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Vor allem von Seiten der Hospiz-Bewegung und der Palliativ-Medizin wird immer wieder ins Feld geführt, wenn es gelingt dem Mensch die Schmerzen zu nehmen würde auch der Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod verschwinden. Ich bezweifle ob es immer gelingt die Schmerzen zu nehmen, aber lassen wir das mal dahingestellt sein. Egal aus welchem Grund muss ein Mensch das Recht haben haben sein Leben selbstbestimmt zu beenden. Und wenn es aus Lebenssattheit wäre. Mein Leben und mein Tod gehört mir. Kein Arzt, kein Pfaffe und kein Politiker hat das Recht mir ein würdevolles Sterben zu verwehren. Vor allem den Kirchen passt die Selbstbestimmung der Menschen nicht. Ihr Gewicht ist in der Diskussion um Sterbehilfe viel zu groß und man weiß dass sie fix auf einem Punkt beharren.
Der Hinweis auf einen möglichen Missbrauch ist an den Haaren herbeigezogen und dieser Hinweis kommt wie das Amen im Gebet. Alles im Leben kann man missbrauchen, auch ein Küchenmesser.

Im ersten Artikel unseres Grundgesetzes ist zu lesen:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Wenn ich einem kranken Menschen, der in Schmerzen und seinen eigenen Verfall hilflos beobachtend das Recht verwehre, aus freier Entscheidung aus dem Leben zu treten, wird genau diese Würde NICHT mehr respektiert. Wir nehmen uns das Recht heraus, Tiere zu euthanasieren, die uns über ihren Zustand keine Auskuft geben können, verwehren diesen Weg aber Menschen, die uns Ihren Wunsch klar kommunizieren können? Ich finde das für unsere moderne Gesellschaft leider ziemlich rückschrittlich und hoffe, dass wir dieses Manko bald überwunden haben.

Das Todeserlebnis seiner Frau hat Udo Reiter veranlasst, sich eingehender mit der Problematik des Sterbens zu befassen.

Aus der „ZEIT“:

Autobiografie Udo Reiter – Meine letzte Freiheit

Udo Reiter führte bislang ein selbstbestimmtes Leben: Als Top-Manager, als Querschnittsgelähmter. In seiner Autobiografie fordert er sein Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben ein. Daraus ein Auszug von Udo Reiter.

Kurz bevor ich mich vom MDR zurückzog, starb meine Frau. Ich habe das erste Mal in meinem Leben Sterben aus der Nähe erlebt. Sie hatte seit einigen Jahren Krebs. Erst der Darm, später kam die Leber dazu, dann die Milz und schließlich die Lunge. Sie hat die tödliche Diagnose und die qualvollen Behandlungen, Operationen, Chemotherapien, mit einer bewundernswerten Haltung ertragen. (…)

Mich hat dieses Todeserlebnis veranlasst, mich eingehender mit der Problematik des Sterbens zu befassen. (…) Woher nehmen Politiker, Kleriker und Medizinfunktionäre das Recht, über meinen Tod zu entscheiden? Das Recht auf Selbstbestimmung ist die Grundlage unserer Verfassung. Für alle Lebensbereiche wird es eingefordert. Nur das Recht auf den eigenen Tod will man uns nicht einräumen. Hier wird theologisch argumentiert und psychiatrisch, hier werden alle möglichen medizinischen und juristischen Gesichtspunkte bemüht, die mein Selbstbestimmungsrecht in diesem speziellen Fall angeblich außer Kraft setzen. Als Gunter Sachs seinem langen und schönen Leben im hohen Alter aus Angst vor drohender Debilität mit einem Schuss ein Ende setzte, erklärte irgendein aufgeblasener Psychiatrieprofessor im Fernsehen, dass Sachs wegen einer offensichtlichen depressiven Verstimmung nicht mehr im Stande gewesen sei, eine selbstständige Entscheidung zu treffen, und man ihn vor sich selbst hätte in Schutz nehmen müssen. Das hat mich empört.

Selbst wenn ich eine Depression habe, es ist meine, und sie geht den Professor gar nichts an. Es kann nicht sein, dass andere bestimmen dürfen, wann wir über uns entscheiden können und wann nicht. Das ist das Ende der Idee der Selbstbestimmung, der Anfang des totalitären Betreuungsstaats. Und wenn es eine »Fehlentscheidung« ist, die ich treffe, dann ist es meine Fehlentscheidung. Es ist die Konsequenz der Freiheit, auch Fehlentscheidungen treffen zu können. Und es gehört zu einer freien Gesellschaft, sein Lebensende selbst festsetzen zu können.

Ich habe trotz Rollstuhl ein schönes und selbstbestimmtes Leben geführt.

Ich möchte nicht als Pflegefall enden, der von anderen gewaschen, frisiert und abgeputzt wird. Ich möchte mir nicht den Nahrungsersatz mit Kanülen oben einfüllen und die Exkremente mit Gummihandschuhen unten wieder herausholen lassen. Ich möchte nicht allmählich vertrotteln und als freundlicher oder bösartiger Idiot vor mich hin dämmern. Und ich möchte ganz allein entscheiden, wann es so weit ist und ich nicht mehr will.

Ohne Bevormundung durch einen Kardinal, einen Ärztepräsidenten oder einen Bundestagsabgeordneten. Und wenn ich das entschieden habe, möchte ich mich ungern vor einen Zug rollen oder mir, wie das verschiedentlich empfohlen wird, eine Plastiktüte über den Kopf ziehen und mit einem Klebeband eng um den Hals befestigen, bis mir der Sauerstoff ausgeht und ich am Kohlenstoffdioxid ersticke. Ich möchte auch nicht in die Schweiz fahren und mich dort auf einem Parkplatz oder in einem Hotelzimmer von Mitarbeitern der Sterbehilfe Exit einschläfern lassen.

Ich möchte bei mir zu Hause, wo ich gelebt habe und glücklich war, einen Cocktail einnehmen, der gut schmeckt und mich dann sanft einschlafen lässt. Dieses Recht auf einen selbstbestimmten Tod ist das Gegenstück zum Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Ich finde es unerträglich, dass eine Allianz aus Politik, Kirche und Ärzteschaft uns dieses Recht immer noch vorenthalten will.

Wir sollten uns das nicht gefallen lassen. Wir sollten den Cocktail einfordern als letzte Leistung unserer Krankenkasse. Der Hinweis auf einen möglichen Missbrauch ist lächerlich. Alles im Leben kann man missbrauchen, auch ein Küchenmesser, und der mögliche Missbrauch einer Sache ist nie ein Argument gegen die Sache selbst. Ob es neben den ethischen Einwänden gegen die aktive Sterbehilfe auch ökonomische Interessenlagen gibt, die einer Cocktaillösung im Weg stehen, weiß ich nicht.

Wenn man sieht, welche horrenden Rechnungen gerade in den letzten Monaten eines verlöschenden Lebens von Ärzten und Pharmaindustrie ausgestellt werden, könnte einem der Verdacht kommen.

Um es klar zu sagen: Ich freue mich meines Lebens und möchte, solange es irgend geht, dabei sein. Aber wenn es nicht mehr geht, möchte ich nicht in einer Weise abtreten, die ich quälend finde und die meiner bisherigen Lebensweise unwürdig ist.

http://www.zeit.de/2013/07/Udo-Reiter-Autobiografie-Buchauszug

 

Gruß Hubert