Archiv für die Kategorie ‘Religionskritik

„Aufgeklärte Religion aussterbend wie Männergesangsvereine“   Leave a comment

.

Ein Interview mit dem Philosophen Michael Schmidt-Salomon von deutschlandfunk.de

Der Philosoph Michael Schmidt-Salomon sieht in Religionen gerade derzeit eine „Wurzel gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ und autoritärer Tendenzen. „Je liberaler eine Religionsgemeinschaft auftritt, desto eher verliert sie Anhänger“, sagte er im Dlf.

Michael Schmidt-Salomon im Gespräch mit Christiane Florin

.

Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung. (David Ertl)

.

Religionen beeinflussen täglich politische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen, weltweit. Doch sie sind nicht die einzigen derart wirkmächtigen Weltanschauungen. Auch Atheismus – die Ansicht, dass es keinen Gott gibt – hat tiefgreifende gesellschaftliche, kulturelle und politische Folgen.

Einer der bekanntesten Atheisten Deutschlands ist der Philosoph Michael Schmidt-Salomon. Er ist Mitgründer und Sprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, die sich nach eigenen Angaben für „evolutionären Humanismus“ und Aufklärung als „Leitkultur“ einsetzt. Benannt ist sie nach einem der „bekanntesten Opfer von religiöser Gewalt“, wie Schmidt-Salomon sagt: Der Priester und Philosoph Bruno wurde 1600 von der katholischen Kirche als „Ketzer“ auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Im Interview erklärt Schmidt-Salomon, welche Konsequenzen die atheistische Weltanschauung des evolutionären Humanismus fürs Denken und Handeln hat, wo sie sich mit einem liberalen Religionsverständnis vereinbaren lässt – und warum religiöse Dogmen als „kulturelle Zeitmaschinen“ so gefährlich sein können.


Christiane Florin: Herr Schmidt-Salomon, warum haben Sie sich überhaupt für eine Weltanschauung, einen -ismus entschieden?

Michael Schmidt-Salomon: Der evolutionäre Humanismus hat eine wunderbare Eigenschaft: Er ist eben evolutionär, das heißt, er ist auf einen Wandel ausgelegt. Er erhebt den Wandel zum Programm, es gibt also keine absoluten Dogmen, keine heiligen Schriften, keine unfehlbaren Propheten, die den Zugang zur absoluten Wahrheit haben. Wir gehen davon aus, dass alles, was Menschen sagen, was sie denken, fehleranfällig ist. Das wir zeitbedingten, kulturbedingten, kognitiven Verzerrungen unterliegen, und deshalb müssen unsere Erkenntnisse stetig verändert werden – und das hat mich eben sehr angesprochen, an dieser Art des Denkens, da gibt es einen kategorischen Imperativ auf diesem Feld, und der lautet: Wir müssen falsche Ideen sterben lassen, bevor Menschen für falsche Ideen sterben müssen. Und das ist in der Geschichte leider allzu selten geschehen.

„Ich würde nicht behaupten, dass der Glaube an Gott widerlegt ist“

Florin: Sie wurden nicht als evolutionärer Humanist geboren. Sie wurden auch nicht als solcher getauft, das wäre ja ein Widerspruch im System. Wie sind Sie es geworden?

Schmidt-Salomon: Na ja ich wurde tatsächlich katholisch getauft. Ich hatte als Kind und auch heute noch ein starkes Verlangen nach logischer Konsistenz. Also, wenn sich jemand in einem Satz widersprochen hat oder Dinge behauptet hat, die mit den offenkundigen Fakten überhaupt nicht in Einklang zu bringen sind, hat mich das immer sehr stark irritiert.

Florin: Was war das zum Beispiel, was Sie da irritiert hat als Kind?

Schmidt-Salomon: Beispielsweise, wenn die Menschen tatsächlich glauben, dass vor 2.000 Jahren ein Mensch gestorben und von den Toten wiederauferstanden ist und dass sie tatsächlich das Heil finden, wenn sie diesem Manne nachfolgen, warum strengen sie sich da nicht mehr an? Und gleichzeitig habe ich mich natürlich gefragt: Kann das überhaupt stimmen, dass diese Geschichte passiert ist? Oder ist das gewissermaßen so eine Art Fake News der Vergangenheit? Den Begriff hatte ich damals natürlich nicht, aber ich habe mir darüber sehr viele Gedanken gemacht. Ich war auch wirklich bereit, mich von irgendeinem religiösen Glauben überzeugen zu lassen, aber das hat nicht funktioniert.

Bibelwissenschaft – Der Professor und die Fake News
Simone Paganini wendet einen neuen Begriff auf ein altes Buch an und sucht nach „Fake News in der Bibel“. Und er wird fündig: bei Evas Apfel, Marias Jungfräulichkeit – und beim Machtanspruch der Päpste.

Florin: Das Evolutionäre im evolutionären Humanismus greift die Evolutionsbiologie auf – und das bedeutet unter anderem, dass der biblibsche Schöpfungsbericht widerlegt wird. Wieso ist damit auch der Glaube an Gott widerlegt, wenn man sagt, der Schöpfungsbericht, der stimmt nicht, das kann gar nicht so passiert sein?

Schmidt-Salomon: Ich würde gar nicht behaupten, dass der Glaube an Gott widerlegt ist. Das Problem an diesem Begriff Gott ist, dass er nicht hinreichend definiert worden ist oder dass es unzählige Definitionen von Gott gibt. Ich kann nicht per se sagen, dass alle Definitionen im Widerspruch zu unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen. Ich habe Menschen getroffen, die haben gesagt: „Gott ist doch nur die Summe des Seins.“ Oder: „Gott ist die Liebe.“ Da ich weder an die Existenz dieses Universums zweifle noch an der Möglichkeit der Liebe, habe ich keinen Grund, diese Gottesvorstellungen widerlegen zu müssen. Ich würde nur als Philosoph darauf bestehen, die Liebe Liebe und das Universum Universum und das Sein Sein zu nennen, weil es sonst zu Verwechslungen führt. Meine Schwierigkeiten sind natürlich dann gegeben, wenn einem Gott bestimmte personale Eigenschaften zugeschrieben werden, wenn das mit einer Heilsgeschichte verbunden ist, die mit dem, was wir über die Welt wissen, schwerlich in Einklang zu bringen ist.

„Viel Sinnvolles, sehr viel Unsinniges, sehr viel Gefährliches“

Florin: Sie lehnen Religion für sich selbst ab. Warum möchten Sie auch, dass sich andere von der Religion verabschieden? Oder ich könnte auch andersherum fragen: Missionieren Sie für Ihren evolutionären Humanismus?

Schmidt-Salomon: Also, ich will Menschen überzeugen mit guten Argumenten. Das heißt noch nichtmals, dass ich alle Religionen ablehne. Es gibt durchaus Überschneidungen zwischen meiner Philosophie und bestimmten Strömungen, die in allen Religionen entstanden sind. Beispielsweise große Übereinstimmungen mit Meister Eckhart im Christentum, dem Advaita-Hinduismus, dem Zen-Buddhismus, mit manchen Sufi-Strömungen im Islam, ich bin großer Anhänger von Spinoza – na gut, der wurde aus der jüdischen Gemeinde verbannt –, also es ist nicht so, dass ich generell sagen würde, ich lehne Religion ab. Ich sehe Religion tatsächlich an als kulturelle Schatzkammer der Menschheit, da findet man Sinnvolles, aber auch sehr viel Unsinniges und auch leider sehr viel Gefährliches. Ich würde eben anraten, dass wir die Religion einer kritischen Prüfung unterziehen. Würden die Menschen das gleiche Maß an Rationalität an ihre Weltanschauung anlegen, das sie beispielsweise zeigen, wenn sie ein Smartphone auswählen, dann sähe die Welt schon deutlich besser aus.

Florin: Was ist das Gefährliche an den Religionen? Ich nehme an – oder ich weiß: Sie haben nicht eine einzelne Religion im Visier, sondern es ist etwas grundsätzlich Gefährliches, das Sie Religion attestieren.

Schmidt-Salomon: Es ist diese starke Konzentration auf vermeintlich ewig existierende, absolute Werte. Wir wissen, dass sich die Menschheit im Verlauf ihrer kulturellen Evolution verändert hat. Dass wir auch uns in ethischer Hinsicht tatsächlich weiterentwickelt haben, von Wesen, die ursprünglich nur in den Grenzen der eigenen Horde gedacht haben, später vielleicht in den Grenzen der eigenen Religionsgemeinschaft oder der eigenen Nation bis hin zur Formulierung universeller Menschenrechte. Die Religionen sind zu einem Zeitpunkt entstanden, als diese Gedanken nicht konsensfähig waren in den Gesellschaften, insofern sind sie häufig so etwas wie kulturelle Zeitmaschinen, die Werte in die Jetztzeit bringen, die eigentlich längst obsolet sind.

„Nächstenliebe und Fernstenhass gehen leider Hand in Hand“ 

Florin: Welche Werte meinen Sie da?

Schmidt-Salomon: Es gibt beispielsweise diese Konzentration auf die eigene Gruppe. Das eigentliche ethische Problem besteht ja nicht in der Nächstenliebe, sondern im „Fernstenhass“. Nächstenliebe und Fernstenhass gehen leider, in der Regel, Hand in Hand. Die Religionen haben ja nicht eine Ethik, sie haben immer zwei Ethiken: eine Ethik für die Mitglieder der eigenen Religion und eine ganz andere für die Außenstehenden.

Florin: Was meinen Sie damit? Dass sozusagen das Außenbild harmloser ist, als das Bild, was man nach innen vermittelt, oder umgekehrt?

Schmidt-Salomon: Nein. Liebevoll, barmherzig, gütig zeigt sich Gott und soll sich der Gläubige zeigen gegenüber denjenigen, die auf dem rechten Pfad der Tugend sind.

Florin: Eigentlich nicht. Wenn Sie das Neue Testament nehmen: Da wendet sich Jesus ja gerade denen zu, die nicht auf dem rechten Pfad der Tugend sind und sagt: Ich helfe dir trotzdem.

Schmidt-Salomon: Ja, aber sie gehören zur gleichen Community. Wer aber trotz der Belehrung sich nicht daran hält, für den ist das ewige Höllenfeuer vorgesehen. Die Stellen, in denen Jesus das beschreibt, sind gewaltig. Selbst in der Bergpredigt oder in den Korrespondenzstellen finden Sie diese Passagen. Also beispielsweise, wer eine Frau lüstern anschaut, für den wäre es besser, er hätte sich die Augen aus dem Kopf gerissen, als sehenden Auges in das ewige Höllenfeuer zu kommen, wo der Wurm niemals stirbt. Das sind sehr massive Gewaltbotschaften, die auch im Neuen Testament angelegt sind, und auch in der Offenbarung des Johannes. Ich kenne keine Passage von de Sade, die so von grenzenlosem Sadismus der Bestrafung der anderen geprägt ist. Und das ist ja eigentlich das, was Religionen ausmacht: Sie schaffen einen Zusammenhalt in der eigenen Gruppe unter Abgrenzung von den anderen. Das ist die Wurzel von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Das erklärt auch, warum wir heute weltweit diese merkwürdige Internationale der Nationalisten haben, wo sich nationale Chauvinisten mit reaktionären Religiösen verbinden. Egal, wo Sie hinschauen in der Welt. Das ist ein Phänomen des Christentums, der Evangelikalen in den USA, der Katholiken in Polen…

„Nationalistische und reaktionäre religiöse Strömungen gehen zusammen“

Florin: Der Orthodoxen…

Schmidt-Salomon: … der Orthodoxen in Russland. Sie haben es im Islam in Saudi-Arabien, in der Türkei, im Iran an nationale Werte gekoppelt. Sie haben es auch bei den ultra-orthodoxen Juden in Israel. Sie haben es bei den radikalen Hindus und bei den radikalen Buddhisten. Das ist ein Phänomen: dieses Zusammengehen von nationalistischen und reaktionären religiösen Strömungen. Und wir können dem, meines Erachtens, nur entgehen, wenn wir diesem identitären Diskurs entgehen…

.

Michael Schmidt-Salomon sieht Nationalismus und Religion vielerorts im Schulterschluss (picture-alliance/AP/Alexander Zemlianichenko)

.

Hier weiterlesen:

„Aufgeklärte Religion aussterbend wie Männergesangsvereine“

.

Gruß Hubert

 

Ulten: Blitz erschlägt 42 Schafe   1 comment

.

War da etwa wieder der „liebe Gott“ am Werk? 😉

Von rainews.it

.

Quelle © Landesforstdienst St. Walburg

.

Sie hatten unter einem Felsvorsprung Schutz gesucht und wurden dort offenbar alle gleichzeitig vom Blitz erfasst. Es soll sich um eine Stelle handeln, wo es bereits einmal einen Blitzschlag gegeben hatte, dem Weidevieh zum Opfer fiel.
Auf der Falkomai-Alm in Ulten hat ein Blitz in der vergangenen Woche 42 Schafe erschlagen.
rainews.it
Ulten: Blitz erschlägt rund 40 Schafe – TGR Tagesschau
Auf der Falkomai-Alm in Ulten hat ein Blitz in der vergangenen Woche 42 Schafe erschlagen.

.

Ulten: Blitz erschlägt 42 Schafe

.

Ein Kontrast dazu. Gott ist der Allerbeste. Liora – der Herr ist mein Licht. 🙂

Für manche ist Religion wie eine Droge. Sonst könnte man unmöglich so euphorisch sein. Besoffener geht es nicht.

„Wie groß ist doch Gott! Wie unendlich sein Reichtum, seine Weisheit, wie tief seine Gedanken! Wie unbegreiflich für uns seine Entscheidungen und wie undurchdringlich seine Pläne! Denn »wer kann Gottes Absichten erkennen? Oder wer hat ihn je beraten?« »Wer hat Gott jemals etwas gegeben, das er nun von ihm zurückfordern könnte?« Denn alles kommt von ihm, alles lebt durch ihn, alles vollendet sich in ihm. Ihm gebühren Lob und Ehre in alle Ewigkeit! Amen.
Römer 11:33‭-‬36 HFA“
Quelle: https://www.facebook.com/pg/Liora-Der-Herr-ist-mein-Licht-1039449609442995/posts/

Die 42 vom Blitz getöteten Schafe kamen dann auch von ihm. Andere (böse) Menschen waren es ja nicht.

.

Gruß Hubert

Immanente Widersprüche eines Glaubens   Leave a comment

.

Ich kann mich nur wundern was Menschen manchmal glauben, von denen man glaubt sie seien mit einer normalen Intelligenz ausgestattet. Ich kann dazu nur sagen: Irrwitz des Glaubens!

Auszug aus

Traktat über die drei Betrüger (2)

von Religionskritiker Wolfgang wolodja51.wordpress.com

.

Es kommt hinzu, daß die Propheten einander gewöhnlich derart widersprachen, daß sich unter vierhundert von ihnen kein einziger wahrer befand.** Überdies zielten ihre Prophetien – ebenso wie die Gesetze der berühmtesten Gesetzgeber – darauf ab, ihren Nachruhm zu verewigen, indem sie dem Volk weismachten, daß sie mit Gott vertrauten Umgang hätten. Die geschicktesten Politiker verfuhren immer so. Allerdings führte diese List bei denjenigen nicht immer zum Erfolg, die nicht wie Moses imstande waren, für ihre Sicherheit zu sorgen.

*Moses ließ 24.000 Menschen auf einmal hinrichten, weil sie sich seinem Gesetz widersetzt hatten.

**Im I. Buch der Könige, Kap. 22, steht geschrieben, daß Ahab, der König von Israel, 400 Propheten zu Rate zog, die sich aufgrund der Ereignisse, die auf ihre Weissagungen folgten, alle als falsche Propheten erwiesen.

$6

Vor diesem Hintergrund wollen wir nun die Gottesvorstellung der Propheten untersuchen. Wenn man ihnen Glauben schenken soll, ist Gott ein ganz und gar körperliches Wesen. Micha sah ihn sitzen, Daniel als einen Greis in weißem Gewand, Hesekiel erblickte ihn als Feuer; soweit zum Alten Testament. Was das Neue Testament angeht, bildeten sich die Jünger Jesu ein, ihn in der Gestalt einer Taube zu sehen, die Apostel als Feuerzungen, der Heilige Paulus schließlich als ein blendendes Licht. Nun zur Unvereinbarkeit ihrer Meinungen: Samuel glaubte, daß Gott nie bereut, was er einmal entschieden hat. Dagegen teilt Jeremias uns mit, daß Gott seine Ratschlüsse bereut. Joel lehrt uns, daß er nur das Übel bereut, das er über die Menschen verhängt hat, während Jeremia sagt, daß er es nicht bereut.

Das Buch Genesis lehrt uns, daß der Mensch Herr über die Sünde ist und es nur an ihm ist, gut zu handeln, während der Heilige Paulus versichert, daß die Menschen ohne eine ganz besondere göttliche Gnade ihre Begierde überhaupt nicht beherrschen können. So sehen die falschen und widersprüchlichen Vorstellungen aus, die diese angeblich von Gott inspirierten Leute uns geben, und die wir uns nach ihrem Willen zu eigen machen sollen, ohne zu bedenken, daß diese Gottesvorstellungen uns das Bild eines sinnlich wahrnehmbaren, materiellen und allen menschlichen Affekten unterworfenen Wesens vermitteln.

Trotzdem kommt man uns danach mit der Behauptung, daß Gott nichts mit der Materie gemeinsam hat und ein Wesen ist, das wir nicht begreifen können. Wie läßt sich das miteinander in Einklang bringen? Ist es richtig, so eklatanten und unsinnigen Widersprüchen Glauben zu schenken? Soll man sich auf das Zeugnis von Menschen verlassen, die so primitiv waren, sich trotz der Predigten des Moses einzubilden, daß ein Kalb ihr Gott sei? Wir wollen uns nicht länger mit den Phantasien eines Volkes aufhalten, das in der Sklaverei und inmitten von lauter unsinnigen Vorstellungen sich entwickelte, sondern feststellen, daß der Glaube an all den Betrug und die Irrtümer, die heute unter uns verbreitet sind, aus der Unwissenheit entstanden sind.

(Fortsetzung und Schluss am 11. Juli 2020) bei wolodja51.wordpress.com

Das goldene Kalb: https://de.wikipedia.org/wiki/Goldenes_Kalb

.

Gruß Hubert

Dr. Gunter Bleibohm – Zerfall eines Wahns – Teil 2   Leave a comment

.

Zweite Kränkung

Am 27. Dezember 1831 stach die HMS Beagle mit Charles Robert Darwin an Bord zu einer fünfjährigen Weltreise in See. Die Fahrt ging über die Kapverdische Inseln nach Südamerika, Tahiti, Neuseeland, Australien und über Mauritius zurück nach England. Der junge Forscher sammelte Unmengen an Pflanzen und Tieren, unternahm ausgedehnte Expeditionen ins Binnenland, katalogisierte, untersuchte, beobachtete und dokumentierte. Darwin kam mit einer immensen Ausbeute naturwissenschaftlicher Daten und Fakten nach England zurück. Die Essenz dieser Ausbeute  floss in sein Buch „Entstehung der Arten“ ein, dessen erste Ausgabe am 24. November 1859 erschien. Dieses Buch revolutionierte die Biologie und hatte weitreichende Folgen für benachbarte Wissensgebiete wie beispielsweise Zoologie, Botanik etc. und insbesondere für die Theologie.

Darwin wurde der Urheber für die biologische Kränkung des Menschen, wie es Sigmund Freud ausdrückte. „ Der Mensch, so behauptete Darwin, ist kein Geschöpf Gottes sondern lediglich ein höheres Säugetier“ (Walther Ziegler, Freud). „Die Entstehung der Arten“ formulierte diverse Theorien, deren wichtigste die Evolution, also die Veränderlichkeit der Arten, die natürliche Selektion als Hauptantrieb der Evolution und – und das war der Skandal, der dies nefastus der Glaubenswelt – die gemeinsame Abstammung aller Lebewesen war.

Die gemeinsame Abstammung aller Lebewesen von einem ersten Lebewesen musste den Glauben zerstören, der Mensch sei Ebenbild Gottes und aus den Arten durch göttlichen Willen herausgehoben. Darwin zeigte, dass dem nicht so war, die Evolutionstheorie trat ihren Siegeszug durch die Naturwissenschaft an und ist heute durch weltweite Forschung in ihrer Richtigkeit, in ihrer vorausschauenden Genialität bestätigt.

Aber was bedeutet die Evolutionstheorie in concreto, im Verhältnis von Mensch und allen anderen Lebewesen inklusive Pflanzen?

Stellt man sich, ausgehend von einem ersten Lebewesen, vor, dass sich alle Arten von Tieren und Pflanzen im Laufe der Erdgeschichte nach und nach, in sehr kleinen Schritten, weiterentwickelt haben und die Weiterentwicklung jeweils die Antwort auf eine bestimmte Lebenssituation und Lebensnische war, so ergab sich bis heute gedanklich ein vielverzweigter Busch an Lebensformen. Es sind die unterschiedlichsten Lebensformen, die wir täglich beobachten wie Biene, Spatz, Hund, Hering, Schnittlauch, Eiche, Hirschkäfer, Regenwurm usw., welche die kleinen Zweige und Blätter an diesem Busch repräsentieren. Bereits ausgestorbene Arten sind die abgestorbenen Zweige und Ästchen. Wendet man nun auf diesen Busch das „Haarnadel-Gedankenexperiment“ an – wie Richard Dawkins es nennt – dann ergibt sich eine Situation, die für die narzisstische Eigenliebe des Menschen und für seine göttliche Auserwähltheits-Hybris vernichtend ist. Geht man nämlich von einem beliebigen Blatt oder Zweig dieses Busches zeitlich rückwärts, gelangt man zu Verzweigungspunkten, den Haarnadelkurven in der Vergangenheit. Hier läuft die alte Linie weiter, aber eine neue kommt hinzu, die sich  in eine andere Richtung und damit in andere Lebensform– entsprechend der speziellen Lebensumstände –  entwickelt.

Die Aussage signalisiert aber auch, dass jede organische Struktur, jede Pflanze, jedes Lebewesen zu einem früheren Zeitpunkt gemeinsame Vorfahren hatte. Aus dieser Tatsache folgt nichts anderes, als dass – geht man weit genug zurück – es einen Punkt in der Evolutionsgeschichte gab, geben musste, an welchem der Mensch mit dem Maikäfer, mit dem Fuchs und der Ringelnatter, mit der Petersilie, der Rübe oder der Alge gemeinsame Vorfahren hatte. Die Theologie war erschüttert, hatte demzufolge in der Evolutionsgeschichte doch selbst jeder Papst, der vicarius Christi, der Statthalter Christi, mit der Steckrübe gemeinsame Vorfahren.

Darwin wies mit seinen Forschungen dem Menschen seinen Platz unter den Säugetieren zu. Es ergeben sich dadurch neue philosophische und moralische Schlussfolgerungen.

  • Ein Mensch hat aus kosmischer Sicht die gleiche Bedeutungslosigkeit wie ein Stein, wie eine Pflanze, wie ein Tier. Hieraus folgt das Postulat  der universellen Gleichwertigkeit, aber auch der universellen Gleichnichtigkeit allen Lebens.

    So wie jeder Wassertropfen im Meer dem Anderen gleichwertig ist, so ist jedes Lebewesen dem Anderen gleichwertig. Es ist allein der Wahn des Menschen – genährt von seinen fiktiven Gottesideen – sich für etwas Höheres, Bedeutenderes, Lebenswerteres zu halten.

  • Alle unterschiedlichen Lebensformen bewegen sich in parallelen Lebenswelten, in ihren individuellen Realitäten. Es ist möglich, die nicht-eigenen Lebenswelten zu beschreiben, aber unmöglich, in ihre inneren Empfindungsstrukturen einzudringen.

  • Jedes Lebewesen nimmt die ihn umgebende Welt anders wahr; die Bakterie anders als der Fisch, die Schlange anders als der Bussard, der Hund anders als der Mensch.

    Es existieren somit zahllose, unabhängige Lebenswelten am Busch der Evolution, die alle mit dem gleichen Lebensrecht und Lebenswillen von der Natur ausgestattet wurden.

[…]

Bakterielle Demütigung

Bakterien sind bekanntermaßen Lebewesen. Sie sind zwar klein, sehr klein, aber ohne Bakterien kann menschliches Leben nicht existieren. Der menschliche Körper ist ein Vielvölkerstaat unterschiedlichster Lebensformen, ein Kosmos, dessen Biomasse der Lebensraum einer nahezu unendlichen Tiergesellschaft ist, die in– zumeist – friedlicher Symbiose und Koexistenz mit menschlichen Zellen leben.

„Der menschliche Körper besteht aus ungefähr 10 bis 100 Billionen Zellen. In und auf uns tragen wir jedoch etwa zehnmal so viele Bakterienzellen mit uns herum. Allein in unserem Darm leben nach Schätzungen von Forschern rund 100 Billionen Bakterien aus bis zu 2.000 unterschiedlichen Arten. Diese vielfältige Lebensgemeinschaft umfasst bereits zehn- bis hundertmal mehr Gene als im gesamten menschlichen Erbgut vorhanden sind. Zu den Darmbakterien kommen noch unzählige Bewohner unserer Haut und anderer Gewebe hinzu. Die Gesamtheit der Mikroorganismen, die in und auf dem menschlichen Körper leben, wird auch als Mikrobiom bezeichnet. Würde man einen Menschen mitsamt dieses Mikrobioms genetisch analysieren, wäre er nur zu etwa 10 Prozent ‚menschlich‘.“ (http://www.scinexx.de/dossier-detail-563-4.html)

Jörg Blech, der im Jahr 2000 das erste Buch über „Das Leben auf dem Menschen“ veröffentlicht hat – 2010 ist es neu aufgelegt worden –, schrieb seinerzeit: „Falls Außerirdische jemals einen Menschen treffen sollten, würden sie ihn korrekt beschreiben als Ansammlung kleiner Lebewesen, die sich auf einem großen niedergelassen haben. Etwa so: ‚Die irdische Lebensform besteht aus 988 Spinnentieren, 100 000 000 000 000 (in Worten: hundert Billionen) Bakterien,
1 Mensch, etwa 70 Amöben und manchmal bis zu 500 Madenwürmern.“ ( http://www.medizin-welt.info/aktuell/Bakterien-Report-Was-die-Mikroorganismen-fuer-unser-menschliches-Leben-bedeuten/181 ).

Es ist nach Vorgenanntem alles andere als evident, dass all das, was wir als menschlich bezeichnen, nur Resultat menschlicher Zellen ist, sondern die Wahrscheinlichkeit ist eine große, dass in das „Menschliche“ das „Bakterische“ eingedrungen und eingeflossen ist und wir Menschen das Ergebnis des Wollens einer bestens organisierten Bakteriengemeinschaft sind. Jeder erinnert sich an die markanten Sätze der Genesis (Gen1, 25-27): „Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; …“

Erste Frage:
Aber was schuf er damit, damals, mit dem „Bild, das uns gleich sei“? Was ist ihm gleich? Sind es die Mikroben mit ihrer Vielzahl von Bakterien, Amöben, Fadenwürmern und kleinsten Spinnen, unterlegt mit einigen menschlichen Zellen? Oder ist ihm nur der menschliche Zellanteil ähnlich, quasi ein Zellhaufen im Gewimmel der Bakteriengesellschaft? Ist Gott nun Mikrobe oder menschlicher Zellklumpen?

Zweite Frage:
Bekanntermaßen lehren die Catholica und ihre Schwesterreligionen, dass eine Seele allein dem Menschen zukommt, die Tiere also nach dem Tod dem Nichts verfallen. Dürfen wir daraus folgern, dass der Sitz der Seele begrenzt ist auf menschliches Zellgut, die Bakterientiere aber ins Nichts abwandern? Der Mensch sich demnach in beseelte und unbeseelte Teile splittet, in gottähnliche und nicht-ähnliche?

Dritte Frage:
Fast zweitausend Jahre lehrte die Kirche die Auferstehung des Fleisches, eine Lehre, die dem Gläubigen verhieß, zu einem unbestimmten Zeitpunkt nach seinem Tod wieder auferweckt zu werden, das Grab zu verlassen, um dann körperlich weiterexistieren zu können. Stehen von den Toten nur menschliche Zellen oder nur menschlicher Geist aus diesen Zellen auf – obwohl dieser Geist nur mit Hilfe von Bakterien entstanden ist – oder was soll nun eigentlich von den Toten auferstehen?

Vierte Frage:
Wenn sich nun ein beliebiger Mensch X zu einem ebenso beliebigen Glauben Y bekennt, wer bekennt sich da? Sind seine Bakterien auch auf den Glauben Y eingeschworen oder nur seine menschlichen Zellen? Und was passiert, wenn beispielsweise die Bakterie eines Moslems auf einen Katholiken springt, muss die dann konvertieren oder ist es den katholischen Zellen zumutbar, mit moslemischen Bakterien gemeinsam zu arbeiten? Und wendet sich die jüdische Bakterie im Katholikenkörper angewidert ab, wenn der gottesfürchtige Christ ungeschächtetes Fleisch isst? Nein, es sind keine spitzfindigen Überlegungen, sondern Gedankengänge, die dem irrealen Kosmos von Glaubensvorstellungen entsprechen.

[…]

Psychologische Kränkung

Sigmund Freud kommt der Verdienst zu, die Vernunftorientierung des Menschen, die Jahrhunderte lang durch die Philosophie vertreten wurde, relativiert zu haben und den Menschen als Triebwesen erkannt zu haben. „Der Mensch ist nichts anderes und nichts besseres als die Tiere“ schreibt er in “Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“. Er ist ein Triebwesen, ein homo natura, ein Gefühlswesen mit Ängsten, Wünschen, Begierden und Sehnsüchten, mit dem Trieb zur Arterhaltung, aber auch mit einem starken Destruktionstrieb, kaum unterscheidbar von seinen tierlichen Mitlebewesen. Man unterliege nicht der Illusion, dass der Zerstörungstrieb im modernen Menschen verschwunden oder verflacht ist. Er schläft nur unter der dünnen, sehr dünnen Decke von Moral und Gesetz, ist aber sofort hellwach, sollte es eine individuelle oder kollektive Situation erfordern. Die Geschichte der Völker und die Kriminalstatistiken der Staaten warten mit vielfältigen Beispielen auf.

Der Mensch ist demzufolge nur zum kleinen Teil rationales Verstandeswesen, zum überwiegenden Teil aber ein Wesen, das vom Unbewussten dominiert und weitgehend gesteuert wird. Treffend sagt Freud „der Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus“, ein Individuum also, dass von unbewussten Neigungen, Vorlieben und Sympathien, aber auch von inneren Konflikten und von kognitiver Dissonanz getragen und gelenkt wird. Der vermeintliche freie Wille wird zu einer Chimäre, häufiger, als rationales Denken normalerweise eingestehen mag.

Die starke Triebsteuerung des Menschen hat aber zur Folge, dass nicht alle Leidenschaften und Neigungen in einer Gesellschaft ausgelebt werden können. Die Realität verlangt Rücksicht; Gesetze, Moral und Wertvorstellungen setzen Schranken. Das Individuum reagiert mit Abwehrmechanismen, ausweichendem Verhalten und Ersatzhandlungen, mit der Flucht aus der Realität in eine Ersatzwelt. Freud definiert derartige psychische Krankheiten wie folgt:

„Die Neurose verleugnet die Realität nicht, sie will nur nichts von ihr wissen;

Die Psychose verleugnet sie und sucht sie zu ersetzen“(Der Realitätsverlust bei Neurose und Psychose).
Der Fleischesser, der um den Horror der Schlachthöfe weiß, ist damit als typischer Neurotiker entlarvt, der Jenseitsgläubige, der sich aus dem realen Leben fortlügt, als Psychotiker! Walther Ziegler (Freud) beschreibt es treffend: “Um die Tatsache des Todes nicht ständig vor Augen zu haben, flüchtet das Ich in die Religiosität und damit in eine Art kollektive Psychose. Das Ich halluziniert ein ewiges Leben nach dem Tod. Dem starken Wunsch nach Unsterblichkeit entspricht nach Freud der ebenso starke Glaube an ein jenseitiges Paradies“

Epilog

Die kopernikanische Kränkung, die biologische Kränkung, die psychologische Kränkung, die Demütigungen durch Zufall, Zeit und Mikrobiologie zerfressen das Selbstbewusstsein der Menschheit. Der Kreis schließt sich. Es sind Wahrheiten, Erkenntnisse und Schlussfolgerungen, die schwer, für die Mehrzahl der Individuen aber unverdaulich sind. Sie fühlen und spüren es, dass es ein gefürchtetes Wissen, ein verbotenes Wissen, ein vernichtendes Wissen, ein Wissen ist, dem es auszuweichen gilt, das gemieden werden muss, vor dem man fliehen sollte, will man nicht der Verzweiflung anheimfallen.

Der erkennende  Mensch schaut in den Abgrund des Nichts, der Verlassenheit und einer vielfachen totalen Isolation, wittert seine Nichtigkeit  im Eiswind des Seins und aus dem Abgrund funkeln ihm die Augen der Sinnlosigkeit, der Vergeblichkeit, der Auflösung und der Zwecklosigkeit entgegen.

Der Weg der Erkenntnis ist ein steiniger, steiler und einsamer Weg, alles andere als bequem und beruhigend, aber es ist der Weg in die Realität. Die Aufführung der Lebenslüge im göttlichen Illusionstheater ist beendet, für immer beendet, der Vorhang hat sich geschlossen, die Schauspieler schminken sich hinter der Bühne ab, derweil die Zuschauer wieder hinaus in die Welt müssen, in die nackte, klare, unverstellte Welt, in die reale Welt. Der Regisseur wünscht allen Besuchern noch einen schönen Abend und gibt ihnen ein letztes Wort mit auf den Heimweg:

Im Horizont des Unendlichen. – Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücke hinter uns – mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen! Nun, Schifflein! Sieh dich vor! Neben dir liegt der Ozean, es ist wahr, er brüllt nicht immer, und mitunter liegt er da wie Seide und Gold und Träumerei der Güte. Aber es kommen Stunden, wo du erkennen wirst, daß er unendlich ist und daß es nichts Furchtbareres gibt als Unendlichkeit. Oh des armen Vogels, der sich frei gefühlt hat und nun an die Wände dieses Käfigs stößt! Wehe, wenn das Land-Heimweh dich befällt, als ob dort mehr Freiheit gewesen wäre – und es gibt kein »Land« mehr! (Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, 124).

.

Dr. Gunter Bleibohm – Zerfall eines Wahns – Teil 2

.

Gruß Hubert

Dr. Gunter Bleibohm – Zerfall eines Wahns – Teil 1   Leave a comment

.

Gunter Bleibohm zertrümmert den Wahn und die Arroganz von der Gottesebenbildlichkeit der Anthropozentristen.

.

Der Zerfall eines Wahns

Furcht und Lüge

Furcht ist die Hintergrundstrahlung des Lebens und begleitet das Individuum durch alle Lebensphasen. Manchmal ist sie kaum spürbar, manchmal dominiert sie alles Handeln, lähmt das Denken und erzeugt tiefe Unsicherheit. Der Mensch setzt der Furcht in der Regel die Hoffnung entgegen. Hoffnung und Furcht sind  siamesische Zwillinge, die im ständigen Ringen um die tägliche Befindlichkeit ihren Kampf austragen, ständig, immer, solange bis der Lebenskampf endgültig beendet  ist.

Dem Menschen begegnet die Furcht in vielfältiger Form. Furcht entsteht in seinem Inneren, in seinen Gedanken, in seiner Lebenssituation sowie in Kontakten oder Konflikten, die an das Individuum von außen, von Staat, Gesellschaft, von Religion und Moral herangetragen werden. Sie wird gespeist aus der Gegnerschaft von subjektiver Empfindung und objektiver Realität.

In dieser permanenten Auseinandersetzung im Kampf um Selbstbehauptung, Selbstsicherheit , Selbstverwirklichung mit den Störgrößen der Realität, hat der Mensch Strategien entwickelt, den Kampf erfolgreich  – oder zumindest befriedigend – für sich zu gestalten. Ein bewährtes Mittel der Abwehr ist die Lüge. Angefangen bei der kleinen Notlüge, der Schummelei, dem Ausweichen, Vermeiden und Verleugnen bis hin zum manifesten Betrug. Furcht ist somit die Quelle, die Mutter aller Lügen.

Die Lüge – von der Schummelei bis zur gezielten Täuschung – richtet sich primär nach außen, wendet sich gegen Dritte, ist ein tägliches Instrument in Gesellschaft und Staat und bewährtes Verkaufsinstrument im ökonomischen Kontext. Aber die Lüge richtet sich auch allzu oft und gern gegen das Individuum, wird von ihm unbewusst, aber auch gezielt gegen das eigene Ich, gegen das eigene Denken eingesetzt und mündet im weitesten Sinn in Lebenslügen, in Vorstellungen, in Wunschträumen, die fern der der Realität sind, aber dem Wollen des Individuums entsprechen. Die Lebenslüge ist kongruent zur gewünschten Lebensvorstellung, jedoch fern, oftmals sehr fern der Wirklichkeit. Lebenslügen sind die Antagonisten der Realität und trotzdem ein wohltuendes Illusionstheater für die geplagte Seele und stellen eine Mixtur aus Wunsch und Wirklichkeit dar, ein Konglomerat aus Unwissenheit, Gewohnheit, aus Angst und Hoffnung.

Den wenigsten ist es gegeben, vor sich selbst und von sich selbst rückhaltlos und völlig ehrlich, ohne Beschönigung und Einschränkung zu denken. Man nimmt auf sich selbst Rücksicht, schont sich, stellt sich besser dar, als es die Wahrheit gebietet, man schönt die Realität zu eigenen Gunsten. Sapere aude – wage es Einsicht zu haben, keine Maxime wird häufiger ignoriert!

Diesem Sachverhalt liegen die Fragen zugrunde: Will ich wissen und wenn ja, wie viel will ich wissen oder warum sollte ich überhaupt wissen wollen? Friedrich Nietzsche fragte weiter, tiefer, bis zu dem entscheidenden Punkt: Wie viel Wahrheit verträgt der Mensch? Schädigt ihn sein Wissen, zerbricht er daran oder kann er daran zerbrechen, verzweifeln, den Lebensmut verlieren?  Zerstört das Wissen nicht nur Geist, sondern auch als mögliche Folge den Körper? Ist es besser, manches Wissen zurückzuhalten und stattdessen die Illusion der Wirklichkeit vorzuziehen? Ist somit manches Wissen ein verbotenes Wissen weil es schadet? „ Das erste, was durch die verbotenen Wahrheiten zu Grunde geht, ist das Individuum, das sie ausspricht“ findet man bei Nietzsche in seinen nachgelassenen Schriften.
Lebenslügen bleiben aber als Illusionsvorhang nicht nur auf das einzelne Individuum beschränkt. Lebenslügen existieren für ganze Gesellschaften, für Völker, für Zeiten, manchmal sind es nur Monate, manchmal aber Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte oder wie im Falle der christlichen Religion  zwei Jahrtausende.

Es ist der Wille zum Leben, der kräftige, starke, pure Lebenswille, auf dessen Boden die Illusion eines Jenseits, eines persönlichen Gottes, einer menschlichen Sonderstellung vor allem Lebendigen wuchs, weil dieser Wille nichts so sehr fürchtet, wie die Vernichtung, die Sinnlosigkeit und die Vergeblichkeit allen Seins und insbesondere die Zwecklosigkeit allen Lebens. Nach dem elenden Leben das Nichts, alles war umsonst, nichts bleibt, dann die völlige Vernichtung – dieser Gedanke ist für den menschlichen Normalgeist unerträglich, unverdaulich, vernichtend. Verbotenes Wissen par excellence, Geburtsstunde des Anthropozentrismus mit folgenden Kernsätzen:

  • Ich bin ein Mensch und somit das Ebenbild Gottes und nur ich als Mensch besitze eine unsterbliche Seele und kann ewiges Leben erhoffen, denn alle anderen Lebewesen verfallen dem Nichts.

  • Nur mir als Mensch ist tiefgreifende Begabung zur Vernunft gegeben und eine Würde immanent, die weit über jeder anderen Lebensform steht. Weil mir tiefe Vernunft innewohnt, kann und darf ich all meine Fähigkeiten ausleben.

  • Ich bin die Krone der Schöpfung und ihr letztendliches Ziel und weil das so ist und eine unabänderliche Tatsache darstellt, stehen mir grundlegende Rechte vor allen anderen Lebensformen zu. Insbesondere darf ich andere Lebensformen nutzen, versklaven und töten, wenn es meinem Nutzen und Wohlbefinden dient.

  • Alle Rechte, die ich mir selbst zugestanden habe wie Recht auf Leben, Freiheit, Verbot der Sklaverei , der Folter und Verbot grausamer, erniedrigender Behandlung gelten uneingeschränkt nur für mich. Mit göttlicher und staatlicher Gewissensabsolution verweigere ich diese Rechte der übrigen lebenden Kreatur.

  • Ich darf mich beliebig vervielfältigen, die Erde mit meiner Spezies überschwemmen und deshalb allen anderen Lebewesen ihre Lebensräume nehmen und zerstören.

Dieses Gedankengut, tief verwurzelt im Denken und Handeln, integraler Bestandteil von Kultur, Historie, nur modifiziert durch andere monotheistische Religionen, aber analog vertreten, war und ist die Basis der Denkrichtung, an deren Fundament die Naturwissenschaft erst zaghaft, in der Neuzeit immer heftiger, kratzte und grub. Die Nebelschwaden des Illusionstheaters lichteten sich, werden zunehmend weggeweht und enthüllen eine Szenerie der menschlichen Erbärmlichkeit. Der Mensch wurde zurückgestellt in die Bedeutungslosigkeit, in die Gewöhnlichkeit, er wurde reduziert auf eine Nichtigkeit, auf einen kaum wahrnehmbaren Hauch im Sein. Folgen wir ihm auf dem Weg seiner Kränkungen, seiner Demütigungen, seiner Erniedrigungen, folgen wir ihm auf dem Weg in die Einsamkeit, auf dem Weg in die kosmische Isolation, diesem Zufallsprodukt physikalischer Notwendigkeiten.

Erste Kränkung

Das geozentrische Weltbild, seit der Antike als Erklärung der Planetenbahnen gültig, gehörte der Geschichte an, als von Nikolaus Kopernikus, eigentlich Niklas Koppernigk,  1543 De revolutionibus orbium coelestium gedruckt und veröffentlicht wurde. Die Erde verschwand, so die Konsequenz seiner Forschung, aus dem Zentrum des Universums und wurde zu einem von mehreren Planeten degradiert, die sich um die Sonne drehten. Das heliozentrische Weltbild war geboren. Die Erde als Mittelpunkt des Universums, als Ziel und Zweck der gesamten Schöpfung interpretiert, war auf einmal nicht mehr der Mittelpunkt, sondern ein ganz banaler Planet wie Mars, Venus und die übrigen Planeten des Sonnensystems. Die Welt, insbesondere die christliche Glaubenswelt, war in ihrem Grundverständnis erschüttert. Der Schock und die Ernüchterung saßen tief, hatte sich doch die ganze Gottesmystik des Glaubens nicht  im Zentrum der bekannten Welt, sondern auf einem der neun Planeten abgespielt. Aber es war erst der Anfang der Kränkung menschlicher Hybris, der Beginn des Abstiegs vom Sockel der Überheblichkeit.

Die Wissenschaft der Astronomie, der Kosmologie und der Physik nahm Fahrt auf und lieferte in immer schnelleren Intervallen Erkenntnisse, die das Selbstbild, die Wunschillusion von Mensch und Kirche zusehends ad absurdum führten. Zu Beginn der Neuzeit stellte man auf einmal fest, dass es im Universum zahllose Sonnensysteme gab, die dem unsrigen vergleichbar oder ähnlich waren. Man erkannte, dass unser Sonnensystem eines von Milliarden anderen Sonnensystemen in einem der vielen Seitenarme der Milchstraße, unserer Heimatgalaxie, war. Die Erde war als Zentrum, als Dreh- und Angelpunkt des Universums, aus dem Zentrum des geglaubten göttlichen Willens, als Ziel und Zweck seines Wollens, an den Rand einer Galaxie verlagert, unbedeutend, marginal, kaum auffindbar. Aber es sollte schlimmer kommen.

Der Heimatgalaxie „Milchstraße“ erging es ebenso wie zuvor dem Sonnensystem, denn man begriff, dass selbst diese Galaxie eine kleine, unbedeutende Galaxie unter Milliarden anderer Galaxien war, die im Universum inzwischen beobachtbar waren. Der Planet Erde war auf ein beliebiges Staubkörnchen des Universums reduziert, winzig, bedeutungslos, einsam.

Zufälle

Parallel zu den Erkenntnissen der Kosmologie über die Größenrelation des Universums begann eine physikalische Demütigung der menschlichen Glaubenswelt, eine Demütigung des Gefühls, als Mensch die Verkörperung eines göttlichen Willens zu sein.

Als die Modelle des Urknalls, die bisher bekanntesten Vorstellungen der Weltentstehung, entwickelt wurden, musste man konstatieren, dass Materie und als Folge menschliches Sein ein Kind des Zufalls waren. Die energiereiche Strahlung des Urknalls wies eine minimale Instabilität auf, was erst zur Bildung von Materie und Antimaterie führte.  Dem ersten Zufall folgte ein zweiter. Materie und Antimaterie neutralisieren sich normalerweise. Durch eine geringfügige Verschiebung dieser Symmetrie blieb ein Teil der Materie von der Neutralisation verschont; das Weltall konnte sich in der bekannten Form entwickeln, die Existenz der Erde, des Menschen, des Lebens entstanden als  Produkt beschriebener kosmischer Zufälligkeiten.

Die nächste zufällige Konstellation war die Positionierung der Erde in einer habitablen Zone, also der Zone einer Planetenbahn, die überhaupt Lebensmöglichkeiten eröffnet. Der gutgläubige Gottesverehrer könnte  die Zufallsfolge – und wird es wohl auch tun – als gezieltes Resultat göttlichen Willens sehen, aber die Erkenntnisse des Physikers Ludwig Boltzmann entziehen diesem frommen Wunsch nachhaltig und dauerhaft den Boden. Boltzmann formulierte und bewies das Gesetz der Entropie, das vereinfacht ausdrückt, dass sich abgeschlossene Systeme von einem Zustand der Ordnung in einen Zustand der Unordnung verändern. Peter Atkins formuliert diese Erkenntnis in „Über das Sein“ folgendermaßen:

„Falls Sie tiefes Verstehen ohne Verzicht auf das Staunen, oder positiver und stärker ausgedrückt: Falls Sie die Verdopplung des Staunens durch die Vertiefung des Verstehens bevorzugen, dann sonnen Sie sich im Licht der außergewöhnlich leistungsfähigen Idee, dass alle Lebewesen in ihr kurzes Zwischenspiel des Lebens nur zufällig hineingestolpert sind. Wir sind nicht nur Sternenstaub, wir sind auch die Kinder des Chaos.
Die Ausbreitung von Materie und Energie bildet die Wurzel allen Wandels, denn Materie und Energie haben die Tendenz sich in Unordnung zu zerstreuen (Entropie, zweiter Hauptsatz der Thermodynamik:

In einem abgeschlossenen System nimmt die Entropie beständig zu.

Folgerung: Die Unordnung innerhalb des Systems wächst, die Wahrscheinlichkeit für ein Abgleiten des Systems ins Chaos steigt. Um die Entropie eines Systems zu verringern, um das Chaos zu mildern, ist immer ein Zutun nötig, ein Eingriff von außen, d.h. es muss Energie dem System zugeführt werden.)

[…]

Der entscheidende Punkt: Obwohl im Grunde jede Veränderung von planlosem Verfall angetrieben wird, stellt unsere geistige Aktivität sicher, dass unser Leben voller persönlicher Zwecke ist. Das Gefühl von Zweckhaftigkeit ist so groß, dass es eine natürliche Neigung gibt, diese Vorstellung auf kosmische Entitäten auszudehnen. Diese Ausweitung, diese Extrapolation vom Persönlichen zum Kosmischen ist falsch. In der Physik, in der Chemie, in der Biologie, im gesamten Universum gibt es keine Spur von Zwecken.“

Verlässt man den Makrokosmos und wendet sich dem anderen Extrem, dem Mikrokosmos und den Elementarteilchen, den Quanten, zu, gelangt man in eine Welt voller rätselhaften Ausprägungen, eine Welt, die vom Zufall dominiert ist. Wie Werner Heisenberg feststellte, existieren Elektronen nicht ständig sondern nur, wenn sie mit etwas anderem in Wechselwirkung treten. „Mit einer berechenbaren Wahrscheinlichkeit materialisieren sie sich an einem Ort, wenn sie mit etwas zusammenstoßen. Die Quantensprünge von einer Umlaufbahn zur anderen sind ihre einzige Form von Realität.“ (Carlo Rovelli, Sieben kurze Lektionen über Physik) Dies bedeutet, dass die Sprünge sich nicht in vorhersehbarer Weise, sondern weitgehend zufällig ereignen und das einzige, was man vorhersagen und berechnen kann, ist eine Wahrscheinlichkeit für das Geschehen.

Der Mensch, der an Kausalitäten, an berechenbare Ursache- Wirkung-Beziehungen gewöhnt ist, muss konstatieren, dass die kleinsten Bausteine der Materie ausschließlich dem Zufall gehorchen. Diese Tatsache konterkariert jede Annahme einer Planung, eines zielgerichteten Wollens, das auf ein göttliches Wesen zurückzuführen ist. Alles Organische, jede Materie, ist auf Quantenebene ein Zufallsprodukt, was bedeutet, dass es wie ein Nebelfetzen durch das Sein schwebt, sich bildet, sich verändert, sich auflöst und irgendwo neu bildet. Die Wirklichkeit wird virtuell, verliert ihre Konstanz, Wirklichkeit ist eine temporäre und situative Wahrscheinlichkeit. Und da die Wirklichkeit nur eine Wahrscheinlichkeit ist, kann auch die Wahrheit nur eine Wahrscheinlichkeit sein, deren Gehalt von der Perspektive abhängt. Die Realität verschwimmt zu einer Chimäre, einem kaum fassbaren Aufflackern im Sein.

.

Dr. Gunter Bleibohm – Zerfall eines Wahns – Teil 1

.

Gruß Hubert

Dr. Gunter Bleibohm: Die Frage des Warum   Leave a comment

.

Rebloggt von Tierfreund und Religionskritiker Wolfgang.

wolodja51.wordpress.com

 

.

Die Frage des Warum

Das Universum entstand vor ca. 13, 7 Milliarden Jahren.

Ein Schöpfergott müsste demnach vor der Entstehung des Universums existiert haben. Wie lange vorher bleibt im unbekannten Bereich, ebenso sein Beweggrund, überhaupt ein Universum zu kreieren. War es Langeweile, war er woanders – ein Multiversum unterstellt – tätig, war es Experimentierfreude oder nur ein Zufallsergebnis? Wäre Gott überhaupt für den Menschen erkennbar, denn wenn ein Gott existiert, ist er für den Menschen auf Grund seiner dreidimensionalen Begrenztheit unerkennbar, denn wer die dritte Dimension – und die Kosmologie kennt höhere Dimensionen – schafft, muss mindestens einer höheren, dem Menschen unzugänglichen Dimension, angehören.

Ignoramus, ignorabimus – wir wissen es nicht und werden es nicht wissen!

Tatsache hingegen ist, dass er – si esset – 9 Milliarden Jahre sich mit einem unbelebten Weltall zufrieden gab, bis ihm dann vor ca. 4,7 Milliarden Jahren die Idee kam, im Seitenarm einer unbedeutenden Galaxie ein winziges Weltraumpartikel – „Erde“ später genannt – zu schaffen, um dort das fatale Experiment des Lebens durchzuführen.

Auch hier bleiben die gleichen Fragen wie zuvor, denn wozu waren 9 Milliarden Jahre Pause erforderlich? Und anschließend vergingen nochmal weitere 4,7 Milliarden Jahre, bis er ausgerechnet diesen Miniplaneten zur Offenlegung seiner eigenen Existenz durch zahllose, sich widersprechende Propheten und als Erscheinungsort seines Sohnes als Erlöser der Menschheit erwählte? Aber warum muss der Mensch überhaupt erlöst werden, von was erlöst und wenn Erlösung aus göttlicher Sicht erforderlich ist, warum wurde der Mensch nicht gleich erlöst konzipiert?

Kaum vorstellbar, kaum glaublich! Bereits Kaiser Friedrich II hatte diese Chimäre durchschaut, denn Papst Gregor IX warf ihm in einem Schreiben vom 21.5.1239 vor, Friedrich II solle gesagt haben: „… von drei Schwindlern, nämlich Jesus Christus, Moses und Mohammed sei die ganze Welt betrogen worden.“

Überträgt man die eigentümliche Offenbarung der Gottesexistenz ins Universelle, ergibt sich nachstehender Fragenkomplex:

Angenommen, dass es außerhalb der Erde weitere Planeten gibt, auf denen unserer Welt vergleichbares Leben und Lebensformen existieren, hat dorthin Gott auch seinen Sohn als Erlöser geschickt? Gibt es dann mehrere Erlöser im Universum und wenn ja, sind es immer die gleichen oder ist es jedes Mal ein anderer Sohn?

Reduziert man die Gottesmöglichkeit auf die Gegebenheiten der Erde, drängt sich die Überlegung auf, warum alle Spezies – außer dem Menschen – in Unkenntnis von der Gottesexistenz gelassen wurde. Bei keinem Tier, von der Bakterie bis zum Spatz, vom Hering bis zur Qualle ist das Vorhandensein einer Gottesexistenz zu beobachten, allerdings auch nicht das Bedürfnis danach. Wenn es Gott gibt, warum verbirgt er sich dann vor der Majorität seiner Wesen in der Anonymität, lässt sie nicht teilhaben an seinem Wissen, seiner Zuwendung? Oder weiter gefragt, ist das überhaupt ein liebender, ein mitfühlender, ein vernünftiger Gott, der seine Spezies nur erschafft, damit sie sich zum Überleben gegenseitig auffressen müssen und eine Spezies – den Menschen – allen anderen Wesen überordnet?

Veröffentlicht 27. April 2020 von hubert wenzl in Religionskritik, Uncategorized

Getaggt mit

Dr. Gunter Bleibohm: Klarstellungen aus der Gegensicht   Leave a comment

.

Das sind ausgezeichnete und stringente Gedankengänge von Dr. G. Bleibohm.

Rebloggt von Tierfreund und Religionskritiker Wolfgang.

.

xcolzxqj8tf

.

Ausgewählte Gedanken zur Fragwürdigkeit der Gottesidee

Das Nichts und das Sein

Wurde das auseinanderdriftende Universum im endlosen Raum und in der endlosen Zeit von einem Schöpfer gemacht? Bejaht man diese Annahme, folgt umgehend die Frage: Wer hat dann aber Gott gemacht? Er sich selbst?

Diese Annahme würde aber die Aufhebung des Kausalitätsgesetzes, das Ende von Ursache und Wirkung, nach sich ziehen.

Hat er sich selbst erschaffen, aus dem Nichts als Seiendes manifestiert, so ist die Hypothese naheliegend, Gott und das Nichts sind identisch, beides sind Synonyme und beide Zustände sind gleichzeitig möglich. Diese Frage ist mit dem Gedankenexperiment von Schrödingers Katze identisch, die im gleichen Zeitpunkt sowohl tot als auch lebendig sein kann und in der Physik als quantenmechanische Superposition bekannt ist.

Damit reduziert sich die Gottesidee aber zu einem Problem der Quantenphysik, die hierfür alle erforderlichen Lösungsansätze bereit hält.

Permanente Schöpfung

Gott hat die Welt und das Universum geschaffen – lautet schlagwortartig eine Erkenntnis/Behauptung der Monotheisten und ist als statisches Bild in den „Heiligen Schriften“ verankert.

Das Universum hingegen unterliegt einer ungeheuren Dynamik, einem stetigen Wandel. Es ist der Raum selbst, der sich ausdehnt, die Galaxien werden mit wachsender Fluchtgeschwindigkeit mitbewegt. Neue Galaxien mit zahllosen Sternen entstehen ständig in den Tiefen des Universums und andere vergehen wieder.

Hieraus resultiert die Frage, ob – die Existenz Gottes angenommen – Gott an diesen Stellen noch am „Erschaffen, Umbauen, Zerstören anderer Welten“ ist oder war die Schöpfung für ihn mit dem desolaten Ergebnis, das er mit und auf unserem Heimatplaneten angerichtet hat, als Versuch gescheitert, die Schöpfung der Erde ein einmaliger Akt und für ihn dann ein für alle Mal erledigt? Hat er dann weitere „Schöpfungen“ den Gesetzen der Physik überlassen? Oder einem nachgeordneten Demiurgen? Oder war der gepriesene Weltenschöpfer selbst nur ein Unter-Demiurg? Wer aber war dann der Haupt-demiurg?

Traktat über die drei Betrüger   1 comment

.

Dieser Traktat ist von einem französischen unbekannten Autor.

Traktat über die drei Betrüger

Traité des trois imposteurs

Die legendäre Abhandlung über die drei Betrüger (Moses, Jesus und Mohammed) zählt zu den herausragenden Schlüsseltexten der französischen Aufklärung. Die Schrift markiert den Übergang von der rationalen Religionskritik zum konsequenten Atheismus in der Philosophie der Neuzeit und war z.B. auch für de Sade ein wichtiger Ausgangspunkt.

Es gibt weder Gott noch das Jenseits, weder Freiheit noch Verantwortung – sondern der Mensch ist sterblich und Teil der Natur. So lautet die radikale, den Standpunkt der Deisten überbietende Botschaft des gegen Ende des 17. Jahrhunderts entstandenen „Traité des trois imposteurs“, der die Lehren von Moses, Jesus und Mohammed als Lug und Trug zurückweist.

Die legendenumwobene Schrift fand im 18. Jhd. (zunächst in einer Vielzahl von Abschriften, ab 1768 im Druck) große Verbreitung. Sie gilt sodann als Schlüsseldokument für die Anfänge und das Programm des strikt materialistischen Flügels der französischen Aufklärung: bereits 50 Jahre vor d’Holbach bot der „Traité“ den Aufriß für dessen „Système de la nature“, und war später für den Marquis de Sade der Ausgangspunkt für die radikale Desavouierung des Begriffs der Moral.

Der unbekannte Verfasser des „Traité“ begriff sich nicht als Autor, sondern als Vermittler: sein Text stützt sich auf Anleihen bei Hobbes, Spinoza und Vanini, d.h. auf Paraphrasen und Umdeutungen in aufklärerischem Pathos. Der Band präsentiert den Text in kritischer Edition (nach der Ausgabe von 1768) mit deutscher Übersetzung; Einleitung und kommentierende Anmerkungen des Herausgebers erhellen die Aspekte der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Schrift und geben Nachweise über die zugrundeliegenden Quellen.

Traktat über die drei Betrüger

.

Leseprobe

„Wer die Wahrheit liebt, muss sich von ihnen fernhalten.“

Rezension vom 26. Oktober 2017

Es war in einer Zeit als die Kirche mächtig war und alles kontrollierte: im 17. Jh. entstand dieses Werk als wichtige Vorstufe bzw. Grundlage der Aufklärung. Alleine die Entwicklung dieser Gedanken bzw. wer möglicherweise bei der Abfassung des Traktates wider die Betrüger Moses, Jesus und Mohammed beteiligt war, liest sich spannend und weist genau in dunkle Zeiten, in denen Gedanken kontrolliert und nicht offen geäußert werden konnten. Warum entstand die Aufklärung in Europa und nicht im Nahen Osten, warum begannen hier Menschen nachzudenken und nicht mehr das nachzubeten was man ihnen vorkaute? Schwer zu sagen, aber es begann u.a. mit diesen in Paragrafen verfassten Seiten. Wir lesen im § 2 z.B.:

„Der Erfolg der Verfechter dieser Absurditäten (der Religionen) ist so groß, dass es gefährlich ist, sie zu bekämpfen. Diese Betrüger haben ein großes Interesse an der Unwissenheit des Volkes, als dass sie hinnehmen könnten, dass man ihnen die Augen öffnet.“

Der Schrei nach Vernunft und einem würdigen Leben abseits von Aberglauben – nichts andere seien die monotheistischen Lehren – ist ein neues Licht, das im 17. Jh. auftaucht und die Widersprüche der Religionen offen legt. Wenn Menschen Dinge nicht verstehen, neigen sie dazu, mystische Antworten zu geben, um sich zu beruhigen, nichts anderes sieht man in den Hirngespinsten, die Religionen bedienen und damit das Volk klein bzw. als Sklaven halten.

Ein gigantischer Narzissmus atmet durch alle Religionen im Hinblick auf die Selbstbezüglichkeit: die Natur sei für den Menschen erschaffen, er die Krone der Schöpfung.

Vor den Religionen gab es nur die Pflicht zum Gehorsam gegenüber den natürlichen Gesetzen, lesen wir, d.h. zur Übereinstimmung mit der rechten Vernunft. Man lebte friedlicher und kannte die Furcht gegenüber eifersüchtigen Göttern nicht, monotheistische Religionen begannen das Leben zu vergiften und zu verstümmeln. Wir lesen auf Seite 111: „Die Erscheinungen Gottes und seine Unterredungen mit Moses und Mohammed sind ebenso wie die göttliche Herkunft Jesu die größten Betrügereien, die je verbreitet wurden. Wer die Wahrheit liebt, muss sich von ihnen fernhalten.“

Ein erhellendes Buch, das gläubigen Menschen nicht gefallen dürfte, Gedanken der Vernunft und der Natur fließen – um Gott abzulehnen braucht es nicht allzuviel Verstand! Die Sätze klingen logisch und erfrischend human, sie lösen uns von Verstrickungen falscher Vorstellungen von Himmel oder Hölle oder auch Descartes, der auf das Schönste auf die Hörner genommen und weit weg geworfen wird. Religionen hatten nach Ansicht der Verfasser nur einen Zweck: Menschen klein zu machen, sie in die Pflicht zu nehmen, um sie besser ausbeuten zu können.

In der gleichen Zeit entstand dieses Werk: Das Testament des Abbé Meslier: Die Grundschrift der modernen Religionskritik – ein ebenso scharfes, unversöhnliches Traktat der Religionskritik.

Amazon:
Bot Check

.

Hier noch das Vorwort des Herausgebers des oben genannten Werkes:

Das Testament des Abbé Meslier: Die Grundschrift der modernen Religionskritik

.

Die weltweiten Aufwallungen des Religiösen treffen auf eine besorgniserregende Selbstvergessenheit in weiten Teilen des spätmodernen Kulturbetriebs, der zunehmend seine säkular-humanistischen Wurzeln verrät und missachtet. Verführt durch den pompös inszenierten Medienkatholizismus und als Kontrast zur Marktanbetung im Wirtschaftsteil lesen sich die postmodern verbildeten Feuilletons mittlerweile wie eine Ansammlung von Bewerbungsschreiben für kirchliche Huldigungsblätter.

In Form der gewalttätigen Kollision zwischen dem fundamentalistisch inspirierten US-Kapitalismus und der islamistisch entzündeten muslimischen Herrschaftskultur erleben wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor allem aber erneut eine weltpolitisch bestimmende Konfrontation zwischen religiös ausgerichteten Herrschaftsträgern und -aspiranten.

Zunehmend wird deutlicher, dass religiöse Glaubensformen nach wie vor als desorientierende Bedeutungssysteme wirken, die menschliche Widerspruchs- und Krisenerfahrungen in eine regressive, reaktionäre und selbstzerstörerische Richtung lenken.

Vor diesem Hintergrund ist der Nachlasstext von Jean Meslier, der mit dieser Neuveröffentlichung nun wieder in deutscher Sprache zugänglich gemacht wird, keinesfalls ‚nur‘ von rein geistesgeschichtlichem Interesse, sondern von brennender Tagesaktualität.

Mesliers „Testament“ zeichnet sich dadurch aus, dass hier zum ersten Mal in umfassender und systematischer Weise radikale Herrschaftskritik und radikale Religionskritik eine ‚organische‘ Verbindung eingehen. Im Grunde beginnt mit dieser kritischen Offenlegung religiöser und gesellschaftlicher Herrschaftssynthese der ‚eigentliche‘ sozial- und subjektemanzipatorische ‚Diskurs der Moderne‘.

.
Quelle: Amazon.de

.

Gruß Hubert

 

Die Kirche muss sich ihren Problemen stellen, sonst ändert sich nichts!   Leave a comment

.

Die Kirche muss sich ihren Problemen stellen, sonst ändert sich nichts! | heute-show vom 01.03.2019

.

 

 

Veröffentlicht 31. Dezember 2019 von hubert wenzl in Musik, Religionskritik, Uncategorized

Getaggt mit

Päpste des Verderbens   Leave a comment

.

Wenn von manchen Religioten gesagt wird, dass es die Kirche auch wegen der Moral braucht, denen kann man nur einen Spiegel vorhalten und zeigen wie es viele Päpste mit der Moral hielten. Verderblicher geht es nicht.

Aus dem Spiegel

„Beweis höchsten Verderbens“

Päpste fast aller Jahrhunderte predigten geschlechtliche Enthaltsamkeit und hielten sie selber nicht. Das belegt mit zum Teil unbekanntem Material der Kirchenhistoriker Deschner in einem neuen Buch.
Sie priesen die Keuschheit und koitierten wie jedermann. Ihren Geistlichen verboten sie die Frauen und hielten sich selber Maitressen. Sie ließen Ehebrecher töten, aber begatteten Verheiratete.“

Zu solch hartem Urteil über nicht wenige Päpste kommt der im fränkischen Haßfurt lebende Literatur- und Kirchenhistoriker Karlheinz Deschner in einer „Sexualgeschichte des Christentums“, die in wenigen Tagen erscheinen soll und neue Details über das mißliche Verhältnis der katholischen Hierarchie zur Sexualität enthält**.
An zahlreichen Beispielen aus der Kirchengeschichte demonstriert Deschner unter anderem, daß vor allem manche Päpste zwischen dem 9. und 17. Jahrhundert einen bemerkenswerten Trend zur freien Liebe zeigten.

So lebte Bonifaz VI. (896) schon als einfacher Priester dermaßen ausschweifend, daß ihn Papst Johannes VIII. (872 bis 882) zeitweilig suspendierte. Papst Sergius III. (904 bis 911) zeugte mit seiner Mätresse Marozia (verheiratet war sie unter anderem mit dem Herzog Alberich von Spoleto) den späteren Papst Johannes XI. (931 bis 935). Und Papst Johannes X. (914 bis 928) wäre ohne die Hilfe seiner mächtigen Geliebten Theodora, Markgräfin von Tuszien, nie auf den Papstthron gekommen.

Zur dunkelsten Figur des „dunklen“ zehnten Jahrhunderts, so referiert Deschner die historischen Quellen, entwickelte sich Papst Johannes XII. (955 bis 964). Bereits mit 18 Jahren oberster Hirte, verwandelte er den Lateran (Roms damaligen Papstpalast) in ein Privatbordell. Er schlief gar mit seinen eigenen Schwestern. Und während immer mehr Synodenbeschlüsse (wie der von Augsburg im Jahre 952) die Geistlichen zur Ehelosigkeit verpflichteten, verführte der Papst Rompilgerinnen.
Ähnlich schrankenlos gaben sich die Päpste erst wieder im 15. und 16. Jahrhundert. Daß damals Päpste Söhne und Töchter zeugten und protegierten, galt als normal. Aber auch anderes fiel kaum auf, so etwa, daß Papst Sixtus IV. (1471 bis 1484) in Rom ein Bordell erbaute und daraus 20 000 Dukaten bezog. Den Bau von Sankt Peter finanzierte der damalige Franziskanermönch und Förderer des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis Mariens wahrscheinlich teilweise mit Geldern von Prostituierten. Vom Stundenlohn römischer Dirnen profitierte auch Papst Clemens VII. (1523 bis 1534), der kurz nach seiner Papstwahl Steuern von Prostituierten zum Bau des Konvents Santa Maria della Penitenza verlangte.

Papst Innozenz VIII. (1484 bis 1492) dagegen wandte seine Aufmerksamkeit vor allem den Frauen im eigenen Haus zu. Seinen Kindern bereitete er im Papstpalast glänzende Hochzeiten.

Sein Nachfolger Alexander VI. (1492 bis 1503) soll sich sogar in seine Tochter Lukrezia verliebt haben; er feierte im Jahr 1500 mit 50 Huren eine Orgie, von der man in Rom noch lange sprach. Seine Maitresse Julia Farnese ließ er als Muttergottes portraitieren, sich zu ihren Füßen. Alexander-Nachfolger Julius II. (1503 bis 1513), ehemaliger Franziskaner und Vater von drei Töchtern, hatte die Syphilis.

Selbst bis ins 19. Jahrhundert hinein lebten die Päpste vermutlich weniger abstinent, als man bisher annahm. Zwar schirmte die Kirche das Intimleben ihrer Oberhäupter in den beiden letzten Jahrhunderten hermetisch ab und hält das historische Material unter strengem Verschluß. Kirchenhistoriker stießen jedoch — unabhängig von Deschner unlängst bei Forschungsarbeiten in Rom auf einige Hinweise. Demzufolge soll beispielsweise Papst Pius IX. (1846 bis 1878), dem die römische Kirche die Dogmen von der Unbefleckten Empfängnis Mariens und von der Unfehlbarkeit des Papstes verdankt, Vater mehrerer Kinder gewesen sein. Und von Papst Leo XIII. (1878 bis 1903), der mit seiner Sozialenzyklika „Rerum novarum“ als erster Papst zur Arbeiterfrage Stellung nahm, vermuten Historiker, daß er von seinem Posten als Nuntius in Brüssel abberufen wurde, weil er ein Verhältnis hatte.

Doch solch ein Leben nach Lust und Laune genehmigten die Päpste ungern ihrem Klerus. Schon Papst Siricius (384 bis 399) wie auch viele andere Päpste befahlen, beim Beischlaf ertappte Mönche und Nonnen ins Gefängnis zu werfen.

Andere Päpste drängten den Klerus, wenigstens nach außen den Schein eines enthaltsamen Lebens zu wahren. So empfand es Papst Benedikt VIII. (1012 bis 1024) als „Beweis höchsten Verderbens“, daß die Kleriker nicht heimlich, sondern öffentlich Unzucht trieben. Und um dem Zölibat ein Stück näher zu kommen, erklärte der päpstliche Legat Kardinal Lorenzo Campeggio 1524 in Straßburg, es sei für Priester eine weit größere Sünde, wenn sie Ehemänner würden, als wenn sie Dirnen im Hause hielten. Papst Innozenz VIII. zweifelte denn auch nicht daran, daß in Rom fast jeder Kleriker seine Konkubine oder Prostituierte habe. Ähnliches bestätigte das Konzil von Trient (1545 bis 1563). Es verordnete wegen des ausgedehnten Liebeslebens in den Klöstern, daß selbst ein Bischof ein Kloster nur noch in Begleitung eines älteren Klerikers betreten dürfe.

Für die sozialen Probleme, die mit dem heimlichen Liebesleben in Klerus und Kloster entstanden, interessierte sich Papst Innozenz allerdings genauso wenig wie alle seine Vorgänger und Nachfolger. Während nämlich die Päpste und Bischöfe ihre Kinder ungestört großziehen konnten, blieb den von Mönchen geschwängerten Nonnen und nach Einführung des Zwangszölibats den von Klerikern geschwängerten Konkubinen häufig nur Abtreibung oder Kindstötung übrig.

Berichten über das Frühmittelalter zufolge fand man in einem römischen Klosterteich eine erhebliche Anzahl von Kinderschädeln. Und als zur Zeit der Reformation viele Klöster auf gehoben wurden, entdeckte man Kinderknochen und Kinderskelette in Gräbern, Sickergruben und in geheimen Klosterverstecken, so etwa im Stralsunder Birgitten-Kloster.
Deschner-Frage: „Gewissenskonflikte, -Not kümmert das die Päpste?“

.

Siehe auch:

https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/41652119

 

Päpste des Verderbens

.

Gruß Hubert