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Familienstellen nach Hellinger – ein destruktiver Kult?   Leave a comment

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Es ist kaum zu glauben wie auch Fachleute, als Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiater, die abstruse Lehre des Familienaufstellens nach Bert Hellinger als gut empfinden.

Damit einem die Theorien des ex-Missionars (als solcher war er in Südafrika tätig) Bert Hellinger gefallen können, muss man schon pfäffisch und autoritär-obrigkeitsgläubig angehaucht sein. Nebenbei muss man noch ein frauenfeindlich und patriarchalisch eingestellt sein.

Hellingers Lehre müsste nicht ernst genommen werden, wenn ihn andere nicht ernst nähmen.

Aus dem Buch von Werner Haas: Familienstellen nach Hellinger: Anatomie eines destruktiven Kultes

An Patentrezepten, zumal mit dem Nimbus des Magischen versehen, ist die Psychoszene nicht arm. Eines dieser umstrittenen Angebote ist das Familienstellen. Zwar gibt sich diese Technik als Weiterentwicklung der etablierten systemischen Familientherapie aus, ist jedoch aufgrund des weltanschaulichen Kontextes und der praktischen Implikationen etwas grundsätzlich anderes, nämlich ein Rückfall in vorwissenschaftliche Denkmuster und quasi-exorzistische Praktiken.

[…]
Schlussbemerkung

Hellingers Lehre müsste nicht ernst genommen werden, wenn ihn andere nicht ernst nähmen. Das Gros der sich offen zu Hellinger bekennenden Aufsteller ist zwar eher der Eso-Szene zuzurechnen. Aber trotz des wissenschaftsscheuen und unverhohlen antiaufklärerischen Grundtenors finden sich darunter nicht wenige diplomierte und promovierte ärztliche sowie psychologische Therapeutenkollegen. Sie tragen meines Erachtens ihre akademischen Grade zu Unrecht.

Hinzu kommt, dass unter dem Druck kritischer Berichte und Analysen über die hellingerschen Praktiken eine Welle der halbherzigen Distanzierung von dem Gründervater eingesetzt hat, ohne dass man sich wirklich von den zentralen Inhalten der gängigen Aufstellungsphilosophie und -praxis verabschiedet hat.

https://www.gwup.org/inhalte/92-themen/psychotechniken/1006-familienstellen-nach-helllinger-ein-destruktiver-kult

 

Auszüge aus dem Buch: Werner Haas: Familienstellen – Therapie oder Okkultismus? Asanger Verlag, 2004

Magische Worte und Patentrezepte gehen um in der Psychoszene: Familien-Stellen,
Familienaufstellung, Aufstellungsarbeit. Ihre Verkünder: Bert Hellinger & Co. Doch dieser
therapeutische Kult, der sich als Weiterentwicklung der etablierten systemischen Famili-
entherapie verkaufen möchte, ist aufgrund seines weltanschaulichen Kontextes und des-
sen praktischer Implikationen etwas grundsätzlich anderes, nämlich ein brutaler Rück-
sturz in vorwissenschaftliche Denkmuster und quasi-exorzistische Praktiken.
Schon lange vor Hellinger nutzte man die Möglichkeit, familiäre oder andere Bezie-
hungsgeflechte durch räumliche Anordnung von Personen darzustellen. So wurde bei-
spielsweise von Virginia Satir der Begriff „Familienskulptur“ geprägt. In der seriösen Fa-
milientherapie galt dieses Vorgehen als hinterfragbare Einzeltechnik in einem rational zu
begründenden psychotherapeutischen Gesamtkonzept. Doch mit und nach Hellinger
mutierte dieses Verfahren zu einem kultisch inszenierten Selbstzweck, zu einer von Hel-
lingerianern gepachteten Methode der Aufdeckung und Lösung für alles und alle.
Das technische Prinzip des hellingerschen Familienstellens besteht darin, dass ein
Gruppenteilnehmer (Klient, Patient, Ratsuchender) – auch „Protagonist“ genannt – aus
der Gruppe so genannte Stellvertreter als Rollenspieler auswählt und mit diesen „sein
inneres Bild seiner Gegenwarts- oder Herkunftsfamilie“ aufstellt.

Auch für sich selbst sucht der Protagonist zunächst einen Repräsentanten aus. Wenn die
Konstellation steht, teilen die Stellvertreter nacheinander mit, wie sie sich an ihrem
Platz fühlen. Angeblich stehen sie dabei in Verbindung zu einer Art Überseele, von anderen
auch „wissendes Feld“ genannt.

Der Aufstellungsleiter (Therapeut) entwickelt nun unter Berücksichtigung
der Rückmeldungen der Mitwirkenden ein „Lösungsbild“. Das ist erreicht, wenn alle
Stellvertreter das Gefühl zu haben glauben, dass die „Ordnung“ wiederhergestellt ist,
was in der Regel durch ein Unterwerfungsritual bestätigt wird.
Die in der Aufstellung inszenierte „Lösung“ soll sich dann auf wunderbare Weise auf
die Wirklichkeit übertragen: Suizidale entdecken ihre Lebenslust, Inzesttraumata werden
aufgelöst, Rückenschmerzen verschwinden und Krebs wird geheilt. Wenn nicht, hätte
man sich immerhin mit seinem unentrinnbaren Schicksal versöhnt. Hellinger selbst gibt
dieses Spektakel oft vor hunderten von Zuschauern zum Besten.
Zum Verständnis und zur Bewertung dieser Praxis ist es wichtig, einige Eckpfeiler des
dahinter stehenden Welt- und Menschenbildes näher unter die Lupe zu nehmen:

1. Patriarchale Ordnungsvorstellungen

 

Hellinger schwört auf das Senioritätsprinzip: Wer vorher da war, ist kraft dieses Faktums
als höherrangig einzustufen. Die Dynamik von Geben und Nehmen wird hauptsächlich
aus der Perspektive der Weitergabe des Lebens betrachtet, das Individuum somit weit-
gehend reduziert auf seine Funktion als Gattungswesen. Kinder sind per Definition Neh-
mende und Eltern Gebende. Die einen verpflichtet dies zutiefst, umfassend und unbefris-
tet, die andern werden dadurch in den Zustand der seliger Immunität und immerwähren-
der Verehrungswürdigkeit versetzt.
Hellinger: „Das Elternsein ist unabhängig von der Moral und jenseits von Gut und Bö-
se, … Jede Beurteilung der Eltern … ist anmaßend. Das Ergebnis [sic!] nämlich, das
Kind, stellt sich ja unabhängig vom Gutsein oder Bösesein der Eltern ein und begründet
eine Bindung vor und jenseits jeder Moral“.

Der Meister noch eine Spur obskurantistischer: „Und die Bindungsunschuld erleben wir als …
unserer Kindersehnsucht letztes Ziel. … Aus Liebe ist ein Kind bereit, alles dranzugeben,
selbst das eigene Leben und Glück, wenn es den Eltern und der Sippe dadurch besser geht. Das
sind dann die Kinder, die für ihre Eltern oder Ahnen in die Bresche springen, vollbringen,
was sie nicht geplant, sühnen, was sie nicht getan …, tragen, was sie nicht verschuldet
haben oder für erlebtes Unrecht anstelle ihrer Eltern Rache üben“.

Das lässt schon mal erahnen, wie Unglück und Leid in die Welt kommen, gleichzeitig
ergibt sich daraus eine wichtige therapeutische Maxime: „Wenn man den Eltern Ehre
erweist, kommt etwas tief in der Seele in Ordnung“.

 

Wie weit dieses Dogma getrieben wird, zeigt der nächste Abschnitt.

 

2. (Be-)Deutung von Sexualität und Inzest Hellinger sieht im Inzest keine persönlich zu
verantwortende Tat, sondern ein „systemisches“ Geschehen, in dem es letztlich weder Täter
noch Opfer noch unschuldig beteiligte Dritte gebe, sondern nur Statisten in einem von höherer
Stelle inszenierten Drama.
Vor allen Dingen sollen die, die nach allgemeinem Rechts- und Gerechtigkeitsempfinden
als Hauptschuldige gelten, ent-schuldigt werden: „Den Tätern, seien es Väter, Großväter,
Onkel oder Stiefväter, wurde etwas vorenthalten, oder es wird etwas nicht gewürdigt,
und der Inzest ist dann ein Versuch, dieses Gefälle auszugleichen“.

Mit  dieser  Entschuldigung für die Patriarchen forciert Hellinger gleichzeitig die Be-
schuldigung der Frauen: „Kommt hinzu, dass es auch noch einen Mangel an Austausch
und Ausgleich bei den Partnern gibt, zum Beispiel in der sexuellen Beziehung, entsteht
in diesem System ein unwiderstehliches Bedürfnis nach Ausgleich, das sich wie eine
Triebkraft durchsetzt und der naheliegende Ausgleich ist, dass die Tochter sich anbietet
oder die Frau dem Mann die Tochter überlässt oder anbietet“.

 

Wie kommt Hellinger dazu, den Körper des Kindes zur Manövriermasse in einem ob-
skuren Spiel des „Ausgleichs“ zu machen? Wer diese kranke Logik einmal akzeptiert hat,
wundert sich auch nicht mehr über des Meisters Lösungsvorschläge: „Die Lösung für das
Kind ist, dass das Kind der Mutter sagt: ‚Mama, für dich tue ich es gerne‘, und dem Va-
ter: ‚Papa, für die Mama tue ich es gerne‘“.

 

Man beachte die Rollenverteilung: „Der Mann ist nur Blitzableiter, er ist in der Dynamik
verstrickt, weil die alle gegen ihn zusammenwirken. Er ist sozusagen das arme Schwein“, die
Mutter hingegen glaubt Hellinger generell als die „graue Eminenz des Inzests“ dingfest gemacht zu haben.
Selten hat jemand zur Problematik des sexuellen Missbrauchs solch zynischen Unsinn
propagiert und praktiziert. Zöge die missbrauchte Tochter den Vater nun juristisch zur
Verantwortung, würde sie laut Hellinger damit signalisieren, dass sie „lieber stirbt als ihrem
Vater … die Ehre zu geben“.

Dazu muss man wissen, dass solche gegen die „Ordnungen der Liebe“ verstoßende Taten in Hellingers
„Krankheitslehre“ oft die „Ursache“ von tödlichen Krankheiten sind.
Da Hellinger den Menschen zu einem tumben Gattungswesen degradiert hat, sieht er im „sexuellen Vollzug“
den „größten menschlichen Vollzug überhaupt“. Er geschehe „im Angesicht des Todes“, was auch immer das
heißen mag. Darüber hinaus scheinen „schicksalhafte“ Ereignisse wie Kriege oder Sexualverbrechen von
höheren Mächten gesteuert zu sein. Darum gilt: „Wenn es eine Vergewaltigung gab, dann ist die Sexualität
dennoch etwas ganz Großes“, denn sie komme „vor der Liebe“ und sei größer als diese.

 

Die Therapie einer durch Vergewaltigung traumatisierten Frau kann dann darin bestehen, dass sie – in
der „Aufstellung“ – zum Vergewaltiger sagt: „Ich habe dich benutzt. Es tut mir leid“.
– Benutzt? Wofür? Hellinger wird es schon wissen. Denn: „Wo Schicksal
wirkt und Demut heilt“, so einer seiner Buchtitel, fügt sich letztlich alles wieder in die
„Ordnungen der Liebe“, so ein anderer Buchtitel. Große Worte, wie ich meine, die besser
mit Schicksalsgläubigkeit, Demütigungskult und patriarchalem Ordnungswahn umschrie-
ben wären.

 

3. Der Okkultist

Nach Hellinger sind die meisten Probleme, die ein Psychotherapeut zu Gesicht be-
kommt, keine Probleme, die aus der individuellen Lebensgeschichte eines Menschen
hervorgehen, sondern die „Wiederholung eines fremden Schicksals“. Die geschehe
unter dem Druck des „Sippen- oder Gruppengewissens“, das sich der „nicht Gewürdig-
ten und der Toten“ annehme, indem es einen unschuldigen „Nachgeborenen“ auswähle,
der unbewusst das Schicksal des nicht Gewürdigten erleide, als Preis und Sühne sozu-
sagen für das erlittene Unrecht des Ahnen. Nach Hellinger ist diese „Identifizierung“
eine Art „systemischer Wiederholungszwang, der Früheres noch einmal inszeniert und
wiederholt …, ein nachträglicher Versuch, einer ausgeklammerten Person noch einmal
zu ihrem Recht zu verhelfen“.

Und: „Bei uns werden so viele krank oder gestört, weil einige aus dem System ausgestoßen sind.
Oft sind das Verstorbene. Wenn man die wieder hereinholt, sind die anderen wieder frei“.

Anstatt einer Ätiologie serviert uns Hellinger diese seltsame Lehre von den Krankheits-
ursachen, verquickt mit dem Gespensterglauben und Ahnenkult der Zulus, bei denen er
wohl zu tief ins spirituelle Glas geguckt hat: „Wenn man sich Geistergeschichten anhört,
sind Geister Wesen, denen man die Zugehörigkeit verweigert hat. Sie klopfen an, bis sie
ihren Platz bekommen. Wenn sie den haben, geben sie Frieden“.

Hellinger ging bekanntlich als Missionar nach Südafrika, kehrte aber offenbar als Bekehrter zurück.
Denn bei den Zulus galt lange vor ihm: Wenn die Ahnen „vergessen werden, dann bringen sie
sich oft schmerzhaft in Erinnerung.“ Die Folge: „Unglück, Krankheit, Verluste, Niederla-
gen …“. Abhilfe schafft hier wie dort rituelle Ehrerweisung.

Quelle:

http://www.familienaufstellen.org/criticism/HellingerDestruktiverKult.pdf

 

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Hier ein Auszug aus einem Buch über Bert Hellinger von Colin Goldner,

Der Wille zum Schicksal: Die Heilslehre des Bert Hellinger

[…]
Massive Kritik an dieser Psycho-Methode, ihrem ideologischen Hintergrund sowie an der Person ihres Begründers, des Ex-Ordenspaters Bert Hellinger, üben namhafte Psychologen in der von Colin Goldner herausgegebenen Neuerscheinung „Der Wille zum Schicksal – Die Heilslehre des Bert Hellinger“ (Verlag C.Ueberreuter, Wien). Hauptpunkte der Hellinger-Kritik sind seine reaktionäre Weltsicht und sein konservatives Wertekonzept. Als „christliche Seelsorgemethode“ könne die Arbeit Hellingers jedenfalls nicht gelten, betont Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (Berlin), deshalb solle die Vergabe kirchlicher Räume für Familienaufstellungen kritisch überprüft werden. (Südostbayerische Rundschau, 15.3.2003)

Ein Autorenteam um den Psychologen Colin Goldner hat sich Bert Hellinger, den „Erfinder“ der Methode der „Familienaufstellung“ vorgeknüpft.

Nach den Beobachtungen der Autoren missbraucht der 1925 geborene ehemalige katholische Missionar vereinfacht ausgedrückt den emotionalen Ausnahmezustand, zu dem eine Familienaufstellung führt, um seine extrem konservativen „priesterlichen“ Ratschläge zu verbreiten. Auffällig sei, dass (so individuell eine Aufstellung auch beginne) am Ende fast immer die gleichen „Lösungen“ aus dem mehr als merkwürdigen Weltbild Hellingers stehen: Nach einer Scheidung gehören die Kinder überproportional oft zum Vater, Ehefrauen müssen bei der Gestaltung ihres Lebens den Männern folgen, damit diese sich entfalten können.

Hellinger geht davon aus, einen direkten („phänomenologischen“) Zugang zur objektiven Wirklichkeit zu haben. Er meint, auf einen Blick die Unordnung in einem System zu „sehen“ und die „gute Lösung“ zu kennen. Der Ex-Missionar bietet sich als Autorität an und steht damit im krassen Widerspruch zur systemischen, dem Konstruktivismus verpflichteten Vorgehensweise, die eine Aufstellung immer als co-kreativen Prozess zwischen allen Beteiligten betrachtet. An dessen Ende steht niemals nur eine einzige „richtige“ Lösung. (wirtschaft&weiterbildung, 4/2003)

[…]

Es gibt über 100 Bücher und Videos von und zu Bert Hellinger. Er ist seit Jahren der Star unter den Psychotherapeuten und mit seiner Methode des „Familienstellens“ füllt er schon einmal Säle mit über 500 Hilfesuchenden. Was es bislang noch nicht gab, das ist eine – längst überfällige – kritische Auseinandersetzung mit dem „Familien- und Organisationsaufstellen nach Bert Hellinger“: mit dem Verfahren selbst, mit den Versprechungen, die es gibt und den Risiken, die es birgt, mit den Personen, die es anbieten, und denen, die sich darauf einlassen, mit dem dahinterstehenden Weltbild und nicht zuletzt mit der zentralen Figur der Szene: Ex-Ordenspriester Bert Hellinger. Was macht den ehemaligen Afrika-Missionar so erfolgreich? Warum findet seine Methode gerade in der Esoterikszene so großen Anklang? Warum beging 1997 eine Frau und vierfache Mutter nach einer seiner Familienaufstellungen Selbstmord?

http://fkpsych.de/hellinger-1.html

 

 

Ausführlich wird auch hier über Bert Hellinger berichtet:

http://www.agpf.de/Hellinger.htm

 

Gruß Hubert

 

Die Psycho-Szene – Colin Goldner   Leave a comment

Hier ein Interview der Badischen Zeitung mit Colin Goldner über sein Buch „Die Psycho-Szene“. Goldner zeigt auf wie gefährlich manche Therapien werden können und welcher Unsinn da verbreitet wird. Der Beitrag ist nicht ganz neu aber immer noch aktuell. Der Mensch ist immer noch sehr offen für Irrationalität.

Auszug.
Astrologie, Hellsehen oder Tarotkartenlegen erleben einen seit Jahren anhaltenden Boom, selbst ursprünglich nur Insidern bekannte Begriffe wie I-Ging, Kabbala oder Runenmagie sind geläufig.

Mechthild Blum sprach mit Esoterik-Kenner Colin Goldner

Hoffnungen auf das „New Age“, „Heilserwartungen“ unterschiedlischster Art: Jeder zweite Deutsche glaubt an außerirdische Wesen, jeder dritte an UFOs, jeder siebte an Magie und Hexerei, andere fürchten sich vor Erdstrahlen, über 35 Prozent halten die Zukunft für vorhersehbar, 20 Prozent glauben an Kontakte zum Jenseits. Colin Goldner, Autor des Buches „Psycho – Therapien zwischen Seriosität und Scharlatanerie“, ist mehr als ein Kenner der Szene: Es gibt kaum eine Gruppierung, in der er nicht selbst undercover recherchiert hätte. Mit ihm sprach Mechthild Blum.

BZ: Irrationalität gehört zum Menschsein dazu, und nicht nur „in Zeiten der Pleite bevorzugt die Seele das Jenseits“, um Ihr Musil-Zitat aufzugreifen, oder?

Goldner: Irrationalität gehört zum unterdrückten Menschsein. Sie ist allemal ein künstlich hergestelltes und/oder unterfüttertes Instrument in den Händen der Herrschenden bzw. ihrer priesterlichen Handlanger, die damit Angst und Terror verbreiten. In anderen Worten: Ohne Pfaffen keine Angst vorm Teufel.

BZ: Sie sprechen von einem undurchdringlichen Wirrwarr anthropologischer, religiöser und kultureller Versatzstücke…

Goldner: Nicht nur altbekannte Verfahren wie Astrologie, Hellsehen oder Tarotkartenlegen erleben einen seit Jahren anhaltenden Boom, selbst einst nur Insidern bekannte Namen und Begriffe wie I-Ging, Kabbala oder Runenmagie sind heute weiten Kreisen geläufig. Allenthalben werden PSI- oder transpersonale KI-Kräfte entwickelt, Chakren werden gelesen, Bach-Blüten und Kristall-Essenzen verabfolgt. Kontakte mit Verstorbenen werden gepflogen oder mit Schutzgeistern aus jenseitigen Sphären, bevorzugt auch mit intergalaktischen Wesen, die in UFOs die Erde umkreisen. Germanische und keltische Vorstellungen tauchen da auf, daneben buddhistische, taoistische oder indianische. Einer der Großmeister der Verwurstung von allem und jedem war der indische Guru Baghwan-Osho Rajneesh, dessen Nachfolger bis heute einen blühenden Handel mit irrationalem Schwachsinn jeder Art betreiben.

BZ: Sie schreiben in Ihrem Buch von 10000 Zentren, Instituten und Heilpraxen im deutschsprachigen Raum. Warum vertrauen sich Menschen solchen Therapien und autoritären Sekten an?

[…]
Gerade wenn das Verrückteste und Unsinnigste geglaubt wird, fühlen sich die Anhänger und Anhängerinnen eins mit ihrem Führer und die leidvoll erlebten Zweifel, Selbstzweifel und Existenzängste lösen sich auf. So läßt sich der Erfolg der in der Regel faschistoid angehauchten Gurus begreifen, von Baghwan-Osho Rajneesh über Sang Myung Mun hin zu L. Ron Hubbard, David Koresh oder auch Shoko Asahara, der – mit Hilfe des Dalai Lama! – zu einem der potentiell gefährlichsten Massenmörder dieses Jahrhunderts aufstieg: die Giftgas-Attentate in der Tokioter U-Bahn waren nur das Vorspiel auf dem Weg der AUM-Sekte zur „Weltherrschaft“.

BZ: Werden es in den nächsten Jahrzehnten 100000 dieser Therapieschulen und -praxen sein?

Goldner: Schön möglich, die Szene boomt und alle Augenblicke tritt ein neuer „Lebenslehrer“ mit irgendeinem vorgeblich neuen „Therapieverfahren“ auf den Plan. Allerdings handelt es sich bei sämtlichen dieser „Neuschöpfungen“ bestenfalls um Ideen- und Methodenrecycling. Tatsächlich Neues hat die Szene noch nie hervorgebracht.

BZ: Wie halten Sie es mit den großen Religionen? Dem Katholizismus, Protestantentum, dem moslemischen Glauben, der jüdischen Religion, dem Buddhismus etwa? Um mit Marx zu fragen: Ist Religion nicht schon immer das Opium des Volkes gewesen?

Goldner: Ich sehe keinen Unterschied zwischen Glauben und Aberglauben. Die Heilslehren der etablierten Großreligionen und die der kleinen Sekten sind völlig identisch: dieselben Strukturen (unhinterfragbare Doktrin, strenge Hierarchie mit oberstem Führer oder Guru, unumkehrbare Machtverhältnisse etc.), dieselben Inhalte (künstlich geschürte Angst vor Verdammnis oder Ausgestoßensein mit gleichzeitiger elitärer Errettungslehre, Ausrichtung auf Jenseits.) bzw. auf Kontakt mit höheren, metaphysischen Mächten, abstruse Kulthandlungen und Rituale, oft mit Blut, Erde, Feuer, Reglementierung der Sexualität etc.); Exorzismushysterie und Engelwerk unterscheiden sich in nichts von den Praktiken, die im Zeichen des Wassermannes betrieben werden. Selbst der Fanatismus der Gläubigen ist derselbe; von undurchsichtigem Finanzgebaren der jeweiligen Organisation ganz zu schweigen.

[…]
BZ: Bis ins Bildungsbürgertum hinein sind ja vor allem die verschiedensten, wie Sie sie nennen, esoterischen Psychotechniken salonfähig geworden: die Bach-Blüten-Therapie, Bioresonanztherapie, Hoffmann-Quadrinity-Process, Feng-Shui, holotrope Therapie, wilde Männer und Hexen, T’ai Chi, katathymes Bilderleben, Märchentherapie, Reinkarnationstherapie – um nur einige aufzuzählen. Sind alle gleich schädlich?

Goldner: Die esoterischen Praktiken lassen sich in zwei Kategorien unterscheiden: in eher harmlosen und in gefährlichen Blödsinn. Und selbst vergleichsweise harmlose Praktiken (z.B. Aura Soma) können hochgefährlich werden, wenn der Hilfesuchende im Vertrauen auf ihre Wirksamkeit eine sinnvolle Behandlung vernachlässigt oder versäumt. Einige Praktiken (z.B. Rebirthing) sind an sich hochriskant und können fatale Folgen zeitigen. Vor allem in der Hand klinisch unzureichend qualifizierter Praktiker – Die wenigsten Therapeuten der Szene verfügen über eine seriöse Ausbildung. Sündhaft teuer sind die einzelnen Verfahren allemal.

[…]
BZ: Sie verlangen zu Recht eine Wirksamkeitskontrolle der angebotenen Therapien. Sie wissen aber auch, daß das so eine Sache ist: Was als wissenschaftlicher Nachweis gilt, bezieht sich in seinen Annahmen fast ausschließlich auf die Praxis naturwissenschaftlichen Arbeitens, nicht mal auf die Theorie. Andere Wissenschaftsdisziplinen und ihre Ergebnisse werden außen vor gelassen. Der Therapieforscher Grawe zum Beispiel hat aus diesem (schulmedizinischen) Grund schon seine Schwierigkeiten mit der seriösen Psychoanalyse. Vor Ihren Augen findet wiederum die Homöopathie keine Gnade, obwohl immer mehr Schulmediziner sie als alternative Heilmethode akzeptieren…

Goldner: Ich verlange nicht nur eine Wirksamkeitskontrolle der eingesetzten Verfahren, sondern auch einen Befähigungsnachweis der „Lebenshelfer“ und „Therapeuten“. Das Heilpraktikergesetz von 1939 reicht hier nicht aus. Selbsternannte Heiler ohne die geringste therapeutische Kompetenz dürfen nach wie vor mit völlig unbrauchbaren Methoden an teils schwersten Problemen und Störungen herumpfuschen. Jeder Automechaniker muß eine dreijährige Lehre absolvieren, um ein Auto reparieren zu dürfen, im Bereiche des Gesundheitswesens aber reicht ein Wochenendlehrgang oder ein Fernkursus aus, sie zum „Therapeuten“ zu qualifizieren.

Zu den Verfahren selbst: Es gibt heute hervorragende Methoden zur Effizienzüberprüfung bzw. zur Abwägung von Risiko und Nutzen einzelner Therapien; die Mehrzahl der auf dem Psychomarkt angebotenen Verfahren hat sich solch wissenschaftlicher Überprüfung nie unterzogen; einschließlich der klassischen Psychoanalyse, für deren behauptete Wirksamkeit bis heute nur eine einzige Studie vorliegt; Homöopathie hat außerhalb des eigenen Binnenkontexts keinen einzigen Wirksamkeitsbeleg aufzuweisen. Ich halte Homöopathie, ebenso wie Anthroposophische Heilkunde, für groben Unfug, der mit Naturheilkunde nicht das geringste zu tun hat.

[…]
BZ: Erzählen Sie mir einen Fall?

Goldner: Das Kritische Forum Psychologie betreut Therapiegeschädigte und ihre Angehörigen. Viele haben sich bei sogenannten „esoterischen Therapien“ für eine Menge Geld im besten Fall nutzloses Geschwätz, im schlimmsten Fall schwere psychische Schädigungen eingehandelt. Wie eine bekannte Opernsängerin. Sie litt unter der Angst, auf der Bühne könnte ihr plötzlich die Stimme versagen. In einer Reinkarnationstherapie „erinnerte“ sie sich – d.h. sie folgte den Suggestionen des „Therapeuten“ –, sie sei im 15. Jahrhundert Scharfrichter in Rothenburg o. d. Tauber gewesen, als welcher sie Hunderte von Delinquenten an den Galgen geknüpft habe. Viele der Verurteilten seien unschuldig gewesen, sie habe folglich furchtbares Karma auf sich geladen. Diese Schuld äußere sich in ihrem jetzigen Leben – naheliegenderweise – in Problemen an ihrem Halse. Sie steigerte sich in die Vorstellung hinein, sie könne dieses Karma nur abtragen, wenn sie sich selbst antue, was sie ihren unschuldigen Opfern angetan habe. Sie sah keine andere Möglichkeit mehr, als sich selbst zu richten und auf dem Dachboden aufzuhängen. Aufgrund akuter Selbstmordgefährdung kam sie in stationäre psychiatrische Behandlung, in der sie mehr als ein halbes Jahr verbleiben mußte. Unsere Beratungsstelle übernahm die Nachbetreuung.

BZ: Wagen Sie für uns einen Ausblick in die Psycho-Zukunft und ihre Folgen?

Goldner: Das liegt auf der Hand: Die einzige Möglichkeit, die Menschen haben, sich gegen ausbeuterische und inhumane gesellschaftliche Verhältnisse zur Wehr zu setzen – Verstand und Vernunft –, werden gezielt zerstört. Übrig bleibt ein Volk von Karma-, Schicksalsund Vorsehungsgläubigen.

Die Psycho-Szene-Colin Goldner

Gruß Hubert

Schwärmerei für Dalai Lama ist unangebracht   Leave a comment

 

Der Dalai Lama gilt vor allemm im Westen als Symbolfigur für Friedfertigkeit, Güte und in unendlichem Weistum ruhende Gelassenheit.
Diese verklärende Sichtweise ist auf keinem Fall angebracht, wenn man die Argumente von Colin Golder sich ansieht.

Hier ein Bericht von der taz.de

Aauszug.
Der Schwärmerei über den tibetischen Buddhismus kann der Psychologe Colin Goldner nichts abgewinnen.
Interview: BENNO SCHIRRMEISTER

taz: Herr Goldner, warum schreiben Sie so aggressiv gegen den Dalai Lama?

Colin Goldner: Angesichts der Flut an Publikationen zum Dalai Lama, von ihm und über ihn, stehen die Kritiker der tibetischen „Heiligkeit“ auf ziemlich einsamem Posten. Daher ist pointierte Formulierung unverzichtbar, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Mein gelegentlich polemischer Unterton ist wohl Erbe meiner 68er-Sozialisierung: Mir geht die vorauseilende Ehrerbietung irgendwelcher Kutten- und Soutanenträger gehörig auf den Geist. Im Übrigen bin ich völlig unaggressiv.

[…]
Meine Kritik richtet sich gegen den tibetischen Klerus, der im indischen Exil seine Praktiken weitgehend unverändert fortführt. In Tibet selbst ist die Rekrutierung von Kleinkindern seit den 1960ern verboten, was der Dalai Lama als gezielte Vernichtung der Mönchskultur durch die chinesischen Kommunisten geißelt. Er selbst kam mit drei Jahren ins Kloster.

Und das können Sie nicht weniger ätzend vortragen?

Noch einmal: Das hohe Ansehen, das der Dalai Lama quer durch sämtliche politischen und weltanschaulichen Lager genießt, ist trotz aller Kritik, die seit geraumer Zeit gegen ihn vorgebracht wird, weitgehend ungebrochen. Nach wie vor gilt er als Symbolfigur für Friedfertigkeit, Güte und in unendlichem Weistum ruhende Gelassenheit. Derlei verklärende Sicht ist reine Projektion. Dass der Dalai Lama nichts anderes ist als eine Randfigur im Propaganda-Schach der Großmächte, will man ebenso wenig wahrhaben wie die Tatsache, dass er als oberster Repräsentant des „alten Tibet“ einem der blutsaugerischsten Herrschaftssysteme vorstand, die es je auf diesem Planeten gab – einer theokratischen Mönchsdiktatur, in der die große Mehrheit der Bevölkerung in unvorstellbarer Armut und bitterstem Elend lebte, unterdrückt und ausgebeutet von einer winzigen Schicht aus Adel und hohem Klerus. Hier Klartext zu sprechen ist unverzichtbar, auch wenn manche das als ätzend empfinden mögen.

Aber was bringt es, die eine Projektion des Westens durch eine andere zu ersetzen – indem Sie ihn zur lächerlichen Figur stilisieren, die „salbadert“, „rhabarbert“, „schwafelt“ und „unglaubliches Plattitüdengeschwätz mit dem Wortschatz und der Grammatik eines Fünfjährigen“ von sich gibt?

Mir geht es um die bestmögliche Auflösung von Projektionen: Bei Lichte besehen ist der Dalai Lama – wie alle „Heiligkeiten“, egal welcher Glaubensrichtung – in der Tat eine Witzfigur, die an Karma und Wiedergeburt glaubt, an Astrologie, Hellseherei, Psychokinese und jedweden sonstigen Esoterik-Unsinn – einschließlich der Fähigkeit tibetischer Mönche, frei durch die Luft zu fliegen. Zugleich aber dürfen seine extrem rechtslastigen Positionen, auch seine eklatante Frauen- und Homosexuellenfeindlichkeit, nicht unwidersprochen bleiben, zumal er trotz – oder vielleicht gerade wegen- des Unfugs, den er erzählt, über enormen gesellschaftlichen Einfluss verfügt.

[…]
Dass auch Buddhismus über Gewaltpotenzial verfügt, untersucht Religionswissenschaft intensiver ja tatsächlich erst seit dem Giftgasanschlag des Sektenführers Asahara auf die Tokioter U-Bahn. Aber eben: Das war eine Sekte. Und den Dalai Lama als Propagandisten dieser Spielart des Buddhismus darzustellen – das fällt schon schwer.

Der Dalai Lama hatte wesentlichen Anteil am Aufstieg des buddho-faschistischen Sektengurus Shoko Asahara. Der plante unter anderem, die komplette Einwohnerschaft Tokios, also 20 Millionen Menschen, mit dem Nervengift Sarin und Milzbranderregern auszulöschen, um damit seinen Anspruch als buddhokratischer Weltendiktator zu unterstreichen. Der Anschlag auf die Tokioter U-Bahn im März 1995 – es hatte zwölf Tote und über 5.000 Verletzte gegeben – war nur ein Vorspiel …

… und hat den Dalai Lama ebenso entsetzt wie den Rest der Welt.

Entgegen aller Behauptung seiner Anhänger hat der Dalai Lama sich bis heute nicht von seinem „spirituellen Freund“ Asahara distanziert. Auch ansonsten pflegte und pflegt er rege Kontakte in die rechte Szene.

Die alte Harrer-Geschichte?

Nein, damit ist nicht in erster Linie die langjährige Freundschaft mit Heinrich Harrer gemeint, der als SA-Mann und SS-Oberscharführer überzeugter Nazi war. Gemeint sind seine Kontakte zu einem gewissen Bruno Beger, der Teil der Nazi-Expedition von 1938/39 nach Tibet gewesen war. Beger, auch er hochrangiger SS-Mann, ist als NS-Kriegsverbrecher verurteilt worden. Der Dalai Lama aber hielt ihm bis zu seinem Tod – Beger starb 2004 – unverbrüchlich die Treue. Gemeint sind auch seine Kontakte zu Miguel Serrano, Führer der „Nationalsozialistischen Partei Chiles“ und Vordenker des sogenannten „Esoterischen Hitlerismus“. Ein besonders enger Freund war der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider. Selbstredend hat auch die NPD Gemeinsamkeiten entdeckt: Die „klar nationalistischen Positionen“ des Führers vom Dach der Welt seien beispielgebend – „Tibet den Tibetern“. Die NPD als „befreiungsnationalistische Kraft“ stehe insofern an der Seite des tibetischen Volkes.

Schwärmerei für Dalai Lama ist nicht angebracht

Gruß Hubert