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Richard David Precht über den Umgang mit Tieren   Leave a comment

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Auszüge aus einem sehr interessanten Interview mit dem bekannten Philosophen Richard David Precht über den Umgang mit Tieren: „Unvereinbar mit unserer Moral“ (Deutschlandfunk vom 17.10.2016)

Richard David Precht, geboren 1964, ist Philosoph, Publizist und Autor und einer der bekanntesten Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.

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„Ich glaube, das Thema liegt heute noch sehr viel dringlicher in der Luft als früher – und zwar aus folgendem Grund: Auf der einen Seite ist die Zahl der Vegetarier und der Veganer in Deutschland rasant angestiegen. Ganz viele junge Leute wollen kein Fleisch mehr essen. Und auf der anderen Seite ist die Massentierhaltung heute noch grotesker, als sie vor 20, vor 50 oder vor 100 Jahren war. Das heißt: Wir bauen gewaltige Tierfabriken, wo zum Teil 300.000 Tiere eingepfercht werden. Und dieser Widerspruch ist gewaltig, das heißt die Schere gegenüber dem, was Menschen in Deutschland gegenüber Tieren für ethisch korrekt halten und dem was wir tatsächlich tun, geht immer weiter auseinander.

Wir gehen mal davon aus, daß sagen wir mal die steinzeitlichen Jäger sich nicht als etwas empfunden haben, was nicht zur Natur gehört. So wie wir heute sagen, menschliche Kultur auf der einen Seite, Natur auf der anderen Seite, sondern sie lebten IN der Natur und begriffen sich selbst als Teil der Natur und hatten ein entsprechendes Verhältnis zu Tieren. Wir haben eindrucksvolle Zeugnisse davon, daß in der Jungsteinzeit eine Familie begraben worden ist und gleichzeitig ist der Hund da mitbegraben worden oder Rinder wurden mit in die Grabkammer gelegt. Das zeigt, daß man sich einander doch irgendwo noch im weitesten Sinne als seelenverwandt empfunden hat und der Mensch sich selbst als Teil der Natur.

[…]

… das ist das Merkwürdige insgesamt. Je stärker der Mensch über die Natur herrscht, umso seelenloser erscheint ihm das Beherrschte. Und durch den Siegeszug der Technik und durch den Siegeszug der menschlichen Kultur kommt es dazu, dass wir den Wert der Tiere nicht mehr sehen, dass wir sie nicht mehr als beseelte Lebewesen wahrnehmen, sondern als etwas, mit dem wir schalten und walten können, nach unserem eigenen Gutdünken.

[…]

Man kann, wenn man das etwas überspitzt sagt, sagen: Von der Soziallehre Jesu Christi ist in den machtpolitischen Bestrebungen der Kirche im Mittelalter und über die Renaissance und die Barockzeit hindurch sehr wenig übriggeblieben. Und das gleiche gilt für Franz von Assisi eigentlich auch. Er hat eigentlich eher eine Alibifunktion. Auch die Kirche kann mit jemandem aufwarten, der ganz offensichtlich sehr tierfreundlich gewesen ist, der ein Spinnennetz repariert hat, um der armen Spinne ihre Existenzgrundlage nicht zu nehmen und vieles mehr, der den Vögeln gepredigt hat. Aber das hat keinen großen Einfluss auf den christlichen Glauben gehabt, sondern der war immer ein Außenseiter in der Kirche. Man hat ihn schnell zu einem Heiligen gemacht, um ihn nicht ernst nehmen zu müssen.

Also insgesamt hat die protestantische Kirche ein völlig sachliches Verhältnis zum Tier, jedenfalls und das muss man unterscheiden, die offizielle Kirche, also das Luthertum zum Beispiel. Von Luther selbst gibt es zwei Aussagen über Tiere. Das eine ist, dass man weiß, dass er sich als junger Mann gegen den Singvogelmord in Italien stark gemacht hat und als zweites gibt es eine sehr umstrittene Stelle in seinen Tischreden. Da soll ein Mann zu ihm gekommen sein und ihn gefragt haben, ob denn wohl sein Hund auch in den Himmel kommt. Darauf soll Luther gesagt haben: ‚Aber freilich. Gott wird einen neuen goldenen Himmel schaffen. Auch für alle Hündlein und Bellferlein.‘ Wenn man sich intensiv mit Martin Luther beschäftigt, muss man davon ausgehen, dass es sich hierbei um Spott handelt und nicht um eine tierfreundliche Aussage.

Der Protestantismus ist überhaupt gekennzeichnet durch einen Herrschaftsauftrag über die Natur. Mit dem Calvinismus beginnt der Kapitalismus. Damit beginnt die Vorstellung, die Natur ist einzig und allein zum Zweck da, vom Menschen ausgebeutet zu werden und ihm dienstbar zu sein. Das ist übrigens eine Vorstellung, die wir in der Antike auch schon kennen, nämlich bei den antiken Stoikern.

Wie ist das Verhältnis der Muslime zu den Tieren? – Nicht wesentlich unterschiedlich im Vergleich zum Christentum. Im Koran wird festgelegt, dass die Tiere entweder dazu da sind, dass sie gegessen werden oder dazu, dass man sie als Lastenträger oder zum Reiten gebrauchen kann. Es gibt einige Sätze von Mohammed, über die Tiere, die auch recht tierfreundlich sind. Also im Gegensatz zu Jesus äußert sich Mohammed häufiger freundlich gegenüber den Tieren. Aber insgesamt ist der Unterschied zum Christentum nicht sehr groß.

Eine Wüstenreligion prägt ein anderes Verhältnis zu Tieren aus als eine Urwaldreligion. Und in dem sehr feuchten, sehr fruchtbaren Indien hat sich eine ganz andere Art des Umgangs mit Tieren herausgebildet. Nicht dass wir viele Probleme, die wir im Christentum kennen, nicht auch aus dem antiken Hinduismus kennen, aber entscheidend ist die Seelenwanderungslehre, die ungefähr gleichzeitig im Mittelmeerraum 600 v.Chr. entsteht und in der selben Zeit nochmal in Indien.

[…]

Die Lehre von der Seelenwanderung setzt ja voraus, dass jeder Mensch sich bemüht, im nächsten Leben als eine möglichst höhere Form geboren zu werden, mit dem endgültigen Ergebnis, irgendwann gar nicht wiedergeboren zu werden, sondern erlöst zu sein. Und um das zu tun, muss man ein sehr ethisches Leben führen.

Ein sehr ethisches Leben ist ein Leben, das weitgehend in jeglicher Form auf ausschweifende Genüsse verzichtet. Und Fleischessen ist ein solch ausschweifender, unnötiger Genuss. Und da es ja darum geht, so asketisch wie möglich auf all das zu verzichten, ist das Fleischessen in doppelter Hinsicht problematisch. Erstens wegen der Wiedergeburt und zweitens, weil es sich dabei um Völlerei und illegitimen Genuss handelt.

Die große Wende kommt, wir würden sagen durch Heraklit, durch die Vorstellung, es gäbe einen göttlichen Logos, der irgendwo jenseits der Welt wirkt, aber auf die Welt einstrahlt und der exklusiv die menschliche Seele erleuchtet, wenn ich denn vernünftig und klug genug bin. Damit wird der Mensch etwas ganz Exklusives. Und Teile dieser Logos-, man kann sagen -philosophie, man kann auch sagen -religion, also diesem Glauben, dass der Mensch etwas Besonderes ist, weil er an einem Weltlogos, an einer Weltvernunft Anteil hat; der wandert nachher in die Seelenlehre des Christentums ein. Und der bestimmt bis heute unsere Vorstellung von der exklusiv menschlichen Seele, die von Anfang an etwas völlig anderes und Unverwechselbares ist und mit den Tieren nichts zu tun hat. Denn, wie Thomas von Aquin sagte: „Die Seele des Tieres ist der Unsterblichkeit nicht teilhaftig, weil sie der Vernunft nicht teilhaftig ist.“

… das beginnt so im 16./17. Jahrhundert, als man anfängt die Natur systematischer zu erforschen. Das hatte in der Antike Aristoteles schon einmal gemacht und dann klafft ein ganz, ganz, ganz langes Loch und dann beginnt es so langsam in der Barockzeit, dass man versucht die Natur zu klassifizieren. Zu Beginn der Aufklärung wird Carl von Linné, der bedeutende schwedische Naturforscher, so als erster so eine Inventarliste der Natur anlegen und alles entsprechend systematisieren. Da stellte sich eben eine Frage, die sich auch schon Aristoteles gestellt hat, nämlich, dass es zwar sein mag, dass der Mensch diesen wunderbaren Logos und eine Vernunftseele hat, aber dass er dem Affen doch sehr, sehr ähnlich sieht. Und händeringend sucht er jetzt nach einem Unterscheidungsmerkmal, weil es ja schon seltsam ist. Auf der einen Seite, grenzt sich der Mensch durch die Vernunftseele völlig von der Tierwelt ab, aber andererseits ist er den Tieren unglaublich ähnlich.

Ja, also man kann ja viel Kritisches sagen über die Versachlichung der Tiere im Judentum und im Christentum, aber ein Wort wie Mitgeschöpf verdankt sich ja auch religiösem Kontext, nämlich dem protestantischen Nonkonformismus. Im 17. Jahrhundert beginnen protestantische Sekten wie die Puritaner, dann später die Quäker und die Pietisten, einen anderen Umgang mit dem Tier zu pflegen. Dafür haben sie einen theologischen Grund. Sie sind der Überzeugung, dass die Erbsünde Adams nicht nur das Leid der mühseligen Arbeit und der Plackerei über den Menschen gebracht hat, sondern ungerechtfertigter Weise ja die Tiere in Mitleidenschaft gezogen hat. Auch die Tiere müssen sterben, auch die Tiere gebären unter Schmerzen, also alles das, was als Strafe auf den Menschen zugekommen ist, nachdem er aus dem Paradies vertrieben wurde. Und deswegen empfinden sie die Tiere als Teil einer Schicksalsgemeinschaft. Alle sind von der Erbsünde betroffen – und das rückt Mensch und Tier wieder näher zueinander und in diesem Kontext entsteht das Wort Mitgeschöpf, also die Vorstellung, wir haben alle ein gemeinsames Los auf Erden, aus dem wir erlöst werden müssen.

Der Tierschutz entstammt tastsächlich dem Pietismus und dem Puritarismus. Er entsteht als erstes der Bewegung in England, aber Anfang des 19. Jahrhunderts dann auch in Deutschland. Und die Tierschutzvereine entspringen genau dieser pietistischen Mentalität: Tiere als Mitgeschöpfe verdienen unseren Schutz und ihr Leiden muss verringert werden, wir sollten ihnen gegenüber nicht allzu barbarisch auftreten. Damit beginnt Anfang des 19. Jahrhunderts der Tierschutz.

Tierrechtler argumentieren heute mit Argumentationen, die wir zum Teil schon Ende des 18. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert finden. Die entscheidende Frage wird jetzt sein, geht es darum ob Tiere denken können oder geht es nicht darum, dass sie genauso empfinden oder ähnlich empfinden können wie wir? Darauf basiert der Tierrechtsgedanke, der dann vor allen Dingen durch Peter Singers Buch „Animal Liberation“, wir sind jetzt in den 1970er Jahren, aktualisiert wird. Sein entscheidender Gedanke ist, dass alles was leidensfähig und auch bis zu einem gewissen Sinne bewusstseinsfähig ist, muss ethisch berücksichtigt werden. Es kann ja nicht sein, dass ein Schimpanse, der mehr Bewusstsein und möglicherweise mehr Leidensfähigkeit hat als ein neugeborener Säugling nicht in die Ethik aufgenommen wird, der Säugling hingegen schon.

Es gibt in der klassischen Tierrechtsphilosophie zwei Argumente, Tiere zu achten. Das eine ist, weil sie leidensfähig sind, und das andere ist, weil sie ein Bewusstsein haben, dass in vielem Ähnlichkeit mit dem Menschen hat. Beide Argumente haben einige tückische Stellen. Also, wenn ich jetzt Tiere züchten würde, Hühner züchten würde, die kein Schmerzempfinden haben, dann müssten Legebatterien eigentlich völlig in Ordnung sein. Das ist glaube ich nicht das, worauf Tierrechtler hinauswollen, aber das zeigt, dass die Argumentation brüchig ist. Das zweite Argument ist, dem Menschen möglichst ähnlich sein. Das heißt: Schimpansen gehören in die Tierethik, und bei Hühnern sind wir uns nicht so sicher. Da messen wir ja wieder mit menschlichem Maßstab. Wir machen uns wieder ganz anthropozentrisch zum Maßstab. Und das ist auch problematisch. Und ich plädiere für eine Ethik des Nichtwissens. Ich plädiere nicht dafür, mit holzhackerischer Sicherheit zu sagen, wer wie viel Bewusstsein hat und wie leidensfähig ist, sondern überall, wo wir komplexe Formen von Leidensfähigkeit und von Bewusstsein vermuten können, sehr, sehr vorsichtig umzugehen und wirklich zu überlegen, was wir glauben, uns selbst und den Tieren zumuten zu können.

Die Grenze liegt gar nicht zwischen Tier und Mensch. Und die Frage ist, inwieweit können wir die Reichweite unseres Mitgefühls gesellschaftlich stärker auf Tiere ausweiten? Und wir stellen ja im Laufe der letzten 200 Jahre fest, dass wir die Reichweite unseres Mitgefühls ständig ausgeweitet haben. Also weiße Männer haben die Reichweite ihres Mitgefühls ausgeweitet darauf, dass sie zum großen Teil die Sklaverei für falsch halten. Sie haben die Reichweite ihres Mitgefühls auf Frauen ausgeweitet, was ihnen sehr, sehr schwer gefallen ist und was tausende von Jahren Kampf gekostet hat.

…Aber die Reichweite des Mitgefühls wurde größer. Der Druck wurde immer stärker – und das ist bei den Tieren letztlich genau das Gleiche. Also, die Frauenbewegung hat sich nicht durchgesetzt, weil engagierte Frauen dafür gekämpft haben, sondern sie hat sich durchgesetzt, weil sie mit den Vorstellungen einer liberalen ethischen Gesellschaft einfach nicht mehr vereinbar war. Und ich glaube, dass vieles von dem, was wir heute gegenüber Tieren machen, mit unseren Vorstellungen von Moral, von Liberalität, von Gesellschaft, von Sensibilität einfach nicht mehr vereinbar ist. Und deswegen bin ich sehr optimistisch, dass wir auch noch weiter vorankommen.

https://www.animal-spirit.at/news/richard-david-precht-ber-den-umgang-mit-tieren

Das vollständige Interview:

http://www.deutschlandfunk.de/richard-david-precht-ueber-den-umgang-mit-tieren.886.de.html?dram:article_id=368290

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Gruß Hubert

Justice, ein gerettetes Bio-Rind   Leave a comment

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Ich bin überzeugt davon, dass viele Tiere zu mehr Mitgefühl fähig sind wie wir Menschen, oder zumindest die meisten, uns jemals vorstellen könnten. Bei vielen Menschen ist es nicht weit her mit dem Mitgefühl. Wir können viel von Tieren lernen.
Hier die Geschichte von Justice, einem Ochsen, von der Albert Schweizer Stiftung.

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Justice, ein gerettetes Bio-Rind

Dies ist die Geschichte von Justice, einem Ochsen, aus dem einmal Bio-Rindfleisch werden sollte.

Das Bio-Rind Justice im PortraitJustice betrachtet uns in aller Seelenruhe, während wir uns langsam dem Weideplatz nähern, auf dem er es sich an diesem Nachmittag gemütlich gemacht hat. Genau genommen betrachtet er uns nicht einfach nur, er sieht uns an: Seine Augen treffen unsere und halten den Blick. Er hat eine eindeutige, klar erkennbare Intelligenz in seinen Augen und einen Blick, als würde er uns etwas sagen wollen.

Michele, sein Betreuer, erzählt uns seine Geschichte:

Justice, ein junger Ochse, der im Alter von anderthalb Jahren dazu bestimmt war, zu Bio-Schnitzel verarbeitet zu werden, war gerade auf dem Weg zum Schlachter, als er aus dem Transportfahrzeug ausbrach und losrannte. Was ihm dann das Leben rettete, war eine Gruppe von Wildhütern, die mit einem Betäubungsgewehr auf ihn schossen und die damit – aufgrund der seitdem in seinem Kreislauf befindlichen Medikamente – sein »Fleisch« für den menschlichen Verzehr unbrauchbar machten. Andernfalls wäre er wieder eingefangen, verladen und ins Schlachthaus gebracht worden.

Als Justice erstmals auf dem Lebenshof ankam, war er sehr verängstigt, denn das einzige andere Mal, bei dem er in einem Anhänger gewesen war, war auf seiner Fahrt ins Schlachthaus – und so wehrte er sich mit vollem Körpereinsatz. Indem er im Anhänger wild um sich schlug, um herauszukommen, brach er sich schließlich auch sein linkes Horn ab. Sherman, ein anderer Stier, der zu diesem Zeitpunkt auf dem Hof lebte, ging auf ihn zu und begann, ihn durch den Zaun hindurch abzulecken und zu beruhigen. Justice hat sich das gemerkt und er selbst macht es seither bei jedem Neuankömmling.

Immer wenn Neulinge auf den Hof kommen, weiß Justice, ob sie wirklich verängstigt sind, und das vollkommen unabhängig davon, welcher Tierart sie sind – ob Ziege, Schaf, Truthahn oder was auch immer. So wusste er es z.B. auch beim Schaf Rowdy, der furchtbare Angst hatte, als er hierher kam. Er hatte so sehr im Anhänger gezittert, dass das ganze Ding wackelte, und er hatte sich schier die Seele aus dem Leib geschrien, bis Justice den Hügel hinauf gestürmt und ihm zu Hilfe kam.

Wir bringen die Neuankömmlinge immer erst in den Hühnerhof, da er einerseits sicher verschlossen ist, andererseits aber trotzdem einen 360-Grad-Blick auf das Geschehen im Lebenshof ermöglicht. So ließen wir auch Rowdy in den Hof, wo er mit großem Geschrei umher rannte. Dann kam Justice, der sich einfach nur auf der anderen Seite direkt neben den Zaun stellte. Als auch die Ziegen allesamt herüber kamen, um den Neuen in Augenschein zu nehmen, wusste Justice, dass dies Rowdy nervös machte, und so drehte er sich um und ging ein paar Schritte auf die Ziegen zu, ganz so, als wollte er sagen: »Leute, tretet doch mal ein bisschen zurück – ihr könnt gerne zuschauen, aber ihr seid gerade etwas zu viel für ihn« – und schon entfernten sich die Ziegen.

Nachdem Justice zum Zaun zurückgekehrt war, kam Rowdy zu ihm, obwohl er noch nie im Leben Rinder gesehen hatte. Er stand direkt neben Justice, auf der anderen Seite des Zauns, und hörte auf zu schreien. Seite an Seite stehend, verbrachten sie so die ganze Nacht. Ich brachte ihnen Futter und Wasser, doch sie haben es nicht einmal berührt, stattdessen blieb Justice die ganze Nacht hindurch am Zaun stehen. Er blieb am Zaun bei Rowdy, dem es am nächsten Tag wieder gut ging.

Dasselbe machte Justice für die Lamas, als sie hierher kamen. Er ist ja so ein Guter. Wenn die Neulinge zu uns kommen, geht Justice einfach zu ihnen hin und beruhigt sie und ich bin mir sicher, dass er das tut, weil Sherman es damals für ihn getan hat.

Selbst wenn die kranken Tiere hierher kommen, die hier nichts mehr weiter tun können, als zu sterben – allerdings im Frieden zu sterben, im größtmöglichen Frieden -, ja selbst wenn diese Tiere auch niemals an den Punkt gelangen, an dem sie uns Menschen vertrauen, so nehmen sie doch die Schwingungen der anderen Tiere auf. Sie nehmen den Frieden auf, und gerade Justice ist einer von denen, der ihnen diesen Frieden vermittelt.

Das Beste, was wir in solchen Situationen tun können, ist uns zurückhalten. Sie wissen schon damit umzugehen. Wir sind bloß Menschen. Ich lerne jeden Tag etwas Neues von ihnen und wenn mir das klar wird, frage ich mich: »Warum hab‘ ich das nicht gewusst? Warum kommt mir erst jetzt diese Erleuchtung? Sie wissen so viel mehr als wir.«

Vielleicht ist ja das, was wir in Justices Augen sehen, Mitgefühl.

Diane Leigh

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Das Bio-Rind Justice liegt auf einem Feld

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Diese und weitere Geschichten von Tieren, die es auf einen Lebenshof in den USA geschafft haben, finden Sie in dem Buch Ninety-Five: Meeting America’s Farmed Animals in Stories and Photographs, das es bislang nur auf Englisch gibt.

 

Justice, ein gerettetes Bio-Rind

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Gruß Hubert

 

Über Würde, Ethik und Empathie   2 comments

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Der Kernsatz dieses Beitrages ist: wir dürfen Tiere nicht weiter wie Sklaven und unser Eigentum ohne Rechte halten und behandeln.

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Die Würde des Menschen ist unantastbar. Artikel 1, Abs. 1 des deutschen Grundgesetzes. Es überrascht immer wieder, auch wenn es das nicht sollte, wie wenig all die menschgemachten Gesetze einen Großteil der Bevölkerung dieses Planeten miteinbeziehen. Oft wird für die Tiere erst dann etwas getan, wenn es ans Eingemachte geht. Wie beispielsweise beim weltweiten Bienensterben, das wir Monsanto und Co. zu verdanken haben. Die Aufmerksamkeit ist groß – ohne Bienen keine Nahrung. Wären die Bienen ausschließlich sogenannte Nutztiere, wegen ihres Honigs und nicht auch lebensspendend – wer weiß, ob ihr Sterben dem Menschen so einen Schrecken einjagen würde.

Im Yellow Stone Naturpark wurden 1995 erneut Wölfe angesiedelt, nachdem das Land durch eine Überpopulation von Hirschen und Rehen karg und öde geworden war. Erstaunliches geschah: Natürlich töteten die Wölfe auch Wild, aber vor allem verwiesen sie es durch ihre Anwesenheit in ganz bestimmte Gebiete. So konnte sich die Natur erholen, Wildblumen, Pflanzen und Bäume wuchsen wieder, Vögel, Insekten und viele andere Tierarten kehrten zurück. Die Wölfe erlegten nicht nur Wild, sondern auch Kojoten, dadurch gab es wieder mehr Kaninchen und Mäuse und diese zogen wiederum die Greifvögel an. Weil sich die gesamte Vegetation regenerierte, tauchten erneut die Biber auf, bauten ihre Dämme und ganz schnell gab es mehr Fische in den Flüssen. Selbst den Lauf der Flüsse beeinflussten die Wölfe, denn durch die weitreichenden und positiven Veränderungen der Natur festigten sich auch die Flussufer.

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(c) Foto: by Todd Ryburn piqs.de

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Dieses Beispiel zeigt, wie sehr Tiere das Gleichgewicht der Natur halten, ein Gleichgewicht, welches der Mensch in bereits erschreckendem Ausmaß zerstört hat. Und es beweist, wie absurd und armselig die Argumente der Jäger sind, dass sie Wild und Füchse töten müssten, weil der Wald sonst zugrunde gehen würde – das Gegenteil ist der Fall. Es herrscht Krieg in den Wäldern, überall – nicht nur unter den Menschen.Der Mensch führt auch Krieg gegen die Tiere. Dieser Frieden, der so herbeigesehnt wird, kann erst entstehen, wenn jegliches Blutvergießen ein Ende gefunden hat.

Das Wesen Mensch kann und muss sich infrage stellen. Und dieses sich infrage stellen führt zur Ethik. Der Begriff Ethik wurde von Aristoteles als Bezeichnung für eine philosophische Disziplin eingeführt, mit dem Hintergrund, dass es für ein vernunftbegabtes Wesen wie den Menschen unangemessen sei, wenn sein Handeln ausschließlich von Konventionen und Traditionen bestimmt wird. Die jahrtausendealte Tradition des Fleischessens muss heute mehr denn je infrage gestellt werden, unser Verhältnis zu den Tieren muss hinterfragt werdenes ist eine emphatische und vernunftbedingte Notwendigkeit. Ethik wird heute als eine Disziplin verstanden, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kriterien für gutes und schlechtes Handeln aufzustellen und seine Motive und Folgen zu bewerten. Die Folgen des menschlichen Handelns gegenüber einem Großteil der Mitbewohner dieses Planeten können nicht anders als unethisch eingestuft werden. Von einer weltumspannenden Tierrechtsethik sind wir leider noch weit entfernt.

In seiner berühmten Rede I have a dream vom 28. August 1963 sagte Martin Luther King u.a.: „Wir können nicht zufriedengestellt sein, solange unsere Kinder ihrer Freiheit und Würde beraubt werden.“ Die Forderungen von King für die Rechte seiner dunkelhäutigen Brüder und Schwestern waren bedingungslos. Die Forderungen der Tierrechtsbewegung sind es ebenso, müssen es sein, auch wenn es ein langer Weg in eine Welt ist, in der Tiere nicht mehr wie die Sklaven von einst behandelt werden, weil sie der Mensch als minderwertig ansieht – ähnlich wie zu jener Zeit, als Martin Luther King für eine Welt der Brüderlichkeit unter den Menschen kämpfte.
Wir können nicht zufrieden sein, solange unseren kleinen Brüdern und Schwestern, den Tieren, so unendlich viel Leid angetan wird. Wir dürfen nicht zufrieden sein und aufgeben, bis das Recht auf ein Leben in Freiheit und Würde für alle gleichermaßen gilt.

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für fellbeisser

(c) Foto: privat

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Die Würde eines jeden Lebewesens, nicht nur die des Menschen, ist unantastbar. Sprachgeschichtlich ist Würde mit dem Wort „Wert“ verwandt. Jedes Lebewesen besitzt einen ihm innewohnenden Wert, er ist ihm als Geburtsrecht mitgegeben worden. Eine einzigartige Seinsbestimmung macht es zu einem Wesen, welches Wertschätzung verdient. Jemandes Wert zu schätzen hat mit Respekt und Achtung zu tun.
Aber wie weit sind Massentierhaltung, das milliardenfache Schreddern von neugeborenen Küken, die Ausbeutung in der Milchindustrie, Schlachthäuser, die Pelzindustrie, Tiere in Zirkussen oder die Überfischung der Meere von jeglicher Achtung gegenüber fühlenden Lebewesen entfernt, die der Mensch zu sogenannten Nutztieren degradiert hat und die er nach Belieben ausbeutet. Die tierverachtende Haltung des Menschen bedeutet modernes Sklaventum und entbehrt jedweder Ethik und jeglicher Vernunft. Massentierhaltung ist gleichzusetzen mit Misshandlung und eine der größten ökologischen Bedrohungen für diesen Planeten.

Ein Großteil der Menschheit hat über Jahrtausende hinweg Fleisch gegessen. Das ist richtig, aber kein Argument dafür, dass es so bleiben muss. Jahrtausendelang hat die anthropozentrische Herrschaft diese Welt regiert. Es ist Zeit, sich davon zu verabschieden und ein neues und ganzheitliches Denken und Handeln entstehen zu lassen. Der Mensch entwickelt sich beständig weiter, erkennt Zusammenhänge und Wahrheiten. Und er rühmt sich gerne all seiner Errungenschaften und Fortschritte und auch seines moralischen Fortschritts. Was wir dringend brauchen, ist ein Fortschritt in der Empathie, wir brauchen eine Grenzenlosigkeit des Mitgefühls. Es sind die Grenzen und Begrenzungen in unseren Köpfen, die Leid verursachen oder es nicht sehen wollen. Sie sind es, die fallen müssen, denn es ist ein Irrglaube, dass uns das Leid anderer nichts anginge, ob es die verzweifelten Flüchtlinge sind oder die verzweifelten Tiere, welche in ihren Tod transportiert werden.

Alles ist mit allem verbunden.

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WELLEN - BRECHER

(c) Foto: by kstudi piqs.de

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Spät in der Nacht an den Klippen fragt König Lear in dem gleichnamigen Stück von William Shakespeare den blinden Earl von Gloucester: „Wie sehen Sie die Welt?“ Und der blinde Earl von Gloucester antwortet: “Ich sehe Sie fühlend.“
Wir kommen als Fühlende auf diese Erde. Als Kinder sehen wir sie tatsächlich fühlend, bevor wir in die Welt der Begrifflichkeiten und Namen eintauchen und von Konditionierungen geprägt werden. Wir freuen uns mit Begeisterung über die unendliche Vielfalt der Erde mit ihren Ausdrucksformen und all ihren Lebewesen – wir sind Erdlinge. Unsere Liebe kennt noch keine speziesistischen Grenzen und wir sind unbefangen – der Regenwurm, der fleißig die Erde umgräbt, fasziniert uns genauso wie die behäbigen Kühe auf der Wiese. Doch irgendwann und irgendwie, während wir heranwachsen und unsere Erfahrungen machen, verlernen wir manchmal, fühlend zu sehen; wir übernehmen die Denkmuster und Einstellungen unserer Eltern und der Gesellschaft und allzu oft hinterfragen wir diese nicht.
Wenn wir es als Menschen schaffen, Vernunft und Empathie in gleichem Maße zu leben, dann können wir eine Welt erschaffen, die für alle Bewohner dieser Erde lebenswert ist. Was wir brauchen, ist eine allumfassende Ethik und ein ganzheitliches Bewusstsein.
Friedrich von Schiller schrieb über den Begriff der Würde: “Würde bezeichnet auch den Ausdruck einer erhabenen Gesinnung.“
Geben wir den Tieren, unseren kleinen Brüdern und Schwestern, ihre verlorene Würde zurück. Indem wir sie würdelos behandeln, geht auch ein großes Stück unserer menschlichen Würde verloren.

© Daniela Böhm 2015
www.danielaböhm.com

Über Würde, Ethik und Empathie

Gruß Hubert

Veröffentlicht 11. September 2015 von hubert wenzl in Tierschutz

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