkeit aus sich herauszugehen und die Botschaft Jesu glaubhaft zu verbreiten bei „den Ärmsten, Schwächsten und Geringsten“, den Chancenlosen gerade auch in den Randbezirken der Gesellschaft. Vorläufiger Höhepunkt der die Herzen der Massen seit Monaten ergreifenden „Charme-Offensive“ fast ohnegleichen, von den Medien bestvermarktet: seine Begegnung mit Flüchtlingen auf Lampedusa, wie so oft nun schon unter Umgehung des vatikanischen Apparats und jeglicher Obrigkeiten. Vor etwa 10.000 Migranten und Inselbewohnern rief er auf dieser ersten, daher besonders symbolträchtigen Reise seines Pontifikats zu mehr Solidarität mit den verzweifelt Hilfesuchenden auf und zur Abkehr von einer „Globalisierung der Gleichgültigkeit“, voran in den Wohlstandsländern.

Ein Kommentator fragte indes, was Franziskus hindere, „die Milliarden, die die katholische Kirche gebunkert [habe], in die Hand zu nehmen, um den Flüchtlingen zu helfen“, ein anderer, was ihn hindere, die Tore des Vatikans für die Schutzsuchenden zu öffnen. Über den Milliarden-Reichtum dieser Kirche u.a. an Gold, Firmenbeteiligungen, Immobilien und Landbesitz, zumal in den überwiegend katholischen Ländern Lateinamerikas, seit Jahrhunderten vor allem gewonnen durch Schröpfung und Schindung der Massen, gibt es inzwischen etliche Studien, auch Deschner äußerte sich, wie der Politologe Carsten Frerk und andere Autoren, mehrfach hierzu.

Die Verelendung der Massen in Lateinamerika, wo fast die Hälfte der über eine Milliarde Katholiken weltweit lebt – in Argentinien, dem Herkunftsland des neuen Papstes, sind es gar 95% –, ihre seit Jahrhunderten notorische Pauperisierung – Unwissenheit, Analphabetismus, chronische Unterernährung – und Versklavung, wurde, so Deschner, „seit Jahrhunderten mit Hilfe des Katholizismus verursacht und gedeckt“. Die lateinamerikanische Kirche sei noch „bis ins 20. Jahrhundert hinein (…) hoffnungslos ultramontan, erzreaktionär, das eigentliche Fundament der herrschenden ‘Ordnung’, der Großfinanz, der latifundären und halbfeudalen Kolonialmethoden“: „Während die Masse, Generation um Generation, in Dreck und Elend verkam, wurde der Klerus nahezu allmächtig und immens reich, wie die übrigen Sklavenhalter und Herren, die zur Finanzierung von ‘Gotteshäusern’ eingefangene Indios versteigerten…“

Grenzen von Franziskus’ Reichtumskritik

Doch von diesem den meisten kaum vorstellbaren horrenden Reichtum der Kirche spricht, wie seine Vorgänger, auch Franziskus nicht. Selbst so bescheiden wie möglich lebend, prangert er umso heftiger den unverhüllt barocken „Prunk und Protz“, die Machtfülle der Kurialen an, ihre bombastische Selbstüberhöhung, ein „Ärgernis“ für immer mehr Katholiken, die sich auch deswegen von ihrer Kirche immer zahlreicher ab- und vor allem den Evangelikalen, besonders in Südamerika, zuwenden.

[…]
So wäre denn der „Papst der Herzen“, der „Papst zum Anfassen“, der „Papst der Armen“ – wie einst der „Kardinal der Armen“ – vielleicht in erster Linie, wie jetzt in Rio von ihm selbst mehrfach beschworen, ein Missionar?

[…]

Franziskus, ein „Papst der Armen“, und die katholische Soziallehre

Möglich, dass Bergoglio mit all seinen durch eigenes Beispiel untermauerten Plädoyers für eine arme Kirche an der Seite der Armen diese tatsächlich auch um ihrer selbst willen im Blick hat. Unbestreitbar aber reiht sich sein Reden und Tun ein in die Tradition der katholischen Soziallehre. Sie wurde bezeichnenderweise 1891 begründet, als sich das Proletariat gegen die desaströsen Auswirkungen der industriellen Revolution immer stärker zu organisieren begann, sich revolutionär zu erheben und die Basis christlichen Fußvolks der Herrschaft von Kirche, Staat und Kapital zu entziehen drohte. Die am 15. Mai 1891 von Leo XIII. (1878-1903), einem, wie Deschner zeigt, stark politisch orientierten Papst („Ego sum Petrus.“ – „Ich will eine große Politik führen.“) veröffentlichte „Arbeiterenzyklika“ Rerum Novarum, wurde, im scharfen Kontrast und in Konkurrenz zu Marx’ Kommunistischem Manifest von 1848, gleichsam die Magna Carta für alle späteren kirchlichen Strategien zur Deutung und Bewältigung der „Sozialen Frage“ und, wie Bismarcks Sozialgesetzgebung seit 1883, geschaffen, um den revolutionären Kräften links von der Mitte den Boden zu entziehen.

Die Reichen milde tadelnd, den Armen fromme Hoffnungen machend, wurde sie ein Vorbild auch für alle folgenden Sozialenzykliken (voran 1931: Pius XI.; 1961: Johannes XXIII.; 1971: Paul VI.; 1981 und 1991: Johannes Paul II.). Dieses Programm gilt im Wesentlichen bis heute, wie Reden und Tun auch von Franziskus belegen, selbst wenn er nicht wie Leo XIII. als Machtpolitiker auftritt.

Den „Rerum Novarum“, den „neuen Dingen“, also den für die Herrschenden innerhalb und außerhalb der Kirche brandgefährlichen sozialen Entwicklungen mit revolutionärem Sprengstoff (vgl. das „aggiornamento“ und „aperturismo“ Johannes XXIII. Anfang der 1960er Jahre – mündend ins Vatikanum II – als Reaktion auf die „apertura a sinistra“ in Italien) ist nur zu begegnen, die „Pest des Sozialismus“, diese „todbringende Seuche“, so Prediger Leo, ist nur zu überwinden, wenn alle gesellschaftlichen Gruppen friedlich „die Ordnung der menschlichen Gesellschaft [das ist: „die christliche Ordnung“] mitgestalten“ – unter Anerkennung freilich der „natürlichen Ungleichheit“ der Menschen (in die Bergoglio z.B. die Sklavenhaltung in Argentinien einbezog). Mangel oder Überfluss an Reichtum aber sind ohnedies unbedeutend „für die ewige Seligkeit“. Das Hauptübel der Zeit, so auch alle folgenden Päpste bis zu Franziskus (vgl. seine erste Enzyklika „Lumen Fidei“ vom 29. Juni 2013), ist der Glaubensschwund, nur durch Wiederbelebung der Religion, so endet Leos Enzyklika, sind die Missstände zu überwinden, sind vor allem aber, wie zu ergänzen ist, Einfluss und Macht der Kirche zu bewahren.

[…]

„Kirche des Volkes“ versus „Befreiungskirche“: Bergoglio und die argentinische Militärdiktatur

Doch wie sieht solche „Prüfung“ für die Kirche konkret aus? Für Bergoglio jedenfalls berührt sie nicht die menschen- und lebensfeindlichen Strukturen des Finanzkapitalismus, sie tauchen in keiner seiner Reden auf, so oft er auch die Erneuerung veralteter Strukturen innerhalb von Kirche und Kurie anspricht. Gemäß eigenem Beispiel fordert er Hilfe für die Armen durch persönliche Kontakte – wie wichtig auch immer, doch wahrlich kein Weg zur Beseitigung „ungerechter Verteilung der Güter“ durch die von ihm verurteilten neoliberalen Verursacher der Krise. Über Appelle kommt auch er offenbar so wenig hinaus wie seine Vorgänger, selbst wenn er sie schärfer formuliert.

Ideologien jeder Art, voran Kapitalismus und Marxismus, ablehnend, vertrat Bergoglio in Argentinien die Positionen der dortigen „Kirche des Volkes“ an der Seite der Armen, im Widerspruch etwa zur brasilianischen „Befreiungskirche“ als einer Repräsentantin der in den 1960er Jahren entwickelten, von ihm wie seinen Vorgängern entschieden als „Irrlehre“ abgelehnten „Theologie der Befreiung“, die, wie viele christliche Gruppierungen vor ihr, den Urkommunismus des Christentums jenem von Marx im Wesentlichen verbunden sahen, teilweise auch den Guerillakampf gegen Ausbeuter und Unterdrücker des Volkes bejahend (Lateinamerika war seit 1965 bis 1985 fast vollständig von Militärdiktaturen beherrscht, lanciert durch die USA als Reaktion auf die kubanische Guerilla-Revolution von 1959). Nicht selten bezahlten sie diesen Kampf mit ihrem Leben wie der katholische Priester Camillo Torres (Kolumbien), doch selbst reformbereite Befreiungstheologen wie Óscar Romero, namhafter Erzbischof von El Salvador, wurden ermordet.

Der franziskanische Befreiungstheologe Leonardo Boff, in der Ära Johannes Paul II./Benedikt XVI. mit Bußschweigen bestraft, verteidigte indes jüngst, wie der argentinische Friedensnobelpreisträger und Menschenrechtsaktivist Adolfo Pérez Esquivel, Bergoglio/Franziskus gegen Vorwürfe allzu großer Loyalität gegenüber der Schreckensherrschaft der extrem rechtsgerichteten, autoritären und ultranationalistischen argentinischen Junta unter General Jorge Videla und Admiral Emilio Massera (1976-1983: 30.000 Opfer der Todesschwadronen).

[…]Nicht nur heute werden Kleriker von den Mächtigen der Welt für ihre Interessen instrumentalisiert – wie die Kirche in Lateinamerika immer wieder von den USA, eng verbunden durch das Feindbild Nummer Eins, den Kommunismus – oder wie ein Papstaspirant durch beide? Im Hochmittelalter geschah in gewisser Hinsicht Vergleichbares.

http://www.miz-online.de/node/394

 

Gruß Hubert