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Philosoph Sommer: „Christliche Werte sind eine besondere Absurdität“   8 comments

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Werte sind wichtig aber sie sind auch dynamisch, sie ändern sich auch mit den Zeiten. Werte sind nicht fest umschrieben wie Gegenstände, sie sind nichts fest Umrissenes.

Der Schweizer Philosoph Sommer gab dem „Standard“ das folgende Interview, das ist sehr interessant finde.

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foto: privat

Nietzsche und Nietzsche-Experte: Andreas Urs Sommer vor einer Skulptur in Röcken, wo der deutsche Philosoph geboren und begraben wurde.

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Der Schweizer Andreas Urs Sommer erklärt, warum wir Werte brauchen, obwohl es sie nicht gibt, und wie die Linken dem konservativen Milieu die „Wertewaffe“ aus der Hand genommen haben

STANDARD: Alle reden über Werte, vor allem Politiker, zumal jene, die sich „Integration“ auf ihre Fahnen heften. Sie dagegen sagen: Es gibt sie gar nicht. Werte seien „Fiktionen.“ Was heißt das denn?

Sommer: Ich sage, es gibt sie nicht, wie es Bücher, Bäume oder Buntstifte gibt. Werte sind auch keine fest umschriebenen, mentalen Gegenstände. Sie verändern sich ständig in unserem kommunikativen Prozess, und in diesem Sinne behaupte ich, dass es Werte nicht als etwas fest Umrissenes, Festgeschriebenes gibt, das wir nur vom Ideenhimmel pflücken müssten, und dann hätten wir es.

STANDARD: Ihr Buch heißt ja auch: „Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt“. Wozu brauchen wir also Werte?

Sommer: Werte sind etwas, das wir für uns erfinden, um uns in der Welt zurechtzufinden, um uns über uns selbst als Individuen zu verständigen, aber auch über unser Zusammensein mit anderen Menschen. Werte haben wesentlich eine soziale Dimension.

STANDARD: Es sieht so aus, als ob wir lange ganz gut ohne Wertedebatten ausgekommen sind. Was bedeutet diese verbale Hochkonjunktur der Werte für eine Gesellschaft?

Sommer: Ich gebe zu, dass meine Beschäftigung mit dem Wertethema zunächst mit Verärgerung über dieses allgegenwärtige Wertegeschwätz zu tun hatte. Ich wurde dann aber sehr viel milder gestimmt, weil ich den Eindruck gewonnen habe, dass es der immer vorläufigen Selbstvergewisserung einer Gesellschaft dient. Ich bin nicht derjenige, der die große Krise ausruft und das Abendland untergehen sieht, im Gegenteil. Ich denke, solche Selbstvergewisserungsprozesse, wo wir als Gesellschaft, als Individuen versuchen, uns klar zu werden, was uns eigentlich etwas bedeutet, sind sehr sinnvoll und hilfreich. Die Wertedebatte jetzt hängt damit zusammen, dass wir den Eindruck haben, die Dinge seien nicht mehr selbstverständlich. Wir sind damit konfrontiert, dass Menschen bei uns sind, die scheinbar andere Wertvorstellungen haben, was uns Anlass gibt, uns über unsere gemeinsamen Werte zu verständigen.

STANDARD: Was tun mit Wertekonflikten? Hierarchien betonen? Der deutsche Innenminister hat einen Katalog für die deutsche Leitkultur formuliert und zum Beispiel gesagt: „Wir sind nicht Burka.“ Der Wert oder das Lebensmodell „Burka“ wird also klar zurückgewiesen.

Sommer: Dass man die eigenen Wertepositionen klar markiert, scheint mir wichtig zu sein. Auch ist klar, dass ein offener Diskurs nicht bedeutet, dass wir unsere Werte einfach so preisgeben sollen. Da herrscht eine gewisse Angst in breiten Schichten der Öffentlichkeit, dass wir uns quasi unter Wert verkaufen. Ich sehe die Gefahr nicht wirklich. Es gibt klare gesetzliche Rahmenbedingungen in einem bestimmten Wertekontext, und alles jenseits dessen, etwa politische Agitation, die auf radikale Ungleichheit von Menschen setzt und rassische Ungleichheit behauptet, wird mit der Härte des Gesetzes verfolgt. Oder wenn jemand die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht anerkennt und das politisch zu einer Waffe machen will.

STANDARD: Die Wertedebatte setzt in der Regel früher an, quasi im „vorgesetzlichen“ Alltagsbereich.

Sommer: Ja, das betrifft oft Dinge, die nicht kodifiziert werden können und für viele von uns selbstverständlich scheinen. Auch da sind wir gut beraten, der gesellschaftlichen Entwicklung Raum zu lassen. Nehmen wir ein Beispiel, das der deutsche Innenminister auch gebracht hat: dass man sich in Deutschland die Hand gibt bei der Begrüßung. Mir fällt auf, dass das in weiten Teilen der Bevölkerung nicht mehr so ist, sondern dass man sich mit Küsschen links, Küsschen rechts begrüßt. Eine Begrüßungsform, die in meiner eigenen Jugend wenigstens unter Jungs noch undenkbar gewesen wäre. Jetzt quasi per Leitkultur vorzuschreiben, wir müssten uns alle die Hand geben, weil das vor 50 Jahren flächendeckend alle so gemacht haben, scheint mir kein sinnvolles Verlangen zu sein. Dass das jeder so halten kann, wie er will, und dass der Innenminister von mir nicht mit Küsschen, sondern Handschlag begrüßt werden will, ist auch okay. (Lacht)

STANDARD: Das heißt, das Beispiel mit dem Handgeben, das ja ganz oft in integrationspolitischen Debatten genannt wird, halten Sie quasi für einen Placebowert?

Sommer: Ich halte es für merkwürdig, das quasi verschreiben zu wollen. Dass Menschen unterschiedliche Distanz und Nähe zulassen wollen, scheint mir vollkommen klar und berechtigt zu sein. Ich habe ein Recht darauf, jemandem die Hand zu geben oder es auch nicht zu tun, ob ich jetzt Muslim bin oder nicht. Früher wäre es undenkbar gewesen, einem Herrn Bischof die Hand zu geben. Man hat selbstverständlich seinen Ring geküsst. Auch dass man bei Frauen Handküsse anbringt, ist nicht mehr so üblich … Vielleicht in Österreich noch etwas mehr. Das zum Unterscheidungsmerkmal zu machen scheint mir äußerst problematisch. Ich würde generell unterscheiden zwischen Werten, die eher integrativ oder einschließend wirken sollen, und solchen, die eher ausschließend wirken.

STANDARD: Zum Beispiel?

Sommer: Wenn etwa die deutsche Kanzlerin davon redet, dass wir ein Europa der Werte seien, ist das der politische Versuch, alle mitzunehmen. Eher exklusorisch wirkt es hingegen, wenn wir sagen, wir sind die, die die Hand geben, wir machen’s richtig, und die anderen machen es falsch. Dabei weiß jeder, der ein bisschen über den eigenen Gartenzaun hinausgeschaut hat, dass es ganz unterschiedliche Formen von Begrüßung gibt. Dass man jetzt sagt, hier ist nur der Handschlag gültig, halte ich für eine Abschließung, die ich eher als hysterisch empfinde.

STANDARD: Sie plädieren für einen „selbstbewussten Werterelativismus“. Heißt das, jeder Wert ist gleich gültig? Das ist nur ein Leerzeichen von „gleichgültig“ entfernt.

Sommer: Nein, das heißt es nicht, weil wir selbst immer wertsetzend sind. Wir haben nicht einen Gott oder eine letzte Weisheit, die uns die ewig gültigen Werte offenbart hat, sondern wir entscheiden uns für Werte. Wir legen als Individuen, aber auch als gesellschaftliche Gruppen Werte fest im Bewusstsein, dass sie jetzt für uns das Richtige sind, dass es aber sein kann, dass man diese Werte aus einer anderen Perspektive oder künftig anders beurteilt. Wir versuchen, sie zu verteidigen, brauchen aber nicht daran zu glauben, dass diese Werte die letzte metaphysische Sicherheit sind. Wir brauchen dergleichen nicht und sollten auch nicht nach derlei metaphysischen Letztsicherheiten gieren.

STANDARD: Hohe Beliebtheit, und das auch bei ansonsten eher wenig religiös, zum Teil historisch eigentlich antiklerikal ausgerichteten rechtspopulistischen Parteien, haben aktuell die „christlichen Werte“. Wie ist das zu interpretieren?

Sommer: Christliche Werte sind eine besondere Absurdität, weil es dem Christentum fast 2000 Jahre lang nicht eingefallen ist, über christliche Werte zu reden. Dieser Terminus stammt ausgerechnet von Friedrich Nietzsche, und er hat das nicht als Kompliment gemeint, sondern darunter bestimmte Formen der christlichen Welthaltung – die Selbstherabsetzung, die Selbsterniedrigung, das Ressentiment – gefasst. Die christlichen Theologen haben angefangen, von christlichen Werten zu reden, als die christliche Glaubenssicherheit, nämlich zu wissen, was die Offenbarung ist und was wir unbedingt zu glauben haben, um des Heils teilhaftig zu werden, zerbrochen ist. Dementsprechend bildet sich auch jeder christliche Werte mehr oder weniger nach Belieben.

STANDARD: Wo zeigt sich das? Sommer: Etwa wenn man sich ansieht, wie sich die deutsche Bischofskonferenz immer sehr integrativ und humanitär gebärdet und versucht, den Flüchtlingskurs von Kanzlerin Angela Merkel nachhaltig zu unterstützen, und dann ins Nachbarland Polen schaut – und denkt, katholische Weltkirche, die müssten ja ähnlich gepolt sein – und feststellt, wie die dortige Bischofskonferenz einen äußerst nationalkonservativen Abschottungskurs fährt … Das alles firmiert unter christlichen, abendländischen Werten. Die Absurdität steigert sich noch dort, wo Leute, die eigentlich nichts mit Religion am Hut haben, plötzlich mit diesem Feigenblatt daherkommen und christliche Werte hochhalten. Was würde das heißen? Wenn man es ernst nimmt, dann sind die christlichen Werte im Neuen Testament äußerst radikal. Man soll keinen Ort haben, um sein Haupt niederzulegen, eher kommt ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel. Von dieser Radikalität ist im heute institutionalisierten Christentum nicht viel übrig. Was sind also christliche Werte? Die, die eine saturierte Kirche heute predigt? Oder die radikalen Losungen aus der Zeit des Urchristentums?

STANDARD: Der Wertediskurs wird vor allem von rechts geführt. Steht er schon deshalb besonders unter Verdacht, während der Vorwurf des „Kulturrelativismus“ vor allem gegen Linke vorgebracht wird?

Sommer: Früher waren Werte das Kampfmittel eines konservativen Milieus gegen alles, was nach Neuerung roch, Werte waren das, was man gegen den vermeintlich drohenden Untergang in die Waagschale warf. Mittlerweile hat sich die Werterede doch sehr stark verbreitert, und es scheint auch in linken und linksliberalen Milieus nicht mehr anrüchig zu sein, darüber zu reden. Dass man dann von Linken hört, dass es um den Wert der Solidarität der Arbeiterklasse gehe, hätte man vor 30 oder 50 Jahren noch nicht unter dem Label der Werte verhandelt. Man hat sozusagen dem konservativen Milieu die Wertewaffe aus der Hand genommen.

(Lisa Nimmervoll, 10.6.2017) Andreas Urs SOMMER, geb. 1972 in Zofingen (Kanton Aargau), ist Professor für Philosophie an der Uni Freiburg und leitet die Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

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Philosoph Sommer: „Christliche Werte sind eine besondere Absurdität“

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Gruß Hubert

 

Europa – Christlich oder Säkular?   Leave a comment

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Es wird ja von Konservativen und auch von Rechten immer wieder behauptet welch wichtige Werte wir dem christlichem Abendland angeblich zu verdanken hätten. Immer wieder wird von den ach so hehren „christlichen Werten“ geredet. Man wollte sie sogar in einer Europäischen Verfassung verankern. Der Entwurf eines EU-Verfassungsvertrags wurde 2003 von einem Europäischen Konvent erarbeitet und am 29. Oktober 2004 in Rom feierlich von den Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten unterzeichnet.
Da jedoch nach gescheiterten Referenden in Frankreich und den Niederlanden nicht alle Mitgliedstaaten den Vertrag ratifizierten, erlangte er keine Rechtskraft. Kritik wurde unter anderem auch am fehlenden Gottesbezug vorgebracht, vor allem aus katholisch geprägten Ländern.

„Kritik am fehlenden Gottesbezug

Von konservativer Seite wurde der fehlende Bezug des Verfassungsentwurfs auf die christlichen Wurzeln Europas kritisiert. Die Forderung nach einem Gottesbezug in der Präambel der Verfassung, die vor allem katholisch geprägte Länder wie Polen, Irland und Italien vertreten hatten, wurde auch von der römisch-katholischen Kirche und dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bekräftigt. Dagegen hatte Frankreich, das traditionell großen Wert auf die Trennung von Kirche und Staat legt, eine Aufnahme des Gottesbezugs in die Präambel abgelehnt und eine Kompromissformulierung durchgesetzt, die nur allgemein auf die „kulturellen, religiösen und humanistischen Überlieferungen Europas“ Bezug nimmt. Dagegen konnte die Amsterdamer Kirchenerklärung (Erklärung Nr. 11: Erklärung zum Status der Kirchen und weltanschaulichen Gemeinschaften) mit Art. I-52 VVE in eine primärrechtliche Bestimmung überführt werden.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_%C3%BCber_eine_Verfassung_f%C3%BCr_Europa

Von den Befürwortern wird auch verkannt dass sich immer weniger Menschen sich zu einer Religion bekennen bzw. gleichgültig zu religiösen Dingen stehen, „kirchenfern“ oder aus der Kirche ausgetreten sind. Die Säkularisierung greift immer weiter um sich und die Bedeutung der Kirchen wird zurück gedrängt.

Europa – Christlich oder Säkular?

STRASSBURG. In einer Rede vor der überparteilichen Arbeitsgruppe für die Trennung von Religion und Politik des Europäischen Parlaments, sprach sich David Pollock, Präsident der Europäischen Humanistischen Vereinigung (EHEU), am 28. November gegen Versuche aus, die Werte Europas als im wesentlichen christlich neu zu definieren und betonte die <Notwendigkeit des Säkularismus> in Europa.

„Machtvolle Stimmen behaupten wieder, dass die Werte Europas christlich seien und verlangen, dass das Christentum in die europäische Verfassung eingeschlossen werden soll.
Ich möchte gegen jene Versuche und zugunsten eines weltlichen Europas argumentieren – säkular, d.h. nicht in der Richtung der Atheisten, nicht in der Richtung, religiöse Teilnahme in den öffentlichen Angelegenheiten auszuschließen, aber im Sinne der institutionellen Trennung von Religion und Politik, in dem Sinne, dass unsere gemeinsamen Institutionen und Gesetze neutral bleiben sollen und gleichermaßen annehmbar und zugänglich für alle von uns sind.
Es waren die Kirchen, die die ursprünglichen Meister des Säkularismus waren – um den Staat aus kirchlichen Angelegenheiten heraus zu halten. Jetzt wird die gleiche Forderung aus der anderen Richtung gestellt – um die Kirche aus der Regierung heraus zu halten.
Meine Argumente sind der Reihe nach der Pragmatismus – das alles andere die Einladung zu einer unnötigen Entfremdung von mehr als der Hälfte die Bevölkerung wäre – die Wahrheit, dass die Werte nicht exklusiv christlich sind und nicht mit christlichen Prinzipien begonnen haben – und ein paar Grundsätze, mit ein paar Hinweisen auf eine ziemlich grundlegende politische Philosophie.

Pragmatismus

Die Freiheit der Religion oder des Glaubens von Niemandem wird verletzt, wenn es keinen Hinweis auf das Christentum in der EU-Verfassung gibt. Aber die Einbeziehung solch eines Hinweises würde Viele entfremden und sie in den Status einer Zweitklassigkeit versetzen.
Die Berücksichtigung eines Hinweises auf das Christentum wird nicht durch die Garantie der Freiheit der Religion oder des Glaubens gemäß Artikel 9 der Europäischen Konvention der Menschenrechte (ECHR) gefordert. Ganz im Gegenteil würde ein solcher Bezug den Artikel 14 des Rechts auf Nicht-Diskriminierung der ECHR verletzen.
Es läuft auf einen Anspruch der christlichen Überlegenheit hinaus, der den besonderen Werten der Gleichheit und gegenseitiges Respekt widerspricht, von denen die Kirchen behaupten, sie mit uns gemeinsam zu haben – tatsächlich nähern sie sich einem Imperialisten.

Angela Merkel – die Präsidentin der EU sein wird, wenn diese ihren 50. Jahrestag feiert -, wird als betrübt zitiert, als sie [vor kurzem beim Papst während eines Besuches] „die Notwendigkeit einer Verfassung“ hervorhob „und dass sie sich auf unsere christlichen Werte beziehen sollte.“
„Unsere christlichen Werte“ – von wem bitte? – nun gut, ihre eigenen und die des Papstes, um damit zu beginnen, aber es gibt viele andere Religionen in der EU und möglicherweise hat einer von drei Bürgern überhaupt keinen religiösen Glauben.
Der Vertrag von Rom, 1957, sprach von der Beseitigung der Begrenzungen, aber das würde eine Sperre aufrichten; der Vertrag sprach von Europas kultureller Verschiedenartigkeit, aber dies würde eine Ablehnung dieser Verschiedenartigkeit sein.
Pragmatischerweise, sollten wir uns auf praktische Zusammenarbeit in den Institutionen konzentrieren – auf der Grundlage unserer gemeinsamen Werte, die allen gleichermaßen zugänglich sind – und uns nicht in eine Konkurrenz der Besitznahme jener Werte begeben.

Wahrheit

Angela Merkel sagte auch: „Ich glaube, dass dieser Vertrag mit dem Christentum und Gott verbunden werden sollte, weil das Christentum für die Entstehung Europas entscheidend war.“
Nun wird niemand leugnen, dass das Christentum in der europäischen Geschichte einflussreich war; und niemand wird leugnen, dass Christen heute die Werte hoch halten, die wir jetzt alle versuchen zu unterstützen – allerdings möchte ich in Klammern ergänzen, dass ihre eigenen Institutionen häufig nicht demokratisch sind, im Widerspruch zu den grundlegendsten europäischen Werten, weshalb viele von uns tief betroffen sind über die speziellen Rechte, die Artikel 52 des Verfassungsentwurfs den Bischöfen gab, die mehr mit ihren Doktrinen verbunden sind als mit der Demokratie.
Ende der Klammern!

Jedoch, es gibt immer wieder jemanden, der beansprucht, dass der Ursprung dieser gemeinsamen Werte im Christentum liegen würde – als Beispiel, ein anglikanischer Bischof [Michael Nazir Ali, der Bischof von Rochester] der kürzlich behauptetet, dass das Christentum uns Gleichheit, politische Freiheit, Meinungsfreiheit, die Würde aller Menschen und sogar die Institution des Parlaments gegeben habe.
Philippe de Schoutheete, Mitglied der europäischen römisch-katholischen Bischofs-Konferenz [COMECE’s] – einer Gruppe weiser Männer, die ihre Aussagen über europäische Werte aufgezeichnet haben -, behauptete vor kurzem, dass „Frieden, Freiheit, die Ablehnung des extremen Nationalismus, Solidarität, Respekt für Verschiedenartigkeit und Subsidiarität“ christliche Werte seien.
Das geht nun zu weit und hat viel Groll verursacht.
Wenn wir zu der Zeit schauen, als das Christentum in Europa dominierend war, sagen wir vom 5. bis zum 15. Jahrhundert, gab es dort nur wenig Gleichheit, Freiheit, Meinungsfreiheit oder Demokratie – und die Kirche kämpfte nicht für solche Ideale gegen die weltlichen Mächte, sondern stand fest an ihrer Seite.
Unsere gemeinsamen Werte stammen tatsächlich aus vielen Quellen: zum Teil vom Christentum, aber auch aus der antiken, vorchristlichen Welt und aus der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts, als (zum Beispiel) die Menschenrechte formuliert wurden – nicht durch einen Bischof, sondern durch den Rebellen Tom Paine.

Politische Philosophie

Lassen sie uns einen Moment daran denken, was wir zu tun versuchen: eine Verfassung zu formulieren für eine sehr große Bevölkerung mit sehr verschiedenen Glaubensvorstellungen und Einstellungen. Sicherlich sollten wir versuchen, den breitesten möglichen Rahmen der Empfindlichkeiten unterzubringen – Ausdruck gerade jener Grundsätze, die für das ruhige Leben einer Gemeinschaft notwendig sind.
Jetzt kann es notwendig sein, Vereinbarungen über die Richtlinien für Mehrwertsteuern auf Waren zu erreichen, die über Grenzen hinweg gehandelt werden – aber es ist sicher nicht notwendig, in einem Gesetz festzulegen, dass unsere Werte grundsätzlich christlich sind!
Der politische Philosoph John Rawls schlug vor, dass – bei der Suche, wie man den Richtlinien für eine Gemeinschaft zuzustimmen kann – es für die Teilnehmer, ideal sein würde, nicht im voraus zu wissen, welche Position sie in ihr besetzen.
Wenn man im Gesetzgebenden Stadium nicht weiß, ob man diese Phase schließlich als armer Immigrant oder ein wohlhabender Kapitalist beenden wird, dann haben die Richtlinien, die Sie formulieren, eine viel größere Wahrscheinlichkeit für alle fair zu sein. Selbstverständlich ist das keine realistische Möglichkeit, aber es kann als Experiment im Kopf getan werden.
Lassen Sie sich uns vorstellen, dass wir die Verfassungsvereinbarungen für die EU auf diese Weise überarbeiten. Wir wissen nicht, ob wir das persönlich als Christ oder Moslem, Jude, Atheist oder ‚Ich weiß nicht‘ beenden werden. Wir beobachten die Verschiedenartigkeit der Glaubensvorstellungen in unserer Gemeinschaft und wir wissen, dass Religion und Glaube offenkundig tief gefühlte – um nicht zu sagen explosive – Themen sind, mit einer Geschichte der Religionskriege und der Verfolgungen, bis hin zum heutigen Tag.
Wir merken, dass die Mehrheit der christlichen Gruppe tief und manchmal beißend zwischen Römisch-Katholisch, Protestanten und Orthodoxen aufgespaltet wird; dass es eine wichtige jüdische Gruppe gibt, die erschreckende neue Verfolgung überlebt hat, dass eine wachsende Minorität von Muslimen gibt (selbst tief gespalten in zwei Lager) und dass es eine Anzahl von Hindus und Sikhs und Anhänger von anderen Religionen gibt.
Wir wissen auch, dass es eine große Minorität – möglicherweise einer von dreien – Leute gibt, die Religion zurückweisen und nicht-religiöse Lebensentwürfe angenommen haben.
Dann sollten wir sicherlich zu der Lösung kommen, dass die gemeinsamen amtlichen Institutionen der EU sich hinsichtlich Religionen und Glauben ausschließlich neutral sein sollten. Niemand sollte irgendein Privileg in den Institutionen oder in den Gesetzen, geschweige denn in den Gründungsdokumenten haben.
Das ist es, was wir ‚Säkularität‘ nennen, Laizität, amtliche Neutralität.
Es bedeutet nicht, dass Religion nur privat sein darf und unter Verschluss gehalten werden muss. Viele fromme Leute finden ihre wichtigste Motivation in ihrem Glauben und wir sollten sie nicht bitten, anderes vorzutäuschen.
Aber sie sollten realisieren, dass sie, wenn sie (angenommen) eine Politik auf dem Boden der religiösen Lehre fordern, sie nur zu denen sprechen, die dieses religiöse Vokabular teilen.
Wenn sie diejenigen überzeugen möchten, die sich außerhalb ihrer eigenen Glaubensgruppe befinden, dann müssen sie in der gemeinsamen Sprache unserer allgemeinen Werte sprechen.
Wenn sie über Familienplanung sprechen möchten, über Sterbehilfe, über Ausbildung, Entwicklungshilfe, über Abtreibung, über gleiche Rechte für Frauen und für Schwule und Lesben, über Stammzellen-Forschung, und so weiter, dann können sie dogmatische Argumente für ihren eigenen Versammlungen verwenden, aber sie dürfen nicht versuchen, uns ihre Ansichten aufzuzwingen, indem sie einfach ‚Respekt‘ für sich verlangen und Übereinstimmung mit ihnen fordern, nur weil sie religiös sind.
Stattdessen müssen sie eine gemeinsame Sprache verwenden, die auf unseren gemeinsamen Werten beruht – und sich mit den Gegenargumenten der Experten zu diesen Themen beschäftigen.

Das ist die Erfordernis einer Gemeinschaft, in der sich alle zu gleichen Bedingungen im öffentlichen Raum begegnen – eine Gemeinschaft, die auf den säkularen Grundregeln der Neutralität der gemeinsamen Institutionen und der Fairness für alle.
Da der 50. Jahrestag der EU sich nähert, ist es gut zu wissen – wie es uns der Plan von Roy Brown berichtet – dass Leute außerhalb der Kirchen eine Erklärung zu den Werten Europas vorbereiten, die auf einer breiteren Basis steht, als das, was wir den von den Kardinälen bekommen haben.

Aus dem englischen Original übersetzt von Carsten Frerk.

Europa – Christlich oder Säkular?

Siehe auch:

„Der Begriff christliche Leitkultur ist falsch“

Gruß Hubert

„Die Legende vom christlichen Abendland“   Leave a comment

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Ach, wie toll sind doch die vielbeschworenen christlichen Werte, von den C-Parteien, bis zu den sich bei christlichen Wählern widerlich anbiedernden SPD und den Grünen sowieso (die 2. Vorsitzende Katrin Göring-Eckhardt wurde von 2007 für eine Amtszeit von sechs Jahren zum Mitglied des Präsidiumsvorstandes des Deutschen Evangelischen Kirchentages (DEKT) gewählt. 2011 leitete sie den 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden als Präsidentin. Seit 2013 gehört Göring-Eckardt dem Präsidium des DEKT an). Diese christlichen Werte werden bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit angepriesen. Die wirklichen Werte, von denen wir heute aber heute alle profitieren, kamen aber erst mit dem Aufklärungs-Zeitalter – gegen massivsten Widerstand der christlichen Kirchen.

Zurück zum Christlichen Abendland. Unbestreitbar ist, dass das Christentum Europa als Spartenkultur (man denke etwa an die gotischen Dome) geprägt und die europäische Geschichte mehr als ein Jahrtausend lang bestimmt hat. Die wissenschaftlich-geistige und politisch-kulturelle Entwicklung wurde dadurch jedoch sehr viel stärker behindert als gefördert. Ihre maßgebliche Leistung bestand darin, die europäische Kultur von einer Last zu befreien, die es ohne das Christentum gar nicht erst gegeben hätte.


gbs-Broschüre

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Deutsche Politiker (insbesondere der C-Parteien, aber auch der SPD und der Grünen) sprechen gerne von den sogenannten „christlichen Werten“, denen das heutige Europa angeblich so viel zu verdanken habe. Tatsächlich jedoch steht die populäre Rede vom „christlichen Abendland“ (aktuell wieder strapaziert in der Debatte um die „Ehe für alle“) im scharfen Kontrast zu den Fakten der europäischen Geschichte, wie eine unlängst in deutscher und englischer Sprache erschienene Broschüre der Giordano-Bruno-Stiftung aufzeigt.

Die 12-seitige, mit vielen Bildern illustrierte gbs-Broschüre „Die Legende vom christlichen Abendland“ / „The Legend of the Christian Western World“ nimmt die Leserinnen und Leser mit auf einen rasanten Parforceritt durch die Kulturgeschichte: Die Reise beginnt bei der griechischen und römischen Antike, die die Fundamente für die größten Errungenschaften unserer Zivilisation legt. Mit der Einführung der christlichen Staatskirche durch Theodosius im Jahr 380, der zweiten Station der Expedition, erfolgt eine gravierende Zäsur, die zu einem nahezu vollständigen politischen und kulturellen Zusammenbruch in West- und Mitteleuropa führt. An dem dramatischen gesellschaftlichen Niedergang (3. Station) ändert auch die Förderung der Klosterkultur unter Karl „dem Großen“ (4. Station) wenig, wohl aber der Einfluss der islamisch-arabischen Kultur (5. Station), die das antike Erbe über Jahrhunderte pflegt und weiterentwickelt.

Ab dem 13. Jahrhundert dringt das antik-arabische Wissen nach Mitteleuropa. Während der muslimische Kulturraum in der Folgezeit dogmatisch erstarrt, wird Europa zum Nutznießer der heidnischen Antike im arabischen Gewand und erblüht in der „Renaissance“. Das neue Denken befreit die Menschen allmählich aus der religiösen Umklammerung, was in der Aufklärungsbewegung des 18. Jahrhunderts (6. Station) deutlich zum Ausdruck kommt, vor allem aber in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – nach dem Niedergang der nationalistischen Wahnideen und zwei verheerenden Weltkriegen, in die die Deutschen noch unter dem Banner „Mit Gott und dem Kaiser!“ bzw. „Mit Gott und dem Führer!“ gezogen waren.

Verfasst wurde die gbs-Broschüre von Rolf Bergmeier (Althistoriker und gbs-Beirat), der die Rede vom „christlichen Abendland“ bereits in seinen Büchern „Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums“ (2010), „Schatten über Europa – Der Untergang der antiken Kultur“ (2012) und „Christlich-abendländische Kultur – Eine Legende“ (2013) ad absurdum geführt hat, in Zusammenarbeit mit gbs-Sprecher Michael Schmidt-Salomon, der der Frage nach den Quellen unserer Zivilisation insbesondere in den Büchern „Manifest des evolutionären Humanismus“ (2005) und „Hoffnung Mensch“ (2014) nachgegangen ist. Das Fazit, zu dem die beiden Verfasser nach der Durchmusterung der europäischen Geschichte gelangen, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig (und sollte den Verteidigern des „christlichen Abendlandes“ ein Anreiz sein, noch einmal über ihren vernebelnden Sprachgebrauch nachzudenken):

» Sucht man nach den Ursprüngen der europäischen Kultur, stößt man auf drei wesentliche Quellen: die Antike, die vermittelnde islam-arabische Hochkultur und die Aufklärung. Gestützt auf die Prinzipien der Wissenschaft und der Vernunft, der Gleichheit der Menschen und der Freiheit des Individuums, hat unsere heutige Kultur wenige Wurzeln im religiösen Judentum, nur schwache im Christentum, aber mächtige Rezeptionsstränge zur Antike.

Unbestreitbar ist, dass das Christentum Europa als Spartenkultur (man denke etwa an die gotischen Dome) geprägt und die europäische Geschichte mehr als ein Jahrtausend lang bestimmt hat. Die wissenschaftlich-geistige und politisch-kulturelle Entwicklung wurde dadurch jedoch sehr viel stärker behindert als gefördert. Zwar haben ab dem 13. Jahrhundert auch christliche Theologen, etwa die Renaissance-Humanisten, an der „Wiedergeburt Europas“ mitgewirkt, doch ihre maßgebliche Leistung bestand darin, die europäische Kultur von einer Last zu befreien, die es ohne das Christentum gar nicht erst gegeben hätte.

Vom „christlichen Abendland“ lässt sich daher vernünftigerweise nur in der Vergangenheitsform sprechen, etwa im Hinblick auf die „Klosterkultur des Mittelalters“. Die geistige, wissenschaftliche und gesellschaftliche Weiterentwicklung Europas seit der Renaissance jedoch beruht nicht auf  „christlichen Werten“, sondern vielmehr auf der zunehmenden Befreiung von diesen Werten. Der vielfach befürchtete „Untergang des christlichen Abendlandes“ hat also längst stattgefunden – und das ist auch gut so! Denn nur so konnte der moderne Rechtsstaat entstehen, in dem jeder Einzelne über sein Leben selbst bestimmen kann, ohne dabei von „religiösen Autoritäten“ gemaßregelt zu werden. «

„Die Legende vom christlichen Abendland“

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Gruß Hubert