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Erschütternde Einblicke in die Heimerziehung in Österreich   2 comments

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Es ist erschreckend zu sehen welche Leute in der Nachkriegszeit in der Heimerziehung tätig waren. Die meisten waren nicht ausgebildet dafür und sehr viele waren auch noch Anhänger der NS-Ideologie. Es ist kaum vorstellbar, was diese Heimkinder über sich ergehen lassen mussten. Total ausgeliefert und niemand wollte auf sie hören. Außerdem hatten sie Redeverbot in der Öffentlichkeit – mit Androhung von schwersten Strafen – die sie ja zur Genüge kannten.

Was sich Psychiater leisteten ist kaum beschreibbar und widerspricht jeder Menschenwürde und elementaren Menschenrechten. Zum Beispiel verwendete der Psychiater Andreas Rett, Oxazolidin, das heute aufgrund seiner Giftigkeit nur mehr als Schmiermittel verwendet wird.

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Hier ein Auszug aus dem Kurier des ehemaligen Zöglings Franz Josef Stangl (64).

In seinen beiden Büchern „Der Bastard“ und „Der Klosterzögling“ berichtet er über diese Zeit. „Jeder Zögling hat das Maximum an dem erlebt, was gerade noch auszuhalten war“, sagt Stangl heute. Prügel, Strafen, Erniedrigung. Von Pflegeeltern, von Ordensbrüdern. Im „Klosterzögling“ gibt Stangl einen Dialog zwischen Frau Schiestl von der Jugendfürsorge und ihm wieder: „Dein Vater ein Krimineller von der Veranlagung her, deine Mutter eine Kriminelle von Geburt aus, hast du schon einmal an Selbstmord gedacht?“ „Ja, Frau Fürsorgerin. Habe ich.“ „Und? Weshalb mangelt es an der Durchführung?“

Wilhelminenberg (am westlichen Stadtrand Wiens )

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Absolvierte eine „typische Heimkarriere“: Franz Josef Stangl schrieb sich die Seele frei Foto: KURIER/Gnedt Absolvierte eine „typische Heimkarriere“: Franz Josef Stangl schrieb sich die Seele frei

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Helmut Oberhauser, 62, hat es nicht Goethe, sondern einem Patienten, der neben ihm im Spital lag, zu verdanken, dass er unter die Autoren gegangen ist. „Der hat von den 50er- Jahren geschwärmt“, sagt Oberhauser. „Er hat gemeint, damals gab es noch Charakter-Menschen.“ Das war Oberhauser zu viel. Er wurde in diesem Jahrzehnt von seinem „Nazi-Vater“ in der Barackensiedlung in Wien geprügelt und landete zwei Mal im Kinderheim Schloss Wilhelminenberg. „Erzieher Hassan hat mit der Weidenrute so hingeschlagen, dass die Hand aufgeplatzt ist“, erinnert er sich. „Erzieher, ich bitte um gerechte Strafe“, mussten sich die Zöglinge erniedrigen. „Der Hitler hat vergessen, dass er euch erschlägt“, meinte Hassan, ehe es wieder Schläge setzte.

Oberhauser berichtet in seinem Buch „Die blaue Decke“ auch über den sexuellen Missbrauch eines zierlichen Buben durch einen Erzieher. „Der arme Bub ist dann auch noch von den älteren Kindern vergewaltigt worden.“ Was nicht im Buch steht (Oberhauser: „Die Lektorin wollte das nicht drinhaben“): Durch Löcher in der Wand konnte er mehrmals beobachten, wie Erzieher Mädchen im Duschraum vergewaltigen. „Manchmal wurden sie durch Ohrfeigen und Tritte gefügig gemacht.“

Als er im Jugendamt bekannt geben wollte, dass er verprügelt wird, gibt ihm die Fürsorgerin zur Antwort: „Pass auf, was du sagst, sonst kommst du in psychiatrische Behandlung.“
„Wir waren den Menschen im Weg“, sinniert Oberhauser im Interview über die Brutalität vieler der damaligen Elterngeneration. „Die haben den Krieg hinter sich gehabt und wollten leben. Das waren Ausläufer vom Nazi-System.“
Beide Autoren haben mit ihrer Vergangenheit Frieden geschlossen. Stangl durch jahrelange Therapie, Oberhauser durch seine Familie. „Obwohl ich meine Kinder durch meine Zuneigung fast erdrückt habe.“ Stangl erinnert sich: „Das Schlimmste war die Einsamkeit. Ich bin ja auch von den prügelnden Pflegeeltern weggelaufen. Das Gefühl war dann so schlimm, dass ich wieder zurückgekehrt bin.“

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Erschütternde Einblicke in die Heimerziehung in Österreich

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Hier noch ein Auszug aus Wikipedia. Ich sehe keinen Grund da an der Objektivität von Wikipedia zu zweifeln. Fakt ist auch, dass fast niemand von diesen Tätern zur Rechenschaft gezogen wurde.

Ideologische Kontinuitäten bei Personal und leitenden Positionen

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 Kinderheim am Wilhelminenberg

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Das während der NS-Zeit beschäftigte Heimpersonal wurde nach dem Krieg großteils beibehalten oder mit der Begründung des Personalmangels nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Aus demselben Grund und um Personalkosten zu sparen wurden auch viele ungeeignete und häufig in ihren ursprünglichen Berufen gescheiterte Personen eingestellt. Sie wurden zunächst von älteren Kräften in die im jeweiligen Heim gängigen Praktiken eingeschult. Später mussten sechswöchige Kurse absolviert werden: dieselben Kurse, die auch zur Ausbildung zukünftiger Gefängniswärter vorgesehen waren.[12] Elfriede Haglmayer, Heimleiterin in Kramsach-Mariatal, stellte bereits 1951 auf einer Tagung von Heimleitern und Erziehern österreichischer Fürsorgeerziehungsheime in Hartberg fest, dass viele ehemalige Nazis, die ihre früheren Berufe nicht mehr ausüben konnten, verbittert in den Heimen untergekommen waren.[13] Auch Ute Bock berichtet von ehemaligen SS-Angehörigen als Kollegen im Heim Biedermannsdorf.[14] Zugleich stieg die Zahl der eingewiesenen Kinder Ende der 1940er- und in den 1950er-Jahren an – nicht zuletzt deshalb, weil der Krieg viele unvollständige Familien zurückgelassen hatte. Die Erziehenden hielten weiterhin am Repertoire der Schwarzen Pädagogik fest: Die Kinder und Jugendlichen erlebten psychische, physische, soziale, sexualisierte und strukturelle Gewalt sowie sexuellen Missbrauch und sie wurden, wie schon die Kinder am Spiegelgrund, in die Psychiatrie eingewiesen, wenn all die „Güte und Stränge“ nicht halfen. In einem Großteil der Heime war die Gewalt exzessiv und überschritt das Maß dessen, was den Erziehenden nach dem Muster der elterlichen Erziehungsgewalt zustand. Jüngere Erzieher und Erzieherinnen, die ihre Stelle mit moderneren Vorstellungen von Kindererziehung angetreten sind, konnten diese nicht umsetzen. Sie mussten sich den vorhandenen Strukturen anpassen, andernfalls hätten sie ihr Einkommen aufs Spiel gesetzt. Die Organisationsform der Jugendfürsorge änderte sich gegenüber der Nazi-Zeit ebenso wenig und auch hier wurde belastetes Personal aufgenommen.[3]

Hans Krenek, bis 1934 Sozialist, nach dem austrofaschistischen Putsch Mitglied der Vaterländischen Front, im Nationalsozialismus Mitglied der NSDAP und pädagogisch-psychologischer Leiter der Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund, wurde 1946 Mitglied der SPÖ und veröffentlichte einen Erziehungsratgeber, in dem er vor allem autoritäre, das Kind missachtende und auf Erziehung zur Ordnung ausgerichtete Ratschläge gab. Er arbeitete nach dem Krieg als Psychologe und Heilpädagoge und trat 1951 dem Bund Sozialistischer Akademiker bei. 1954 übernahm Krenek die Leitung des Referats der Wiener Jugendfürsorgeanstalten und war ab 1961 Leiter der städtischen Lehrlingsheime. In beiden Fällen gehörte auch die Auswahl des Personals für die städtischen Heime zu seinen Aufgaben.[15][16]

Karl Ourednik war während der NS-Zeit Leiter der Unterabteilung Jugendhilfe in der Abteilung 3, Wohlfahrtspflege und Jugendhilfe. Diese gehörte nicht der Gemeindeverwaltung an, sondern war eine Stabsstelle der NSDAP, deren Aufgabe es war, die Jugendfürsorge entsprechend der Parteiideologie umzuformen. 1951 scheint Ourednik als oberster Leiter der Wiener Berufsvormundschaften auf, ab 1952 war er zuständig für Rechtsangelegenheiten der Magistratsabteilung 11, dem Wiener Jugendamt, und verfasste 1956 einen maßgeblichen Teil der Wiener Heimverordnung. Von 1. Jänner 1963 bis 31. Dezember 1967 war Ourednik Leiter des Jugendamtes der Stadt Wien.[9]

Marianne Estl leitete im nationalsozialistischen Groß-Wien das Wohlfahrtsamt Liesing, welches auch die Agenden des Jugendamtes übernommen hatte. Nach dem Krieg war sie Erziehungsberaterin, von 1973 bis 1983 war sie Leiterin der Erziehungsberatung. In ihrer 1952 erschienenen Dissertation Intelligenzuntersuchungen an sexualdepravierten jungen Mädchen ist sie stolz auf ihre „in jahrelanger nachgehender Fürsorgearbeit erworbene Uebung in der Beurteilung von Milieusituationen“ und der Zuordnung zu den einzelnen Gruppen der „Verwahrlosung“ – Praxisjahre, die sie während des Nationalsozialismus erworben hat. Neben ihrer Schuldigsprechung sexuell missbrauchter Mädchen verwendet sie in ihrer Dissertation auch die Sprache des Nationalsozialismus, etwa verwendet sie häufig den Begriff „Material“. Estls Ausführungen über die Minderwertigkeit der Mädchen lassen keinen Grund erkennen, warum dieses „Material“ weiterleben sollte, zudem stellt sie menschenökonomische Berechnungen an, um die Belastung der Gesellschaft durch diese Mädchen nachzuweisen. Sie schlägt die Einrichtung einer Gefährdetenfürsorge vor, in der „arbeitsscheue“ Jugendliche und Mädchen mit „unsittlichem Lebenswandel“ zur Zwangsarbeit angehalten werden sollten. Gertrude Czipke kommt zu der Ansicht, dass Estl versuchte, die Methoden der NS-Fürsorge dem Jugendamt zu oktroyieren und sich eine gesetzlich abgesicherte Berechtigung zur Verhängung von Vorbeugehaft mit Zwangsarbeit zu verschaffen.[9]

Die berufliche Laufbahn der 1928 geborenen Hermine Koller begann zwar, nachdem sie die zweijährige Fürsogeschule der Stadt Wien absolviert hat, erst 1950 als Fürsorgerin am Jugendamt, ihre Sozialisation erfolgte jedoch im Nationalsozialismus und sie vertrat das gleiche Gedankengut wie Marianne Estl. Ihr Psychologiestudium schloss Koller 1962 bei Sylvia Bayr-Klimpfinger mit der Dissertation Zum Problem der Verwahrlosung weiblicher Jugendlicher unter Berücksichtigung ihrer Einstellung zu den verschiedenen Lebensbereichen ab und wurde ab 1964 im Psychologischen Dienst (vormals Erziehungsberatung) beschäftigt. Verwahrlosung erkannte Koller schon, wenn ein Mädchen außerhalb des Elternhauses übernachtete oder den Arbeitgeber wechselte, was sie als Arbeitsflucht bezeichnete. Bereits in ihrer Dissertation wünschte sie sich einen Ausbau des Heimwesens, und zwar in Richtung Arbeitserziehung: In geschlossenen Heimen sollten einfache Fließbänder eingerichtet werden, an welchen die Insassinnen in unbezahlter Zwangs-Akkordarbeit zur Arbeit erzogen werden sollten. In allen ihren 25 Fallgeschichten stellt Arbeitsflucht den Grund für die Einweisung in ein geschlossenes Heim dar, womit für die Jugendlichen der nationalsozialistische Arbeitszwang noch in den 1960er-Jahren galt. 1983 wurde sie als Nachfolgerin Estls Leiterin des Psychologischen Dienstes. 1987 war sie mit der Redaktion eines Teils des Berichtes 70 Jahre Wiener Jugendamt beauftragt, in welchem ihre geistige Prägung ebenfalls zum Ausdruck kommt.[9]

Johanna Hauke schrieb in ihrer Dissertation Untersuchungen über ethische Begriffe Verwahrloster 1951 von „Beobachtungsmaterial“ und legte den untersuchten Mädchen nicht nur „Versagen am Arbeitsplatz“, „Arbeitsunwilligkeit“ oder etwa die Fahnenflucht des Vaters zur Last, sondern auch „am Spiegelgrund dreimal durchgegangen“. Ihre Beobachtungen hatte sie in der 1944 bis 1945 bestehenden und von Sylvia Bayr-Klimpfinger geleiteten „medizinische-pädagogisch-psychologische Untersuchungsanstalt für Kinder und Jugendliche in Perchtoldsdorf“ gemacht. Sie wurde später Psychologin der Jugendfürsorge Niederösterreichs.

Der Rassenpsychologe Otto Tumlirz stieg zum Gutachter des Steirischen Jugendamtes auf.

Alfred und Margarete Stellbogen betrieben seit 1924 das Kinderheim Wimmersdorf. Beide waren eingetragene Mitglieder der NSDAP, Margarete Stellbogen war auch in der NS-Frauenschaft aktiv. Alfred Stellbogen war zudem von 1938 bis 1945 Bürgermeister des Nachbarortes Johannesberg und Zellenleiter. Er machte mit den ihm anvertrauten Fürsorgezöglingen Waffen- und Geländeübungen. Einige Kinder aus Wimmersdorf wurden auf den Spiegelgrund überstellt, drei von ihnen wurden dort ermordet. Nach dem Krieg beschickte das Wiener Jugendamt das Heim ungebrochen weiter mit in Fürsorgeerziehung geratenen Buben. Bei der Beurteilung nach § 21 des Verbotsgesetzes[17] gab Margarete Stellbogen an, die Anmeldung zur Partei erfolgte aufgrund der Sorge um den Fortbestand des Kinderheimes. Erst nach einem kritischen Bericht in der ORF-Sendung Teleobjektiv im Jahr 1980 wurde der Vertrag von der Stadt Wien gekündigt, was die Schließung des Heimes im Jahr 1981 zur Folge hatte.[3][18] Forschungen, wie weit das Kinderheim Wimmersdorf in direktem Zusammenhang mit der Kindereuthanasie stand, sind noch nicht abgeschlossen.[19]

Im Jugendheim des Landes Oberösterreich auf Schloss Leonstein gab es eine Heimleiterin mit umfangreicher NS-Vergangenheit: Eva Maria Meditz war unter anderem im Nationalsozialistischen Lehrerbund aktiv und ging bei der Überprüfung durch die amerikanische Militärbehörde als Mitläuferin durch.[20]

Auch in Tirol kamen bekannte Austrofaschisten und NS-Parteigänger in Führungspositionen des Fürsorgewesens, wie der zuvor im NS-Fürsorgeapparat tätige Alfred Haindl, der es zum Leiter des Tiroler Landesjugendamtes brachte. Als solcher förderte er auch die Karriere von Maria Nowak-Vogl, die ihre Ausbildung während der NS-Zeit erhielt und sich später nicht von dem Gedankengut trennen konnte. Noch 1959 stellte sie die Frage,

„ob unsere öffentlichen Mittel, unsere beste Arbeitskraft, unsere vorzüglichste Sorge jenen zuzuwenden sei, die in irgendeiner Weise missraten, doch nie zu vollwertigen Menschen werden.[10]

Diskrete geistige Fortsetzung der NS-Psychiatrie

Auch klinische Heilpädagogik und klinische Psychiatrie behielten weiterhin Einfluss auf die Heime. Wer aufsässig, unruhig oder Bettnässer war, masturbierte oder der Lüge bezichtigt wurde, lief Gefahr, auf eine medizinische oder psychiatrische Kinderstation zu kommen und dort medizinischen Versuchen ausgesetzt zu sein. Tausende Kinder wurden in der Klinik Hoff, in der Kinderabteilung des Krankenhauses Lainz, in der psychiatrischen Kinderstation der Universitätsklinik Innsbruck und der dort beheimateten Kinderbeobachtungsstation Maria Novak-Vogl für die medizinische Forschung missbraucht, oder sie bekamen ohne Narkose Elektroschocks von Erwin Ringel – strafweise, wie sich aus den Akten nachweisen lässt. Wer in die heilpädagogische Abteilung des Landeskrankenhauses Klagenfurt kam, war in Gefahr, von Franz Wurst sexuell missbraucht zu werden, was dieser als „Zuwendungstherapie“ bezeichnete.

Hans Asperger, Heinrich Gross, Hans Hoff, Maria Novak-Vogl, Andreas Rett, Erwin Ringel und Walter Spiel verwendeten in ihren Publikationen bis in die 1970er-Jahre vorwiegend die verräterischen Ausdrücke „Versuchsmaterial“ oder „Versuchsgut“, nur selten fanden sie zu menschlichen Begriffen wie „Kinder“, was darauf schließen lässt, dass es in der österreichischen Psychiatrie und Heilpädagogik kaum einen Bruch mit der Nazizeit gab. Der Vorstand des Instituts für Geschichte der Medizin in Wien, Michael Hubenstorf, bezeichnet das, was tausenden Kindern unter dem Deckmantel der ärztlichen Hilfeleistung nach 1945 angetan wurde, als „diskrete geistige Fortsetzung der NS-Psychiatrie“.

Stellvertretend für andere höchst kritikwürdige (um es vorsichtig auszudrücken) Psychiater hier Maria Novak-Vogl und Andreas Rett (der später Maria Nowak-Vogl vor Gericht mit einem Gutachten entlastete).

 

Maria Nowak-Vogl

Fast alle in den Jahren 1954 bis 1987 in Tirol, Vorarlberg und Salzburg verhaltensauffällig gewordenen Kinder gerieten in die Hände von Maria Nowak-Vogl. Sie leitete die Kinderbeobachtungsstation der Kinderpsychiatrie Innsbruck, wo sie insgesamt 3650 Kinder behandelte. Nebenbei war sie Gerichtsgutachterin sowie psychiatrische Beraterin von Kinder- und Jugendheimen. Bettnässer mussten bei ihr auf Matratzen schlafen, die bei Feuchtigkeit zu klingeln begannen, und wer tagsüber in die mit einem elektrischen Gerät verkabelte Hose machte und damit den Alarm auslöste, bekam zusätzlich Stromstöße. Die Hosen, deren Alarm sich nur im Haus abstellen ließ, mussten auch außerhalb der Station getragen werden, etwa bei Freizeitaktivitäten außer Haus oder in der Kirche, wodurch die Kinder nicht nur vor der Gruppe sondern auch öffentlich bloßgestellt wurden. Gegen Masturbation setzte Nowak-Vogl Epiphysan (ein Hormon aus der Zirbeldrüse von Rindern) ein, obwohl ihr bekannt war, dass dieses Medikament zu schweren Hodenschädigungen führte. Sie habe sich, wie sie 1965 in einer Fachzeitschrift ausführte, trotz aller Bedenken für das Medikament entschieden, weil die Folgen einer „exzessiven sexuellen Aktivität“ gravierend seien. Als die Staatsanwaltschaft Innsbruck im Jahr 1980 gegen Nowak-Vogl ermittelte, rechtfertigte Andreas Rett deren Verwendung von Epiphysan mit der Begründung, dass er selbst das Medikament über einen Zeitraum von 17 Jahren an 500 Behinderten erprobt habe.[22] Weiters setzte Nowak-Vogl bei „Verwahrlosung“ und „Wutanfällen“ Röntgenstrahlen ein, die keinerlei therapeutischen Wert hatten. Da bereits seit den 1950er-Jahren in Fachzeitschriften unmissverständlich vor Krebsschäden durch Röntgenstrahlung gewarnt wurde, wird darin eine absichtliche schwere Körperverletzung gesehen. Auch Medikamente gegen Epilepsie und Betäubungsmittel kamen zum Einsatz, um die Kinder „zur Ruhe zu bringen“. Besonders demütigend war für die Kinder auch die Benützung als Vorführobjekte in Lehrveranstaltungen, bei denen sie angezogen oder nackt in herabwürdigender Weise präsentiert wurden.

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Andreas Rett

Während seiner Tätigkeit als Leiter der Kinderabteilung des Krankenhauses Lainz (bis 1975) und als Leiter der Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder am Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel in Wien (1975 bis 1989) führte Andreas Rett neben den oben erwähnten 500 Epiphysan-Behandlungen auch andere Medikamenten-Versuche an Kindern – auch Heimkindern – durch. Dazu gehörten etwa Oxazolidin, das heute aufgrund seiner Giftigkeit nur mehr als Schmiermittel verwendet wird, und Thalidomid: Zwar war zur Zeit seiner Versuche (1958 bis 1961) der Contergan-Skandal noch kein Begriff, das Medikament hatte aber auch andere schwere Nebenwirkungen, die häufig und zeitnah auftraten. Andreas Rett arbeitete zeitweise auch eng mit Heinrich Gross zusammen.

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Heimerziehung in Österreich

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Siehe auch:

https://hubwen.wordpress.com/2016/04/14/heimerziehung-in-oesterreich/

https://hubwen.wordpress.com/2016/06/02/heimerziehung-in-tirol-im-namen-der-ordnung/

https://hubwen.wordpress.com/2016/04/11/die-schreckensherrschaft-der-innsbrucker-kinderpsychiaterin-maria-nowak-vogl/

https://hubwen.wordpress.com/2016/04/17/innsbruck-zieht-ehrung-fuer-kindesmisshand%c2%adler-zurueck/

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Gruß Hubert

 

Heimerziehung in Österreich   1 comment

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Wie eine eitrige Beule war vor rund fünf Jahren einer der größten Skandale der Nachkriegsgeschichte aufgebrochen. Immer mehr Heimkinder und Internatszöglinge hatten zunächst in Deutschland und mit zeitlicher Verzögerung auch hierzulande zu erzählen begonnen, wie sie in den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren unter der Obhut von Staat und Kirche körperlich und seelisch gebrochen worden waren. Man hatte sie geschlagen, angespuckt, in Besinnungsräume gesperrt, als Arbeitskräfte ausgebeutet und als Sexualobjekte missbraucht. Jede ihrer Geschichten leuchtete grell in die Abgründe einer Nachkriegswirklichkeit hinein, die von NS-Ideologie, schwarzer Pädagogik, Frauenverachtung und einem mörderischen Hass auf alles „Asoziale“ durchdrungen war. Vvon einer lückenlosen Aufarbeitung der Verbrechen kann keine Rede sein. Bilanz einer nationalen Schande.
von Edith Meinhart
http://www.profil.at/oesterreich/wir-heimkinder-6191742

 

Die Heimerziehung in Österreich ist ein System der Fremdunterbringung. Sie soll Kindern und Jugendlichen Obhut und Betreuung außerhalb der eigenen oder einer anderen Familie gewährleisten. Heute wird eingeräumt, dass Kinder und Jugendliche hierbei auch viele Schäden erlitten.

Im Jahr 1811 wurde den Kindern ein Recht auf Erziehung zugesprochen. Es entwickelten sich verschiedene Typen von Heimen, die mit Beginn des 20. Jahrhunderts unter zunehmend biopolitischem Einfluss standen, welcher auch Wegbereiter zur nationalsozialistischen Rassenhygiene im Zweiten Weltkrieg war. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Politik der Jugendfürsorge beinahe nahtlos wieder in eine biopolitische Richtung über. Im Schatten des faschistischen Menschenbildes wurden die Kinder drei Jahrzehnte als verwahrlost, unnütz und kriminell stigmatisiert und waren sowohl in privaten, kirchlichen wie auch in weltlichen Heimen in ganz Österreich jeglicher Art von Gewalt, insbesondere auch medizinischen Versuchen und Zwangsarbeit ausgesetzt. Ab 1969 gab es öffentliche Proteste, Diskussionen und Studien, in welchen die Praktiken kritisiert wurden, doch die Zustände änderten sich nur zögerlich.

Ab Mitte der 1970er-Jahre wurde zunächst langsam mit dem Schließen der ersten Großheime begonnen, das Zusperren der letzten Heime dauerte bis in die 2000er-Jahre.

Das ganze Ausmaß der Gewalt sowie die psychischen und gesundheitlichen Spätfolgen für die Betroffenen wurden durch den im Jahr 2010 einsetzenden Kinderheim-Skandal bekannt, nachdem ehemalige Heimkinder an die Öffentlichkeit gingen und über die erlittenen Qualen berichteten. Ein Teil von ihnen bekam finanzielle Entschädigungen, die je nach auszahlender Stelle und Schwere des Falls unterschiedlich hoch waren.

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Auch in Tirol kamen bekannte Austrofaschisten und NS-Parteigänger in Führungspositionen des Fürsorgewesens, wie der zuvor im NS-Fürsorgeapparat tätige Alfred Haindl, der es zum Leiter des Tiroler Landesjugendamtes brachte. Als solcher förderte er auch die Karriere von Maria Nowak-Vogl, die ihre Ausbildung während der NS-Zeit erhielt und sich später nicht von dem Gedankengut trennen konnte. Noch 1959 stellte sie die Frage,

„ob unsere öffentlichen Mittel, unsere beste Arbeitskraft, unsere vorzüglichste Sorge jenen zuzuwenden sei, die in irgendeiner Weise missraten, doch nie zu vollwertigen Menschen werden.[10]

Diskrete geistige Fortsetzung der NS-Psychiatrie

Auch klinische Heilpädagogik und klinische Psychiatrie behielten weiterhin Einfluss auf die Heime. Wer aufsässig, unruhig oder Bettnässer war, masturbierte oder der Lüge bezichtigt wurde, lief Gefahr, auf eine medizinische oder psychiatrische Kinderstation zu kommen und dort medizinischen Versuchen ausgesetzt zu sein.

Tausende Kinder wurden in der Klinik Hoff, in der Kinderabteilung des Krankenhauses Lainz, in der psychiatrischen Kinderstation der Universitätsklinik Innsbruck und der dort beheimateten Kinderbeobachtungsstation Maria Novak-Vogl für die medizinische Forschung missbraucht, oder sie bekamen ohne Narkose Elektroschocks vonErwin Ringel – strafweise, wie sich aus den Akten nachweisen lässt. Wer in die heilpädagogische Abteilung des Landeskrankenhauses Klagenfurt kam, war in Gefahr, von Franz Wurst sexuell missbraucht zu werden, was dieser als „Zuwendungstherapie“ bezeichnete.

Hans Asperger, Heinrich Gross, Hans Hoff, Maria Novak-Vogl, Andreas Rett, Erwin Ringel und Walter Spiel verwendeten in ihren Publikationen bis in die 1970er-Jahre vorwiegend die verräterischen Ausdrücke „Versuchsmaterial“ oder „Versuchsgut“, nur selten fanden sie zu menschlichen Begriffen wie „Kinder“, was darauf schließen lässt, dass es in der österreichischen Psychiatrie und Heilpädagogik kaum einen Bruch mit der Nazizeit gab.

Der Vorstand des Instituts für Geschichte der Medizin in Wien, Michael Hubenstorf, bezeichnet das, was tausenden Kindern unter dem Deckmantel der ärztlichen Hilfeleistung nach 1945 angetan wurde, als „diskrete geistige Fortsetzung der NS-Psychiatrie“.[21]

 

Maria Nowak-Vogl

Fast alle in den Jahren 1954 bis 1987 in Tirol, Vorarlberg und Salzburg verhaltensauffällig gewordenen Kinder gerieten in die Hände von Maria Nowak-Vogl. Sie leitete die Kinderbeobachtungsstation der Kinderpsychiatrie Innsbruck, wo sie insgesamt 3650 Kinder behandelte. Nebenbei war sie Gerichtsgutachterin sowie psychiatrische Beraterin von Kinder- und Jugendheimen.

Bettnässer mussten bei ihr auf Matratzen schlafen, die bei Feuchtigkeit zu klingeln begannen, und wer tagsüber in die mit einem elektrischen Gerät verkabelte Hose machte und damit den Alarm auslöste, bekam zusätzlich Stromstöße. Die Hosen, deren Alarm sich nur im Haus abstellen ließ, mussten auch außerhalb der Station getragen werden, etwa bei Freizeitaktivitäten außer Haus oder in der Kirche, wodurch die Kinder nicht nur vor der Gruppe sondern auch öffentlich bloßgestellt wurden.

Gegen Masturbation setzte Nowak-Vogl Epiphysan (ein Hormon aus der Zirbeldrüse von Rindern) ein, obwohl ihr bekannt war, dass dieses Medikament zu schweren Hodenschädigungen führte.

Sie habe sich, wie sie 1965 in einer Fachzeitschrift ausführte, trotz aller Bedenken für das Medikament entschieden, weil die Folgen einer „exzessiven sexuellen Aktivität“ gravierend seien. Als die Staatsanwaltschaft Innsbruck im Jahr 1980 gegen Nowak-Vogl ermittelte, rechtfertigte Andreas Rett  (Anmerkung: eh klar, selber ein Nazi) deren Verwendung von Epiphysan mit der Begründung, dass er selbst das Medikament über einen Zeitraum von 17 Jahren an 500 Behinderten erprobt habe.[22]

Weiters setzte Nowak-Vogl bei „Verwahrlosung“ und „Wutanfällen“ Röntgenstrahlen ein, die keinerlei therapeutischen Wert hatten. Da bereits seit den 1950er-Jahren in Fachzeitschriften unmissverständlich vor Krebsschäden durch Röntgenstrahlung gewarnt wurde, wird darin eine absichtliche schwere Körperverletzung gesehen. Auch Medikamente gegen Epilepsie und Betäubungsmittel kamen zum Einsatz, um die Kinder „zur Ruhe zu bringen“. Besonders demütigend war für die Kinder auch die Benützung als Vorführobjekte in Lehrveranstaltungen, bei denen sie angezogen oder nackt in herabwürdigender Weise präsentiert wurden.[10][21]

Andreas Rett

Während seiner Tätigkeit als Leiter der Kinderabteilung des Krankenhauses Lainz (bis 1975) und als Leiter der Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder am Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel in Wien (1975 bis 1989) führte Andreas Rett neben den oben erwähnten 500 Epiphysan-Behandlungen auch andere Medikamenten-Versuche an Kindern – auch Heimkindern – durch. Dazu gehörten etwaOxazolidin, das heute aufgrund seiner Giftigkeit nur mehr als Schmiermittel verwendet wird, und Thalidomid: Zwar war zur Zeit seiner Versuche (1958 bis 1961) der Contergan-Skandal noch kein Begriff, das Medikament hatte aber auch andere schwere Nebenwirkungen, die häufig und zeitnah auftraten. Andreas Rett arbeitete zeitweise auch eng mit Heinrich Gross zusammen.[21]

Hans Hoff

Als besonders irritierend gilt, dass der wegen seiner jüdischen Abstammung 1938 vor den Nazis geflüchtete Hans Hoff nach seiner Rückkehr im Jahr 1949 ebenfalls Patienten für medizinische Versuche missbrauchte und zudem keine Skrupel hatte, gemeinsam mit Heinrich Gross an den Gehirnen der am Spiegelgrund unter Gross‘ Beteiligung ermordeten Kinder zu forschen. Zudem führte Hoff bis Mitte der 1970er-Jahre Malariaversuche durch – u. a. an strafweise verlegten Heimkindern. Der ab 1965 an der Klinik Hoff beschäftigte Psychiater Bernd Küfferle vermutet, dass damit das Ziel verfolgt wurde, „den Malaria-Erreger am Leben zu erhalten, um ihn im Spital verfügbar zu haben“, denn es war „schon damals klar, dass das keine sinnvolle Behandlung ist“.[21]

Walter Spiel

Walter Spiel, von 1975 bis 1991 Leiter der Universitätsklinik für Kinder und Jugendpsychiatrie in Wien und von 1953 bis 1956 psychiatrischer Berater in der Erziehungsanstalt Kaiser-Ebersdorf, beschrieb 1957 einen Medikamentenversuch mit Reserpin an 72 Kindern, wovon 8 Heimkinder waren. Die Kinder wurden wegen Leistungsproblemen in der Schule oder weil sie „unruhig“ waren an die Universitätskinderklinik überwiesen, eines bekam zusätzlich Elektroschocks. –

Zahlreiche Behandlungen mit Elektroschocks, Insulinschocks sowie „Fieberkur“ (vermutlich ist damit „Malariatherapie“ gemeint), die er an der Klinik Hoff durchgeführt hat, beschreibt Spiel in seiner Habilitation 1961.

Heimerziehung in Österreich

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Siehe auch:

Ernie Mangold: „Aufarbeiten und entschuldigen“

Woher rührt Ihrer Meinung nach die Gewalt, die Kindern in Heimen angetan wurde?

Es ist ja eine Tatsache, dass es schon vor dem Zweiten Weltkrieg diese Institutionen gab, die damals schon grauslich waren. Aber die Nazis haben dann die Grausamkeiten gesteigert, medizinische Versuche durchgeführt und Kinder in Heimen umgebracht. Die Ärzte und die Forschung haben da mitgespielt. Und nach der Hitlerzeit ist es weitergegangen. Sie konnten die Heimkinder nicht mehr umbringen, aber Versuchskaninchen waren sie weiterhin, wenn man sich etwa die Malaria-Versuche in den 1960er-Jahren anschaut.

[…]

Aus der Politik sind bereits Töne zu vernehmen, dass genug zur Aufarbeitung der Geschichte von Kinderheimen gemacht wurde. Nach dem Motto „Lass ma’s gut sein“.

Nix lassen wir gut sein. Wie beim Holocaust. Es gibt Sachen, die nicht gut werden. Da bin ich ganz dagegen. Die Aufarbeitung muss sein. In Österreich ist das ohnehin so schwierig, wie man in den 80er-Jahren gesehen hat, als das Thema Restitution von geraubter Kunst endlich in der österreichischen Gesellschaft angekommen ist. Es dauert bei uns alles sehr, sehr lange. Gerade bei diesen Leuten, die so gequält worden sind, vergewaltigt worden sind … Ehemalige Heimkinder brauchen Zeit, bis sie darüber reden können und an die Öffentlichkeit gehen. Das muss man aufarbeiten und sich von offizieller Seite entschuldigen.

http://m.kurier.at/chronik/wien/ernie-mangold-aufarbeiten-und-entschuldigen/34.886.003

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Kreuz und quer v 18 06 2013 ORF 2


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Siehe auch Video: Erziehungsheime in Tirol

Rai Südtirol (15.07.2015): Bericht in der Tagesschau

http://streaming.uibk.ac.at/medien/c603/c603228/lehre/ralser/erziehungsheime_studie_150706.mp4

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Gruß Hubert