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Ich habe Angst vor Merkels Gesinnungsethik – Teil 2   Leave a comment

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„Deutschland bleibt ein von Hitler traumatisiertes Land“

 

ZEIT: Wollen Sie etwa, wie der Publizist Éric Zemmour nahelegte, die Vorstadtviertel bombardieren, aus denen viele Attentäter stammen?

Finkielkraut: Richtig ist: Es gibt heute viele Molenbeeks, nicht nur in Belgien, auch in Frankreich. Und unser Feind ist leider auch der radikale Islam im eigenen Land. Natürlich werden nicht alle Salafisten und anderen Fanatiker zu Terroristen. Aber die Lage in Europa ist beunruhigend. Das eigentlich Wünschenswerte, die Integration des Islams in die europäische Zivilisation, wird immer schwieriger. Unter dem Druck der wachsenden Einwanderung nimmt die Islamisierung ganzer Stadtviertel zu. Das gilt auch für Deutschland.

ZEIT: Und Sie glauben, wir Deutschen seien blind und wollten die Gefahr nicht sehen?

Finkielkraut: Deutschland bleibt ein von Hitler traumatisiertes Land. Statt eines realistischen Weltbilds pflegen die Deutschen den Antirassismus. Der Jude war im Nationalsozialismus der Andere. Hitler hat aus ihm den absoluten Feind gemacht. Um dieses Verbrechen zu sühnen, entgehen die Deutschen bis heute nicht der Versuchung, den Respekt vor dem Anderen zum moralischen und politischen Kardinalprinzip zu erheben. So aber halten die Deutschen noch heute den tatsächlichen Feind für den Anderen, dem sie Buße schulden. Das Aufwachen aus dieser Art von Weltfremdheit wird für die Deutschen ein extrem schmerzhafter Schock sein.

ZEIT: Entgegen Ihrer Feindesobsession verteidigte kürzlich unser Finanzminister Wolfgang Schäuble die Aufnahme der syrischen Flüchtlinge in Deutschland als „Ehrenrettung für Europa„.

Finkielkraut: Ich verstehe das gut. Als die ersten Flüchtlingswellen ankamen, hielten die Deutschen den Moment für gekommen, ihren historischen Makel zu bereinigen. Sie konnten sich endlich freikaufen. Es war eine große Erlösung. Hitler-Deutschland beschwor die eigene Kraft. Merkel-Deutschland stellte sich auf die Seite des Schwachen. Hitler-Deutschland verkörperte den Hass auf den Anderen. Merkel-Deutschland sagte: Hier bin ich und kümmere mich um den Anderen in Not. Dazu aber gehörte eine große moralische Trunkenheit. Plötzlich verkörperte Deutschland das Gute. Frau Merkel wurde für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Nun erholt sich Deutschland langsam von einem schrecklichen Kater. Deshalb hat Bundespräsident Joachim Gauck neulich an ein paar Spielregeln erinnert: erstens, Respekt vor den Homosexuellen, zweitens, Gleichberechtigung der Frauen, drittens, Ablehnung aller Formen des Antisemitismus, viertens: Anerkennung des Staates Israel. Warum diese Gedächtnisstütze? Weil nämlich ein nicht zu übersehender Teil der Flüchtlinge mit diesen Regeln nichts am Hut hat. Indem es den Antisemitismus von gestern sühnen wollte, hat das Deutschland der Willkommenskultur womöglich den Antisemiten von morgen Spalier gestanden.

ZEIT: Sind Sie jetzt nicht auf dem besten Wege, den Islam pauschal zu verurteilen? Reicht es nicht, wenn der Papst vom dritten Weltkrieg spricht?

Finkielkraut: Dem schließe ich mich nicht an. Ich sehe ja, was der „Islamische Staat“ bezweckt: Er will uns in den Bürgerkrieg treiben. Die Strategen des heiligen Krieges hoffen, dass wir Deutschen und Franzosen uns am Ende auf jeden Muslim stürzen, verschleierte Frauen belästigen und Moscheen zerstören. Wir dürfen die Muslime nicht pauschal beschuldigen. Viele von ihnen sind ehrlich entsetzt über die Attentate, viel mehr noch als nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo im Januar. Aber wir dürfen den Islamismus auch nicht als Randphänomen betrachten. Der Islam ist nun mal seit seinen Anfängen eine eroberungslustige Religion. Er hat viele Niederlagen erlebt. Aber für die Islamisten ist heute die Zeit der Rückeroberung gekommen. Dafür proklamieren einigen von ihnen den globalen Krieg, andere nur das Predigen. Aber gemeinsam glauben sie, dass eine Islamisierung Europas zumindest teilweise möglich ist. Und wir dürfen nichts tun, um ihnen diesen Plan zu erleichtern. Europa muss dem im Gegenteil widerstehen, sich selbst behaupten, indem es seine Prinzipien und Sitten auf eigenem Boden unerbittlich durchsetzt. Andernfalls werden wir von innen ausgehöhlt.

ZEIT: Da muss man ja fragen, ob Sie trotzdem noch das Asylrecht verteidigen?

Finkielkraut: Ich verteidige das Asylrecht, aber ich mache mir Sorgen, dass der Islam an vielen Orten mehrheitsfähig wird und dort seine Sitten durchsetzt. Und am Ende der Islamismus profitiert.

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Ich habe Angst vor Merkels Gesinnungsethik – Teil 2

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Gruß Hubert