Archiv für das Schlagwort ‘Unwahrheiten

»Atypische« Neuroleptika: Typische Unwahrheiten für schlichte Gemüter   Leave a comment

.

Von mir aus sind die meisten Psychopharmaka, vor allem die Neuroleptika eine Bankrotterklärung der Psychiatrie. Man kann absolut nicht beobachten, dass die den psychisch Kranken helfen. Meist dämpfen sie, aber damit auch das emotionale Erleben. Wenn manche Wirkungen von Psychiatern erwünscht sind, dann kann man nicht sagen, dass sie es gut meinen mit den Patienten. Peter Lehmann, Dr. h.c., Dipl.-Soz.Päd, geb. 1950, deckte in seinen Büchern zu diesem Thema auf, was Psychiater vor den Betroffenen, ihren Angehörigen sowie der interessierten Öffentlichkeit verbergen.
Wichtig ist auch die Unterscheidung zwischen Psychiatern und Psychologen. Psychologen verschreiben keine Medikamente, das machen nur Psychiater. Psychiater sehen psychische Krankheiten fast ausschließlich als biologisch bedingt. Psychologen machen hauptsächlich Psychotherapien, von denen es viele verschiedene Methoden gibt.

Hier etliche ausführliche Erklärungen zu Neuroleptika von Peter Lehmann. Er ist ein wahrer Experte auf dem Gebiet der Psychopharmakas.

Auszug.

»Atypische« Neuroleptika: Typische Unwahrheiten für schlichte Gemüter

Kurzfristigen Erleichterungen durch »atypische« Substanzen steht die mögliche langfristige Verstärkung psychotischer Symptome gegenüber. Die ersten neuen Neuroleptika sind wegen tödlicher vegetativer Zwischenfälle bereits vom Markt genommen. Mit Hunderte von Millionen US-Dollar werden Geschädigte in den USA bereits finanziell abgefunden. Nichtsdestotrotz macht man »Atypische« den Betroffenen schmackhaft. Und wer hilft ihnen beim Absetzen?

Wundermeldungen

»Das neue Waschmittel ›Wasch‹ wäscht so weiß wie nie zuvor.« Wer kennt sie nicht, diese Werbung, die uns aufklärt darüber, dass die früher als blütenweiß angepriesene Wäsche eigentlich grau war. Fatal an solche Reklamemechanismen erinnert die Anpreisung der modernen Neuroleptika (z.B. Abilify, Belivon, Invega, Leponex, Nipolept, Quetiapin, Risperdal, Seroquel, Solian, Serdolect, Zeldox, Zyprexa), die mit neuen und teuren Patenten geschützt sind. Plötzlich sind die herkömmlichen Neuroleptika verpönt. Sie werden mit häufigem Zahnausfall, chronischen Muskelstörungen und massiver Einbuße von Lebensqualität in Verbindung gebracht – siehe der Spiegel-Artikel von Beate Lakotta im deutschen Nachrichtenmagazin Spiegel, ein wahllos herausgegriffenes Exemplar mutmaßlicher verdeckter Werbung. Herkömmliche Neuroleptika würden mit ihren Folgeschäden unnötigerweise zu Berentung und Pflegekosten führen, noch keine Fälle von Arztregress, d.h. Schadenersatzklagen gegen Ärzte, seien wegen der Verordnung »atypischer« Neuroleptika bekannt geworden. Nur teilweise groteske Gewichtszunahme, Herzrhythmusstörungen, Knochenmarks- und Blutbildstörungen könnten als Nebenwirkungen auftreten – Risiken, die mit regelmäßigen Laborkontrollen zu begrenzen seien. Die »atypischen« Neuroleptika würden gezielter auf jene Botenstoffe einwirken, die Stimmenhören oder Verfolgungswahn auslösen (Lakotta 2002). Beate Lakotta ist Preisträgerin des »Lilly Schizophrenia Reintegration Awards«, gestiftet vom Pharmahersteller Lilly Pharma Holding GmbH. Lilly ist der Hersteller des weit verbreiteten Zyprexa.

Der kleine Unterschied

Den modernen Neuroleptika werden diejenigen Neuroleptika zugeordnet, die in ihrer Wirkung dem in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts eingeführten Prototyp Clozapin entsprechen (im deutschsprachigen Handel auch als Elcrit, Froidir, Lanolept, Leponex und Olansek; weltweit im Handel auch als Alemoxan, Azoleptin, Clocinol, Clopine, Clopsine, Clozaril, Denzapine, Klozapol, Lapenax, Laponex, Lepotex, Lozapin, Sizopin).

[…]

Clozapinartige Neuroleptika produzieren grobmotorische Muskelstörungen seltener oder gar nicht, was sie vielen Betroffenen subjektiv verträglicher erscheinen lässt. Der deutsche Psychiater Hans-Joachim Haase warnte allerdings davor, darin eine Besonderheit zu sehen, und erklärte,

»… dass Clozapin zunächst, wie auch die anderen Neuroleptika, extrapyramidale feinmotorische Symptome auslöst, wobei mit steigender Dosierung die zunehmend stärkeren anticholinergen sowie muskarinartigen (der Wirkung des Pilzgiftes Muskaridin gleichkommenden und ebenfalls anticholinergen) Wirkungen dazu führen, dass es nur in Einzelfällen zu grobmotorischem Parkinsonismus kommt. Gleichzeitig bleibt aber der eigentliche Effekt der neuroleptischen Wirkung weitgehend aus, so dass paranoid-halluzinatorische Psychosen mit Clozapin zwar affektiv durchaus positiv beeinflusst, insbesondere auch entängstigt werden, dass jedoch zur Behandlung dieser Symptomatik im allgemeinen Neuroleptika hinzugegeben werden, mit denen dann die neuroleptische Schwelle eindeutig überschritten werden muss. Clozapin verhält sich also ähnlich wie andere Neuroleptika, denen man eine zunehmend hohe Dosis eines Antiparkinsonmittels hinzugibt.« (Haase 1988, S. 143)

[…]

Schäden

Eine Vielzahl erprobter clozapinartiger Substanzen kam gar nicht erst auf den psychiatrischen Markt, z.B. Fluperlapin. Nichtsdestotrotz werden Neuroleptika dieser Art als nebenwirkungsarm angepriesen, wobei hauptsächlich auf die vermeintlich verminderte Fähigkeit dieser Substanzen, Dyskinesien (Muskel- und Bewegungsstörungen) zu bewirken, Bezug genommen wird. Das clozapinartige Neuroleptikum Remoxiprid (Roxiam) war 1991 als »Rose ohne Dornen« angekündigt worden, als gut verträgliches Medikament ohne Nebenwirkungen. Drei Jahre später wurde es von der Herstellerfirma wieder vom Markt genommen: wegen einer Reihe von lebensgefährlichen Fällen aplastischer Anämie – Blutarmut mit Verminderung der roten und weißen Blutkörperchen, beruhend auf einem Defekt im blutbildenden System (vgl. Lehmann 1996b, S. 133). Ein anderes Beispiel ist Sertindol (Serdolect), das lange als nebenwirkungsarm galt. Im November 1998 fand sich im Internet in medizinischen Datenbanken noch der Begriff nebenwirkungsfrei. Am 2. Dezember 1998 meldete die Ärzte Zeitung:

»Vertrieb von Serdolect(R) gestoppt – Anlass sind schwere kardiale (das Herz betreffende) Nebenwirkungen und Todesfälle«

Risperidon (Risperdal) ist ein weiteres ‚atypisches‘ Neuroleptikum, das die Lebensqualität erhöhen und die Reintegration ins gesellschaftliche Leben erleichtern soll. »Zurück ins Leben«, »Anna ist wieder da«, so oder ähnlich lauten die Werbesprüche. In der Medical Tribune vom 26. Mai 2000 lobte der Hamburger Psychiater Dieter Naber Risperidon als »gut verträgliches Medikament« (Naber 2000). Just am gleichen 26. Mai 2000 wurden in Philadelphia der Psychiatriebetroffenen Elizabeth Liss 6,7 Millionen US-Dollar Schmerzensgeld zugesprochen, zahlbar vom behandelnden Psychiater. Frau Liss war nach vierzehnmonatiger Verabreichung von Risperdal an tardiver Dyskinesie erkrankt, Unterform tardive Dystonie in Form von Krämpfen der Gesichts- und Nackenmuskulatur (vgl. Breggin 2000).

Im November 2003 tauchte der Name Dieter Naber – allerdings mit einer anderen Tönung – wieder in den Medien auf; die Brunsbütteler Zeitung meldete:

»Zwei Professoren des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) sollen eine sechsstellige Summe von einer Pharmafirma kassiert haben, deren Präparate später im UKE verwendet wurden. Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den designierten Berliner Wissenschaftsstaatssekretär, Professor Michael Krausz, und den Leiter der UKE-Psychiatrie, Professor Dieter Naber, wegen des Verdachts der Vorteilsannahme.« (Geld 2003)

Clozapinartige Neuroleptika stehen generell unter Verdacht, insbesondere vegetative Störungen wie Neuroleptische Maligne Syndrome, Bauchspeicheldrüsen- und Leberstörungen zu produzieren. Wie die amerikanische Zeitschrift USA today am 10. Juni 2005 unter Verweis auf eine Meldung der US-amerikanischen Zyprexa-Herstellerfima Eli Lilly vom Vortag (Eli Lilly 2005) meldete, stellte diese $ 690.000.000 (in Worten: sechshundertneunzigmillionen US-Dollar zur Verfügung, um unter Zyprexa an Diabetes Erkrankte finanziell abzugelten, die Klagen auf Schmerzensgeld eingereicht hatten; Eli Lilly hatte im Zyprexa-Beipackzettel nicht deutlich genug auf das durchaus nicht unbekannte Risiko aufmerksam gemacht („Lilly“ 2005).

Agranulozytosen (abruptes Absterben der weißen Blutkörperchen mit lebensbedrohlichen Folgen) sind ebenso publik geworden wie die unübersehbare und rasche Zunahme des Körpergewichts mit seiner für Herz und Kreislauf immensen Gefahren, was zumindest Internisten wissen. Speziell Bauchfett gilt unter Medizinern als hochschädlich fürs Herz. Bauchspeck setzt sich nämlich um die inneren Organe herum fest. Solches Fettgewebe produziert besonders viele gefäßschädigende Substanzen, zum Beispiel freie Fettsäuren, die Entzündungen beschleunigen können.

[…]

Depressionen und Suizidalität

Depressionen und Suizidalität sind weitere Risiken, über die Psychiater eher reden, wenn sie unter ihresgleichen sind, obwohl sie laut internen Berichten bei zwei Drittel der Betroffenen behandlungsbedingt auftreten. Suizidale Auswirkungen haben auch moderne Neuroleptika wie Leponex, wie der Bericht der Österreicherin Ursula Fröhlich in »Schöne neue Psychiatrie« zeigt:

»Mein Leben, das einst so leicht und schön gewesen ist, so abwechslungsreich und interessant, lebenswert und vollgeladen mit Aktivitäten, ist zur Hölle geworden. Seit Beginn der Leponex-Einnahme habe ich keine Lust mehr auf Sex, keine Lust an der Bewegung und keine Freude am Leben. Ein Leben ohne Freude ist jedoch ärger als der Tod. Alles, war mir geblieben ist, ist das Fernsehen, wo ich seit sieben Jahren anderen zusehe, wie sie leben. Ich bin zwar biologisch noch am Leben, doch meine Sinne sind schon längst tot, alles, was mir früher Freude gemacht hat, kann ich nicht mehr machen. Mein Leben existiert eigentlich gar nicht mehr, ich komme mir so leer und so unbedeutend vor. Am schlimmsten ist es am Morgen. Jeden Tag nehme ich mir vor, am nächsten Tag mit einem gesunden Leben zu beginnen, die Medikamente wegzuschmeißen, viele Vitamine und Fruchtsäfte zu trinken und mit einer täglichen Fitnessroutine zu beginnen. Durch die Neuroleptika entsteht ein Gefühl, als ob es mir gelingen würde, am nächsten Tag mit einem ganz anderen, einem neuen Leben zu beginnen. Wenn ich dann aber in der Früh aufwache, bin ich wie zerschlagen und komme vor 9 Uhr nie aus dem Bett, meine Depressionen sind so arg, dass ich jeden Tag an Selbstmord denke.« (zit.n. Lehmann 1996a, S. 70f.)

.

Tardive Psychosen

Eine besondere Stellung unter Neuroleptika nimmt Leponex schon seit seiner Zulassung ein. Nach Bekanntwerden einer leponexbedingten Todesserie in Finnland galt die Substanz lange Zeit zu giftig, um ohne spezielle Auflagen und Genehmigungsprozeduren in der Psychiatrie eingesetzt zu werden. Erst bei Arzthaftungsklagen unübersehbar gewordene Langzeitschäden durch herkömmliche Neuroleptika machten den Einsatz akzeptabel. Mit Störungen, die außerhalb der bekannten Blutbildrisiken lagen, verfuhr man allerdings wie gehabt. Man veröffentlichte sie in internen Fachschriften, um sie anschließend zu ignorieren und insbesondere den Betroffenen vorzuenthalten.

Tardive Psychosen sind hierfür ein Beispiel. Dies sind Psychosen, die im Lauf der Verabreichung von Neuroleptika, beim Absetzen oder danach auftreten – behandlungsbedingt. Die genannte Störung, die als besonderes Risiko bei clozapinartigen Neuroleptika gilt, geht – wie ihr Gegenstück tardive Dyskinesie – zurück auf behandlungsbedingte Veränderungen des Rezeptorensystems.

[…]

Dass weniger schädlichen oder risikobehafteten Medikamenten und Psychopharmaka der Vorzug gegenüber riskanteren zu geben ist, ist eine Binsenweisheit. Wenn jedoch Risiken neuer Substanzen übergangen oder bagatellisiert werden, so lassen sich mit solchen Strategien vielleicht einfache Gemüter übertölpeln. Körperliche und psychische Schäden durch clozapinartige Neuroleptika können lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. Besonders beachtenswert ist das »atypisch« hohe Risiko einer tardiven Psychose und der sich daraus ergebende Teufelskreis aus Entzugspsychose, steigender Dosierung und gesundheitlichem Niedergang.

Zum Buch von Peter Lehmann, „Der chemische Knebel“ sagte der Psychoanalytiker Jeffrey M. Masson im Geleitwort:

„Ich habe durch dieses Buch mehr über die geheime, innere Arbeitsweise der Psychiatrie gelernt als zuvor in zehn Jahren psychoanalytischer Ausbildung.“

http://www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/gesundheit/atypische.htm

.

.

Psychopharmaka absetzen

http://www.antipsychiatrieverlag.de/verlag/titel/absetzen.htm

 

Rechtlicher Hinweis hinsichtlich der Gefahren von Psychopharmaka
http://www.antipsychiatrieverlag.de/verlag/sonstiges/hinweis.htm

 

Gruß Hubert