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Ich bedaure nichts, ich rufe nicht …   Leave a comment

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Der russische Dichter Sergej Jessenin gefällt mir sehr, der passt irgendwie zu mir.

Sergei Alexandrowitsch Jessenin
wurde am 21. September 1895 in Konstantinowo, Gouvernement Rjasan in Russland geboren.
Er starb am 28. Dezember 1925 In Leningrad (Suizid).
Unter den Lyrikern Russlands gilt er noch heute als einer der größten.

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Ich bedaure nichts, ich rufe nicht …

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Ich bedaure nichts, ich rufe nicht und klage,
Alles geht wie auch der weißen Blüten Dunst.
Wenn das Gold des Abschieds ich heut trage,
hab verloren ich der Jugend Gunst.

Deine Schläge früher kraftvoll klangen,
liebes Herz, in Kälte nun erstarrt!
Doch dies Land, von Birkenflor umfangen,
nie mehr meiner bloßen Füße harrt.

Wanderlust, ich hab‘ dich nicht gefunden!
Wo ist nur der Jugend Leidenschaft?
Meine Frische lang schon ist geschwunden,
wie des Auges Feuer und des Fühlens Kraft.

So bescheiden meine Wünsche heute!
Und mein Leben? Träumte ich dich nur?
Laut und jagend ich durch meinen Frühling reite,
auf dem Rosen-Ross verlor die Spur.

Alle sind wir Gast in diesem Leben.
Stille fließt wie schwerer Honig übers Laub.
Dank sei dir, uns nun anheim gegeben,
um zu blüh’n, zu sinken in den Staub.


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Abend seine schwarzen Brauen senkte

Abend seine schwarzen Brauen senkte.
Fremde Pferde stehen vor der Tür.
War’s gestern, als die Jugend ich ertränkte?
Schwand auch gestern die Liebe zu dir?

Ach, verspätete Troika du, schnaub‘ nicht!
So spurlos unser Leben verrann.
Und vielleicht bin schon morgen todkrank ich,
dass für immer ich Ruhe hab‘ dann.

Vielleicht morgen, so ganz ohne Träume,
ohne Ziel geh‘ ich fort von hier und
lausch‘ den Liedern des Regens, der Bäume,
werd‘ an Leib und Seele gesund.

Werd‘ die finsteren Mächte vergessen,
die zerstörend peinigten mich.
Deinen Liebreiz, den ich besessen,
werd‘ ich immer bewahren für mich.

Auch wenn dann eine and’re ich liebe,
werd‘ erzählen ich ihr nur von dir,
erzählen von dir, meine Liebe,
die einst alles bedeutete mir.

Werd‘ erzählen von uns’rem Leben,
von Vergang’nem noch ganz unberührt…
Wohin, du mein Sinn, so verwegen,
ach, wohin nur hast du mich geführt?

http://www.gratis-webserver.de/mable/4.html

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Есенин, Отговорила роща… / Esenin, Golden Grove (subs by V. Chetin)

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Н. КАДЫШЕВА “ ОТГОВОРИЛА РОЩА ЗОЛОТАЯ“

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Gruß Hubert

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Veröffentlicht 30. Oktober 2017 von hubwen in Lyrik, Musik, Uncategorized

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Songtexte von Mylène Farmer   Leave a comment

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A quoi je sers • Zu was bin ich nutz/diene ich

Lebender Staub

ich suche vergeblich nach der/meiner Milchstraße
in meinem Aufruhr, fand ich ein Mausoleum
und mein Geist wanderte
ich habe Angst vor dem Vakuum
ich drehe Seiten
aber … leere Seiten

Staub wandert, konnte mich nicht führen
jede Stunde frage ich mich, was mich einholt
und mein Geist wandert
ich habe Angst vor dem Vakuum
warum diese Tränen
sag … warum leben …

Ach mein Gott, wie ich aussehe
wozu bin ich nutze
und wer in dieser Hölle kann sagen (1)
was man von uns erwartet, ich gestehe
Und ich weiß nicht, wem ich diene
wahrscheinlich nichts
jetzt kann ich (alles ver) schweigen
wenn alles Grauen wird

Brennender Staub, war das Fieber in mir
ich lachte ohne Gelächter, ich sah, ich weiß nichts
und mein Geist wandert
uch habe Angst vor dem Vakuum
uch drehe Seiten
aber … leere Seiten

Ach mein Gott, wie ich aussehe
wozu bin ich nutze
und wer in dieser Hölle kann sagen
was man von uns erwartet, ich gestehe
Und ich weiß nicht, wem ich diene
wahrscheinlich nichts
jetzt kann ich (alles ver) schweigen
wenn alles Grauen wird

————–

Die schwarze Witwe oder wer in dieser Hölle weiß

La veuve noire

Die schwarze Witwe

Dieses schwarze Witwe
hast du geliebt
Liebe mit einer schlechten Nacht im Mai
dieses schwarze Dame
die Zeit ist gekommen
du wirst heute Nacht untergehen, Mai

Dieses schwarze Leinwand
es ist dein Leichentuch
du ruhst an diesem Abend im Mai
als die Spinne in einer Nacht
eines langen Kuss
deine Hoffnungen berauschte
zu spät…

Übersetzung von Stefan

http://myleneonline.de/info/ubersetzungen/non-album-tracks/#ostdi

 

Moderne Kontaktanzeigen

I
Liebe mich im Gras und nackt!
Wenn nach dem Geschlechterakt
Laut der Geigerzähler knackt –
Hatten wir Naturkontakt.

II
Nimm mich, Fremder, bloß und fest!
Wenn Dich dann der Gummitest
Positiver denken läßt –
Küss und nimm den Samenrest.

Die Vorstellung eines vom Himmel fallenden Kreuzes gibt wohl die Meinung vieler sexuell sehr konservativ eingestellter Menschen wieder, die AIDS für Gottes Antwort auf die Promiskuität der ach so aufgeklärten „Sünder” halten. So würde dann Gott, im Video provokativ körperlich, als Person und über den Wolken sitzend dargestellt, endlich dafür sorgen, daß die einzig richtige Auslegung seines Heiligen Wortes, die natürlich die Moralisten noch besser als Er selber kennen, sichergestellt wird. Zwar kann Gott nicht verhindern, daß sich die Menschen weiterhin hemmungslos ihren Vergnügungen miteinander im Bett hingeben (wieso kann er das eigentlich nicht? Ist er nicht allmächtig?), aber er kann jedenfalls dafür sorgen, daß der unbedachte Sex nicht ohne Folgen bleibt. Je mehr Vertrauen man völlig Fremden entgegenbringt und je tiefer man sich auf sie einläßt (so oder so), je mehr man also seinen Nächsten liebt, desto gefährlicher ist diese Liebe, geradezu vergiftet („Amour poison”). Also würde Gott, in der Logik dieser selbsternannten Moralwächter, den Menschen, die ihre Nächsten lieben, eine Krankheit auf den Hals gehetzt haben… Das alte Gebot Gottes müßte also etwas erweitert werden: „Liebe Deinen Nächsten, klar, Mensch, hau ’rein, aber wenn Du nicht daran verrecken willst, dann laß Dir schwarz auf weiß einen AIDS-Test vorlegen, der nicht älter als ein paar Stunden ist… Oder, mach’s Dir doch einfach, Mensch, bleib einfach immer nur einem treu, wenn es schon sein muß. Geht doch nichts über Einehe, lebenslänglich, was?!”

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http://www.mylene-farmer.de/kommenta/sonstige_lieder_kom/qmcl_kommentare/qmcl_kommentar.htm

Que mon cœur lâche
Da bleibt mir doch gleich das Herz stehen

Ganz schön/allzu heftig/brutal
Das Amalgam/die Mischung/das Durcheinander
Der Körpertanz/der Tanz der Körper
Die tödliche Liebe/die Liebe zu Tode

Liebe Gift/Giftige Liebe
Kollision/Aufeinanderprall/Zusammenstoß
Die Angst stürzt/legt sich/prasselt nieder
Auf unser Herumtoben/-tollen

Du unter/zwischen uns
Kautschuk/Gummi
Du führst Dich behutsam/dringst unauffällig/schmeichelst Dich ein
In unsere Leidenschaften/Lieben/Zuneigungen

Das ist nicht leicht/einfach
Das Vergnügen/die Freude/Lust/der Spaß
Zähmen/sich gewöhnen an
Deinen vereisten/eisigen/gefühlskalten/polierten Körper

Mein Herz setzt aus
Meine Träume von exzentrischer Liebe
Haben nicht mehr ihren Straß
Mein Liebesstreß ist so traurig
Mein Herz setzt aus
Aber tu mir weh
Mißbrauche Fesseln und Lilien (Wonnen)*
Die Zeiten sind schlaff
Die Liebe hat Schmerzen
Es sind die Zeiten der Plastik-Liebe

Welch böser Engel/Teufel
Gerät auf Abwege
Um zu kreuzigen/martern/peinigen/quälen
Meine Freiheiten

Ich armer Schlucker/Teufel
Ich bin so krank/fühl mich so schlecht
Taumel/Schwindel der Liebe,
Verletzter/wundgeriebener/gekränkter Liebe


Übersetzung: Peter Marwitz & Michael Kuyumcu

Und jetzt noch etwas was für mich geil ist.

geil sind (wären) für mich nur noch solche dinge…die fahrt geht erst bei 1:30 Minuten los… der sound am anfang dauert schon lange…

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Lamborghini Huracán Ride – Start, Rev & Acceleration on Autobahn

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Mylène Farmer, Sting – Stolen Car

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Gruß Hubert

Veröffentlicht 21. Oktober 2017 von hubwen in Lyrik, Musik, Uncategorized

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Ganz in weiß die Birke   Leave a comment

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Die Birke – vom russischen Dichter Sergej Jessenin

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gruss hubert

Veröffentlicht 27. Dezember 2016 von hubwen in Lyrik, Musik

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Du hast Angst   Leave a comment

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Angst_Gedicht

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Header image by David Ruiz

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Ich habe Angst.
Jeden Tag. Jede Stunde.
(Du bist nicht der Einzige)
Manchmal kann ich sagen, wovor ich Angst habe.
(Du bist nicht der Einzige)
– Armut, Arbeit, Arbeitslosigkeit, Polizei, Abstieg, Einsamkeit, Auschluss,
Hässlichkeit, Krankheit, Schuld, Versagen –
(Du bist nicht der Einzige)
aber die Wahrheit ist,
dass es egal ist, wovor ich Angst habe.
Das eine Ungeheuer ist so gut wie das Andere.
Und alle sind alte Schatten.
Das neue
(Du bist nicht der Einzige)
ist die Gotthaftigkeit der Angst,
die überall ist,
weil ich stets sichtbar bin,
die alles weiß
und mein Handeln schon vorweg nimmt,
die meine Welt erschafft,
als eine nicht enden wollende Prüfung,
(Du bist nicht der Einzige)
der ich allein gegenüber stehe.
Und dies ist die Welt der Angst:

Die Enge der weiten Orte.
Darin die Abwesenheit eines Endes.

Die unsichtbaren Fäuste und zerrenden Griffe.
Darin der Zwang geleugneter Gewalt.

Die Augen der Anderen.
In denen man Selbst sein muss.
(Ich schließe die Augen um zu sehen)

Die Bilder des Sollens.
Bestialische Titanen, sie flüstern unablässig.
(Ängstliche, hörst du sie nicht?)

Die Maschinen der Verwaltung.
Darin die strafenden Regeln.
(Beurteilter, dein Urteil ist das Urteil der Regeln)

Der Teppich der Verantwortung.
Darin die Geisel aus Scham und Schuld.
Kein Meter Boden, das er nicht bedeckte.
(Wandernde, er wächst aus deinen Füßen)
Wer hat ihn dort hinein gepflanzt?

Meine Füße sind zerschnitten
(Unter dem Teppich stehen Messer)
vom langen Pilgergang
– nur noch einen Schritt –
(Stolpernder, ewig kann nicht Winter sein)
bei jedem Schritt
– So denken Erfolgreiche: sieh niemals auf deine Füße –
Es ist kein Wandern,
kein Pilgern,
kein Suchen,
(Du bist nicht der Einzige)
kein Werden,
ein Fortschreiten

„Sieh nach Vorne!“
– Dort laufen die Besseren, hole sie ein!

„Sieh nach Hinten!“
– Das Pack ist nahe, es greift schon nach dir!

„Sieh zur Seite!“
– Abgefallene am Straßenrand, von Lumpen umarmt, nach Ekel stinkend.

Entlassen in die Freiheit des Marktes
(Du bist nicht der Einzige)
ist die harte Hand des Herrschers
(Ich sehe keine Schwerter)
ein Gespenst geworden
– Dies ist das Geheimnis:
Das Gespenst hat zwei Seiten
Besessenheit und Poltergeist –

Es ist ein Atmen,
in mir und außerhalb meiner
Selbst
(Atmende, riechst du es nicht?)

Ich habe Angst.
Jeden Tag. Jede Stunde.
(Du bist nicht der Einzige)
Es ist die Angst in der Ordnung der Angst
(Du bist nicht der Einzige)
Es ist die alles umfassende Angst
(Du bist nicht der Einzige)
Es ist die Angst vor dem Sichtbarwerden der Angst.
(Ich bin nicht der Einzige)
Es ist die Angst vor den Augen der Anderen.

Und jeder Schritt verspricht mir: Dieser noch,
dann ist die Angst vorbei.
Und jedes Bild verspricht mir: Dieses noch,
dann kommt das Gute.

Ich habe Angst.
Jeden Tag. Jede Stunde.
Ich atme sie ein
– Angst ist die Ordnung der Welt
Ich atme sie aus
– Angst ist der Raum zwischen uns

(Sie kann nicht sein, außer in einer Welt, die nach ihr und durch sie geordnet is, einer Welt, in der die Bedingung der Angst des Einzelnen, die Angst aller ist. Sie verlangt unsere Mitarbeit.
Ich weiß nicht, ob wir uns ohne Angst ansehen können. Aber hier ist meine Hand, meine sichtbare, offene Hand. Sie ist krumm und geschunden, die Nägel ungepflegt und die Nagelbetten entzündet. Ich weiß nicht, ob ich meine Hand ausstrecken kann, ohne dass sie von gespensterhaften Händen umgeben ist. Aber ich weiß ebensowenig, was ich sonst tun könnte und ich versuche keine Angst vor deinem Blick zu haben. Hier also ist meine Hand.)

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https://gedichtblog.wordpress.com/2015/07/08/du-hast-angst/

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Schloss-wp-blic

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gruss hubert

 

Veröffentlicht 26. Mai 2016 von hubwen in Lyrik, Uncategorized

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Heinrich Heine – Mir träumte   Leave a comment

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Heinrich Heine – Mir träumte

 

Rezitation: Oskar Werner
Musik: Bindu

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Mir träumte: traurig schaute der Mond,
Und traurig schienen die Sterne;
Es trug mich zur Stadt, wo Liebchen wohnt,
Viel hundert Meilen ferne.

Es hat mich zu ihrem Hause geführt,
Ich küßte die Steine der Treppe,
Die oft ihr kleiner Fuß berührt
Und ihres Kleides Schleppe.

Die Nacht war lang, die Nacht war kalt,
Es waren so kalt die Steine;
Es lugt aus dem Fenster die blasse Gestalt,
Beleuchtet vom Mondenscheine.

 

glG Hubert

Veröffentlicht 5. Januar 2016 von hubwen in Lyrik, Uncategorized

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Nacht lag auf meinen Augen   Leave a comment

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Ein schaurig-schönes Gedicht von Heinrich Heine… für mich jedenfalls. Mir gefällt der Witz, der Humor und die Ironie von Heine.

 

Nacht lag auf meinen Augen

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            Nacht lag auf meinen Augen,

            Blei lag auf meinem Mund,

            Mit starrem Hirn und Herzen

            Lag ich im Grabesgrund.

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            Wie lang, kann ich nicht sagen,

            Daß ich geschlafen hab;

            Ich wachte auf und hörte,

            Wie’s pochte an mein Grab.

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            “Willst du nicht aufstehn, Heinrich?

            Der ew’ge Tag bricht an,

            Die Toten sind erstanden,

            Die ew’ge Lus’ begann.”

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            Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn,

            Bin ja noch immer blind;

            Durch Weinen meine Augen

            Gänzlich erloschen sind.

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            “Ich will dir küssen, Heinrich,

            Vom Auge fort die Nacht;

            Die Engel sollst du schauen,

            Und auch des Himmels Pracht.”

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            Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn,

            Noch blutet’s immerfort,

            Wo du ins Herz mich stachest

            Mit einem spitz’gen Wort.

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            “Ganz leise leg ich, Heinrich,

            Dir meine Hand aufs Herz;

            Dann wird es nicht mehr bluten,

            Geheilt ist all sein Schmerz.”

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            Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn,

            Es blutet auch mein Haupt;

            Hab ja hineingeschossen,

            Als du mir wurdest geraubt.

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            “Mit meinen Locken, Heinrich,

            Stopf ich des Hauptes Wund’,

            Und dräng zurück den Blutstrom

            Und mache dein Haupt gesund.”

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            Es bat so sanft, so lieblich,

            Ich konnt nicht widerstehn;

            Ich wollte mich erheben

            Und zu der Liebsten gehn.

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            Da brachen auf die Wunden,

            Da stürzt’ mit wilder Macht

            Aus Kopf und Brust der Blutstrom,

            Und sieh! – ich bin erwacht.

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Heinrich Heine

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http://www.textlog.de/23193.html

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Gruß Hubert

 

Veröffentlicht 26. Dezember 2015 von hubwen in Uncategorized

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Lyrik für Alle – Folge 30 Heinrich Heine 1. Teil   Leave a comment

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Hier ein Gedichtals Kostprobe von Heinrich Heine aus dem bekannten Buch der Lieder

Heinrich Heine: Buch der Lieder
Lyrisches Intermezzo

Hör ich das Liedchen klingen,
Das einst die Liebste sang,
So will mir die Brust zerspringen
Vor wildem Schmerzensdrang.

Es treibt mich ein dunkles Sehnen
Hinauf zur Waldeshöh,
Dort löst sich auf in Tränen
Mein übergroßes Weh.

 

Lyrik für Alle – Folge 30 Heinrich Heine 1. Teil

 

 

Hier ein Artikel aus der FAZ über den Rezitator Lutz Görner

 

Lutz Görner Dichterische Dienstleistungen aller Art

Vier Tage lang gastiert der Rezitator Lutz Görner in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt. Dabei ist er gerade dabei, seinen Abschied von der Lyrik zu nehmen.

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© Kaufhold, Marcus

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Er macht Gedichte glaubhaft: Seit fast vier Jahrzehnten reist Lutz Görner mit Lyrik durch Deutschland.

Rilke ist Quark. Genauso wie Hofmannsthal. Und die meisten ihrer Zeitgenossen. So sieht das zumindest Lutz Görner. Und der ist nicht irgendwer, sondern von einem seiner Rezensenten einmal „die lyrische Stimme Deutschlands“ genannt worden. Als Rezitator reist Görner seit fast vierzig Jahren über deutsche und internationale Bühnen, um den Worten großer, meist längst gestorbener Autoren neues Leben zu verleihen.

Seine Karriere beginnt früh. Mit achtzehn Jahren debütiert der 1945 in Zwickau geborene Görner als Statist und Tänzer am Aachener Staatstheater, nimmt an der Deutschen Meisterschaft im Fünfkampf teil und beginnt ein Studium der Theaterwissenschaften und Germanistik, das er später abbricht. Ein lebemännisches Intermezzo folgt, in dessen Verlauf Görner „Shit raucht“, Pakete ausliefert und auf dem Kudamm in Berlin selbstgemachte Kerzen und Gürtel verkauft. Eine zufällige Begegnung mit einem alten Bekannten verschafft ihm bald darauf ein Engagement in Köln, an das sich 1975 an einem Jugendtheater in München das erste eigene Programm anschließt, das auf Leben und Werk Heinrich Heines basiert. Die Rezensenten sind begeistert, Görner ist es auch. Mitten in der Spielzeit kündigt er und tritt fortan als Rezitator auf. Bald legt er in seinem alten Lada 120.000 Kilometer im Jahr zurück, von Auftritt zu Auftritt, zwischen München und Hamburg.

Immer ungewöhnlich offen

Auf seinen Reisen hat Görner ein klares Nord-Süd-Gefälle erkannt. Während in Nordrhein-Westfalen reges Interesse an der Kunst herrsche, könne man in Bayern und Baden-Württemberg wenig mit ihr anfangen. Und die Grünen hätten mit Kultur überhaupt nichts am Hut. Als einzige Partei hätten sie ihn noch nie eingeladen. Dabei war Görner von 1993 bis 2007 mit „Lyrik für alle“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen. Als jedoch ein neuer Intendant Änderungen am Konzept und eine zweite Kamera für Schnitte und Perspektivwechsel gefordert habe, sagt Görner, habe er die Sendung lieber absetzen lassen. „Gedichte vortragen geht nur mit einer Kamera.“ Basta.

Görner ist eine Art extrovertierter Introvertierter, der sich seinem Publikum in bunten Hosen und Seidenhemd gelegentlich ein wenig arrogant, aber immer ungewöhnlich offen präsentiert. Trotzdem drückt er sich auch abseits der Bühne oft lieber mit den Worten der Dichter aus, in deren Welt er von seinem Weimarer Arbeitszimmer aus stundenlang verschwinden kann. Daran, selbst zu dichten, hat er nach ein paar halbherzigen Versuchen als Jugendlicher nie ernsthaft gedacht. „Das überlasse ich denen, die es können.“

Langjähriges DKP-Mitglied

Ein wenig Darstellung seiner selbst kann er in seine Arbeit dennoch einbringen. Er trägt nur Gedichte vor, mit denen er sich identifizieren kann. Denn zu einer guten Rezitation gehören mehr als Textsicherheit und korrekte Betonung. Seinen Erfolg führt Görner darauf zurück, dass „die Zuschauer mir glauben, was ich da oben erzähle“. So sprechen Tucholskys Figuren Berliner Dialekt, bei Ringelnatz wird gesächselt, Morgensterns Schildkröte lispelt. Zwischen den Gedichten gibt es biographische Anekdoten und ein kräftiges Quentchen Wertanalyse mit Bezug zur aktuellen Politik. Sie scheint Görner manchmal in die Hand zu spielen: Schon mehr als tausendmal hat er auf der Bühne Heines „Wintermärchen“ vorgetragen, das am 30. Januar auch den Auftakt zu seinem Gastspiel an der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt bildet. Angesichts der Euro-Krise und der mit ihr verbundenen nationalen Animositäten scheint Heines Reisebericht eine beinahe unheimliche Aktualität zu gewinnen.

Heine und Brecht haben schon immer zu den Autoren gehört, aus deren Werken sich das langjährige DKP-Mitglied seine anfangs stark politisierten Bühnenprogramme zusammenstellte. Goethe hingegen nicht. Der „obrigkeitshörige“ Juristensprössling schien so gar nichts zu Görners Weltanschauung beitragen zu können. Bis er sich intensiver mit ihm beschäftigte und merkte, dass es sich um ein Vorurteil handelte. Aus dieser Erkenntnis entstand sein bisher erfolgreichstes Bühnenprogramm „Goethe für alle“. Zu Rilke und Hofmannsthal aber konnte er nie Zugang finden.

Hin zur klassischen Musik

Das aktuelle Programm jedoch ist zugleich ein Abschied aus der Welt der Gedichte, zumindest was die Bühne angeht. „Ich habe meinen Dienst an der Lyrik getan“, sagt Görner. Ans Aufhören denkt er aber nicht, obwohl die Zuschauerzahlen stetig zurückgehen. Er spiele ohnehin immer in denselben Lokalitäten für dasselbe Publikum. Einige Besucher „sterben weg“, andere bringen Freunde mit – bisher ist es immer irgendwie weitergegangen. In Mainz gab es vorige Woche ebenfalls gut und schlecht besuchte Abende, am Samstag schließlich waren fast alle Sitzplätze im Frankfurter Hof belegt.

Weil er solche Abende genießt, will Görner lediglich die Disziplin wechseln – hin zur klassischen Musik. In „Kosmos Liszt“ wird er künftig zusammen mit einer russischen Pianistin das Werk des Komponisten und seiner Kollegen Chopin, Beethoven und Wagner vorstellen. Mit Wagner ging es Görner lange wie mit Goethe. Doch als er las, dass Wagner eine schwere Kindheit hatte, schien auch seine Musik plötzlich eine tiefere Bedeutung zu gewinnen. Geboren kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, verlebte Görner seine Kindheit bei der Großmutter, die Mutter war mit dem Vater fortgegangen, als dieser aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. So bleibt Görner auch beim Disziplinwechsel seiner Maxime treu: Behandelt wird nur, was ihn persönlich bewegt. Damit ist er bisher gut gefahren.

von Julia Kern

http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/lutz-goerner-dichterische-dienstleistungen-aller-art-12035181.html

 

Gruß Hubert

 

Veröffentlicht 24. Dezember 2015 von hubwen in Lyrik, Uncategorized

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