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Julien Offray de La Mettrie: Der Mensch ist auch nur eine Maschine!   Leave a comment

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Julien Offray de La Mettrie sagte sicher in provokatorischer Absicht, der Mensch sei nur eine Maschine. Dies war wohl in erster Linie auf René Descartes gemünzt, der bei der grausamen Vivisektion meinte die Schmerzensschreie der Tiere würden nicht mehr als das Ticken einer Uhr bedeuten. Descartes war vom Christentum stark beeinflusst. Wo bleibt die Distanzierung der katholischen Kirche? Dieser Institution haben Tiere nie etwas bedeutet. Tiere haben in der Kirche keinen Platz tönte es ja aus dem Vatikan vor nicht so langer Zeit.

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Das Tier ist eine Maschine!

In seinen „Discours de la méthode“ (von 1637) sieht der französische Philosoph René Descartes die Tiere als «Automaten», die den Regeln der Mechanik und der Logik entsprechend funktionieren.

Er stützt sich dabei auch auf Erkenntnisse der Medizin und Naturwissenschaften, die seiner Zeit einen immer tieferen Einblick in die Funktionsweise der Lebewesen ermöglichten. Zugleich wurden mechanische Maschinen immer weiter entwickelt. (siehe hierzu Kapitel Mechanische Vorläufer der
Roboter )

Descartes wurde am 31.März 1596 in La Haye, Touraine geboren und starb am 11. Februar 1650 in Stockholm.

Der Mensch ist auch nur eine Maschine!

behauptete der französische Arzt, Philosoph und Satiriker Julien Offray de La Mettrie (1709 – 1751) in seinem 1747 erschienenen Werk „L`homme machine“ (Der Mensch ist eine Maschine).

Damit griff er die Idee von Descartes auf und übertrug sie konsequent auf den Menschen. Der Mensch hat somit keinen eigenen Willen, sondern verhält sich nur entsprechend der biologisch und chemisch vorgegebenen Abläufe in seinem Körper.

Glaube, Liebe, Hoffnung, Angst – dies alles seien nur Vorstellungen, die uns der Körper durch naturwissenschaftlich erklärbare Prozesse in unserem Körper vorgaukelt.

La Mettrie vertrat also eine radikal materialistisch-atheistische (Gott ablehnende) Weltanschauung und musste deswegen sowie wegen seiner satirischen Angriffe auf die korrupte Gesinnung führender Mediziner Frankreichs außer Landes gehen.

Nach seiner Entlassung als Militärarzt wurde er von Friedrich II. in Preußen aufgenommen.

Er sagte, dass «Fähigkeiten der Seele dermassen von der eigentümlichen Organisation des ganzen Körpers abhängen, dass sie ersichtlich nur diese Organisation selbst sind» und skandalisierte die intellektuelle Öffentlichkeit in einem heute nur schwer noch nachvollziehbaren Maße.

Zitate:
„Je ne me trompe point, le corps humain est une horloge, mais immense, et construite avec tant d‘Artifice et d‘Habilité, que si la roue qui sert à marquer les secondes, vient à s‘arrêter; celle des minutes tourne et va toujours son train…“ La Mettrie 1748
„Bewegt sich der Blutkreislauf mit zu grosser Geschwindigkeit, kann die Seele nicht schlafen. Ist die Seele zu erregt, kann sich das Blut nicht beruhigen: es rast mit einem hörbaren Geräusch durch die Adern: dies sind die beiden wechselwirkenden Ursachen der Schlaflosigkeit.“ La Mettrie (1748), 1990, 33

„Die verschiedenen Zustände der Seele stehen also immer in Wechselbeziehung zu denen des Körpers. Um aber diese ganze Abhängigkeit und ihre Ursachen besser zu beweisen, wollen wir hier die vergleichende Anatomie in Anspruch nehmen; legen wir die Eingeweide des Menschen und der Tiere bloss!“ La Mettrie (1748), 1990, 43.

“Je ne reconnais aucune différence entre les machines que font les artisans et les divers corps que la nature seule compose (…) Car, par exemple, lorsqu’une montre marque les heures par le moyen des roues dont elle est faite, cela ne lui est pas moins naturel qu’il est à un arbre de produire des fruits.“ René Descartes, Les Principes de la philosophie, quatrième partie, art. 203 (éd. Alquié), Garnier t. III , 1973, pp. 520-521.

„Im übrigen ist es für unsere Ruhe gleichgültig, ob die Materie ewig oder ob sie geschaffen worden ist, ob es einen Gott gibt oder ob es keinen gibt. Welche Verrücktheit, sich damit abzuquälen, was man unmöglich erkennen kann und was uns nicht glücklicher machen würde, würden wir es bewerkstelligen.“ La Mettrie (1748), 1990, 87
„Da aber alle Fähigkeiten der Seele so sehr von dem eigentümlichen Bau des Gehirns und des ganzen Körpers abhängen, dass sie offensichtlich nur dieser organische Bau selbst sind, so haben wir es mit einer gut „erleuchteten“ Maschine zu tun!“ La Mettrie (1748), 1990, 95
„Die „Maschine“ funktioniert bei La Mettrie nicht so sehr als Abwertung des Lebendigen, sondern weitaus mehr als heuristische Erkenntnisklammer. Wenn wir uns die Tiere, um ihr „Funktionieren“ besser verstehen zu können, probehalber als Maschinensystem vorzustellen versuchen, so gibt es keinen Grund, weshalb wir dasselbe Gedankenexperiment nicht auch mit uns selbst, dem Menschen – Homme Machine – tun können.“ (Jauch 1998, 233)

„Der Übergang von den Tieren zum Menschen ist kein gewaltsamer; die wahren Philosophen werden darin übereinstimmen. Was war der Mensch vor der Erfindung der Wörter und der Kenntnis der Sprachen? Ein Tier seiner Art, das mit sehr viel weniger natürlichem Instinkt als die anderen – für deren König er sich damals noch nicht hielt – sich nicht mehr vom Affen und den anderen Tieren unterschied als der Affe selbst von diesen; ich meine durch eine Physiognomie, die ein grösseres Unterscheidungsvermögen verrät.“ La Mettrie (1748), 1990, 53

„Er [der Mensch] ist gegenüber dem Affen und den intelligentesten Tieren das, was die Planetenuhr von Huygens gegenüber einer Taschenuhr von Julien Leroy ist. Wenn mehr Instrumente, mehr Räder und mehr Triebfedern nötig waren, um die Bewegungen der Planeten als die Stunden anzuzeigen oder zu wiederholen, und wenn Vaucanson mehr Kunstfertigkeit benötigte, seinen Flötenspieler herzustellen als eine Ente, dann hätte er davon noch mehr aufbieten müssen, um einen Sprecher anzufertigen – eine Maschine, die nicht länger als unmöglich betrachtet werden kann, vor allem in den Händen eines neuen Prometheus. Es war also ebenso notwendig, dass die Natur mehr Kunstfertigkeit und Technik aufwandte um eine Maschine herzustellen und zu erhalten, die alle Regungen des Herzens und des Geistes anzeigen konnte; denn wenn man am Puls auch nicht die Stunden ablesen kann, so ist er doch zumindest das Barometer für die Wärme und die Lebhaftigkeit, nach der man die Natur der Seele beurteilen kann.“ La Mettrie (1748), 1990, 53

„Human society … appears like a great, an immense machine, whose regular and harmonious movements produce a thousand agreeable effects. As in any other beautiful and noble machine that was the production of human art, whatever tended to render its movements more smooth and easy, would derive a beauty from this effect, and, on the contrary, whatever tended to obstruct them would displease upon that account … This account, therefore, of the origin of approbation and disapprobation, so far as it derives them from a regard to the order of society, runs into that principle which gives beauty to utility …; and it is from thence that this system derives all that appearance of probability which it possesses.“ Adam Smith, The Theory of Moral Sentiments, 1759, VII.III.5

Übersetzung (mit Google) vom Abschnitt „Human society … appears like a great… (

„Die menschliche Gesellschaft … erscheint wie eine große, eine gewaltige Maschine, deren regelmäßige und harmonische Bewegungen tausend angenehme Wirkungen hervorbringen. Wie bei jeder anderen schönen und edlen Maschine, die die Produktion der menschlichen Kunst war, würde alles, was dazu neigte, ihre Bewegungen glatter und leichter zu machen, eine Schönheit von diesem Effekt erhalten, und im Gegenteil, was auch immer dazu neigte, sie zu stören, würde ihm missfallen account … Dieser Bericht über den Ursprung der Billigung und Mißbilligung, soweit er sie aus der Rücksicht auf die Ordnung der Gesellschaft herleitet, läuft auf jenes Prinzip hinaus, das der Nützlichkeit Schönheit gibt …; und von daher leitet dieses System das ganze Auftreten der Wahrscheinlichkeit ab, das es besitzt. „Adam Smith, Die Theorie der moralischen Gefühle, 1759, VII.III.5

 

Der Link zum Artikel funktioniert leider nicht mehr.

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Gruß Hubert

 

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20 letzte Worte, die unter die Haut gehen   Leave a comment

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Letzte Worte.

In ihnen können das ganze Leben und das ganze Sterben stecken, zusammengekocht auf einen Löffel, dem Leser wie Heroin gespritzt und zu dichten Trips zwischen Glück, Lächeln, Reue, Trauer und Horror führend.

Hier die letzten Worte von 20 Männern und Frauen; von Künstlern, Herrschern, Wissenschaftlern, Mördern, Ermordeten.

„Jeder muss Opfer bringen.“

– Otto Lilienthal, am Boden liegend, nachdem er seinen selbstgebastelten Segelflug-Apparat bestiegen hatte (zu Zeiten, in denen Fliegen noch ein Traum war), ein paar Schritte Hang abwärts gerannt, abgehoben und wegen einer heftigen Böe aus 15 Metern Höhe abgestürzt war

„Ich gehe nur mal raus, könnte etwas länger dauern.“

– Lawrence Oates, britischer Polarforscher, der auf dem Rückweg vom Inneren der Antarktis mit diesen Worten und einem schlechten Gesundheitszustand an seinem 32. Geburtstag das Zelt verließ und nie zurückkehrte (alle fünf Mitglieder der Expeditionsgruppe starben auf diesem Rückweg, Oates‘ letzten Worte fand man später in einem Notizbuch festgehalten)

„Ich hatte 18 volle Whisky; ich denke, das ist Rekord.“

– Dylon Thomas, Dichter (nach dem sich „Bob Dylan“ benannte), in der New Yorker Bar White House Tavern, deren Barkeeper später meinte, es seien höchstens neun Whisky gewesen

„Das Bitterste ist, dass du alles auf der Welt haben kannst und doch der einsamste Mensch bist. Der Erfolg hat mich zum Idol gemacht und mir Millionen Pfund eingebracht, aber er hat mir das eine vorenthalten, was wir alle brauchen: eine dauerhafte, liebevolle Beziehung.“

– Freddie Mercury, Queen-Sänger

„Der muss anhalten. Er wird uns sehen.“

– James Dean, 24 Jahre alt, in seinem Porsche kurz vorm Zusammenprall mit einem entgegenkommenden Auto, überliefert vom schwerverletzt überlebenden Beifahrer

„Da gibt es nichts zu weinen.“

– Konrad Adenauer, inmitten seiner verzweifelt weinenden Familie

„Ich war eigentlich eine Maschine zum Geldmachen. Ich habe mein Leben wie in einem goldenen Tunnel zugebracht, den Blick auf den Ausgang gerichtet, der zum Glück führen sollte. Aber der Tunnel ging immer weiter …“

– Aristoteles Onassis, griechische Reeder, und einst reichster Mann der Welt

„All mein Besitz gegen einen einzigen Moment mehr Zeit.“

– Elizabeth I, Königin von Großbritannien

„Ich werde mein ganzes Leben lang tanzen. Ich bin zum Tanzen geboren, nur dazu. Leben ist Tanz. Und auch sterben möchte ich am liebsten völlig erschöpft und außer Atem am Ende eines Tanzes.“

– Josephine Baker, Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin

„Meine Geschichte ist eine Liebesgeschichte, aber nur die, die von der Liebe gequält wurden, werden mich verstehen können. Ich wurde dargestellt als fette Frau ohne Gefühle. Ja, ich bin fett, aber wenn das ein Verbrechen ist, wie viele sind dann schuldig? Ich habe Gefühle und bin weder dumm noch schwachsinnig. Meine letzten Worte sind: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“

– Martha Beck, Serien-Mörderin, die mit ihrem Partner als reiche, alleinstehende Frauen suchte, deren Herz und Vermögen der Partner zu gewann, und die sie anschließend töteten (gemeinsam wurden sie bekannt als „The Lonely Heart Killers“), vor ihrer Hinrichtung

„Pardon, Sir, das war keine Absicht.“

– Marie Antoinette, französische Königin, die ihrem Henker kurz vor der Hinrichtung auf den Fuß getreten war

„Die reinste Hölle, so zu sterben.“

– George S. Patton, General, der in seinen letzten Tagen kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs nach einem Autounfall vom Hals abwärts gelähmt war, und lieber an der Front erschossen worden wäre

„Nichts als den Tod.“

– Jane Austen, Schriftstellerin, auf die Frage ihrer Schwester, ob es noch etwas gäbe, dass sie sich wünschte

„Was ist die Antwort?“ (und, nachdem ihr niemand antwortete:) „In diesem Fall … was ist die Frage?“

– Gertrude Stein, Lyrikern, im Sterbebett

„Mehr Licht!“

– Johann Wolfgang von Goethe, der statt dieses erleuchtet-genial anmutenden Auszugs tatsächlich eher etwas Banales gesagt hat: „Macht doch den zweiten Fensterladen auch auf, damit mehr Licht hereinkomme.“

„Schieß ruhig, du Feigling. Du wirst einen Mann töten, …“

– Ernesto „Che“ Guevara, Revolutionär, dem Soldaten zurufend, der ihn erschoss und nicht einmal aufs Satzende wartete (gemeint war: „… aber Du wirst nicht die Revolution aufhalten können“)

„Oh, ich sterbe nicht, oder? ER wird uns nicht trennen, wir sind doch so glücklich miteinander gewesen.“

– Charlotte Bronte, Schriftstellerin, zu ihrem Mann, mit dem sie seit 9 Monaten verheiratet war

„Gott wird mir verzeihen – das ist sein Metier.“

– Heinrich Heine, Schriftsteller

„Es ist vollbracht.“

– Jesus, verraten und verkauft am Kreuz hängend

„Lassen Sie es nicht so enden. Sagen Sie, dass ich etwas gesagt hätte.“

– Pancho Villa, mexikanischer Freiheitskämpfer, auf offener Straße von einem Attentäter erschossen

Ich weiß nicht, ob jemand da ist, wenn ich sterbe, ob ich zuhause sein kann, so wie sich‘s die meisten von uns wünschen. Vielleicht liege ich auch im Krankenhaus, mutterseelenallein, nachts, alles still, und nur die Maschine bemerkt meinen Tod  (/_/_/___________). Na ja, jedenfalls … wenn jemand da ist, bekommt er hoffentlich was Gutes von mir zu hören, oder ein tiefes Gefühl erledigt den Job für mich in diesem Moment, still schweigend und alles sagend, das soll mir auch recht sein.

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20 letzte Worte, die unter die Haut gehen

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Gruß Hubert

Veröffentlicht 7. Juni 2018 von hubwen in Philosophie, Uncategorized

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Philosoph Sommer: „Christliche Werte sind eine besondere Absurdität“   8 comments

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Werte sind wichtig aber sie sind auch dynamisch, sie ändern sich auch mit den Zeiten. Werte sind nicht fest umschrieben wie Gegenstände, sie sind nichts fest Umrissenes.

Der Schweizer Philosoph Sommer gab dem „Standard“ das folgende Interview, das ist sehr interessant finde.

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foto: privat

Nietzsche und Nietzsche-Experte: Andreas Urs Sommer vor einer Skulptur in Röcken, wo der deutsche Philosoph geboren und begraben wurde.

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Der Schweizer Andreas Urs Sommer erklärt, warum wir Werte brauchen, obwohl es sie nicht gibt, und wie die Linken dem konservativen Milieu die „Wertewaffe“ aus der Hand genommen haben

STANDARD: Alle reden über Werte, vor allem Politiker, zumal jene, die sich „Integration“ auf ihre Fahnen heften. Sie dagegen sagen: Es gibt sie gar nicht. Werte seien „Fiktionen.“ Was heißt das denn?

Sommer: Ich sage, es gibt sie nicht, wie es Bücher, Bäume oder Buntstifte gibt. Werte sind auch keine fest umschriebenen, mentalen Gegenstände. Sie verändern sich ständig in unserem kommunikativen Prozess, und in diesem Sinne behaupte ich, dass es Werte nicht als etwas fest Umrissenes, Festgeschriebenes gibt, das wir nur vom Ideenhimmel pflücken müssten, und dann hätten wir es.

STANDARD: Ihr Buch heißt ja auch: „Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt“. Wozu brauchen wir also Werte?

Sommer: Werte sind etwas, das wir für uns erfinden, um uns in der Welt zurechtzufinden, um uns über uns selbst als Individuen zu verständigen, aber auch über unser Zusammensein mit anderen Menschen. Werte haben wesentlich eine soziale Dimension.

STANDARD: Es sieht so aus, als ob wir lange ganz gut ohne Wertedebatten ausgekommen sind. Was bedeutet diese verbale Hochkonjunktur der Werte für eine Gesellschaft?

Sommer: Ich gebe zu, dass meine Beschäftigung mit dem Wertethema zunächst mit Verärgerung über dieses allgegenwärtige Wertegeschwätz zu tun hatte. Ich wurde dann aber sehr viel milder gestimmt, weil ich den Eindruck gewonnen habe, dass es der immer vorläufigen Selbstvergewisserung einer Gesellschaft dient. Ich bin nicht derjenige, der die große Krise ausruft und das Abendland untergehen sieht, im Gegenteil. Ich denke, solche Selbstvergewisserungsprozesse, wo wir als Gesellschaft, als Individuen versuchen, uns klar zu werden, was uns eigentlich etwas bedeutet, sind sehr sinnvoll und hilfreich. Die Wertedebatte jetzt hängt damit zusammen, dass wir den Eindruck haben, die Dinge seien nicht mehr selbstverständlich. Wir sind damit konfrontiert, dass Menschen bei uns sind, die scheinbar andere Wertvorstellungen haben, was uns Anlass gibt, uns über unsere gemeinsamen Werte zu verständigen.

STANDARD: Was tun mit Wertekonflikten? Hierarchien betonen? Der deutsche Innenminister hat einen Katalog für die deutsche Leitkultur formuliert und zum Beispiel gesagt: „Wir sind nicht Burka.“ Der Wert oder das Lebensmodell „Burka“ wird also klar zurückgewiesen.

Sommer: Dass man die eigenen Wertepositionen klar markiert, scheint mir wichtig zu sein. Auch ist klar, dass ein offener Diskurs nicht bedeutet, dass wir unsere Werte einfach so preisgeben sollen. Da herrscht eine gewisse Angst in breiten Schichten der Öffentlichkeit, dass wir uns quasi unter Wert verkaufen. Ich sehe die Gefahr nicht wirklich. Es gibt klare gesetzliche Rahmenbedingungen in einem bestimmten Wertekontext, und alles jenseits dessen, etwa politische Agitation, die auf radikale Ungleichheit von Menschen setzt und rassische Ungleichheit behauptet, wird mit der Härte des Gesetzes verfolgt. Oder wenn jemand die Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht anerkennt und das politisch zu einer Waffe machen will.

STANDARD: Die Wertedebatte setzt in der Regel früher an, quasi im „vorgesetzlichen“ Alltagsbereich.

Sommer: Ja, das betrifft oft Dinge, die nicht kodifiziert werden können und für viele von uns selbstverständlich scheinen. Auch da sind wir gut beraten, der gesellschaftlichen Entwicklung Raum zu lassen. Nehmen wir ein Beispiel, das der deutsche Innenminister auch gebracht hat: dass man sich in Deutschland die Hand gibt bei der Begrüßung. Mir fällt auf, dass das in weiten Teilen der Bevölkerung nicht mehr so ist, sondern dass man sich mit Küsschen links, Küsschen rechts begrüßt. Eine Begrüßungsform, die in meiner eigenen Jugend wenigstens unter Jungs noch undenkbar gewesen wäre. Jetzt quasi per Leitkultur vorzuschreiben, wir müssten uns alle die Hand geben, weil das vor 50 Jahren flächendeckend alle so gemacht haben, scheint mir kein sinnvolles Verlangen zu sein. Dass das jeder so halten kann, wie er will, und dass der Innenminister von mir nicht mit Küsschen, sondern Handschlag begrüßt werden will, ist auch okay. (Lacht)

STANDARD: Das heißt, das Beispiel mit dem Handgeben, das ja ganz oft in integrationspolitischen Debatten genannt wird, halten Sie quasi für einen Placebowert?

Sommer: Ich halte es für merkwürdig, das quasi verschreiben zu wollen. Dass Menschen unterschiedliche Distanz und Nähe zulassen wollen, scheint mir vollkommen klar und berechtigt zu sein. Ich habe ein Recht darauf, jemandem die Hand zu geben oder es auch nicht zu tun, ob ich jetzt Muslim bin oder nicht. Früher wäre es undenkbar gewesen, einem Herrn Bischof die Hand zu geben. Man hat selbstverständlich seinen Ring geküsst. Auch dass man bei Frauen Handküsse anbringt, ist nicht mehr so üblich … Vielleicht in Österreich noch etwas mehr. Das zum Unterscheidungsmerkmal zu machen scheint mir äußerst problematisch. Ich würde generell unterscheiden zwischen Werten, die eher integrativ oder einschließend wirken sollen, und solchen, die eher ausschließend wirken.

STANDARD: Zum Beispiel?

Sommer: Wenn etwa die deutsche Kanzlerin davon redet, dass wir ein Europa der Werte seien, ist das der politische Versuch, alle mitzunehmen. Eher exklusorisch wirkt es hingegen, wenn wir sagen, wir sind die, die die Hand geben, wir machen’s richtig, und die anderen machen es falsch. Dabei weiß jeder, der ein bisschen über den eigenen Gartenzaun hinausgeschaut hat, dass es ganz unterschiedliche Formen von Begrüßung gibt. Dass man jetzt sagt, hier ist nur der Handschlag gültig, halte ich für eine Abschließung, die ich eher als hysterisch empfinde.

STANDARD: Sie plädieren für einen „selbstbewussten Werterelativismus“. Heißt das, jeder Wert ist gleich gültig? Das ist nur ein Leerzeichen von „gleichgültig“ entfernt.

Sommer: Nein, das heißt es nicht, weil wir selbst immer wertsetzend sind. Wir haben nicht einen Gott oder eine letzte Weisheit, die uns die ewig gültigen Werte offenbart hat, sondern wir entscheiden uns für Werte. Wir legen als Individuen, aber auch als gesellschaftliche Gruppen Werte fest im Bewusstsein, dass sie jetzt für uns das Richtige sind, dass es aber sein kann, dass man diese Werte aus einer anderen Perspektive oder künftig anders beurteilt. Wir versuchen, sie zu verteidigen, brauchen aber nicht daran zu glauben, dass diese Werte die letzte metaphysische Sicherheit sind. Wir brauchen dergleichen nicht und sollten auch nicht nach derlei metaphysischen Letztsicherheiten gieren.

STANDARD: Hohe Beliebtheit, und das auch bei ansonsten eher wenig religiös, zum Teil historisch eigentlich antiklerikal ausgerichteten rechtspopulistischen Parteien, haben aktuell die „christlichen Werte“. Wie ist das zu interpretieren?

Sommer: Christliche Werte sind eine besondere Absurdität, weil es dem Christentum fast 2000 Jahre lang nicht eingefallen ist, über christliche Werte zu reden. Dieser Terminus stammt ausgerechnet von Friedrich Nietzsche, und er hat das nicht als Kompliment gemeint, sondern darunter bestimmte Formen der christlichen Welthaltung – die Selbstherabsetzung, die Selbsterniedrigung, das Ressentiment – gefasst. Die christlichen Theologen haben angefangen, von christlichen Werten zu reden, als die christliche Glaubenssicherheit, nämlich zu wissen, was die Offenbarung ist und was wir unbedingt zu glauben haben, um des Heils teilhaftig zu werden, zerbrochen ist. Dementsprechend bildet sich auch jeder christliche Werte mehr oder weniger nach Belieben.

STANDARD: Wo zeigt sich das? Sommer: Etwa wenn man sich ansieht, wie sich die deutsche Bischofskonferenz immer sehr integrativ und humanitär gebärdet und versucht, den Flüchtlingskurs von Kanzlerin Angela Merkel nachhaltig zu unterstützen, und dann ins Nachbarland Polen schaut – und denkt, katholische Weltkirche, die müssten ja ähnlich gepolt sein – und feststellt, wie die dortige Bischofskonferenz einen äußerst nationalkonservativen Abschottungskurs fährt … Das alles firmiert unter christlichen, abendländischen Werten. Die Absurdität steigert sich noch dort, wo Leute, die eigentlich nichts mit Religion am Hut haben, plötzlich mit diesem Feigenblatt daherkommen und christliche Werte hochhalten. Was würde das heißen? Wenn man es ernst nimmt, dann sind die christlichen Werte im Neuen Testament äußerst radikal. Man soll keinen Ort haben, um sein Haupt niederzulegen, eher kommt ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel. Von dieser Radikalität ist im heute institutionalisierten Christentum nicht viel übrig. Was sind also christliche Werte? Die, die eine saturierte Kirche heute predigt? Oder die radikalen Losungen aus der Zeit des Urchristentums?

STANDARD: Der Wertediskurs wird vor allem von rechts geführt. Steht er schon deshalb besonders unter Verdacht, während der Vorwurf des „Kulturrelativismus“ vor allem gegen Linke vorgebracht wird?

Sommer: Früher waren Werte das Kampfmittel eines konservativen Milieus gegen alles, was nach Neuerung roch, Werte waren das, was man gegen den vermeintlich drohenden Untergang in die Waagschale warf. Mittlerweile hat sich die Werterede doch sehr stark verbreitert, und es scheint auch in linken und linksliberalen Milieus nicht mehr anrüchig zu sein, darüber zu reden. Dass man dann von Linken hört, dass es um den Wert der Solidarität der Arbeiterklasse gehe, hätte man vor 30 oder 50 Jahren noch nicht unter dem Label der Werte verhandelt. Man hat sozusagen dem konservativen Milieu die Wertewaffe aus der Hand genommen.

(Lisa Nimmervoll, 10.6.2017) Andreas Urs SOMMER, geb. 1972 in Zofingen (Kanton Aargau), ist Professor für Philosophie an der Uni Freiburg und leitet die Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

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Philosoph Sommer: „Christliche Werte sind eine besondere Absurdität“

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Gruß Hubert

 

Gedanken zum Leben – ohne Selbstzensur   Leave a comment

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Ich leiste mir mal den Luxus das Leben ohne Selbstzensur und ohne Rücksicht auf Verluste oder Sympathien darzustellen. Natürlich ist das auch vor allem subjektiv. Andere sehen das ja vielleicht gaaaanz anders. Vor allem solche Leute, die harmoniesüchtig sind, die Heile Welt sich vormachen und Nachrichten erst sich gar nicht anhören. Ja und unverbesserliche Optimisten gibt es auch noch, die sehen das halbe Glas auch noch voll. Ich will ihnen nicht das Geringste wegnehmen, es sei ihnen vergönnt. Das Leben ist ja so kurz, warum soll man es sich nicht betäuben oder sich optimismus-besoffen machen.

Dann fange ich mal an.

Die ersten Schritte lasse ich mal weg. Es beginnt die Schule – und schon gibt es Stress mit Prüfungen, mit Lehrern, Verlust an Freizeit und Selbstbestimmung. Später gibt es oft auch noch Mobbing, vor allem durch Internet und Mobbing am Handy. Gut, man überlebt es (meistens). Es gibt ja auch Suizid von Kindern, Halbwüchsigen. Etwas kann da nicht stimmen, oder?

Gut weiter, Eintritt ins Berufsleben. Wenn man Glück hat, hat man gute Vorgesetzte und liebe Kollegen, aber wie man weiß ist das nicht immer der Fall. Nicht jeder Vorgesetzte wertschätzt seine Mitarbeiter, Leistung und Gewinn muss her, egal auf welche Weise und auf welche Kosten. Wenn jemand nicht kuscht – an der Tür wartet der / die Nächste.

Jedenfalls verbringt man die meiste Zeit in den besten Jahren beim Arbeiten. Bei schönstem Wetter muss man arbeiten, Urlaub gibt es nur für 4 bis 5 Wochen. Nun gut, irgend wann rückt auch das Pensionsalter näher. Dass man dann nicht mehr so in Hochform, so fit ist, ist klar, sonst würden einen die Schinder von der Wirtschaft und vom Staat ja nicht in den Ruhestand treten lassen. Wenn man Glück hat bekommt man mit 67 Jahren, bald ja schon mit 70 Jahren eine Rente, die zum Leben reicht. Sonst muss man eben schauen, wie man sich etwas dazu verdient. Besonders in Deutschland ist es ja schlecht mit der Höhe der Renten bestellt. Eine Schande für ein reiches Land – hmmm, wer ist da eigentlich reich? Die Masse wohl nicht.

Gut wieder ein Sprung zurück. Es gibt auch schöne Dinge im Leben, wie zum Beispiel das erste Verliebtsein, Schmetterlinge im Bauch, Hormone im Überschuss mit entsprechender Geilheit. Gier nach Sex wird dann oft mit Liebe verwechselt. Und der siebte Himmel dauert auch nicht ewig. Liebe bedeutet oft auch Kummer und Schmerz, nicht nur Geilheit, Orgasmus und Leidenschaft. Gut das geht ja viele Jahre gut ohne Funktionsstörungen, denke da vor allem an den Mann, der in späteren Jahren dann alles andere als ein Held der Liebe ist. Eher schon ein

„Don Quijote“: Der Ritter von der traurigen Gestalt – oder ein Sancho Pansa. 🙂 😉

Jedenfalls alles muss raus, gute und negative Gedanken, Sperma, Menstruationsblut, Kot, Urin, und natürlich muss man wieder nachfüllen, ohne Energiezufuhr läuft nichts.

In diesem Zusammenhang ein guter Spruch: man stelle sich Autoritäten beim Scheißen vor – und schon wird der (zu) große Respekt viel kleiner.

Auch kann man sich selbst beim Abbau der Kräfte, der Funktionen zuschauen (Sehen, Hören… ja und die ganzen übrigen Zipperlein, kleinere oder größere). Aber zumindest hat man da sicher kein Arschloch mehr als Vorgesetzten und man kann mehr oder weniger tun und lassen was man will. Und nobel geht die Welt zugrund.

Hier noch einige Bilder bzw. ein Video.

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alt aber noch vital und viril.

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und hier zwei Junge… ist halt doch schöner – wenn man noch ins „Volle“ greifen kann.

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Noch eins, ich erwarte mir keine Sternchen (das gebe ich mir selbst 😉 ), aber auch keine blöden Kommentare, da zensuriere ich dann wirklich 😉 Ich bin nicht mehr abhängig von Anerkennung, ich weiß selbst was ich gut mache und was nicht. Wem es nicht gefällt muss es nicht lesen und nicht anschauen, anhören. Der Maurer hat ja immer auch ein Loch gelassen. Und natürlich ist auch viel Ironie, Selbstironie dabei, manchmal auch Sarkasmus. Ich pisse dem Schicksal ins Gesicht. Das Leben kann man nur mit Stolz und auch Trotz ertragen, um die Banalitäten, die Langeweile, die ständigen Wiederholungen, die Absurditäten auszuhalten. Das haben schon viele Dichter gesagt, natürlich nicht die, die den Wald und die Heide besingen.

You and me – Heilsarmee (The Salvation Army) – Eurovision Song Contest

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Hier noch der überetzte Songtext zur Heilsarmee

http://www.songtexte.com/uebersetzung/heilsarmee/you-and-me-deutsch-13d6eddd.html

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hey, hey, hey, auf in den Kampf des Lebens. Ein Guter hält es aus, ein Schwacher krepiert. So will es die Natur. Und so sei es, Amen.

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Julius Fucik – Schneidig Vor, Marsch Op.79

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Gruß Hubert

 

Angst vor dem Tod?   2 comments

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Interessante Gedanken von Dr Martin Balluch zum Tod und ob man Angst davor haben muss. Der Tod ist nicht so schrecklich, denn wenn man nicht mehr da ist, weiß man ja nichs davon. Angst muss man aber vor Siechtum oder „hirnzerfressenden“ Krankheiten wie Alzheimer oder oder andere Demenzformen haben. Aber man muss sich nicht schon Gedanken darüber machen wenn noch alles in Ordnung ist.

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Von Martin Balluch

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Vor kurzem noch hätte ich gesagt, jeder Mensch hat große Angst vor dem Tod. Jetzt, bei einer intensiven Begegnung mit dem Tod, bin ich mir nicht mehr so sicher. Ganz unabhängig von religiösen Versprechungen von einem Leben danach, die mich nie beeindrucken könnten, kann der Gedanke des nahen Todes vieles von seinem Schrecken verlieren.

Mit 22 habe ich erstmals deutlich die Sterblichkeit naher Verwandter und von mir selbst gespürt. Damals war ich noch sehr begeistert von der Kraft philosophisch-rationaler Gedanken. Ich wollte lernen, den Tod so zu begreifen, dass ich ihn nicht mehr fürchte. Doch das ging nicht. Der Blick hinter den Vorhang, der das kindlich unbeschwerte Leben beendet und die brutale Realität des Todes zeigt, war für mich nicht zu verkraften. Meine Schlussfolgerung war, den Tod einfach zu verdrängen. Und das ist erstaunlich leicht. Lebe so, als ob es keinen Tod und kein Ende gibt. Lass dich auf das Leben ein, lass dich nicht durch morbide Gedanken von der Lebensfreude und der Lebenslust abhalten. Genieße in vollen Zügen, bis es eines Tages ernst wird … dann schauen wir weiter.

Jetzt ist es ernst geworden. Der letzte unbeschwerte Tag ist einige Monate her. Aber erstaunlicher Weise kann man sich auch an den nahen Tod gewöhnen und wieder lachen.

Soweit ich es sehen kann, bedeutet der Tod lediglich, einfach nicht mehr da zu sein. Seine Tragik steht und fällt also mit dem Gedanken, was ich denn versäumen würde, wenn ich nicht mehr da bin.

Jetzt frage ich mich am Ende jedes Tages: war dieser Tag wert erlebt zu werden oder wäre es nicht schlimm gewesen, ihn zu versäumen? Und ich muss sagen: die meisten Tage würden mir nicht abgehen, hätte ich sie versäumt.

Vielleicht ist das eine gute Übung, um das eigene Leben zu gestalten. Was muss an einem Tag geschehen, damit ich ihn auf keinen Fall missen will?

Für mich stehen da 2 Aspekte ganz oben auf der Liste: die intensiven Tage draußen in der Natur und soziale, partnerschaftliche Tage mit viel Gemeinschaftsgefühl. Das sind die Tage, die es wert sind, erlebt zu werden.

Trotz meiner Arbeit im Tierschutz gibt es aber erschreckend viele Tage, die ich mit Dingen füllen muss, die mir nicht nur nicht abgehen würden, sondern die ich mit dem Gedanken ertrage, dass es später besser wird, dass ich dafür andere, bessere Tage haben werde. Angesichts der Realität des Todes und meiner Endlichkeit frage ich mich allerdings schon, warum ich mir das antun sollte. Warum nicht mehr wertvolle Tage leben? Was hält mich davon ab? Wem bin ich unangenehme Arbeit schuldig?

Die Angst vor dem Tod hält sich in Grenzen, wenn ich erkenne, dass es so viele Tage gibt, die mir nicht abgehen würden.

Aber ganz unabhängig von der persönlichen Nähe zum Tod halte ich diesen Gedanken für bereichernd: Lebe so, dass du am Ende jedes Tages das Gefühl hast, diesen Tag würde ich für mein Leben nicht missen wollen.

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Angst vor dem Tod?

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Gruß Hubert

Veröffentlicht 2. August 2017 von hubwen in Philosophie, Uncategorized

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