Archiv für die Kategorie ‘Kultur

In Memory of Karlheinz Deschner (Teil5)   Leave a comment

.

Einen großen Dank an den Lektor Gieselbusch, dass er das grandiose Werk Deschners über die „Kriminalgeschichte des Christentums“ mit seinen nahezu 6000 Seiten, hartnäckig beim Rowohlt Verlag durchgesetzt hat. Das Werk wird die Zeit überdauern.

Rebloggt von Tierfreund und Religionskritiker Wolfgang –  wolodja51.wordpress.com

.

Bild von wolodja51.wordpress.com

.

Michael Schmidt-Salomon über die „Kriminalgeschichte des Christentums“ von Karlheinz Deschner

«Ich möchte das Werk zu einer der größten Anklagen machen, die je ein Mensch gegen die Geschichte des Menschen erhoben hat.» Mit diesen Worten endete das Exposé zur Kriminalgeschichte des Christentums, das Karlheinz Deschner dem Rowohlt Verlag im Frühjahr 1970 übersandte. Heute, 43 Jahre später, ist es vollbracht – und der Autor hat nicht zu viel versprochen:

Tatsächlich ist die Kriminalgeschichte des Christentums eine der größten Anklageschriften, die jemals verfasst wurden. In 10 Bänden mit nahezu 6000 Seiten und mehr als 100.000 Quellenbelegen hat Deschner eine Generalabrechnung mit der «Religion der Nächstenliebe» vorgelegt, die in der Weltliteratur ihresgleichen sucht.

Völlig zu Recht gilt das Werk als Meilenstein der modernen Religionskritik, ja: der kritischen Geschichtsschreibung schlechthin. Das liegt nicht nur an der Fülle der Inhalte, die Deschner entgegen allen Denktabus zur Sprache bringt, sondern auch an der Brillanz der Darstellung: Bei Deschner treffen die besten Elemente von Wissenschaft, Philosophie und Kunst aufeinander, vereinigen sich kritische Rationalität, humanistisches Ethos, künstlerische Sensitivität und ästhetische Gestaltungskraft zu einer einzigartigen Synthese. Da ist kein Wort zu viel, keines zu wenig, ein fulminanter Spannungsbogen zieht sich durch das gesamte Werk, vom furiosen Auftakt des ersten Bandes bis zum Schlusswort des letzten.

Die Kriminalgeschichte des Christentums erscheint uns heute in ihrem monumentalen Aufbau so stringent und urwüchsig wie eine gotische Kathedrale oder eine Bruckner-Sinfonie, weshalb es kaum vorstellbar ist, dass sie ursprünglich nur einen einzigen schmalen Band umfassen sollte. Tatsächlich stand in dem Vertrag, den Rowohlt 1970 mit Deschner abschloss, dass der Autor bis Ende 1972 ein höchstens 350-seitiges Manuskript vorlegen sollte. Im Zuge der Ausarbeitung nahm das Projekt jedoch immer größere Dimensionen an. Aus dem einen Band wurden bald zwei Bände («Von Konstantin dem Großen bis zum Hochmittelalter» und «Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart»), kurz darauf drei («Von den Anfängen bis zu Karl dem Großen», «Von Kaiser Karl bis Martin Luther» und «Von Luther bis heute»), Ende der 1970er Jahre – noch immer war keine einzige Zeile der Kriminalgeschichte erschienen! – stellte der Autor eine 6-bändige Ausgabe in Aussicht (ein Band Antike, zwei Bände Mittelalter, drei Bände Neuzeit).

Es ist nicht zuletzt dem Engagement von Hermann Gieselbusch, Deschners langjährigem Lektor bei Rowohlt, zu verdanken, dass der Verlag das Projekt nicht vorzeitig zu den Akten legte. Man kann sich leicht vorstellen, wie groß der Druck gewesen sein muss, der auf Gieselbusch lastete, zumal Deschner zwischen dem Abschluss des Vertrags bei Rowohlt und dem Erscheinen des ersten Bandes der Kriminalgeschichte zwölf (!) weitere Bücher (u. a. «Das Kreuz mit der Kirche» und «Ein Jahrhundert Heilsgeschichte») bei fremden (!) Verlagen veröffentlichte, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern. Wahrscheinlich glaubte bei Rowohlt Anfang der 1980er Jahre kaum noch jemand an Deschners Opus magnum, doch Gieselbusch, von Autor und Werk begeistert, gab nicht auf. Ein- bis zweimal im Jahr besuchte er Deschner in Haßfurt, um das Projekt mit ihm zu besprechen.

Diese Hartnäckigkeit zahlte sich aus: Im September 1986, 16 Jahre nach Vertragsabschluss, kam der erste Band der Kriminalgeschichte des Christentums auf den Markt. Und augenblicklich stand Deschner wieder im Fokus der Öffentlichkeit, wie schon nach der Publikation seiner literarischen Streitschrift «Kitsch, Konvention und Kunst» (1957) oder der ersten großen Christentumskritik «Abermals krähte der Hahn» (1962). Unzählige Einladungen zu Lesungen, Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Rundfunk- und Fernsehsendungen folgten. Glücklicherweise hatte er so viel vorgearbeitet, dass die Bände 2 (1988) und 3 (1990) trotz der zusätzlichen Belastung rasch aufeinander folgen konnten.

Hätte er diesen Zweijahresrhythmus eingehalten, wäre Band 10 bereits 2004, zu seinem 80. Geburtstag, herausgekommen. Doch nun forderten die vielfältigen Verpflichtungen ihren Tribut, weshalb Band 4 erst 1994, vier Jahre nach Band 3, erschien. Hermann Gieselbusch und Herbert Steffen, der Deschners Werk nach dem Tod des Mäzens Alfred Schwarz unterstützte, waren alarmiert: Bei gleichbleibender Frequenz würde Band 10 erst 2018 erscheinen – zum 94. Geburtstag Deschners! Die Zweifel wuchsen, ob er angesichts seines fortgeschrittenen Alters die Mammutaufgabe einer Vollendung der Kriminalgeschichte überhaupt noch bewältigen konnte.

Doch der Autor widerlegte alle Zweifel: In rascher Folge erschienen die Bände 5(1997), 6 (1999), 7 (2002) und 8 (2004). Nach seinem 80. Geburtstag musste Deschner jedoch immer häufiger Pausen einlegen. Und so dauerte es vier Jahre bis zur Veröffentlichung des neunten Bandes (2008), weitere fünf Jahre bis zum Erscheinen des zehnten (2013).

Auch wenn seine Leserinnen und Leser es nicht merken werden, für den Autor war die Arbeit an diesem letzten Band streckenweise eine Tortur. Umso glücklicher dürfen wir uns schätzen, dass nun, 40 Jahre nach dem ursprünglichen Veröffentlichungstermin, die Kriminalgeschichte des Christentums vollständig vorliegt. Dass die Darstellung nur bis zur Französischen Revolution reicht, ist nicht dramatisch. Schließt doch das große Werk über die neuere Politik der Päpste (1982/83; 1991) – gleichsam der 11. Band der Kriminalgeschichte (Wiederveröffentlichung 2013 im Alibri Verlag) – nahtlos an die Thematik des 10. Bandes an.

Der lange Atem, den Deschner, sein Lektor Gieselbusch, der Rowohlt Verlag sowie die vielen Unterstützer des Autors in den letzten Jahrzehnten bewiesen haben, hat sich gelohnt: Denn im Unterschied zu den Nullbotschaften, die Jahr für Jahr den Büchermarkt überschwemmen, wird Deschners Werk Bestand haben – nicht nur, weil die Themen, die dieser leidenschaftliche Aufklärer behandelte, aktuell bleiben werden, sondern vor allem, weil Schriftsteller seines Formats seltene Ausnahmeerscheinungen sind in dem Meer der Mittelmäßigkeit, das uns umgibt.

.

In Memory of Karlheinz Deschner (Teil5)

Und die Flieger fliegen auch wieder…   Leave a comment

.

Foto an der „Umfahrung“ Nordring am frühen Abend vor dem 24. Dezember 2021. Und die Flieger fliegen auch wieder.

.

Die Matheleugnerin   Leave a comment

Man sieht, man kann alles leugnen, sogar die exakte Wissenschaft Mathematik. 😉

Wusste gar nicht, dass es auch eine Mainstream-Mathematik gibt.

Matheleugnerin (Folge 15) I Kroymann

.

Veröffentlicht 24. November 2021 von hubert wenzl in Politik, Satire

Getaggt mit ,

Nobelitis – Der Nobelpreis schützt nicht davor, Blödsinn zu erzählen   2 comments

.

Sie sind die Besten, ausgezeichnet mit einem der höchsten Wissenschaftspreise, dem Nobelpreis. Dennoch versteigen sich manche Forschende in diskriminierenden oder absonderlichen Aussagen über Viren oder Intelligenz, die angeblich mit der Hautfarbe zu tun hat. Teilweise ist das völlig unverständlich, findet Alexander Waschkau vom Podcast Hoaxilla.

Wissenschaft und Auszeichnungen schützen auch Forschende nicht davor, Sachverhalte zu verdrehen, falsch darzustellen oder rassistische Behauptungen zu äußern. Dieses Phänomen wird als Nobelitis bezeichnet, abgeleitet vom Begriff Nobelpreis für herausragende wissenschaftliche Erkenntnisse.

Jüngster Fall: Nobelpreisträger und Virologe Luc Montagnier. Impfgegner zitieren ihn gerade mit der Behauptung, dass alle, die geimpft wurden, in zwei Jahren sterben werden. Zwei Dinge sind daran falsch:

  1. Luc Montagnier hat das nie so gesagt.

  2. Diese Behauptung ist Unsinn.

Warum manche Nobelpreisträger Falsches behaupten

Experte für solche Falschmeldungen, auf Englisch Hoaxes, ist Alexander Waschkau vom Podcast Hoaxilla. In einer der Podcast-Folgen ist er mit Tommy Krappweis der Frage nachgegangen, „warum hochrangige Akademiker nicht davor gefeit sind, den Pfad der Evidenz zu verlassen“ und haben sich auf die Suche nach den Ursachen von „Nobelitis – der vermeintlichen Nobelpreisträger-Krankheit“ gemacht.

Vor Jahren habe ein befreundeter Wissenschaftler Alexander Waschkau auf das Phänomen aufmerksam gemacht. Seine Recherche habe ergeben: Es gibt eine Reihe von Nobelpreisträgern und -trägerinnen, die irgendwann in ihrem Leben den wissenschaftlichen Tugendpfad – zumindest teilweise – verlassen haben und an Nobelitis leiden.

Beispiele:

  • Der Molekularbiologe James Watson erhielt 1962 den Nobelpreis für seine Entdeckung des Doppelhelix-Modell der DNA. Er hat den Aufbau des DNA-Moleküls entdeckt. Aber: Er hat sich später rassistisch über die Intelligenz von schwarzen Menschen geäußert und dabei Verbindungen zu Genetik und zu Vererbung gezogen. Alexander Waschkau sagt: Es ist längst nachgewiesen, dass Intelligenz nichts mit der Hautfarbe zu tun hat.

  • Linus Pauling hat den Nobelpreis für Chemie (1954) und Frieden (1963) bekommen. Er behauptete irgendwann, mit ausreichend Vitamin C diverse Krankheiten geheilt werden könnten. Das bemerkenswerte an ihm sei, dass er durch sehr abgehobene, neue Ideen die Wissenschaftswelt überfordert habe, die aber später bestätigt werden konnten, erklärt Alexander Waschkau. Dann kam er allerdings irgendwann auf die Idee, Vitamin C könne bei hoher Dosierung gegen jede Krankheit helfen. Diese Hypothese ist durch zahlreiche Studien widerlegt worden.

  • Kary Mullis ist Biochemiker aus den USA und hat 1993 für seine Erfindung der PCR-Methode den Nobelpreis bekommen, die ja gerade in der Pandemie bei den Corona-Tests so wichtig ist. Ausgerechnet er behauptet, dass das HI-Virus (das Virus) nichts mit Aids (die Krankheit) zu tun habe. Kary Mullis hat sogar ein Buch darüber geschrieben. „Das ist nicht zu erklären, einfach unverständlich“, sagt der Hoax-Aufklärer Alexander Waschkau.

.

Nobelitis – Der Nobelpreis schützt nicht davor, Blödsinn zu erzählen

 

Von volksverpetzer.de

Zitat nicht von Montagnier: Sorry Impfgegner, ihr werdet uns auch in 2 Jahren nicht los

Fake-Zitat von Nobelpreisträger Montagnier über Impf-Tote

Der mRNA-Impfstoff von BioNTech ist enorm sicher und wirksam, Corona ist gefährlich und die Pandemie ist echt. Und das folgende Zitat hat Montagnier nicht gesagt. Es ist frei erfunden: Auf Telegram und WhatsApp wird ein gefälschtes Zitat verbreitet. Luc Montagnier hätte behauptet, dass Geimpfte innerhalb von zwei Jahren sterben. Als „Beleg“ für diese Behauptung wird oft ein Video geschickt. Im Video sagt er diesen Satz aber überhaupt nicht (Quelle: https://falschzitate.blogspot.com/2021/05/alle-geimpften-menschen-werden.html ).

.

Zitat nicht von Montagnier: Sorry Impfgegner, ihr werdet uns auch in 2 Jahren nicht los

 

Seele   Leave a comment

.

Auszug.

Aber ist damit wirklich das letzte Wort über die Seele gesprochen? So großartige Erfolge die Wissenschaft verzeichnet, hat sie doch einen blinden Fleck. Und gerade ihm verdankt sie ihre Triumphe: Wissenschaftler befassen sich nur mit Dingen, über die man sich einigen kann. Doch es gibt Fragen, bei denen grundsätzlich keine Verständigung möglich ist, und die sich trotzdem jeder schon gestellt hat: Sehen zum Beispiel andere Menschen das Blau des Himmels genau so wie ich? Um das herauszufinden, müsste ich in ihre Haut schlüpfen können.

Zu solchen Fragen hat die Wissenschaft nichts zu sagen, weil sie stets die Sicht von außen einnimmt. Forschung will objektiv sein; sie sammelt Daten und leitet daraus Theorien ab. Das kann sie nur, indem sie sich auf den Standpunkt des unbeteiligten Beobachters zurückzieht. Unser inneres, ganz privates Erleben aber bleibt ihr verschlossen. Und zwischen beidem klafft eine riesige Lücke. Wie groß sie ist, weiß jeder, der sich an seine erste Liebe erinnert oder die Geburt eines Kindes miterlebt hat: Solche Erfahrungen können wir niemandem erklären, der sie nicht selbst gemacht hat. Es fehlen die Worte, um treffend das Leuchten der ganzen Welt zu beschreiben, das Liebende erleben. Alles, was wir sagen können, bringt bestenfalls die eigene Erinnerung des Gesprächspartners zum Klingen. Hat der andere aber nicht schon Ähnliches in seinem Leben erfahren, bleibt er ratlos wie ein Blinder, dem man von einem Sonnenuntergang vorschwärmt.

Auch wenn die Wissenschaft heute noch weit davon entfernt ist, unser Gehirn bis in seine letzten Winkel zu verstehen, wird ihr dies vielleicht einmal gelingen. Doch wird eine vollständige wissenschaftliche Erklärung jemals erfassen, was wir empfinden? Selbst wenn sich eine künftige Hirnforscherin alle Daten über das Gehirn eines Verliebten verschafft, könnte sie anhand ihrer Messungen nicht erfahren, wie es ist, sich zu verlieben. Herausfinden würde sie es nur, wenn sie selbst ihr Herz an jemanden verliert.

Denn Wissen kann keine Erfahrung ersetzen. Bereits vor unseren scheinbar einfachsten Erlebnissen muss der unbeteiligte Außenseiter kapitulieren. David Hume, ein schottischer Aufklärungsphilosoph, brachte die Schwierigkeit schon im frühen 18. Jahrhundert auf den Punkt:„Um sich eine Vorstellung von der Ananas zu machen, muss man sie schmecken.“ Dass ich die Süße und die feine Säure der Frucht wahrnehme, verdanke ich natürlich den Geschmacks- und Geruchsrezeptoren auf der Zunge und in der Nase; sie sind mit Nervenbahnen an den Geschmackskern im Hinterhirn gekoppelt und lösen über diese Zwischenstation die Tätigkeit Zehntausender grauer Zellen im Zwischenhirn und im Stirnlappen des Großhirns aus. Wie aber entsteht aus diesem rein physikalischen Vorgang das Erlebnis eines Geschmacks? Wie rufen elektrische Ströme und chemische Botenstoffe innere Bilder und Gefühle hervor? Das ist das so genannte „harte Problem“ der Bewusstseinsforschung. Mit ihm ringen die Neurowissenschaftler und Philosophen seit Jahrzehnten. Der Lösung kamen sie keinen Fingerbreit näher.

Im Gegenteil: Je mehr Daten über die Arbeit des Gehirns sie sammeln, umso drängender stellt sich die Frage, woher all unser inneres Erleben eigentlich kommt – und warum wir es haben. Und das Rätsel hat eine Fortsetzung. Denn selbst wenn ich verstehen würde, was das Feuern von Neuronen in den Geschmack der Ananas oder die Freuden der Liebe verwandelt, bliebe immer noch offen, weshalb diese Empfindungen meine eigenen sind. Denn wer ein Innenleben spürt, muss noch lange kein Ich haben. Säuglinge etwa können ihre Gefühlsregungen höchst lautstark ausdrücken, aber ihnen fehlt noch jede Ahnung davon, wer sie sind. Woher also kommt mein ganz persönlicher Blick auf die Welt?

Dr. Stefan Klein, geboren 1965 in München, ist Physiker, Philosoph und Wissenschaftsautor

.

Seele

 

 

Goldene Gegenwart   Leave a comment

.

…kein gedicht hat den stillen wahnsinn beendet…

.

GOLDENE GEGENWART

plötzlich sind wir alt und leise
die geschichte nur noch eine ferne reise
das gelebte leben als sekundenrausch
in deinen augen scheint die sonne
so gedankenlos wie alle sterne
bis du ganz allmählich stück für stück
zu klinisch weißem staub zerfällst
versuche ich schnellstmöglich
einen tiefen sinn zu ahnen
hinter den planetenbahnen oder
unter dem verschneiten laub
bei all den letzten molekülen
möchte ich die antwort fühlen
wenn die tränen grundlos fließen
könnte ich auf buddha schießen
gott im regen stehen lassen
um dich nie mehr zu verpassen
deine haut wie einen zauberstoff
zu inhalieren aber ist das wirklich weise
wenn wir irgendwann selbst das verlieren
denn die reise endet viel zu plötzlich
in dem haufen aus vergoldeten geschichten
die wir für den grabstein dichten

Bruno Brachland, Nr.44, 16.12.2011

——

Bruno Brachland Nr.69: „ABGANG“ = mit diesem gedicht hier endet mein ganzes werk / es ist das allerletzte gedicht überhaupt / ich habe alles nötige längst gesagt / ohne den zustand der welt beeinflussen zu können / die hoffnung der literatur war ein schöner traum / von der befreiung der menschheit von ihren lügen / aber die poesie hat keine macht / über die zwangsneurosen der alltäglichkeit / kein gedicht hat den stillen wahnsinn beendet / kein gedicht konnte das leid verhindern / das völlig unnötige leid auf diesem planet / durch glaubenssysteme und andere illusionen / vielleicht wären billigreime erfolgreicher gewesen / vielleicht auch romane und alle möglichen reden / was kann man von zeitgenössischer lyrik erwarten / was soll man von literatur überhaupt erwarten / ein falsches wort zur falschen zeit im falschen land / und schon gehörst du zum club der toten dichter / die posthum für ihren mut mit preisen überschüttet werden //

 

‚Genderwahnsinn‘: AfD-Politiker Lindemann klagt über ‚Fahrspurende‘   3 comments

.

Das war ein tolles Eigentor des AfD-Politiker Lindemann. Er glaubte Fahrspurende sei gegendert. Müsste er eigentlich wissen als verkehrspolitischer Sprecher der AfD. Da nützen auch die nationalen Gefühle nichts, wenn man in Deutsch nicht so sattelfest ist. Am Ende war es natürlich nur Ironie. Aber das kennt man ja.

Aus winfuture.de/news

.

.

Der AfD-Politiker Gunnar Lindemann brachte heute mit einem Tweet über den „täglichen Genderwahnsinn“ die sozialen Medien zu Lachanfällen. Denn der im Berliner Abgeordnetenhauses für Marzahn sitzende Lindemann beschwerte sich über das Gendern von „Fahrspurende“.

Das Wort Fahrspurende ist zwar auf den schnellen Blick nicht ganz so einfach zu lesen, gemeint ist hier aber natürlich das Ende einer Fahrspur. Verwendet hat es die Berliner Zeitung B.Z., denn diese titelte bei einem Bericht über einen Unfall: „Frau übersieht Fahrspurende und fährt in Baustelle – zwei Verletzte“

An dieser Stelle wäre die Sache in der Regel zu Ende und das Ganze nur eine stinknormale Lokalmeldung. Doch der Lokalpolitiker Gunnar Lindemann teilte die Meldung in einem Tweet und kommentierte diese folgendermaßen:

„Der tägliche Genderwahnsinn: Jetzt werden sogar Fahrspuren gegendert. Wie wäre es mal mit der guten alten Duden-Rechtschreibung anstatt mit diesem links-grünen Ideologien liebe @bzberlin? Dann verstehen Euch vielleicht auch die Leser wieder.“

Aber der Duden!

Lindemann hielt das für eine „geschlechter­befreite“ Version von Fahrspur, ähnlich wie Student und Studentin zu Studierenden werden. Belehren ließ er sich nicht, auch nicht zum Thema zusammengesetzte Wörter, sondern verwies in einem weiteren Tweet auf den Umstand, dass „Fahrspurende“ keinen eigenen Eintrag im Duden hat.

Mehr als das: Lindemann ging „aufgrund des großen Erfolges meines ‚#Fahrspurende‘-Tweets in die Offensive“ und legte auf Facebook nach. Dort wetterte er gegen „linksgrüne Spinner“ und die Verunstaltung und Verstümmelung der deutschen Sprache.

Auf Twitter und anderen sozialen Medien indes hatten die Nutzer viel Freude mit den Eigentoren Lindemanns. So wurde u. a. auf schöne Wort- bzw. Verkehrszeichen verwiesen, das vor Spurrinnen warnt. Die Twitter-Nutzer fanden auch viele weitere Beispiele für den „Genderwahnsinn“, darunter Dachrinnen und Auto-Innen-Reiniger„. Kleines Detail am Rande: Lindemann ist Verkehrsexperte der Berliner AfD, kennt sich mit Fahrspurenden also offenbar bestens aus.

Ironisch gemeint 😉

Gegenüber der B.Z. zückte Lindemann übrigens den Zwinker-Smiley und teilte mit: „Mit dem Tweet wollte ich auf humorvolle Art die Medientreibenden und alle anderen Leser ein wenig für die deutsche Sprache sensibilisieren. Das Ende einer Fahrspur ist mir als Verkehrspolitiker natürlich bekannt.“

.

‚Genderwahnsinn‘: AfD-Politiker Lindemann klagt über ‚Fahrspurende‘

.

Aus Twitter
Otto von der Internet – @TheRealOttoBot
Antwort an @AfDLindemann und @bzberlin

Ich verstehe es wirklich nicht und bin irgendwie neugierig. Worauf zielt denn diese Kritik am „genderwahnsinn“ ab?
Das Fahrspurende ist das Ende der Fahrspur. Das Fahrspurende. Wie soll man das sonst ausdrücken?
Reichsautobahnabschluss oder wie?

.

Gruß Hubert

 

Veröffentlicht 7. September 2020 von hubert wenzl in Kultur, Politik

Getaggt mit ,

Aus dem Wahlprogramm der AfD   Leave a comment

.

Zum Abschluss des Jahres etwas Lustiges – oder eigentlich gar nicht so lustig. Aber mit Humor geht ja alles leichter, heißt es.

Was die AfD in ihrem Wahlprogramm so alles fordert – Originalzitate!

.

.

Gruß Hubert

Veröffentlicht 30. Dezember 2019 von hubert wenzl in Humor, Politik, Uncategorized

Getaggt mit ,

Er ließ sich nie von Autoritäten täuschen   Leave a comment

.

Karlheinz Deschner war nicht nur einer der bedeutendsten Kirchenkritiker des 20. Jahrhunderts, er war auch ein hervorragender Literaturkritiker.

 

Eine Laudatio auf Karlheinz Deschner von Karl Corino.

Auszug.

Karl Corino hielt diese Laudatio anlässlich der Verleihung des Wolfram-
von-Eschenbach-Preises des Bezirks Mittelfranken an Karlheinz Desch-
ner 2004. Der Text wurde für dieses Heft leicht gekürzt.
«… man müßte schreiben, ohne eine Sekunde nachzudenken,
man müßte drauflosschreiben wie eine Maschine, so schnell
und ohne alle Hemmungen, man müßte alles herausschleu-
dern wie ein Vulkan oder wie man sich erbricht oder was
weiß ich, sobald man denkt, ist es schon vorbei, das ist meine
Erfahrung». So steht es in Karlheinz Deschners erstem Ro-
man «Die Nacht steht um mein Haus», mit dem er 1956, mit
32 Jahren, die literarische Szene betrat.
Es war ein Debüt, das im wahren Wortsinn Furore machte und
die Öffentlichkeit, wie später so oft, in zwei Lager spaltete.
«Deschners Prosa vom Leben und Leiden
des einzelnen an der allgemeinen Unmenschlichkeit der Epo-
che hat an ihren besten Stellen die Durchschlagskraft eines
Geschosses.

Als Erstlingsbuch: eine großartige Begabungs-
leistung!», schrieb Karl Krolow damals, und Leslie Meier
alias Peter Rühmkorf: «Ein Buch mit wunderbaren Natur-
schilderungen und wunderbaren Herausforderungen, lyrisch
und provokant, anstößig und stimmungsgeladen, vor allem
aber: von der Form her interessant» – ein Lob, das dem von
Wolfgang Koeppen, Hermann Kesten, Hanns Henny Jahnn,
Hans Erich Nossack, Ernst Kreuder oder Albert Vigoleis
Thelen glich, während andere von einem
«einzigen Zeugnis von Kraftlosigkeit»
sprachen oder von einer «Roßkur».

Wenn man heute, aus einer Entfernung von fast 50 Jahren, auf dieses Buch zurückblickt, so muss man sagen, es gehört zu den wichtigen Leistungen je-
ner Generation, die im III. Reich aufwuchs und dann in den
II. Weltkrieg geworfen wurde. Der Generation der Überle-
benden und der Heimkehrer, wie sie auch Arno Schmidt in
seinen frühen Büchern porträtierte, nicht zuletzt in «Brand’s
Haide». (…)
Kein Zweifel, das knappe Dutzend von Essays Deschners
über «Franken, die Landschaft [s]eines Lebens», die unter
dem Titel «Dornröschenträume und Stallgeruch» in mehreren
Auflagen erschienen, sind Filiationen jener frühen Prosa, und
es ist nicht verwunderlich, dass das Verhältnis zur Natur und
die Fähigkeit, sie Wortmagie werden zu lassen, für Desch-
ner immer ein eminent wichtiges Kriterium war für poe-
tisches Genie.
Es ist kein Zweifel, dass meine Generation, die im II. Welt-
krieg, oder kurz davor, bald danach zur Welt kam, von Desch-
ner geprägt wurde. Das gilt nicht zuletzt für die literarische
Urteilsfähigkeit. 1957 erschien Deschners literarische Streit-
schrift «Kitsch, Konvention und Kunst», ein Büchlein von
ca. 170 Seiten, das bei vielen Schülern und Studenten Epoche
machte.

Es stürzte die Götter vieler unserer Deutschlehrer – Bergengruen,
Carossa, Hesse – und holte die Autoren Broch,
Jahnn, Musil, Trakl heim aus dem Exil und entriss sie der
Vergessenheit. Deschner ließ sich nie von Autoritäten und
Zelebritäten täuschen. Mochte Hermann Hesse auch seinen
Nobelpreis haben – Deschner zeigte, wie epigonal dessen
Prosa und seine Lyrik seien – und umgekehrt, wie originell
und modern die «Schlafwandler», der «Fluß ohne Ufer», die
Entwürfe zum «Mann ohne Eigenschaften». Ich persönlich
muss gestehen, dass ich in Deschners Streitschrift die ersten
Zeilen von Musil las, aus «Grigia» z. B., und dass diese Be-
gegnung mein weiteres Leben bestimmte. Ich habe mich vier-
zig Jahre lang mit Musil beschäftigt, und dass es nun eine
2000 Seiten umfassende Biographie dieses Autors gibt, geht
auf meine Initiation durch Deschner zurück.
Deschner ist als Literaturkritiker eine Potenz, und er hät-
te das Zeug gehabt, der führende Mann Deutschlands auf
diesem Gebiet zu werden, wenn sich seine Interessen später
– und mit weitreichenden Folgen – nicht verlagert hätten.
Man muss nur wieder einmal in seinem Band «Talente,
Dichter, Dilettanten» aus dem Jahre 1964 blättern, um mit Genuss
zu sehen, wie er die Schein-Blüten der Gruppe 47 entblätterte. (…)
Und nicht minder brillant ist Deschners Analyse von Wal-
ter Jens’ Buch «Deutsche Literatur der Gegenwart» aus dem
Jahr 1968. (…) Man kann nur bedauern, dass Deschner sich
nicht weitere Geistesheroen aus Jensens Umkreis zur Brust
genommen hat.

Einige Pressestimmen.

«Eine der eigenartigsten und
originellsten Persönlichkeiten
der deutschen literarischen
Welt.» La Stampa, Turin

«Einer der großen
deutschen autoren seit
1900, der paar, denen
Dank gebührt und die,
so bekannt sie auch
werden, viel zuwenig
gehör finden.» Kurt
Hiller, Hamburg

«… unerhört suggestiv und
mitreißend: panhafte sprachmusik
…» Günter Haas, Frankfurter Rundschau

«Nur mit den Deschners ist eine
große deutsche literaturtradition
zu regenerieren, die Kunst des
homerischen streits: das beste
Wort für die notwendige attacke.»
Ludwig Marcuse, Die Zeit, Hamburg

 

 

Und nicht minder brillant ist Deschners Analyse von Wal-
ter Jens’ Buch «Deutsche Literatur der Gegenwart» aus dem
Jahr 1968. (…) Man kann nur bedauern, dass Deschner sich
nicht weitere Geistesheroen aus Jensens Umkreis zur Brust
genommen hat.
Es lag, wie schon angedeutet, daran, dass sich Desch-
ners Interessen verlagerten. Von der Literatur weg zur Reli-
gionsphilosophie und zur Kirchengeschichte.
Zwar schrieb er nach seinem Roman-Erstling noch ein
zweites erzählendes Buch, «Florenz ohne Sonne», das ich
ebenfalls gerne lese, und ein drittes, das er aber nicht mehr
veröffentlichte, die Jahre zwischen 1958 und 1962 widmete
er indes einem 700-Seiten-Wälzer unter dem Titel «Abermals
krähte der Hahn», einer Historie des Christentums von den
Anfängen bis zu Pius XII.

Es gab manche Vorausdeutungen in Deschners erstem Ro-
man, die den Schwenk seines Denkens ahnen ließen: «Na-
türlich gibt es den Glauben, ruft nur, ruft nur, daß es den
Glauben gibt, aber der Glaube ist
auch nur eine Vermutung, eine Vermutung, die man sich suggerieren
kann, aus Schwäche, aus Verzweiflung, aus Dummheit, aus ‹ Demut ›,
aus ‹ Ehrfurcht ›, aus ‹ Kraft ›, aber
auch der Glaube ist nur eine Vermutung unter den anderen
Vermutungen, und selbst wenn ihr von eurem Glauben über-
zeugt seid, blindlings davon überzeugt seid, er bleibt eine
Vermutung, und niemand weiß, ob dieser Vermutung etwas
entspricht», so lesen wir. Es scheint, als habe Deschner gegen
Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre diesen Vermutungen
auf den Grund gehen wollen. Er mutete sich eine unglaublich
anmutende wissenschaftliche Lektüre zu, die, wenn ich richtig
gezählt habe, seinerzeit schon ca. 1000 Titel umfasste. Er
dürfte alles verarbeitet haben, was die Entstehung und die
Geschichte des Christentums angeht. Die Bilanz war, was
die Nachfolge Christi angeht, niederschmetternd, und ich
kenne Kommilitonen, die nach der Lektüre von Deschners
frühem Opus magnum das Studium der Theologie auf-
gaben.

Mit leidenschaftlicher Exaktheit demonstrierte
Deschner, wie die Lehren der Bergpredigt, ihr zum
Teil revolutionärer, mit dem Alten Testament brechender
Ansatz mit der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion
durch Kaiser Konstantin in ihr Gegenteil verkehrt wurden. Wie die
Gebote der Nächsten- und der Feindesliebe, die den Christen ein
paar Jahrhunderte lang den Militärdienst verboten, umgebo-
gen und staatsdienlich, kriegstauglich gemacht wurden. Aus
Wehrdienstverweigerern und Märtyrern unter den früheren
römischen Kaisern wurden nun Waffenträger und Feldpre-
diger, die die Schwerter und Lanzen segneten. Er zeigte, wie
die urchristliche Gütergemeinschaft einem urwüchsig-dauer-
haften Besitzdenken wich, wie sich die kirchliche Hierarchie
unter dem römischen Episkopat verfestigte, wie konkurrie-
rende christliche Glaubensrichtungen bekämpft, verleumdet,
notfalls auf Konzilien mit Stöcken niedergeschlagen wurden
und wie das Papsttum mit allen Mitteln machiavellistischer
Politik, lang vor Machiavelli, zu Großgrundbesitz, Größt-
grundbesitz und zur weltlichen Großmacht aufstieg, gegebe-
nenfalls anhand massiver Fälschungen: man denke nur an
die sogenannte Konstantinische Schenkung, der wir den Kir-
chenstaat verdanken.
Immer wieder stieß Deschner auf die peinigenden Wider-
sprüche zwischen den Geboten Christi, soweit wir sie rekon-
struieren können, und der Praxis der Kirche und ihrer Die-
ner, und die Zahl der himmelschreienden Untaten, auf die
man beim Gang durch die Jahrhunderte stößt,
ist wahrhaft Legion.
Man denke nur an die Kreuzzüge, an die Vernichtung der Katharer,
Albigenser und Waldenser (von denen ich vermutlich abstamme),
an die Bauernkriege, an die Hexenverfolgungen, von denen man
auch in der Markgrafschaft Ansbach und in den fränkischen Bistümern
von Bamberg über Würzburg bis Eichstätt ein langes, blutiges und im wahren
Wortsinne feuriges Lied singen müsste, und man stellt mit
Deschner fest, dass sich Katholizismus und Protestantismus
bei aller Feindschaft, der wir ja den Dreißigjährigen Krieg
verdanken, mitunter in ihrer Menschenfeindlichkeit und
Grausamkeit, auch in ihrem Antisemitismus verdammt we-
nig unterschieden.
Es gab die fatalsten Brückenschläge – was etwa Luther
hetzend über die Juden schrieb, das konnte 400 Jahre später
gut der «Stürmer» brauchen –, und es gab die verrücktesten
Allianzen und Spaltungen.
Man braucht nur an die anfeuernde Rolle der Kirchen
in den zwei Weltkriegen des 20. Jahrhunderts zu denken,
als Christen gegen Christen kämpften und die Kirchen al-
len Kriegsparteien versicherten «Gott mit uns», «Gott mit
euch», anstatt jeden zu exkommunizieren, der die diploma-
tischen Feindseligkeiten eröffnete und die Waffe hob. Wenn
heute einzelne Kirchenvertreter behaupten, die Auszeich-
nung Deschners sei ein Schlag gegen die Kirche, so muss man
leider entgegnen, die schrecklichsten Schläge hat die Kirche
in den vergangenen 2000 Jahren, nehmt nur alles in allem,
immer gegen sich selbst geführt, gegen ihre eigenen Gläubi-
gen, gegen die Anhänger konkurrierender christlicher Glau-
bensrichtungen oder die anderen monotheistischen Religio-
nen aus dem Morgenland.
Wer geglaubt hatte, das Thema Kirche sei mit «Abermals
krähte der Hahn» erschöpft gewesen, der irrte sich. Es ließ
Deschner bis zu seinem 80. Geburtstag und darüber hinaus nicht
los. In wöchentlich 100-stündiger Arbeit legte er seit 1986 acht Bän-
de seiner «Kriminalgeschichte des Christentums» vor, rund 4600 Seiten
denen noch zwei weitere Bände folgen sollen. (…)

Immer eingeräumt, dass es auch vorbildliche, ebenso de-
mütige wie mutige Christen gab, die ihr Leben für ihre Prin-
zipien opferten – man denke nur an den christlichen Wider-
stand im III. Reich, an die Bekennende evangelische Kirche
und die katholischen Pfarrer in den KZs –, dies immer einge-
räumt, wird es wohl keine nennenswerte Schandtat im Na-
men des Christentums geben, die Deschner entgangen wäre,
handle es sich, weil wir in Wolframs-Eschenbach sind, nun
um das Wüten des Deutschen Ordens in Polen und im Bal-
tikum, oder um die unbarmherzige Niedermetzelung der In-
dios in Lateinamerika durch die spanischen Conquistadoren,
von der wir beispielsweise durch Las Casas wissen.
Es gibt wohl keinen Zweifel: hätte ein Zufall oder eine
«Fügung» einen Mann vom Schlage Deschners in ein frühe-
res Jahrhundert hineingeboren, er wäre mit höchster Wahr-
scheinlichkeit wie Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen
gelandet und man hätte ihn, mit besonderer Grausamkeit,
vielleicht auf kleinem Feuer geröstet.
Es ist gewiss nicht übertrieben, wenn der Münchner
Philosophieprofessor Wolfgang Stegmüller Karlheinz Deschner
den «bedeutendsten Kirchenkritiker» des 20. Jahrhunderts ge-
nannt hat, und es ist nicht nur die «herrliche Mischung von leiden-
schaftlichem Engagement, klarster Logik, beißendem Sar-
kasmus und überwältigendem Wissen», die ihn zum «mo-
dernen Voltaire» stempelt (Nelly Moya), es ist auch die
Einheit von Denken und Tun.
Aufgewachsen wie alle Franken – Bratwurstland – in be-
denkenlosem Fleischkonsum, vom Vater her gewöhnt an Ja-
gen, Fischen und Töten, hatte er sein Saulus-Paulus-Erleb-
nis. Schon in seinem Erstling lesen wir: «… ich glaube, daß
wir kein Recht haben, die Tiere zu töten, es sei denn das
Recht der Gewalt. Nein, ich mache keinen wesentlichen Un-
terschied zwischen Mensch und Tier … wie das die Christen
tun, die demütigen Christen, die so demütig sind, daß sie sich
für das Ebenbild Gottes halten, für das Ebenbild eines all-
gütigen, allweisen und allmächtigen Gottes, für das Eben-
bild des Schöpfers Himmels und der Erde. Du lieber Him-
mel. Was für ein Gott das sein muß, wenn man ihn beurteilt
nach seinen Ebenbildern! Nein, ich habe die Jagd aufgege-
ben, und da ich dachte, daß jeder Fleischesser schlimmer
als ein Jäger ist, und schlimmer als ein Metzger ist, da
ich dachte, und ich denke es heute noch, daß es nur
Gedankenlosigkeit ist und Inkonsequenz und eine gemütsmuf-
fige Verlogenheit, wenn sie sagen: nein, ich könnte kein Tier
töten, ich könnte keinem Tier was zuleide tun, wobei sie sich
schütteln und entsetzte Augen machen und sich den Bauch
vollschlagen mit Fleisch …, habe ich auch das Fleischessen
aufgegeben».
Deschner fühlt sich in dieser, sagen wir, vegetarischen Ent-
haltsamkeit, die Religionen und Weltanschauungen mitein-
ander vergleichend, den Pythagoräern und den Buddhisten
wesentlich näher als dem Alten Testament mit seinem Gebot
«Machet euch die Erde untertan», das ein Todesurteil für
Milliarden von Tieren impliziert. (…)

So energisch Deschner mit sprachlicher und gedanklicher
Schlamperei, mit Heuchelei, Intoleranz und Grausamkeit
verfährt, so entschieden vertritt er sein Plädoyer
der Barmherzigkeit und Hilfsbereitschaft. (…) «Denn jeder
Mensch braucht Hilf von allen», wie Brecht es formulierte.

Es ist ein Paradox, dass Deschner, auch in viele Sprachen
übersetzt, eine nach Millionen zählende Leserschaft hat, dass
er aber auf weite Strecken nicht überlebt hätte, nicht hätte
weiterarbeiten können ohne die Unterstützung einiger Mäze-
ne. Insofern ist der Wolfram-von-Eschenbach-Preis, der die-
sem Autor heute verliehen wird, nicht nur eine Anerkennung für
das Geleistete, sondern hoffentlich auch eine Hilfe zur Vollen-
dung seines Lebenswerks. (…)

.

Gruß Hubert

 

Meint denn, wer vom «Kadaver» eines Tieres spricht, er hinterlasse mehr?   Leave a comment

.

Aphorismen von Karlheinz Deschner.

Meint denn, wer vom «Kadaver» eines Tieres spricht,
er hinterlasse mehr?

Hat nicht alles seine Biographie? Jeder Vogel, jedes Insekt,
vielleicht jedes Sandkorn? Und doch wurde ich alt, bis ich
bei jedem Schritt an die zu denken begann, die ich zertrat.

«Der Mensch ist ein wildes Tier, das sich selbst gezähmt
hat», sagt Pierre Reverdy, der französische Dichter – nach
zwei Weltkriegen und dem Abwurf der Atombombe.

Auch Tiere sind grausam? Doch Menschen, so las ich, fres-
sen 600 000 mal häufiger Haie als Haie Menschen.

Alle Tiere kann man nicht retten, aber ein Tier zu retten, ist
für dieses Tier alles.

◆◆◆

Warum fürchtet Aufklärung nie die Religion, Religion aber
stets die Aufklärung?

Auch Religion ist nur eine Frage der Geographie. Und des
Datums.

All die Millionen, die auf ihren Glauben schwören! Doch
schwört auch nur einer, eins und eins ist zwei?

Auf Lügen wächst nichts, meint Gabriele Marcel – und
gedeihen doch ganze Weltreiche darauf. Und ganze Welt-
religionen.

Päpstlicher Segen: die edle Kunst, mit leerer Hand zu spen-
den.

Hirtenmoral. Im August 1978 nannte der Augsburger
Bischof Stimpfle die Zeugung eines Retortenbabys «schlim-
mer als die Atombombe».

Als die Aidswelle nicht ganz so schlimm kam, wie zu-
nächst befürchtet, schwappte die Sexwelle zurück. Rom
warnte ernstlich und sprach von einer ungesunden Entwick-
lung.

Das Christentum, glaubt Karl Kraus, war zu schwach, um
den Weltkrieg zu verhindern. In Wirklichkeit hat es ihn mit
heraufgeführt. Und auf allen Seiten unterstützt. Und den
Zweiten Weltkrieg wieder.

◆◆◆

Wie viele Menschen der Staat wohl schon getötet hat, ohne
ihnen auch nur ein Haar zu krümmen?

Nichts erschüttert weniger die Welt als ein lebenslang
gebückter Rücken – und nichts erhält sie mehr.

Warum dringt aus den Büchern über die Geschichte so
selten der Schrei derer, die darin zugrunde gehn?

Was Schopenhauer von der Philosophie sagt – «Eine Phi-
losophie, in der man zwischen den Seiten nicht die Tränen,
das Heulen und Zähneklappern und das furchtbare Getöse
des gegenseitigen allgemeinen Mordens hört, ist keine Philo-
sophie» –, gilt es nicht hundertmal mehr von der
Geschichtsschreibung?

Es ist die Geschichtsschreibung, die die großen Verbrechen
salonfähig macht. Und die großen Verbrecher berühmt.

Die sogenannte Ehre: Das meiste, was dafür geschah und
geschieht, gehört zum Unehrenhaftesten auf Erden.

Wer wirklich lebt, lebt stets zur rechten Zeit. Doch gibt es
Zeiten, die es fast unmöglich machen, wirklich zu leben.

Alle Revolutionen kosten Blut, am meisten aber die ver-
säumten.

◆◆◆

Meine Skepsis bewahrt mich davor, Fanatiker zu werden –
wovor noch kein Glaube geschützt hat.

Ich kann die ‹ großen Wahrheiten › nicht sehen, schon wegen
des Blutes daran.

Kein Bibelwort hat mich so überzeugt, keines durch zwei
Jahrtausende noch so an Gewicht gewonnen wie Lukas
13,3: Wenn ihr euren Sinn nicht ändert, werdet ihr alle
ebenso umkommen.

Der Tag, an dem ein Mensch einsieht, nie und nimmer alles
zu wissen, ist ein Trauertag, notiert Julian Green. Ich dage-
gen finde selbst das wenige, das ich weiß, eigentlich schon
zu viel, um damit leben zu können.

Ich bin ungebildet – das Ergebnis lebenslanger Studien.
Wenig lernte ich im Lauf des Lebens so begreifen wie die
Unbegreiflichkeit des Ganzen.

«Die Realität ist eine Illusion», sagt Einstein. Und die Illu-
sion? Eine Realität.

Jede Ungewißheit, auf die ich stoße, flößt mir mehr Vertrau –
en ein als alle Gewißheit ringsum.
Die Geheimnisse der Welt ertrage ich gut; nicht die
Erklärungen dafür.

◆◆◆

Schreiben um zu sein.

Mein Beruf hat mir nichts erübrigt, doch einiges erspart.

 

Das Alter nimmt dir nichts, behauptet Rückert, was es dir
nicht erstattet. Tatsächlich nimmt es fast alles und erstattet
nichts.

(Anmerkung: wahre Worte – gerichtet an die, die das Alter immer schönreden wollen, und dabei nichts anderes tun als sich selbst in den Sack zu lügen).

 

Das Leben wird immer schöner, sagte Stifter, je länger man
lebt – und brachte sich um.

(Anmerkung: die Pietät gebiert mir, nicht  in ein ha ha ha zu verfallen).

 

Alles tiefe Denken entspringt dem Zweifel und endet darin.*

Lieber möchte ich in tausend Zweifeln sterben als um den
Preis der Lüge in der Euphorie.**

 

* Siehe den so betitelten Essay von Gabriele Röwer über die geistigen
Hintergründe von Deschners Lebenswerk in «Aufklärung und Kritik»
3/2012, dem ein Essay über seine Ethik vorausging (A&K 3/2011); Ver-
öffentlichung auch auf deschner.info.

.

Gruß Hubert

Veröffentlicht 2. September 2019 von hubert wenzl in Kultur, Uncategorized