Unser Reporter hat sich als Krebspatient ausgegeben und acht Alternativpraxen besucht. Was er erlebt, ist schockierend: Die empfohlenen Therapien sind meistens sehr teuer, unnütz und manchmal sogar lebensgefährlich.

Hallo, mein Name ist Niko Scholze, ich bin 33 Jahre alt und habe Krebs. Genauer: Ein Hodgkin-Lymphom, einen Tumor, der die Lymphknoten befällt. Vor einem Jahr habe ich eine Chemotherapie gemacht. Der Krebs verschwand, doch nun ist er zurückgekehrt, ungewöhnlich für diese Art von Tumor, aber es kommt vor. Wobei es mir gut geht, ich habe keine Symptome. Mein Arzt drängt auf eine neue Chemotherapie, höher dosiert.

Das ist zum Glück alles nur ausgedacht. In Wirklichkeit heiße ich Hristio Boytchev und bin Wissenschaftsjournalist. Ich bin gesund, sieht man einmal von meiner Kurzsichtigkeit ab. An Krebs leide ich zum Schein, um Deutschlands Alternativmediziner auf die Probe zu stellen. Was raten Geistheiler und Neugermanische Doktoren, Schamanen und Heilpraktiker einem, der mit einem aggressiven Tumor zu ihnen kommt?

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Brennende Kerzen

Der Patient ist Schuld am Krebs, und die Krise des Körpers enthält eine Lektion – das unterstellen viele Heiler. Doch helfen solche Annahmen jemandem?

Foto: Andreas Labes

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Alternative Medizin boomt. Kaum eine Apotheke, die keine homöopathischen Zuckerkügelchen verkauft, auf Kongressen und in Bestsellern preisen Gurus ihre esoterischen Mittel an. Die Deutschen geben dafür geschätzt mehrere Milliarden Euro im Jahr aus und sind überzeugt von der heilenden Wirkung. Weitere Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu jeder zweite Krebspatient davon in irgendeiner Form Gebrauch macht. Dennoch wissen Behörden und Ärzte erstaunlich wenig darüber, was abseits der Krankenhäuser passiert. Wer den Pfad der Schulmedizin verlässt, verschwindet aus dem Blick.

Wir – meine vorgebliche Studienfreundin Claudia Ruby, tatsächlich ist auch sie Wissenschaftsjournalistin, und ich – haben uns daher auf den Weg quer durch Deutschland gemacht, zu acht Heilern, die den Ruf haben, Krebs auch ohne Schulmedizin heilen zu wollen. Große Zentren sind dabei, die selbst Menschen aus dem Ausland anziehen, genau wie kleine Praxen von Heilpraktikern und Ärzten. Claudia Ruby hat die Recherche verfilmt, für ihren Dokumentarfilm „Krebs – das Geschäft mit der Angst“. Sie hat die Besuche organisiert, den Diagnosebrief, den ich immer mitführe, genauso wie eine DVD mit Computertomografien. Darauf sieht man, dass der Tumor jetzt auch die Milz befallen hat.

Auf der Reise werde ich viel Widersprüchliches und Wirres über mich hören, werde Gedichte vorgelesen bekommen und mich einer Geistheilung unterziehen. Und ich werde eine Ahnung davon bekommen, wie es ist, Angst zu haben. Die Angst, die Krebs mit sich bringt. Die Angst davor, todkrank zu sein – und eine Entscheidung fällen zu müssen, wem ich glauben soll.

 

BIOLOGISCHE KREBSMEDIZIN

In dem kleinen Ort Greiz, am Rand des Erzgebirges, befindet sich die „Klinik im Leben“, die auf ihrer Webseite vielversprechend mit „Biologischer Krebsmedizin“ wirbt.

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Der Arzt Uwe Reuter bittet uns herein. Er sitzt hinter einem iMac, auf dem er mir manchmal Bilder zu seinen Therapien zeigt. Er ist um die 50, groß und hager, sein Gesicht wirkt durch eine rahmenlose Brille besonders ernst. Mit hartem Thüringer Akzent fragt er: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ Ich erzähle ihm meine Geschichte.

Die Heilung muss „vom Inneren her kommen“

Er hört aufmerksam zu, und dann wirkt es eine Weile, als könne er sich nicht entscheiden, was er mir raten soll. Schließlich hat er es: Ich soll zunächst eine „Diagnosereihe“ in seiner Klinik machen, drei oder noch besser fünf Tage, für rund 1.000 Euro. Da seien „elektromagnetische Messungen“ für den „Energiehaushalt einzelner Organe“ gleich mit inbegriffen. Erst dann könne er bestimmen, welche Therapie bei mir angezeigt sei. „Hypnose, Homöopathie, Vitamin B17-Infusionen“ werden wohl eine Rolle spielen, sagt Reuter, und eine „Fiebertherapie“, bei der ich abgestorbene Bakterien gespritzt bekomme. Zusätzlich zur Chemotherapie oder allein?, frage ich. Diese Entscheidung könne er mir nicht abnehmen, sagt der Arzt, ich soll sie von meinem „Inneren her“ treffen. Ich müsse begreifen, dass meine Krankheit nicht von außen komme, und dass Therapien nur unterstützend wirkten – die Heilung „muss vom Inneren her kommen“.

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Fieberthermometer

Reuter schlägt eine „Fiebertherapie“ vor, bei der abgestorbene Bakterien gespritzt werden. Er rät dazu, die – dringend nötige – Chemotherapie zu verschieben

Foto: Andreas Labes

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Er sagt das alles beiläufig, mit dem monotonen Nuscheln, mit dem er die ganze Zeit spricht. Aber verbirgt sich in diesen Worten nicht die Unterstellung, dass ich Schuld sei an meiner Erkrankung? Nicht eine Zelle ist mutiert und zum Tumor gewuchert – sondern etwas Grundlegendes stimmt nicht mit mir, mit meinem Leben, meiner Herkunft, meiner Einstellung, was auch immer. Ein Denkmuster, das typisch ist für die Alternativmedizin – und auf das ich bei meiner Reise immer wieder stoßen werde.

Je teurer, desto glaubwürdiger

Am Ende schlägt Reuter vor, die Chemotherapie um ein Vierteljahr zu verschieben und mit Hilfe seiner Therapie „all das beiseite zu schieben, was die Heilung verhindert“ – Giftstoffe, Ablenkungen und Ängste. Die Kosten? Rund 10.000 Euro für die gesamte Therapie. Bedrückt fahre ich mit dem Regionalzug nach Hause. Später sagt Hans Josef Beuth, Mikrobiologe an der Uni Köln und einer der führenden Experten zur Alternativmedizin: Ein hoher Preis erhöhe paradoxerweise die Glaubwürdigkeit der Heiler. Je mehr ein Patient zahle, desto mehr habe er das Gefühl, dass die Therapie ernst zu nehmen sei. Herr Reuter muss ein sehr ernst zu nehmender Heiler sein.

Nach dem Ende der Recherche haben wir alle Heiler kontaktiert und sie darüber aufgeklärt, dass wir nicht als Patienten, sondern als Undercover-Journalisten bei ihnen waren – und sie gebeten, schriftlich Stellung zu beziehen. Uwe Reuter hat nicht die ihm gestellten Fragen beantwortet, sondern hat unsere Vorgehensweise in Frage gestellt.

DIE KRANKE STADT BERLIN: WAS DIE GERMANISCHE NEUE MEDIZIN RÄT

Die Heilpraktikerin Ursula Stoll hat sich auf die „Germanische Neue Medizin“ spezialisiert. Ryke Geerd Hamer, ehemaliger Arzt, hat die Lehre Anfang der 1980er Jahre als Reaktion auf die „jüdische“ Schulmedizin begründet. Kein Wunder, dass sie sich in völkischen Kreisen großer Beliebtheit erfreut. Hamers abstruse und gefährliche Theorien führten zum Entzug seiner ärztlichen Zulassung. Er praktizierte aber illegal weiter, mehrere seiner Patienten starben. Er wird international von der Polizei gesucht, in Deutschland liegt gegen ihn ein Haftbefehl wegen Volksverhetzung vor. 2007 floh Hamer nach Norwegen, wo er bis heute als Rektor einer Scheinuniversität auftritt und Bücher verlegt.

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Homöopathie-Kügelchen

Bei Heilpraktikerin Stoll stehen homöopathische Fläschchen. Sie rät, der Patient solle zurück zu den Eltern ziehen. Die Großstadt Berlin mache ihn krank.

Foto: Andreas Labes

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Selbst Ursula Stoll hält ihn für verrückt – nicht aber seine Theorie. Deren Kern: Alle Krankheiten seien Ausdruck eines Konfliktes. Hamer veranschaulicht das mit Beispielen aus dem Tierreich: Ein Hirsch, der aus seinem Revier verdrängt wird, erhöht den Blutdurchfluss zum Herzen, um Kraft zu haben und sein Gebiet zurückzuerobern. Dem Menschen ergeht es ähnlich, wenn er eine Erniedrigung erlebt. Doch er kann seine aufgestaute Energie nicht, wie das Tier, im Kampf freisetzen. Die sinnvolle Überschuss-reaktion führt zum Herzinfarkt.

Die meisten Heiler, die sich der Germanischen Neuen Medizin verschrieben haben, halten sich bedeckt und werben nur in einschlägigen Foren. Ursula Stoll jedoch hat kein Problem damit, auf einer Website für jedermann sichtbar ihre Dienste anzubieten.

Stoll praktiziert in Öhringen, einem idyllischen Städtchen im Norden von Stuttgart, in ihrem unscheinbaren Einfamilienhaus. In den Regalen des Behandlungszimmers stehen medizinische neben parapsychologischen Lehrbüchern, daneben eine Vitrine mit homöopathischen Fläschchen. Stoll trägt ein weißes Hemd und eine Hornbrille, die braunen Haare hat sie zu einem Zopf zusammen gesteckt, eine akkurate Gouvernante mit strengem Blick.

„Krebs gibt es nicht“

Auch ihr erzähle ich von meinem Leiden, doch sie unterbricht mich schnell: „Was ist Krebs?“, fragt sie. Man müsse sich von dem Begriff verabschieden. Krebs als solchen gebe es nicht. Ich habe erstmal nur eine Schwellung der Lymphknoten am Hals. Punkt.

Die Ursache: Eine Selbstabwertung, und zwar beruflicher Art, ich hätte mir immer wieder gesagt, ich schaffe mein Studium nicht. Wären die Lymphknoten unter der Achsel angeschwollen, hieße das, dass ich mich als Partner abgewertet hätte. Bei mir käme noch eine existentielle Angst dazu, und wie ein Fisch an Land lagere ich Wasser in meinen Körper ein, um zu überleben. Daher die geschwollenen Lymphknoten.

Metastasen? Gebe es nicht. Den ärztlichen Befund? Überfliegt sie beiläufig.

Stattdessen fragt sie: Haben Sie geschwitzt, als Sie krank waren? Hat der Schweiß gerochen? Hatte er eine Farbe? Wo genau war der Juckreiz?

Ich soll lernen, mich zu lieben

Ich erzähle ihr von einem Vortrag, der meinem Chef nicht gefallen hat. Ja! Das könne der Grund der Krebserkrankung sein. Meine Symptome seien eine Reaktion auf diese Kränkung, mein Körper versuche, sich selbst zu heilen, doch die erste Chemotherapie habe den Vorgang unterbrochen und gestört.

Ihr Rat, um den Krebs zu besiegen: Ich soll wieder zu meinen Eltern ziehen, das Leben als Single überfordere mich, Berlin sei ohnehin eine furchtbare Stadt. Und ich soll lernen, mich selbst zu lieben.

Ein tödlicher Ratschlag

Was ich gehört habe, ist äußerst gefährlich. Hodgkin ist heilbar, eine Paradeerkrankung für die Schulmedizin, die Heilungschancen stehen in meinem Fall sehr gut. Deshalb ist er so ausgedacht. Chemotherapie ist die einzig sinnvolle Option. Verweigert man sich dieser – zugegeben höchst unangenehmen – Behandlung, geht die Überlebenschance aber gegen Null. Niko Scholze wäre an diesem Rat verstorben.

Wie rechtfertig Ursula Stoll ihr Vorgehen? In einer ergreifenden E-Mail wiederholt sie ihre Standpunkte. Sie bleibt dabei, dass eine Chemotherapie mehr schadet „als sie nützlich sein kann“. Fragt: „Warum sollte ein Zellgift die Fähigkeit besitzen zu heilen?” Hält daran fest: Krankheit kann „als eine Selbstregulation verstanden werden“. Wiederholt, dass „die Wörter Krebs und Metastasen keine Aussagekraft haben“.

Wie gefährlich solche Aussagen sind, das scheint Frau Stoll nicht bewusst zu sein.

 

„WIR BRAUCHEN KEINE HEILPRAKTIKER“

Ob als Impfgegner oder Verfechter unbewiesener Praktiken: Immer wieder fallen Heilpraktiker wie Stoll negativ auf. Die Ausbildung ist kaum geregelt, so gut wie jeder kann ohne praktische Kenntnisse Heilpraktiker werden. Der Berufsstand ist weltweit einmalig. Er existiert nur in Deutschland – und seit kurzem in der Schweiz.

Ernste Krankheiten dürfen Heilpraktiker eigentlich nicht allein behandeln – außer der Patient willigt ausdrücklich ein. „Wir brauchen diesen Berufsstand nicht“, sagt Jutta Hübner, Vorsitzende der Arbeitsgruppe „Prävention und Integrative Medizin in der Onkologie” der Deutschen Krebsgesellschaft. Es besteht aber offenbar Bedarf nach Behandlern, die sich Zeit für Patienten nehmen und sanft behandeln. Doch die Rolle könne besser von besonders ausgebildeten Pflegern oder Arzthelfern übernommen werden, sagt Hübner.

Wer will kann hier weiterlesen:

Die Unheiler

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Gruß Hubert